Als vicus Bonnensis wird die zivile römische Siedlung (lat. vicus) im Bereich des heutigen Bonner Stadtteils Gronau bezeichnet, die südlich des Legionslagers von Bonn (lat. castra Bonnensia) und des umgebenden Lagerdorfes (lat. canabae legionis) entstand. Ihre Blütezeit erstreckte sich vom 2. in das 3. Jahrhundert n. Chr. Nach dem derzeitigen Forschungsstand wurde die Siedlung gleichzeitig mit den castra Bonnensia von den Römern errichtet. Schätzungen gehen davon aus, dass in dieser Zeit in Bonn bis zu 10.000 Menschen lebten. Der Kern der Siedlung befand sich auf dem Gebiet westlich des Bundeshauses. Der antike Name der Siedlung ist nicht überliefert.

Geschichte Ausgrabungen auf dem Gebiet des Vicus Seit 1850 wurden zahlreiche kleine, verstreute Fundmeldungen von Privatpersonen oder Bauunternehmen aufgenommen und untersucht. Die Archäologen gingen bisher nur von dorfähnlichen Ansiedlungen aus. Die ersten größeren Funde, die auf eine konzentrierte Siedlung hinwiesen, gab es z. B. beim Bau des Hauses der Geschichte an der Adenauerallee im Jahre 1989. Hier wurden unter anderem Teile des Kellers eines Wohnhauses freigelegt, die heute im Kellergeschoss des Museums zu betrachten sind. Vieles wurde jedoch vor allem in der Nachkriegszeit durch verschiedene Baumaßnahmen unbeachtet zerstört. Dies geschah nicht mutwillig, sondern hatte besonders mit der Schwierigkeit des Erkennens von Anzeichen und der Identifizierung von Funden während der Bauarbeiten zu tun.

Vom 2. Mai bis 31. Oktober 2006 fand im Zentrum des vicus an der heutigen Dahlmannstraße die größte zusammenhängende Ausgrabung statt, die bis heute in einem römischen vicus in Deutschland unternommen wurde. Die Ausgrabungen mussten bereits im Oktober abgeschlossen werden, da an dieser Stelle ein neues Kongresszentrum und ein Hotel entstehen. Die Kosten für die Ausgrabung und die archäologische Untersuchung des Areals wurden durch den Investor, die „SMI Hyundai Corporation“, getragen. Die statischen Funde werden bis auf einige wenige, die geborgen werden können, bei den Baumaßnahmen für das Kongresszentrum zerstört werden. Nach Abschluss der durch knapp 50 Spezialisten des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege durchgeführten Ausgrabung fanden sechsmonatige Untersuchungen der gesammelten Funde und Daten statt.

Lage mini|Das römische Bonn – orange markiert – im Süden der vicus Der Vicus und seine Lage wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und sind seitdem rechtskräftig als „ortsfestes Bodendenkmal“ geschützt.Denkmalliste der Stadt Bonn, Nummern B 23, B 29 und B 32.

Der Bonner vicus befand sich zu römischer Zeit auf einem leicht erhöhten Plateau an der römischen Rheintalstraße. Die Siedlung lag in Prallhanglage unweit des Rheins, jedoch nicht direkt am Fluss. Die erhöhte Lage bot zu römischer Zeit einen offenen Blick auf den Rhein. Im Zentrum erstreckte sich ein großer öffentlicher Platz. Im Norden wurde der vicus durch einen natürlichen Geländeeinschnitt begrenzt, der zum Rhein hin abfiel. Er soll als Zugang zum Fluss gedient und wahrscheinlich zu einem Hafen geführt haben.Focus online (vom 17. August 2006). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Graben zur Erschließung des Geländes als Bauland vollkommen eingeebnet. Die Straße führt nach Westen rechtwinklig zur Hauptverkehrsachse der Region in römischer Zeit – der heutigen Bundesstraße 9/Adenauerallee – die zentral durch den vicus führte.

Insgesamt erstreckte sich die Siedlung über ein Gebiet von ca. 80 ha. Das Ausgrabungsgelände des Jahres 2006 westlich und östlich der Dahlmannstraße deckt bloß eine Fläche von 3,7 ha ab. Große Teile der Siedlung sind in den vergangenen Jahrzehnten durch Baumaßnahmen zerstört worden. Meldungen durch Privatpersonen und Bauunternehmen über Funde im Bereich des vicus gab es seit 1850 verhältnismäßig selten. Die tatsächlichen Ausmaße der Siedlung war den Archäologen bis zu Beginn der Ausgrabungen nicht bekannt. Jürgen Kunow, der Leiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege, äußerte sich, während er die Funde im August 2006 präsentierte, so: „Wir haben weit mehr gefunden, als wir überhaupt erwartet hatten. So hat sich für uns noch nie das Leben der römischen Bürger am Rhein präsentiert.“

Gestaltung des vicus mini|Grabungsgebiet – im Hintergrund das Bundeshaus Der Bonner vicus entwickelte sich vor allem entlang der Hauptverkehrsachse (Rheintalstraße), die am Rhein entlang von Köln über das Legionslager in Bonn nach Koblenz führte. Sie verläuft im Bonner Bereich ungefähr identisch mit der heutigen B 9. Der vicus bildete sich in Höhe der heutigen Adenauerallee. Auf beiden Seiten der Straße verliefen überdachte Fußgängerwege (lat. Portikus), hinter denen sogenannte „Streifenhäuser“ lagen. Dies sind langschmale, giebelständige Fachwerkhäuser. Die einzelnen Grundstücke bestanden aus schmalen, bis zu 300 m langen Parzellen, in deren vorderen Bereichen sich die Häuser befanden. Häufig wurden sie als Verkaufsläden, Kneipen oder Werkstätten genutzt. Dahinter befanden sich die Wohnräume, denen sich ein langer Garten mit Abfallgruben, Brunnen, Latrinen oder handwerklichen Einrichtungen (z. B. Töpferöfen) anschloss. Der Inhalt der Abfallgruben lässt häufig auf das alltägliche Leben und die Berufe der Bewohner schließen.

Von dieser Hauptverkehrsachse gingen zahlreiche kleinere Straßen und Wege ab. Es wurde östlich der Straße auf dem 3,7 ha großen Ausgrabungsgelände an der Dahlmannstraße ein großer öffentlicher Platz gefunden, der wahrscheinlich als Forum diente und das Zentrum der Siedlung bildete. In unmittelbarer Umgebung des Platzes befanden sich vor allem die im Folgenden aufgeführten Bauwerke.

Kernbereiche der Ausgrabung an der Dahlmannstraße Monument mini|Fundamente des Monuments. Im Vordergrund ist die kleine Nische zu sehen. Auf dem höchsten Punkt des Geländes erhob sich zu römischer Zeit ein wahrscheinlich mehrstöckiges Monument, von dem ausschließlich die Fundamente einer rechteckigen Nische (möglicherweise einer Apsis) gefunden wurde, deren Vorder- und Rückseite von imposanten, jedoch nicht mehr erhaltenen Pfeilerreihen gesäumt wurde. Die Öffnung der Apsis, in der sich wahrscheinlich eine oder mehrere Statuen befunden haben, weist zum Rhein hin. Möglicherweise bildeten die rheinseitigen Pfeilerfundamente die Basis für eine Säulenhalle (lat. porticus).

Ungewöhnlich sind die Größe der Säulenfundamente sowie die engen Zwischenräume, die sie bilden. Es wird angenommen, dass der monumentale Bau als symbolische Demonstration römischer Macht für die germanischen Stämme, die auf dem gegenüber liegenden Ufer lebten, dienen sollte. Die genaue Funktion des Baus ist jedoch noch unbekannt.

Die ursprüngliche Länge des Monuments ist nicht bekannt, da es beiderseits durch moderne Baumaßnahmen zerstört wurde.

Ziegelbrennofen mini|Der Ziegelbrennofen. Im Vordergrund liegen Teile der Lochtenne. Im Nordwesten des Monuments befinden sich die Überreste eines aus dem späten 1. oder frühen 2. Jahrhundert stammenden Ziegelbrennofens, der bereits in römischer Zeit stillgelegt und teilweise eingeebnet worden war, um Platz für den großen offenen Platz zu schaffen, der sich hinter dem Monument und südlich des Tempels erstreckte.

Der Ziegelbrennofen besteht aus einem breiten Mittelzug, von dem aus rechtwinklige Seitenzüge ausgehen. Diese verteilten die Heizgase auf die gesamte Fläche des Ofens. Die Gase gelangten durch einen mit Löchern versehenen Lehmboden (eine sogenannte Lochtenne), auf dem das Brenngut gestapelt wurde, in den oberen Teil, der von einer Kuppel abgedeckt war. Im hinteren Teil der Anlage befindet sich eine Arbeitsgrube, von der aus der Ofen betrieben wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ofenanlage wurde ein rechteckiger Schacht gefunden, dessen Bedeutung bisher unbekannt ist.

Der Ziegelbrennofen diente zur Herstellung von verschiedenen Arten von Baukeramik (z. B. Dachziegeln oder Mauerziegeln). In der Nähe des Ofens wurden noch ungebrannte Ziegel gefunden. Der Ofen entstand bereits sehr früh und nutzte das Rohmaterial aus den Lehmgruben im Westen des Ausgrabungsareals, bis diese in Abfallgruben umgewandelt wurden. Eingeflossene Sedimente deuten auf eine zwischenzeitliche Stilllegung des Ofens hin. Er wurde später wiederhergestellt und weiter betrieben, bis er dem öffentlichen Platz der Siedlung weichen musste.

Gallo-römischer Umgangstempel mini|links|Die Ausbruchgräben der Fundamente des gallo-römischen Umgangstempels Unmittelbar im Westen des Ziegelbrennofens befindet sich ein kleiner gallo-römischer Umgangstempel. Es sind nur noch Teile der Ausbruchgräben der Fundamente erhalten, die sich als dunkle Streifen vom umliegenden Boden abheben. Ursprünglich besaß der Tempel eine quadratische Grundfläche von ca. 10 m × 10 m. Der nördliche Teil ist jedoch durch eine moderne Baumaßnahme vernichtet worden. Im Zentrum des Tempels befand sich eine kleine turmartige cella, in der ein Götterbild stand. Die cella wurde von einer einzelnen Säulenreihe umgeben, die ein Pultdach trug. Außerdem umgab den Tempel in geringem Abstand eine Mauer, die den heiligen Bezirk abgrenzte.

Welcher Gott in diesem Tempel verehrt wurde, ist unklar. Aufgrund der Form wird bisher zumindest ausgeschlossen, dass es der römische Gott Iuppiter war. Des Weiteren wird vermutet, dass die Steine des Tempels im Mittelalter als Baumaterial für andere Gebäude genutzt wurden. Daher blieben nur die Ausbruchsgräben und ausschließlich geringe abgebröckelte Teile der Fundamente erhalten.

Gräberfunde Der kurze vom Tempel zum Badegebäude hinabführende Hang weist auf einen Weg hin, der den Besuchern des Tempels diente. Diese Vermutung wird durch den Fund von drei nebeneinander liegenden Tuffkistengräbern und einem Ziegelplattengrab sowie der Fundlage zahlreicher Metallfunde im östlichen Hangbereich gestützt. Unter den Grabbeigaben befand sich auch eine kleine Bronzestatuette eines Genius aus dem späten 1. Jahrhundert und Münzen vor allem aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr.

Römisches Badegebäude mini|Im Hintergrund ist der Boden der Fußbodenheizung zu erkennen. Rechts sieht man die Überreste eines Beckens. Im Norden des Ausgrabungsareals befand sich ein 200 m² großes, öffentliches römisches Bad. Die Größe des Bades lässt darauf schließen, dass es der Öffentlichkeit diente und nicht privat genutzt wurde. Das Heiß- und das Laubad (lat. caldarium und tepidarium, jeweils 6 × 5 Meter) sind klar identifizierbar. Es wird vermutet, dass der leicht erhöhte Raum im Südosten des Bads das Kaltbad (lat. frigidarium) darstellte. Von den Becken selbst ist nur ein kleiner Teil erhalten geblieben. Der Rest der Anlage wurde aufgrund der tieferen Lage und der stark verrußten Böden und Wände als der beheizbare Unterbau identifiziert. Diese Fußboden- und Wandheizung (Hypokaustanlage) beheizte von den praefurnien aus die Räume des Heiß- und Laubades. Die Wärme drang durch Hohlziegel an den Wänden nach oben ein. Das Wasser selber wurde außerhalb in Wasserbehältern erhitzt und über Bleirohre in die Becken geleitet.

Es sind auch noch Spuren der in regelmäßigen Abständen aufgestellten Stützen zu finden, die den Boden der Baderäume trugen. Der Boden ist im Laufe der Zeit in großen Platten in sich zusammengebrochen. Die Archäologen konnten zusammenhängende Mauerreste mit einer Höhe von bis zu 1,5 Meter und einer Stärke von bis zu einem Meter freilegen. Es ist die bis zum Zeitpunkt der Ausgrabungen dritte vollständig erhaltene Therme Nordrhein-Westfalens.

Erhaltung des Badegebäudes Da an der Stelle der Badeanlage das neue Hotel entstanden ist, wäre das Badgebäude durch die neuen Fundamente vollständig zerstört worden. Daher wurde die Umsetzung der römischen Überreste angestrebt. Die etwa 30 Tonnen schwere Anlage ist nun in ein luxuriöses Fitness- und Wellnesscenter im Untergeschoss des neuen Hotels integriert. Sie wird zukünftig auch für die Öffentlichkeit durch eine Glasdecke zu besichtigen sein.