mini|Esra beim Schreiben (Codex Amiatinus).
Esra () war nach der Erzählung des Alten Testaments ein levitischer Beamter, Priester und Nachkomme des ersten Hohepriesters Aaron. Er lebte nach der Zeit des Babylonischen Exils im persischen Weltreich und organisierte einen Zug der Heimkehrer in die persische Provinz Jehud, autorisiert durch ein Edikt des Kyros.
Neben dem hier behandelten Priester und Schreiber finden sich im Alten Testament zwei weitere Personen mit Namen Esra: ein Priester und Heimkehrer unter Serubbabel () sowie ein Sänger in einem Dankchor, der jedoch möglicherweise mit Letzterem gleichzusetzen ist ().
Name
Der Name Esra geht auf die Wurzel „helfen“, „beistehen“ zurück. Ob es sich um eine Kurzform von „[Gott ist] Hilfe“ mit hypokoristischer Endung -ā, eine Namensbildung aus dem aramäischen Wort „Hilfe“ oder eine Kurzform von „der hat geholfen“ handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit klären.
Die Septuaginta gibt den Namen mit wieder, Josephus schreibt . Die Vulgata verwendet die Varianten Ezra und Ezras.
Biblischer Bericht mini|Darstellung Esras (rechts unten) in der altäthiopischen Henoch-Handschrift Gunda Gunde 151, zusammen mit Elia, Elischa und Henoch. Durch das Buch, aus dem er vorliest (wahrscheinlich die Tora), sowie die Beischrift „Esra der Schreiber“ (Ge’ez: ዕዝራ ጸሓፊ ʽǝzrā ṣaḥāfi), ist Esra als Schriftgelehrter gekennzeichnet.
Esra wird in der Bibel erstmals im 7. Kapitel des nach ihm benannten Buches genannt. stellt ihn als „Schreiber“ vor. Obwohl die Vokabel im Zusammenhang oft mit „Schriftgelehrter“ übersetzt wird, sollte das neutestamentliche Konzept nicht auf Esra übertragen werden. Der Berufsstand des Schriftgelehrten findet erst in späteren Texten Erwähnung und spielt vor allem im NT eine große Rolle. stellt den profanen Beruf des Schreibers oder Sekretärs erstmals in Verbindung mit dem „[K]undig[sein] in der Weisung des Mose“.
In einer Genealogie () wird Esras Stammbaum auf Aaron zurückgeführt und er dadurch mit dem Ursprung des Priestertums verbunden. Zwischen Seraja, der im Jahr 586 v. Chr. hingerichtet wurde, und Esra, der frühestens ab 458 v. Chr. auftritt, klafft eine Lücke. Hier soll wohl eine direkte Kontinuität mit dem ersten Tempel hergestellt werden. Es wird auch eine subtile Parallelität zwischen Mose als Gesetzesmittler und Esra als Gesetzeskundigem aufgebaut.
Esra soll die Kultusgemeinde in Jerusalem unter persischer Oberhoheit neuordnen. Nach erhielt er von König Artaxerxes den Auftrag, das „Gesetz des Himmelsgottes“ in Jerusalem und Juda in Kraft zu setzen. Der Gemeinde sollte er eine neue, schriftlich festgesetzte Ordnung geben. Er bekam dafür den Sondertitel „Schreiber des Gesetzes des Himmelsgottes“ verliehen. Bei „Schreiber“ handelt es sich um einen persischen Beamtentitel. Die Historizität des Kyros-Edikts gilt als unbezweifelt, jedoch deckte sich dessen Inhalt wohl nicht vollständig mit den Taten, die von Esra berichtet werden.
Dass mit Esra die exilierten Judäer einen Priester aus Babylon mit persischer Vollmacht nach Jerusalem schickten, zeigt ein tiefes Misstrauen der babylonischen Judäer gegenüber der bisherigen Tempeladministration in Jerusalem sowie die problematischen Zustände in Religion und Gesellschaft in Jerusalem (vgl. Maleachi). Es ist historisch sehr plausibel, dass Esra und Nehemia im Auftrag und mit Ausstattung der persischen Oberhoheit Reformen durchführten.
Esra brachte ca. 5000 erwachsene Rückkehrer mit nach Israel, beschaffte beim Großkönig Geld, um die Ausstattung des Tempels zu finanzieren und erreichte eine Steuerfreiheit für das Kultpersonal. berichten von einem radikalen Vorgehen gegen Mischehen zwischen Judäern und Nicht-Judäern bis hin zur Ehescheidung im Zusammenhang mit einer großen Bußzeremonie. In erfolgt eine feierliche Verlesung der Tora. Dabei entsteht eine zeitliche Differenz von 13 Jahren, wenn historisch zutreffend ist, dass dies erst nach Nehemias Ankunft geschah, oder einem Dreivierteljahr, wenn sie direkt an Esra 9–10 anschließt.
Der Wechsel zwischen Ich-Bericht (Esr 7,27–9,15) und Er-Bericht (Esr 7,1–11; 10; Neh 8f) lässt auf eine von Esra verfasste Denkschrift schließen (vgl. Nehemiamemoiren), die später in Teilen durch einen chronistischen Redaktor erweitert und die 3. Person umgeschrieben wurden. Andere Wissenschaftler gehen von einer literarischen Bildung aus.
Historische Einordnung Ein historischer Hintergrund der Erzählung ist wahrscheinlich, da wunderhafte Züge fehlen und die Verhältnisse der erzählten Zeit entsprechen. Sie dokumentiert die entscheidende Station der Neukonstituierung eines nachexilischen Israel.
Sein Wirken dauerte vermutlich zwei Jahre. Dass er den großköniglichen Auftrag nur unvollständig durchführte, lässt vermuten, dass er nur begrenzten Erfolg verzeichnen konnte. Dafür spricht auch der Umstand, dass er in der jüngeren, lückenhaften Hohepriesterliste in nicht aufgenommen wurde, obwohl er gemäß der Denkschrift ein Hohepriester war. Vermutlich stieß sein Handeln in Jerusalem auf den Widerstand einflussreicher Kreise.
Klassisch wird die Wirksamkeit gemäß dem jetzigen Text des Esrabuches ins Jahr 458 v. Chr. unter Artaxerxes I. vor dem Eintreffen Nehemias datiert. Versuche einiger Experten, den Beginn des Wirkens ins Jahr 398 v. Chr. (7. Jahr von Artaxerxes II., nach Nehemias Ankunft) zu datieren, erscheinen wenig logisch.
Beim von Esra organisierten Zug, der als zweiter Exodus wie eine Prozession mit Priester-, Leviten und zwölf Laienverbänden organisiert war, handelte es sich wahrscheinlich um die einzige systematische Repatriierung von Judäern aus Babylonien. Die vorherigen Züge unter Scheschbazar und Serubbabel stellten vermutlich nur geringe Gefolge dar.
Eine vielbehandelte Frage ist die nach dem Gesetz, das Esra in verliest. Die überraschte Reaktion der Hörer () lässt darauf schließen, dass es sich um ein in Babylonien zusammengestelltes, schriftliches Dokument handelte, das nun erstmals als gültiges Gesetz in Juda eingeführt wurde und somit die Grundlage für den nachexilisch entstandenen AT-Kanon legte. Die Ansicht, es handle sich um den Grundbestand der Priesterschrift und des Heiligkeitsgesetzes, ist verbreitet. Argumente dafür sind die Hochschätzung der Blutsreinheit bei der Eheschließung, die Wichtigkeit der Geschlechterordnung nach Priestern, Leviten und Laien sowie die Bedeutung kultischer Riten und Opfermaterialien. Dabei gilt jedoch zu bedenken, dass grundlegende Maßnahmen Esras nicht dem Wortlaut der Toragesetze entsprechen, Riten und Regelungen sich unterscheiden und vermutlich ein anderer Monatsbeginn verwendet wurde. Offen bleibt, ob Esra den Wortlaut seiner Schriftrolle charismatisch umdeutete oder eine andere Textfassung verwendete. Seltener wird eine Vorform des Deuteronomiums hinter dem Gesetzestext vermutet. Wichtiger ist die Funktion des Gesetzes. Der tiefgreifende Umbruch im religiösen Verständnis, das Wellhausen und seine Nachfolger vermuten, lässt sich den biblischen Texten nicht entnehmen. Hier erhält das Gesetz eine kultfunktionale Rolle zur Verherrlichung des Gotteshauses (). Es bezieht sich auf Israel als vorfindliche Größe, das Rückwanderer und im Land Verbliebene umfasst. Die Erwartung einer künftigen eschatologischen Wende scheint unterstrichen worden zu sein.
Beim Bericht handelt es sich nicht um eine Ätiologie des Synagogengottesdienstes: Die Lesung geschieht auf einem offenen Platz, die Rolle des Priesters ist ausschlaggebend und Frauen wie Kinder werden miteinbezogen.
Ob die Bußzeremonie in mit dem historischen Esra verbunden werden kann, bleibt unsicher.
Esra im Judentum Hochschätzung im Frühjudentum Bereits das Esra-Nehemia-Buch legt den Grundstein für die Wahrnehmung Esras als Idealgestalt: Er hat eine makellose Abstammung, die sich auf den Urpriester Aaron zurückführen lässt, sein Herzensanliegen ist das Erforschen und Lehren der Tora, die ihm angebotene militärische Eskorte lehnt er aus Gottvertrauen ab und er engagiert sich für die Ausstattung des Tempels. Dieses Bild wird in den apokryphen Esrabüchern ausgebaut. 3. Esra beschreibt Esra als Vorleser, , und er wird als Hohepriester, , bezeichnet (3. Esra 9,39f.49). Insbesondere das 4. Esrabuch etabliert seine Darstellung als „zweiter Mose“ und als beispielhaft frommen Beter.
Die beiden in dem Zitat beschriebenen Gegebenheiten parallelisierten Esra mit dem siebten der legendären biblischen Erzväter namens Henoch, der nach ebenfalls entrückt wurde. Laut dem äthiopischen Henochbuch wurde ihm daraufhin der Titel „Schreiber der Gerechtigkeit“ verliehen und er schließlich zum gottgleichen Menschensohn verwandelt (äthHen 71). Ähnliche Gleichsetzungen älterer gottgefälliger Persönlichkeiten mit jüngeren sind auch aus dem Neuen Testament bekannt, wo palästinensische Juden Jesus mit dem zurückgekehrten Propheten Elija oder dem wieder auferstandenem Johannes dem Täufer identifiziert wird. Bisher wurde allerdings kein apokrypher Text gefunden, in denen in ähnlich expliziter Weise Esra mit Henoch gleichgesetzt wurde.
4. Esra wurde wenige Jahrzehnte nach äthHen im letzten Drittel des 1. Jh.s n. Chr. verfasst. Beide Schriften stammten von palästinischen Juden. In Palästina nahm zur Zeit des zweiten JHWH-Tempels die Gruppe der Sadduzäer eine entscheidende Rolle ein. Die Gruppe hatte sich um 150 v. Chr. vor allem aus Mitgliedern der Jerusalemer Oberschicht gebildet und besetzte die wichtigsten und bedeutendsten Posten des Tempelpersonals. „Ihre wirtschaftliche und soziale Existenzgrundlage war eng mit dem Tempel und der Tora als Verfassung des Tempelstaates verknüpft.“ Diese Existenzgrundlage wurde ihnen entzogen, als römische Legionäre im Jahr 70 n. Chr. den Jerusalemer Tempel zerstörten. Auf Ibn Hazm ging die Erzählung zurück, dass eine Gruppe der Sadduzäer in den Jemen ausgewandert sei und eben diese Gruppe in Esra den Sohn Gottes gesehen hätte.Abdulla Galadari: Qur'anic Hermeneutics. Bloomsbury Academic, London / New York u. a. 2018, ISBN 978-1-350-07004-2, S. 87. Der Historiker Haim Ze’ev Hirschberg hielt diese Erzählung für glaubwürdig.Haim Zeev Hirschberg: In Islam. In: Fred Skolnik, Michael Berenbaum (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica • Volume 6. Thomson Gale Publishing, Detroit / New York / San Francisco / New Haven / Waterville / London 2007, ISBN 978-0-02-865934-3, S. 653. Nach Haim Zeev Hirschberg: Yisrāʾēl ba-ʿArāv [Israel in Arabien].Mossad Bialek, Tel Aviv 1946. Im Übrigen wurden bisher jedoch keinerlei historische oder archäologische Belege für das reale Vorhandensein eines jüdischen Esra-Glaubens entdeckt.John Walker: Who Is 'Uzair? In: The Moslem World. Band 19, 1929, , S. 303.
Vermutlich wurde Esra als Vorzeigegestalt zu einer Idealfigur stilisiert, um das Image bestimmter Kreise aufzubessern, bzw. für bestimmte Gruppen die Leit- und Orientierungsgestalt darzustellen. Vermutlich wollten Priesterkreise ihren Orientierungspunkt für die Öffentlichkeit sichtbar machen und gleichzeitig die eigene Position untermauern. Auch für die Leute, die durch Esra das Wort der jüdischen Gottheit hörten, stellte er wohl eine Idealgestalt dar, die öffentlich für die konsequente Befolgung der Tora und gegen liberalere Einstellung auch der Priester eintrat. Im Übrigen existiert in späten alttestamentlichen und apokryphen Texten eine gewisse Konkurrenz zwischen den Personen Esra und Nehemia. Letzterer wird in den Büchern 3. Esra und 4. Esra nicht genannt, während die Bücher Sirach und 2. Makkabäer nun ihrerseits Nehemia idealisieren und Esra auslassen.
Babylonischer Talmud Im Babylonischen TalmudTraktat Sanhedrin 21b; Text Talmud erscheint Esra als „zweiter Mose“. Auch die enge Verbindung zur Tora verdeutlicht die hohe Meinung, die von Esra vermittelt wird.