mini|Verbindungshaus

Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks (kurz: Raczeks) ist eine 1817 als „Breslauer Burschenschaft“ gestiftete, pflichtschlagende, farbentragende Studentenverbindung im Korporationsverband der Deutschen Burschenschaft (DB), deren älteste aktive Verbindung sie heute ist. Sie ist eine akademische Korporation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und gehört als Gründungsmitglied der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) an.

Sie ist ein Lebensbund und nach dem Conventsprinzip organisiert.

Insgesamt vier Breslauer Traditionsbünde machen die heutige Burschenschaft aus. Sie ist seit dem Zusammenschluss der ursprünglichen Breslauer Burschenschaften der Raczeks, Arminia, Germania und Cheruskia nach dem Zweiten Weltkrieg die alleinige Trägerin der Breslauer Tradition innerhalb der Deutschen Burschenschaft.

Die Burschenschaft veranstaltete laut dem Verfassungsschutz NRW im Jahr 2014 den „Zwischentag“, ein Vernetzungstreffen der Neuen Rechten, und pflegt Verbindungen in die rechtsextreme Szene.

Couleur und Wahlspruch Das Couleur der Raczeks besteht aus einem weiß-schwarz-rot-goldenen Band, einer schwarzen Schülermütze in Anlehnung an die Kopfcouleur der einstigen Breslauer Burschenschaft Arminia sowie einem Chargenwichs, der der Uniform des Lützowschen Freikorps nachempfunden ist. Neben der Mütze, dem Band und dem Zipfelbund in den Farben des Bandes gehören zum Chargenwichs der typische Waffenrock des Freikorps in schwarz mit goldenen Knöpfen und rotem Vorstoß, ein schwarzes Halstuch, weiße Handschuhe und Glockenprunkschläger aufgrund der ostelbischen Breslauer Herkunft des Bundes. Unterhalb des Waffenrocks werden zum Chargenwichs eine schwarze Anzughose und schwarze Anzugschuhe getragen. Barett, Cerevis, Pekesche oder Reiterstiefel sind im Couleur der Raczeks – im Gegensatz zu den meisten anderen Studentenverbindungen – nicht vorhanden.

Das ob seiner Vierfarbigkeit ungewöhnliche Band ist aus der Breslauer Geschichte des Bundes heraus zu klären. Die drei ältesten Traditionsbünde, die namensgebende Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die Breslauer Burschenschaft Arminia und die Breslauer Burschenschaft Germania trugen allesamt das typisch burschenschaftliche Schwarz-Rot-Gold. Der jüngste Bund, die Breslauer Burschenschaft Cheruskia, trug weiß-rot-schwarz. Um alle Farben der Traditionsbünde zu vereinen, wurde das vierfarbige Band 1950 bei der Wiederaufnahme des Aktivenbetriebs in Bonn eingeführt. Die vier Farben sind im Breslauer Stadtwappen enthalten. Außerdem stehen die äußeren Farben der Couleur, Weiß (heraldisch Silber) und Gold, für die schlesische Heimat des Bundes. Die zwei oberen Farben Weiß und Schwarz stellen in umgekehrter Leserichtung die Farben Preußens dar.

Die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks führt den Wahlspruch „Gott – Ehre – Freiheit – Vaterland!“.

Breslau

Vormärz Im Jahr 1811 wurde die Brandenburgische Universität Frankfurt nach Breslau verlegt, um durch Vereinigung mit der dortigen Jesuitenhochschule, der Leopoldina, eine vollwertige Universität in der neuen Provinz Schlesien zu schaffen.

Gleichzeitig wechselten zwei Landsmannschaften mit an die neue Hochschule: die Marchia und die Silesia. Aus ihnen entstand schon zwei Jahre nach der Gründung der Urburschenschaft in Jena, also 1817, die erste Breslauer Burschenschaft, welche sich anfänglich Teutonia, während der Demagogenverfolgung in den folgenden Jahren auch zeitweise Arminia nannte.

Der frühe Entstehungszeitpunkt war mit Folge der Bedeutung Breslaus als Ausgangspunkt der patriotischen Freiheitsbewegung: Bereits 1813 hatte der preußische König seinen berühmten Aufruf zur Bildung bewaffneter Einheiten verkündet, von denen später die Lützower Jäger am bekanntesten wurden. Der Zobtenberg bei Breslau, Sammlungsort der in den Kampf ziehenden Truppen, war seit damals bis zum Zweiten Weltkrieg regelmäßig Schauplatz großer Korporationsveranstaltungen.

Erst 1819 trat die Breslauer Burschenschaft unter ihrem Vorsteher Gustav Adolph Haacke (1800–1878)Walter Schmidt: Lebensschicksale. Verfolgte schlesische Burschenschafter aus dem frühen 19. Jahrhundert. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Bans 22, 2003, S. 449–521, hier: S. 451 f. und 490. der ein Jahr zuvor gegründeten „Allgemeinen Deutschen Burschenschaft“ bei – innere Probleme waren, wie schon bei der Nichtteilnahme am Wartburgfest 1817, die Ursache. Noch im gleichen Jahr 1819 mussten wie überall in Deutschland auch in Breslau die Burschenschaften in den Untergrund gehen, Folge der „Karlsbader Beschlüsse“ des Staatskanzlers Metternich. Mehr als zwanzig Jahre lang spielte sich der Korporationsbetrieb im Verborgenen ab. Seit 1819 hatte die Breslauer Burschenschaft auch den Namen (alte) Arminia geführt. Infolge Verfolgungswelle nach dem Frankfurter Wachensturm (3. April 1833), an dem kein Breslauer Burschenschafter aktiv teilgenommen hatte, kam es zur Auflösung und zwischen 1834 und 1836 zur Verhaftung von mehr als 100 Arminen. Auch diese Zäsur konnte die burschenschaftliche Bewegung in Breslau allerdings nicht nachhaltig unterdrücken. In den 1830er Jahren trafen sich Breslauer Burschenschafter am häufigsten zu geheimen Besprechungen beim Gastwirt Raczek (Diminutivform von „rak“, polnisch für „Krebs“) in der Klosterstraße. Den ursprünglichen Spottnamen der Landsmannschafter für die Burschenschafter „Ratscheker“, „Raczekianer“ oder „Raczeks“ hat die älteste Breslauer Burschenschaft schließlich 1872 als Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks dem ihrigen angefügt. Der Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. am 7. Juni 1840 hellte das politische Klima im Königreich Preußen schlagartig auf und ermöglichte es den Raczeks, sich binnen kurzer Zeit zu reorganisieren. In den folgenden zwei Jahrzehnten traten sie vornehmlich wegen ihrer sozialistischen Ausrichtung öffentlich in Erscheinung. Während der gesamten 1840er Jahre unterhielten sie intensive Kontakte zu Vertretern der politischen Linken wie Hoffmann von Fallersleben und Arnold Ruge. Daneben spielten Breslauer Burschenschafter wie Johannes Ronge eine entscheidende Rolle beim Aufkommen des Deutschkatholizismus und der freireligiösen Bewegung.Björn Thomann: Die Breslauer Burschenschaft und ihr Beitrag zur Entstehung des Deutschkatholizismus. In: Christian Oppermann (Hrsg.): „Wahrheit, Muth und Kraft“ – Gedenkschrift für den Historiker, Archivar und Burschenschafter Professor Dr. Dr. Harald Lönnecker (= Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Band 24), Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2025, ISBN 978-3-8253-9595-7, S. 458–473.

mini|hochkant|Das prominenteste Mitglied der Raczeks: Ferdinand Lassalle um 1860

Mit Unterbrechungen bestand während der gesamten 1840er Jahre auch eine Schülerburschenschaft Teutonia, aus deren Kreis eine Vielzahl der späteren politischen Aktivisten und Mitglieder der Breslauer Burschenschaften hervorging. Vor allem zwischen 1846 und 1848 setzte bei dieser eine Radikalisierung ein. Die Junghegelianer unter den Teutonen prangerten in ihrer Bierzeitung die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse an. Poesie wurde als hinderliche Schwärmerei abgelehnt, das Christentum als Irrlehre gebrandmarkt. Dies wirkte sich auch auf die Verhältnisse in den universitären Burschenschaften Breslaus aus.Harald Lönnecker: Frühe Burschenschaft und Christentum. In: Burschenschaftliche Blätter, 132. Jahrgang (2017), H. 4, S. 183–187.

Die schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzende Spaltung der burschenschaftlichen Bewegung in die „germanistische“, politisch bekennend und aktiv nach außen, und die „arministische“, nach innen gekehrte Richtung führte im Revolutionsjahr 1848 zur Entstehung der (neuen) Breslauer Burschenschaft Arminia – Dokumentation einer Zerrissenheit, die der Burschenschaft insgesamt den politischen Atem nahm.

Einem patriotisch motivierten Versuch, alle Breslauer Korporationen im Jahr 1859 zum 100. Geburtstag Friedrich Schillers zu vereinen, war kein Erfolg beschieden: Bald danach schon schieden die beiden Breslauer Burschenschaften wie auch andere Verbindungen wieder aus; der Rest bestand als freie Verbindung weiter, welche sich im Jahr 1860 schließlich zur Breslauer Burschenschaft Germania umwandelte.

Anlässlich des 50. Stiftungsfestes der Alten Breslauer Burschenschaft (spätere Raczeks) kam es 1867 zu einem Besuch der sieben Jahre zuvor gegründeten Akademischen Burschenschaft Carolina zu Prag. Durch einen spontanen Austausch der Bänder unter den Aktiven der beiden Bünde wurde ein knapp 140-jähriges Bruderverhältnis zu den Carolen geschaffen, welches bis in die Gegenwart hinein Bestand hat. Genauso wie die Raczeks für Breslau sind die Carolen die älteste noch bestehende Prager Studentenverbindung.

Kaiserreich mini|Die Breslauer Burschenschaften Arminia, Germania und Raczeks als Mitglieder der Deutschen Burschenschaft (1915) Mit dem Entstehen des kleindeutschen Kaiserreichs wurden die Burschenschaften „sesshaft“. Bis 1930 hatten drei Breslauer Burschenschaften ihre eigenen Häuser, von denen heute keines mehr steht. So hatten die Raczeks ihr Verbindungshaus in der Herzogstraße 2,Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 29. die Arminen ihres seit 1925 auf der Vorderbleiche 2. Für die vierte hatte wohl die Zeit bis zur Auflösung der Burschenschaften 1935 nicht mehr zum Hauserwerb gereicht. Diese Breslauer Burschenschaft Cheruskia war 1876 aus einer allgemeinen Korporation entstanden, nahm 1879 die Mitglieder der soeben aufgelösten Landsmannschaft Posnania auf und deren Farben weiß-rot-schwarz an. 1882 wurde sie als vierte Breslauer Burschenschaft in den Allgemeinen Deputierten-Convent aufgenommen. In der Folge länger suspendiert (1892–1896, 1900–1910), hatte sie sich 1910 mithilfe von Stützburschen an der Technischen Hochschule Breslau wiederbegründet und dem Rüdesheimer Verband deutscher Burschenschaften angeschlossen.Hans-Joachim Kempe: Hier tranken und sangen die Raczeks froh über hundert Jahr. In: Burschenschaftliche Blätter, 110. Jg. (1995), H. 2, S. 89. Mit diesem trat sie 1919 der Deutschen Burschenschaft bei. Seit 1932 hatte die Cheruskia ihr Bundesheim in der Straße Am Weidendamm 1.Hans-Joachim Kempe: Hier tranken und sangen die Raczeks froh über hundert Jahr. In: Burschenschaftliche Blätter, 110. Jg. (1995), H. 2, S. 91. 1933 schloss sie sich dem Rheinischen Ring, einem 1920 begründeten Kartell technischer Burschenschaften in der DB, an.

Die politische Grundhaltung der reichsdeutschen Burschenschaften im Kaiserreich war weder liberal noch völkisch, sondern apolitisch-national. Die überwiegende Mehrheit teilte diesen Grundkonsens, der sich seit 1864 herauskristallisiert hatte. Dieser integrative Nationalismus war sowohl nach links für das ältere liberale als auch nach rechts für das neuere völkische Gedankengut offen. Liberale wie völkische Tendenzen wurden zwar toleriert, konnten sich aber nicht durchsetzen. Dieser Umstand führte bei den deutschnational geprägten Burschenschaftern Österreichs für Irritationen. So musste der zuvor bei Teutonia Wien aktiv gewesene Albert Niedermeyer (Raczeks 1912) feststellen, dass bei den Breslauer Burschenschaften ein mehr liberaler Geist, teils mehr nationalliberal, teils sogar zum demokratischen Freisinn neigend, herrschte:

Weimarer Republik