mini|Darstellung eines Chouans Chouannerie nennt man den bewaffneten Widerstand königstreuer Katholiken der Bretagne (den Chouans) gegen die Erste Französische Republik in der Zeit von 1792 bis ca. 1804. Chouannerie gab es als Aufstandsbewegungen auch in den benachbarten Regionen von Anjou, Maine und der Normandie. 1796, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen, sollen 50.000 Chouans, davon 30.000 Bretonen, gekämpft haben. Das waren rund 5 % der männlichen Bevölkerung des Aufstandsgebietes.Roger Dupuy: Les Chouans. 1997, S. 186.
Begriffserklärung Die aufständischen Bretonen wurden seit Oktober 1793 „Chouans“ genannt, als sie sich den Kolonnen der Aufständischen der Vendée anschlossen (Bataille de La Gravelle, 24. Oktober 1793). Ihr Name soll auf ihrem Verständigungsruf bei Dunkelheit beruhen, der den des Käuzchens () nachahmte. An anderer Stelle wird der Begriff oder auch das altfranzösische genannt.A. Hugo: France militaire…, Band 2, Expédition de Quiberon Obwohl sich der bretonische Widerstand gegen die Republik aus historischen und landsmannschaftlich regionalen Gründen von dem der Vendée unterschied, wird in der französischen Literatur die Chouannerie als Teil des „Bürgerkriegs im Westen“ beschrieben.
Charakteristisch war ihre Organisation in kleinen Gruppen oder Banden, wahrscheinlich entsprechend der bretonischen Clanstruktur, und angeführt von einem sogenannten „Häuptling“ (französisch „Chef“). Ihre Quartier- und Rückzugsgebiete sollen die Ende des 18. Jahrhunderts noch großflächigen Wälder von u. a. Fougères, Lorges oder Pertre gewesen sein, in denen die republikanischen Linientruppen mit Artillerie oder Kavallerie nicht operieren konnten. Zwischen 1794 und 1799 bildeten sie zeitweilig jedoch auch militärisch organisierte Divisionen und Armeen, die bis zu 30.000–40.000 Mann stark waren.
Bedeutung und Aktivitäten der Chouannerie wurden von Zeitgenossen, vor allem von Befürwortern der Revolution und der Republik, überwiegend negativ bewertet. Zur Zeit des Weißen Terrors und des Royalistischen Aufstands gegen den Konvent im Oktober 1795 begeisterte sich besonders die Pariser Jugend, die Jeunesse dorée, für den Kampf der Chouans gegen Revolution und Republikaner.B. Volz, Geschichte der Neuesten Zeit, Band 1, Leipzig 1883, S. 169. Ende des Jahrhunderts sah man auch außerhalb Frankreichs in ihnen die Kämpfer für eine regionale Unabhängigkeit, für die katholische Kirche und die Monarchie.
Angaben und Zahlen zur Teilnahme bei Kampfhandlungen und Opfern – besonders unter der Zivilbevölkerung – differieren in der Berichterstattung des 19. Jahrhunderts, wahrscheinlich davon beeinflusst, ob sich die Autoren einer revolutionären, republikanischen oder konservativen klerikalen Gesellschaft verpflichtet fühlten.
Hintergrund Obwohl viele Bretonen anfangs erwartungsvoll mit der französischen Revolution sympathisierten, zeigte sich recht schnell, dass ihre Interessen nach politischer Eigenständigkeit von der neuen Zentralregierung nicht beachtet wurden. Lokale Unruhen in der ländlichen Bretagne gab es ab 1791, seit der Verstaatlichung des Kirchenbesitzes und den Deportationen einheimischer Priester, die den Eid auf die neue Verfassung verweigert hatten. Auch die neue Landesunterteilung in Départements nahm keine Rücksicht auf ihre regionalen Befindlichkeiten; die Beendigung der feudalen Ordnung führte nicht ohne weiteres zu besseren Lebensbedingungen für die Pachtbauern. Zum Auslöser der Chouannerie werden aber die Absetzung und Hinrichtung König Ludwigs des XVI. und die Zwangsrekrutierungen für das französische Heer 1793 angeführt, die in den Augen vieler Bretonen eine Wiedereinführung der verhassten Miliz war.Rolf H. Reichardt: Das Blut…, S. 47. Die Kämpfe in der Bretagne waren in der Regel ein Guerillakampf mit Überfällen in Heckenschützentaktik, nachts und entlang der großen Straßen, gegen republikanische Truppen, Transporte und Depots. Die Aufständischen überfielen in kleinen Gruppen die Nahrungsmitteltransporte für die Märkte im Landesinneren, ermordeten republikanische Bürgermeister und Richter und besonders die Aufkäufer von Nationalgütern. Französische Historiker des 19. Jahrhunderts, z. B. Abel Hugo 1838 oder Adolphe Thiers 1823, sahen die Aufständischen auf gleicher Stufe mit Wegelagerern und Salzschmugglern:
oder
Aufstände 1790 bis 1794 Die ersten, lokalen Aufstände, die mehr den Charakter eines Bauernaufstandes hatten und deren Anlass Beschlüsse der Revolutionsregierung zum Lebensmittelhandel waren, steigerten sich ab 1790 in ihrer Teilnehmerzahl von anfänglich einigen Dutzend bis zu 5000–6000 in den Kämpfen von La Roche-Bernard im März 1792 und Lannion im September 1792. Diese Aufständischen sind in der Überlieferung meistens noch die vor allem vom Adel angeführte „Association bretonne“ und die „Paysans contrerévolutionaires“.
Joseph de Puisaye machte den Versuch, die Bauern als militärisch schlagkräftigere Formationen aufzustellen. Mit Unterstützung der Kirche wurden Register der waffenfähigen Bretonen erstellt, die eine Aufstellung von Kompanien und Divisionen aus den Kantonen des Landes möglich machte.A. Thiers, Gesch. der Franz. Revolution, Band 4, S. 218. Dies war eine Voraussetzung, um Unterstützungen von der englischen Regierung zu erhalten und die zögerlichen königlichen Prinzen zur Aktivität für die Gegenrevolution zu gewinnen. Diese Einigungsbemühungen scheiterten oft an der Rivalität der Anführer untereinander.
Größere Gruppen von Bretonen schlossen sich im Oktober 1793 den Aufständischen der Vendée an, die nach der Niederlage in der zweiten Schlacht von Cholet über die Loire flüchteten und in einem Zug von rund 25.000 Kämpfern und einer großen Gefolgschaft von Alten, Frauen und Kindern quer durch die Bretagne zu dem normannischen Hafen Granville zogen. Dort wollten sie die angekündigten englischen Hilfen übernehmen und sich mit dortigen Aufständischen vereinigen.
Der Zug in die Normandie wurde zu einer Katastrophe für die Vendéens und Chouans. Als Virée de Galerne (aus dem bretonischen „gwalarn“ für einen heftigen, wechselhaften Nord-West-Wind) in der französischen Geschichte überliefert, gab es zwischen Oktober und Ende Dezember 1793 eine Folge von Gefechten, die anfänglich noch die Aufständischen als Gewinner sahen. Nach Granville, wo sie mangels Artillerie nicht die republikanische Besatzung belagern konnten und die englische Hilfe nicht eingetroffen war, wollten sie demoralisiert an die Loire zurückkehren. Seuchen, Hunger, Kälte und die fortgesetzten Attacken republikanischer Truppen, die mit einer neuen Führung und Zugängen aus anderen Armeen verstärkt worden waren, führten zu Absetzbewegungen vieler Chouans aus der Armée catholique et royale de Vendée. Sie kehrten zurück zu ihrer Guerillataktik in kleinen Banden, mit Überfällen aus Hinterhalten und dem Versteck in den Wäldern.
Die Vendéens – und mit ihnen einige verbliebene Chouans – wurden am 13. Dezember 1793 in der Schlacht bei Le Mans und zehn Tage später in der Schlacht bei Savenay an der Loire vernichtend geschlagen. Berichte darüber sprechen von Massakern an Verwundeten, Gefangenen, Frauen und Kindern, mit denen die Straßenkämpfe innerhalb der beiden Orte endeten. Allein in Le Mans sollen es 15.000 Opfer gewesen sein. Das Erschießen von Gefangenen – oft auch in Massen – auf beiden Seiten war eine Besonderheit des erbittert geführten Bürgerkriegs im Westen.
Ein erster Frieden 1795 Nach dem vorläufigen Ende der Aufstände der Vendée wendeten sich viele Kämpfer von ihren „Chefs“ ab und kehrten in ihre Dörfer zurück. Der kompromisslos republikfeindliche Kern der Chouans beschränkte sich 1794 hauptsächlich auf „[…] eine einträgliche Straßenräuberei, welche diejenigen, die sich damit abgaben, nicht im Mindesten ermüdete […]“ (Adolphe Thiers um 1830). Vielfach wird diese Phase des eher kriminellen Guerillakriegs als die eigentliche Chouannerie bezeichnet. In Paris war der Nationalkonvent nach dem Ende von Robespierre und des Terreurs im Sommer 1794 bereit zum Waffenstillstand und einem Verhandlungsangebot über Zugeständnisse in Form von einer Beendigung der „Entchristianisierung“ der Kirche, der Befreiung von Steuern und Wehrpflicht und der Entlassung von Gefangenen von republikanischer Seite, von aufständischer Seite, die Anerkennung der Republik und den Verzicht auf föderalistische Bestrebungen. Im Februar 1795 unterzeichneten nach Diskussionen untereinander die wichtigsten Generäle der Vendée (außer Stofflet) den Vertrag von La Jaunaye. Weniger kompromissbereit waren die Chouans, die im darauffolgenden April nach heftigen internen Streitigkeiten in La Mabilais einen Friedensvertrag vereinbarten. Nur 21 von 121 anwesenden Chefs unterzeichneten. Von republikanischer Seite erwartete man keine Vertragstreue und verstärkte den militärischen Druck auf die Aufständischen, versuchte jedoch die Bevölkerung mit Konzilianz für den republikanischen Staat zu gewinnen.
links|mini|400px|Am Strand von Quiberon. Graf von Sombreuil und Soldaten der royalistischen Armee (links) decken die Flucht der Emigranten vor den Republikanern auf die englischen Boote. Von Jean Sorieul 1850 Im Juni 1795 kam es zur lange erwarteten Ankunft englischer Hilfsgüter und royalistischer Truppen in der Bucht der Halbinsel Quiberon bei Carnac. Angelockt von Versprechen auf Geld, Waffen und Lebensmittel und der Ankunft des königlichen Prinzen und zukünftigen Königs, Comte d’Artois, zur Wiederherstellung der Monarchie, sollen sich trotz Friedensvereinbarungen mehrere Tausend Chouans – argwöhnisch und geringschätzig von den Emigranten betrachtet – zum Teil mit ihren Familien im Département Morbihan gesammelt haben.300px|mini|Nationalgardisten mit gefangenen Chouans von Fouesnant. Von Jules Girardet, 19. Jh. links|mini|General Hoche, 1795 Oberkommandierender der republikanischen Armeen des WestensMangelhafte Planung und Abstimmung untereinander verursachten chaotische Zustände an den Landungsplätzen. Von General Lazare Hoche auf der Halbinsel eingeschlossen, wurden sie bis Ende Juli geschlagen, entwaffnet und exekutiert, wenn sie sich, englisch uniformiert und bewaffnet, ergeben hatten. Von Massenhinrichtung an 952 Chouans, die in englischer Uniform aufgegriffen wurden, wird berichtet.Verschiedene Quellen – auch von mehr als 2000 angegebenen Hinrichtungen – machen keinen Unterschied zwischen Chouans, Emigranten usw. Flüchtende, die die vor Anker liegenden englischen Invasionsschiffe erreichten, wurden auf der Küste vorgelagerten Inseln ausgesetzt, wo viele durch Hunger, Kälte und Seuchen umkamen. Vielen Chouans gelang die Flucht in das Innere der Bretagne, wo sie in kleinen Gruppen wieder ihre Art des Partisanenkampfs ausübten und die Schuld an dem Invasionsdesaster den Engländern, den Royalisten und ihren eigenen Kommandeuren anlasteten.
Im Sommer 1796 wird der Druck auf die Chouans stärker. General Hoche bildete kleine bewegliche Einheiten (colonnes mobiles), die mit dem Aufspüren und Zerschlagen der Chouantrupps die Häuptlinge zur Aufgabe zwangen. Als letzter unterzeichnete am 19. Juni 1796 Georges Cadoudal ein Friedensabkommen. Für die Regierung schien das Problem damit gelöst. Sie lässt General Hoche eine Invasion in Irland und England beginnen und schickt Truppen der Westarmeen an die Grenzen nach Deutschland, Österreich und Italien.
Die innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten Frankreichs in den Jahren von 1797 bis 1799, die sich den Chouans besonders in den mangelhaft ausgerüsteten und schlechtversorgten republikanischen Truppen zeigte, ließ sie erneut größere Armeen zur Gegenrevolution mobilisieren. Im Oktober 1799 waren 18.000 Chouans des Morbihans und 10.000 der Départements Ille-et-Vilaine und Mayenne im Aufstand. Es gelang ihnen aber nicht, größere Städte auf Dauer einzunehmen; sie begnügten sich nach einer Erstürmung damit, die Gefängnisse zu öffnen und die Akten der Verwaltung zu verbrennen.