Muttergöttin und Große Mutter sind in Archäologie und Religionsgeschichte Bezeichnungen für historisch belegte oder hypothetische Erdgöttinnen in ur- und frühgeschichtlichen Kulturen. Sie wurden als Lebensspenderin (Fruchtbarkeitsgöttin) oder auch als Mutter von Göttern oder als beides verehrt. Ihre Darstellung findet sich entweder in frühen schriftlichen Zeugnissen oder in Kunstwerken wie etwa antiken Wandmalereien oder Venusfigurinen. Die Deutung der nichtschriftlichen Artefakte als „Göttinnen“ hat oft spekulativen Charakter und ist daher umstritten.
Die Idee der Muttergöttin basiert auf der Vorstellung einer weiblichen Gottheit, die Macht über den Boden und seine Bewohner (menschliche, tierische, pflanzliche, aber auch ggf. deren innewohnende Geister) hat. Sie ist zuständig für die Fruchtbarkeit der Pflanzen, häufig auch der Tiere und damit entscheidend für das Wohlergehen der Menschen. Muttergöttinnen sind in erster Linie für Pflanzerkulturen belegt, bei denen die Erde als Ursprung der Pflanzen von zentraler ökonomischer und religiöser Bedeutung war.Bettina Schmidt: Erdherr(in), Stichwort in: Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 96–97.
Unscharf ist die Trennung zu Gottheiten der sexuellen Lust und zu Liebesgöttinnen – wie der römischen Venus, der griechischen Aphrodite oder den mesopotamischen Ištar und Inanna. Meist nicht zu den Muttergöttinnen gerechnet werden Gottheiten, die für den Schutz der Schwangeren und Gebärenden stehen, wie die griechische Artemis oder die altägyptischen Taweret und Bes.
Die verschiedenen Bezeichnungen für die „Erdgöttinnen“ rezenter Völker und die „Muttergöttinnen“ historischer Kulturen werden häufig synonym benutzt.
Abgrenzung zu „Magna Mater“ Einige Autoren verwenden den lateinischen Ausdruck „Magna Mater“ (Große Mutter) übergreifend für alle mit Muttergöttinnen assoziierten Vorstellungen, vor allem Manfred Ehmer in seinen populärwissenschaftlichen Schriften.Manfred Kurt Ehmer: Die Weisheit des Westens. 1998 Düsseldorf, Patmos, ISBN 3-491-72395-7, S. 46. Diese Verwendung ist jedoch irreführend: Magna Mater ist die Bezeichnung der Römer für die Göttin Kybele, deren Mysterienkult sie aus Kleinasien übernommen hatten. Insofern steht dieser Ausdruck korrekt nur für die altmediterrane Muttergöttin. Da es in der Volksreligiosität Kleinasiens immer schon die Verehrung der Kybele als Muttergöttin außerhalb eines Mysterienkultes gab, wird die Bezeichnung bisweilen auch darüber hinaus bis zu ihren in der Jungsteinzeit vermuteten Wurzeln verwendet.Hanns Ch. Brennecke, Christoph Markschies, Ernst L. Grasmück (Hrsg.): Logos: Festschrift für Luise Abramowski zum 8. Juli 1993., S. 33–34.
Herkunft mini|„Göttin“ auf dem Leopardenthron, Darstellung aus Çatalhöyük (Türkei, 8. Jahrtausend v. Chr.)
Die ältesten neolithischen Darstellungen, die von einigen Autoren als Muttergöttinnen interpretiert wurden, zeigen sie zum Teil in Verbindung mit bestimmten Wildtieren, so dass Prähistoriker darin die Übergangsform von der Tierherrin der älteren Wildbeuterkulturen zur Fruchtbarkeitsgöttin vermuteten. Der letztgenannte Aspekt bekam aufgrund der nunmehr zunehmend agrarischen Lebensweise eine immer größere Bedeutung. Heute haben Erdmütter-Göttinnen bei zahlreichen traditionellen Pflanzer- und Bauernkulturen eine nicht unerhebliche, teils sogar dominierende Rolle in der jeweiligen Religion.Klaus E. Müller: Die bessere und die schlechtere Hälfte. Ethnologie des Geschlechterkonflikts. Campus, Frankfurt am Main / New York 1984, ISBN 3-593-33360-0, S. 272–277.
Verbreitung Die bekannteste Muttergottheit ist die antike Mater Deum Magna Ideae – kurz Magna Mater –, die erstmals unter dem Namen Kybele für die mittlere Bronzezeit Kleinasiens belegt ist und deren mystischer Kult bis in die römische Spätantike reicht (siehe auch: Begriffs-Abgrenzung zu „Magna Mater“)
Theoriengeschichte mini|Die litauische Archäologin Marija Gimbutas spielte eine herausragende Rolle in der Theoriegeschichte der „Großen Mutter“
Der Schweizer Rechtshistoriker und Klassizist Johann Jakob Bachofen (1815–1887) behauptete als einer der ersten Forscher in seinen Untersuchungen zum „Mutterrecht“ (1861) die Existenz einer hypothetischen „Urreligion“, in deren Zentrum Muttergöttinnen standen.Karl Meuli (Hrsg.), Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht. Erste Hälfte, Band 2, Schwabe, Basel 1948, S. 26 ff (1. Auflage 1861). Dabei bezog er sich vor allem auf die vorklassischen Kulturen in Griechenland und Kleinasien. Er sah den Übergang von mutterrechtlichen zu vaterrechtlichen Gesellschaften als einen entscheidenden Fortschritt in der Menschheitsgeschichte. Bachofen wurde von bekannten Anthropologen – deren viele wie Edward Tylor (1871)Edward Burnett Tylor: Primitive Culture. Researches into the Development of Mythology, Philosophy, Religion, Language, Art, and Custom. J. Murray, London 1871; deutsche Ausgabe: Die Anfänge der Cultur. Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie, Religion, Kunst und Sitte. Georg Olms, Hildesheim 2005. und L.H. Morgan (1877)Lewis Henry Morgan: Ancient Society; or, Researches in the Lines of Human Progress from Savagery through Barbarism to Civilization. H. Holt, New York 1871. Evolutionisten waren – unterstützt.Lauren Talalay: „The Mother Goddess in Prehistory. Debates and Perspectives“. In: Sharon L. James, Sheila Dillon (Hrsg.): A Companion to Women in the Ancient World. Blackwell, Oxford 2012, S. 8.
Der schottische Ethnologe James George Frazer (1854–1941) beschrieb in seinem elfbändigen Werk Der goldene Zweig (The Golden Bough, veröffentlicht 1906–1915) als religiöses Grundmuster den König als Wiedergeburt des sterbenden und wiederauferstehenden Gottes, der in einer „heiligen Hochzeit“ mit der Göttin, welche die andauernde Fruchtbarkeit der Erde darstellte und gewährleistete, immer wieder aufs Neue gezeugt wird, nachdem er mit der Ernte im abgelaufenen Jahr gestorben war. Frazer führte unter anderen die Paare Attis-Kybele, Dumuzi-Inanna, Tammuz-Ištar und Adonis-Aphrodite an, deren Mythen alle diesem Grundmuster folgten. Bachofens und Frazers Annahmen führten zu großen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und sind auch heute stark umstritten (vergleiche Gehörnter Gott).
Der englische Schriftsteller Robert von Ranke-Graves (1895–1985) erschloss aus der Mythologie Griechenlands und Kleinasiens den Kult einer „weißen Göttin“, einer Göttin der Liebe und der Weisheit, die auch die Dichtkunst beflügelte.Robert von Ranke-Graves: Griechische Mythologie. Anaconda, Köln 2008, ISBN 978-3-86647-211-2, S. ??; derselbe: Die weiße Göttin, Sprache des Mythos. 1958, ISBN 3-499-55416-X, S. ?? (englisches Original: 1949).
Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961) griff die Vorstellung von einer Ur- oder Allmutter in seiner Analytischen Psychologie auf, um den Mutterarchetyp zu bezeichnen. Forschung zu diesem Archetyp wurde vom Philosophen und Psychoanalytiker Erich Neumann (Die große Mutter, 1956)Erich Neumann: Die Große Mutter. Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewussten. Rhein-Verlag, Zürich 1956. und vom britischen Anthropologen E.O. James (The Cult of the Mother-Goddess, 1959)Edwin Oliver James: The Cult of the Mother-Goddess. An Archaeological and Documentary Study. New York, 1959. fortgeführt.
Die litauische Archäologin Marija Gimbutas (1921–1994) nahm für Südosteuropa und den unteren Donauraum – von ihr als „Alteuropa“ bezeichnet – für die Jungsteinzeit die Verehrung einer einzelnen, abstrakten „Großen Göttin“ an und führte das in ihren Werken Göttinnen und Götter des Alten Europa (englisch 1974, deutsch 2010), Die Sprache der Göttin (engl. 1989, dt. 1995) und Die Zivilisation der Göttin (engl. 1991, dt. 1996) aus. Ihre Annahme stützte sich vor allem auf zahlreiche weibliche Figurinen der Jungsteinzeit und der Kupfersteinzeit, die sie als Darstellungen dieser einen Gottheit interpretierte.
Interpretation archäologischer Funde Während Michael Dames den Kult der Muttergöttin mit dem der Großen Mutter der Jungsteinzeit im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Landwirtschaft einhergehenden Sesshaftwerdung der Menschen gleichsetzt (),Michael Dames: The Silbury Treasure. Neuauflage. Thames & Hudson, London 1978, ISBN 0-500-27140-2, S. ??; vergleiche auch Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 25–26. gehen Autoren wie der Psychologe Erich Neumann von einem archaischen Muttergöttinnenkult aus, der zehntausende Jahre zurückreiche.Erich Neumann: Die Große Mutter. Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewußten. Rhein, Zürich 1956, S. ??; A. T. Mann, Jane Lyle: Sacred Sexuality. Vega, London 2002, ISBN 1-84333-583-2, S. 18.
Altsteinzeit mini|Die berühmte Venus von Willendorf (Österreich) aus dem Jungpaläolithikum
Funde von 100 bis 200 maximal 15 cm großen jungpaläolithischen sogenannten Venusfigurinen (Venusstatuetten) und anderen Darstellungen von weiblichen Körpern mit stark ausgeprägten Brüsten, übergroßen Hüften und anderen hervorgehobenen Geschlechtsmerkmalen werden als Beleg für diese These herangezogen. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 28.000 und 21.000 vor unserer Zeit (Gravettien) aus dem Gebiet nördlich der Pyrenäen, dem südlichen Mitteleuropa, Italien und dem südlichen Osteuropa,Verbreitungskarte der Fundstellen von Venusstatuetten 34.000–24.000 BP; Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Atlas der Vorgeschichte. Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt. Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2105-3, S. 28–29. wie die etwa 27.000 Jahre alte Venus von Willendorf. Man hat diese Figuren als Zeugnisse einer allgemeinen Verehrung der Mutter Erde und deren Fruchtbarkeit interpretiert.Manfred Kurt Ehmer: Göttin Erde. Kult und Mythos der Mutter Erde. Zerling, Berlin 1994, ISBN 3-88468-058-7, S. 22; Franz Sirocko (Hrsg.): Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-22237-7, S. 79 (siehe dazu Gesine Hellberg-Rode: Mutter Erde in der Altsteinzeit. In: Projekt Hypersoil. Universität Münster 2002–2004). Daneben gibt es eine Anzahl männlicher Figurinen, die deutlich weniger Aufmerksamkeit fanden.Vergleiche Jan Jelínek: Der große Bildatlas des Menschen in der Vorzeit. Artia, Prag 1980, S. ??.
Wissenschaftlich gesehen geht man jedoch mittlerweile davon aus, dass es sich nicht um Göttinnen, Priesterinnen oder Fruchtbarkeitskulte handelt, die diese Figurinen verdeutlichen könnten. Dies wird unter anderem damit begründet, dass es in nichtstratifizierten Gesellschaften generell keine Götter gibt und die Fruchtbarkeit kein erstrebenswertes Gut für Jäger- und Sammlerkulturen darstellt. Aufgrund des hohen Pflegebedarfs von Kindern kennen solche Gesellschaften zumeist Verhütungsmethoden. Zudem gibt es auch keine Mutter-Kind-Darstellungen, die auf einen Mutterkult hinweisen könnten.Margaret Ehrenberg: Women in Prehistory (= Oklahoma Series in Classical Culture. Band 4). University of Oklahoma Press, Norman u. a. 1989, ISBN 0-8061-2237-4, S. 74.Brigitte Röder, Juliane Hummel, Brigitta Kunz: Göttinnendämmerung. Das Matriarchat aus archäologischer Sicht. Röder, München 1996, S. 202.