Die Musiktherapie (von musikē „Musik“ und therapeia „Dienst, Pflege, Heilung“) ist eine eigenständige Heilmethode. Durch gezielten Einsatz von Musik oder ihrer Elemente soll in der Musiktherapie therapeutische Wirkung erzielt werden. Musiktherapie dient der Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung psychischer und körperlicher Gesundheit.

Geschichte Durch ihre Fähigkeit, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen, war Musik schon früh mit Heilung und Wohlbefinden verbunden. Gesänge, Klänge und Rhythmen dienten, magisch verstanden, auf frühen Kulturstufen zur Vertreibung von Krankheit(sdämonen).Werner Friedrich Kümmel: Musik und Medizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1018. Bis in die frühe Antike hinein wurden durch das gezielte Versetzen in Trance die Götter beschworen und Dämonen vertrieben. In der klassischen Antike ging man davon aus, dass sich kranke Menschen in Unordnung befinden und durch die Hilfe von Musik die geistige und seelische innere Harmonie wiederhergestellt werden kann. Auch im Alten Testament gibt es einen Hinweis auf den Einsatz von Musik zur Heilung von Krankheiten. In der Renaissance gewann der Zusammenhang von Affekten, vor allem der Melancholie, und Musik an Interesse.

Schon im Alten Testament wird berichtet, wie ein „böser Geist“ von Saul wich, wenn er Zithermusik hörte;1. Sam. 16, 14-23 der römische Arzt Celsus schlug „Musikstücke, das Getön von Becken und Getöse“ vor, um Kranke von ihren traurigen Grübeleien abzubringen. Seit dem 9. Jahrhundert gibt es Berichte arabischer Gelehrter über die Wirkung der Musik auf den Menschen und die Möglichkeiten der Heilung durch Musik. Ein Arzt am Hof des abbasidischen Kalifen al-Ma'mūn erwähnte um 800 die therapeutische Anwendung von Musik auf Geisteskranke. Der arabische Arzt Haly Abbas (ʿAli ibn al-ʿAbbās, gestorben 944) behandelte Schmerzen von Kleinkindern mit Musik und brachte sie so zum Einschlafen. Gegen Fieber aus Traurigkeit und gegen Melancholie empfahl er lieblichen Gesang und die Kastenleiern Kithara und Lyra. In dem von Sultan Qalawun gestifteten und 1284 fertiggestellten Krankenhaus in Kairo waren Musiker angestellt, um die Kranken in schlaflosen Nächten zu trösten.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 36–38. Außerdem wurden in der Blütezeit des Osmanischen Reiches als Heilmethode auch Makame genutzt. Für insgesamt zwölf Makame sind die genaue Indikation und Anwendung beschrieben. Wichtige historische Quellen dafür sind Evliya Çelebi im 17. Jahrhundert und weitere osmanische Handschriften. Auch die in der klassischen persischen Musik traditionelle verwendeten zwölf, dort Dastgah und Awaz genannten Makamen wurden entsprechend ihrer unterschiedlichen emotionaler Charaktere entsprechend nicht nur den zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, sondern auch den (vier) Körpersäften und wurden so („humoralpathologischen) Verstimmungen“ der Menschen therapeutisch entgegengesetzt wirkend eingesetzt.Jean During, Zia Mirabdolbaghi, Dariush Safvat: The Art of Persian Music. Mage Publishers, Washington DC 1991, ISBN 0-934211-22-1, S. 77 f.

Marsilio Ficino (in seiner Diätetik) und François Rabelais gingen von einer heilenden Musikwirkung aus.August Buck: Die Medizin im Verständnis des Renaissancehumanismus. In: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Acta humaniora der Verlag Chemie GmbH, Weinheim 1984 (= Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 181–198, hier: S. 192. In Renaissance und Barock stand die Regulation des Blutes durch Schwingungen im Blickpunkt. In der Romantik wandelte sich das klassische medizinische Bezugssystem der Musik hin zum psychologisch ausgerichteten Schwerpunkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden so verschiedene musiktherapeutische Richtungen und Schulen.

Definition Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft e. V. sieht Musiktherapie als „eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin“, die in enger Wechselwirkung mit Medizin, Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik steht. Ihrem Wesen nach ist Musiktherapie als psychotherapeutisch zu charakterisieren – in Abgrenzung zu pharmakologischer und physikalischer Therapie. Musiktherapeutische Methoden folgen gleichberechtigt tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutisch-lerntheoretischen, systemischen, anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen.

Wormit formuliert den Sachverhalt der Ansätze wie folgt: „Trotz der Notwendigkeit empirisch überprüfter Behandlungskonzepte und Wirkprinzipien der Musik, steht ein schulenorientiertes und neuerdings eklektisches Denken in der deutschen Musiktherapie im Vordergrund.“

Im Weiteren zählt Wormit folgende „Schulen“ bzw. Verfahren der Musiktherapie auf:

integrative Musiktherapie (Müller & Petzold, 1997; Frohne-Hagemann, 2001) ist eine von mehreren kreativen, in sich eigenständigen Methoden der Integrativen Therapie, einem tiefenpsychologisch und psychodynamisch ausgerichteten psychotherapeutischem Verfahren mit einem phänomenologischen und tiefenhermeneutischen Ansatz. Verhaltenszentrierte Musiktherapie (Mastnak, 1994; Hanser & Mandel, 2005) arbeitet mit Konzepten aus der Verhaltenstherapie. Musik wird aktiv sowie rezeptiv eingesetzt als Verstärker. Bei der schöpferischen Musiktherapie (Nordoff-Robbins, 1975) steht der Mensch und seine natürlichen künstlerischen Potentialen im Mittelpunkt. Orff-Musiktherapie (Gertrud Orff, 1985; Voigt, 2001) neurologische Musiktherapie (Thaut u. a., 2004; Thaut, 2005) musikmedizinische Therapie (Spintge & Droh, 1992; Spintge, 2001). Der Begriff MusikMedizin taucht erstmals in der deutschsprachigen Fachliteratur der 70er Jahre auf. Initiiert wurde dieser Begriff primär von Medizinern, die ihre musikalischen Kenntnisse zumeist eher individual-experimentell bei bestimmten Patientengruppen anwandten. Ausschließlich im Bereich der Analgesie und Anxiolyse entwickelte sich eine wissenschaftlich fundierte Interventionsform. Als Forschungs- und Anwendungsbereich ist die Musikmedizin nur insofern von der Musiktherapie zu trennen, als der Anwendungsbereich alle medizinischen Fächer eben meist therapeutisch betrifft. regulative Musiktherapie (Schwabe & Röhrborn, 1996; Schwabe 2004) gründet zum Teil auf Erkenntnissen aus der Paradoxalen Therapie (Watzlawick). Guided Imagery and Music Psychotherapie (Bruscia & Grocke, 2002; Geiger & Maack 2010; Frohne-Hagemann, 2014) ist ein Verfahren der rezeptiven Musik-Psychotherapie, das überwiegend als Einzelbehandlung durchgeführt wird. musiktherapeutisches Entspannungstraining nach [Bolay] & Selle (1982). Decker-Voigt (1996) erwähnt im Lexikon Musiktherapie auch die Systemische Therapie als Einflussfaktor: systemisch ausgerichtete Ansätze beziehen in der psychotherapeutisch verstandenen Musiktherapie das soziale Umfeld als Mitgestalter von Gesundheit und Krankheit mit ein. Seither wurden systemische Konzepte für die Musiktherapie entwickelt (Zeuch u. a., 2004). Auf der psychologischen Morphologie, einem mit der Gestalttherapie und der Psychoanalyse verwandten Ansatz, gründet der musiktherapeutische Ansatz von Rosemarie Tüpker und Eckhard Weymann.

Musiktherapie kann generell in zwei unterschiedlichen Settings erfolgen:

Das erste wird als Einzelmusiktherapie bezeichnet, in dieser Form arbeiten Therapeut und evtl. Co-Therapeut mit einem Patienten. Die zweite Art wird Gruppenmusiktherapie genannt. Hierbei geht es um die Bedürfnisse, in Abgrenzung zur Einzelmusiktherapie, mehrerer Patienten.

Eine weitere Aufteilung, die sich insbesondere in der deutschen Überblicksliteratur zur Musiktherapie nach 1950 findet, ist die zwischen aktiver und rezeptiver Musiktherapie.Musiktherapie. In: Brockhaus-Riemann Musiklexikon. Band 3, 187Hans-Helmut Decker-Voigt: Aus der Seele gespielt. Eine Einführung in die Musiktherapie. München 1991. Die Unterscheidung bezieht sich auf den Aspekt der musikalisch-gestaltenden Teilnahme des Patienten innerhalb der Therapie. Sie wird aber „durch vielerlei Überschneidungen konterkariert“, so dass sie zunehmend an Bedeutung verloren hat.Rosemarie Tüpker: Die therapeutische Nutzung von Musik: Musiktherapie. In: Helga de la Motte-Haber; Günther Rötter (Hrsg.): Handbuch Musikpsychologie. Laaber-Verlag, 2005, S. 339. In den Kasseler Thesen zur Musiktherapie, mit denen eine gemeinsame Definition aller Fachverbände Musiktherapie in Deutschland gefunden wurde, taucht sie nicht mehr auf.Kasseler Thesen (PDF) Eine Zuordnung der beiden Formen zu verschiedenen Anwendungsgebieten ist aufgrund vielfältiger Überschneidungen in der Praxis nicht mehr möglich.Manfred Kühn; Rosemarie Tüpker: Musiktherapie. In: Hans Müller-Braunschweig, Niklas Stiller (Hrsg.): Körperorientierte Psychotherapie. Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-540-88803-1, S. 246f.

Rezeptive Musiktherapie Rezeptive Musiktherapie meint „das Hören und Erleben von Musikstücken verschiedener Genres mit therapeutischer Zielsetzung.“Isabelle Frohne Hagemann: Rezeptive Musiktherapie: In: Hans-Helmut Decker-Voigt, Eckhard Weymann: Lexikon Musiktherapie. 2., überarb. und erw. Auflage. Hogrefe, 2009, S. 411. Das Rezipieren von Musik ist ein aktiver Vorgang, weil ein Hörer die Musik aktiv mit vollzieht und erlebt. Der Patient kann Musik vom Tonträger hörend erleben und berichtet anschließend über sein Erleben. Möglich ist auch, dass der Therapeut für den Patienten oder eine Gruppe von Patienten live auf einem Instrument spielt. Dabei sind Übergänge zu einer Aktivität des Patienten möglich, etwa, wenn der Therapeut dabei auf den Atemrhythmus eines komatösen oder geschwächten Patienten achtet. In der rezeptiven Musiktherapie als Psychotherapie wird durch das intensive Wahrnehmen und Erleben der Musik die Introspektion, auch die Selbstwahrnehmung gefördert. Biografisch bedeutsame Musik oder sorgsam zusammengestellte Musikprogramme wie in Guided Imagery and Music üblich können Ressourcen aktivieren, aber auch Konflikte bewusst machen.

In der Musikmedizin werden rezeptive Formen der Musiktherapie zur Entspannung und Beruhigung eingesetzt, z. B. vor oder nach medizinischen Eingriffen.Ralph Spintge, Roland Droh (Hrsg.): Musik in der Medizin. Neurophysiologische Grundlagen, klinische Applikationen, geisteswissenschaftliche Einordnung. Springer-Verlag, Berlin / New York 1978. Die Wirkung der Musik wird dabei sehr von der Musikpräferenz beeinflusst, die von musikalischer Biografie, Alter, Sozialstatus, Hörsituation etc. beeinflusst wird. Besonders ausgearbeitete rezeptive Methoden sind die Regulative Musiktherapie nach Christoph SchwabeChristoph Schwabe: Regulative Musiktherapie. Gustav-Fischer-Verlag, Jena 1979. und die Guided Imagery and Music (Geiger & Maack, 2010, Frohne-Hagemann, 2014).

Aktive Musiktherapie