mini|Hans Pfitzner, Foto von Wanda von Debschitz-Kunowski, 1910 Hans Erich Pfitzner (* 5. Mai 1869 in Moskau; † 22. Mai 1949 in Salzburg) war ein deutscher Komponist, Dirigent und Autor theoretischer und politischer Schriften, oft mit dezidiert antisemitischer Zielrichtung.

Leben mini|Saalhof um 1900, Domizil des Hoch’schen Konservatoriums von 1878 bis 1888

Hans Pfitzner wurde als Sohn des am Leipziger Konservatorium ausgebildeten Orchester-Violinisten und MusikdirektorsHans Schnoor: Geschichte der Musik. Bertelsmann, Gütersloh 1954, S. 596 f. Robert Pfitzner (1825–1904) und dessen Ehefrau Wilhelmine Pfitzner, geb. Reimer (1841–1924), geboren.Johann Peter Vogel: Pfitzner. Leben, Werke, Dokumente. Atlantis, Zürich 1999. Seine Eltern siedelten mit ihm 1872 nach Frankfurt am Main um. Pfitzner erhielt von seinem Vater ersten Musikunterricht. Im Alter von elf Jahren komponierte er 1880 seine ersten Werke, und 1884 entstanden die ersten überlieferten Lieder.Hans Pfitzner im Lied-Portal auf gmg-bw.de. Siehe Abschnitt Lieder ohne Opuszahl (chronologisch).

Von 1886 bis 1890 studierte Pfitzner am Frankfurter Hoch’schen Konservatorium Komposition bei Iwan Knorr und Klavier bei James Kwast. Zu dieser Zeit wurde er Mitglied der Sängerschaft St. Pauli, die zur Deutschen Sängerschaft gehörte.H. Loennecker: „…Boden für die Ideen Adolf Hitlers auf kulturellem Felde gewinnen.“ Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und die deutsche Akademikerschaft. www.burschenschaftsgeschichte.de, 2003 (PDF; 188 kB), aufgerufen am 8. Mai 2025. Er unterrichtete von 1892 bis 1893 Theorie und Klavier am Koblenzer Konservatorium. 1894 nahm er einen Posten als unbezahlter Kapellmeister am Stadttheater in Mainz an.Reinhard Ermen: Hans Pfitzner. In: Hanns-Werner Heister, Walter-Wolfgang Sparrer (Hrsg.): Komponisten der Gegenwart. edition text+kritik, München 1992 ff. 1895 wurden dort die ersten größeren Werke Pfitzners uraufgeführt, die Oper Der arme Heinrich und die Schauspielmusik zu Das Fest auf Solhaug von Henrik Ibsen.

1897 zog Pfitzner nach Berlin um und wurde Lehrer für Komposition und Dirigieren am Stern’schen Konservatorium. 1899 heirateten Hans Pfitzner und Mimi Kwast, eine Tochter seines ehemaligen Klavierlehrers. Der Ehe entstammten die Söhne Paul (1903–1936) und Peter (1906–1944) und die Tochter Agnes (1908–1939). Das 1911 geborene vierte Kind Johannes starb gleich nach der Geburt.Johann Peter Vogel: Pfitzner. Leben, Werke, Dokumente. Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich/Mainz 1999, S. 72.

mini|Hans Pfitzner, 1905 Die Uraufführung von Pfitzners zweiter Oper Die Rose vom Liebesgarten fand 1901 im Stadttheater am Brausenwerth (heute zu Wuppertal) statt.MGG. Bd. 10, S. 1170; Digitale Bibliothek 4, S. 59.315. An der Wiener Hofoper wurde die Oper 1905 unter der Leitung von Gustav Mahler nachgespielt.

1903 wurde Pfitzner erster Kapellmeister am Berliner Theater des Westens. Von 1907 bis 1908 war er Dirigent des Kaim-Orchesters in München. 1908 zog die Familie nach Straßburg. Pfitzner leitete dort das Städtische Konservatorium und die Sinfoniekonzerte der Straßburger Philharmoniker. Gleichsam als Regisseur wirkte er an der Straßburger Oper, deren musikalische Leitung er 1910 übernommen hatte. 1913 erfolgte seine Ernennung zum Professor.

Im Ersten Weltkrieg meldete sich Pfitzner 1915 freiwillig zum Militär, wurde aber zurückgestellt.Jost Hermand: Glanz und Elend der deutschen Oper. Böhlau Verlag, Köln/Weimar 2008, S. 166.

1917 wurde im Münchner Prinzregententheater unter Bruno Walter die „Musikalische Legende“ Palestrina uraufgeführt, die als Pfitzners bedeutendstes Werk gilt. Im Mittelpunkt des vielschichtigen Dramas um Giovanni Pierluigi da Palestrina steht das in die Renaissancezeit übertragene Spannungsverhältnis zwischen der Autonomie des Kunstwerks und Künstlers einerseits und den Forderungen der Gesellschaft andererseits.

Nach der Rückgabe von Elsass-Lothringen an Frankreich zog Pfitzner 1919 nach Unterschondorf am Ammersee. 1919/1920 war er vorübergehend Dirigent der Münchner Philharmoniker. 1920 wurde er Leiter einer Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste. 1921 komponierte er seine romantische Kantate Von deutscher Seele nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, 1922 das Klavierkonzert Es-Dur.

Nachdem er sich 1923 einer Gallenoperation hatte unterziehen müssen, besuchte ihn Adolf Hitler im Krankenhaus.Joseph Wulf: Musik im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Ullstein, Frankfurt am Main 1983, S. 335. Im selben Jahr komponierte er das Violinkonzert h-Moll op. 34, das er der Geigerin Alma Moodie widmete, 1925 das Streichquartett cis-Moll. 1926 starb seine Frau Mimi.

Die Feiern und Ehrungen zu seinem 60. Geburtstag 1929 brachten Pfitzner noch einmal große öffentliche Anerkennung. Im selben Jahr erhielt er einen Lehrauftrag an der Staatlichen Akademie der Tonkunst in München und verlegte seinen Wohnsitz nach München. 1930 komponierte er die Chorfantasie Das dunkle Reich, eine Trauermusik nach Gedichten von Michelangelo, Goethe, Conrad Ferdinand Meyer und Richard Dehmel. 1930/1931 schrieb er seine letzte Oper Das Herz, uraufgeführt am 12. November 1931 in der Berliner Staatsoper in eigener Inszenierung und unter musikalischer Leitung von Wilhelm Furtwängler. 1932 arbeitete er das Streichquartett cis-Moll (1925) zur Sinfonie um. 1934 wurde er an der Staatlichen Akademie der Tonkunst pensioniert, wobei es aufgrund seiner überzogenen Alterssicherungsforderungen zu Auseinandersetzungen mit dem preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring kam.Jens Malte Fischer: Hans Pfitzner und die Zeitgeschichte. Ein Künstler zwischen Verbitterung und Antisemitismus. In: Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2002. 1936 starb sein Sohn Paul. Im folgenden Jahr überwarf sich Pfitzner mit seinen Kindern Peter und Agnes.

1939 waren die Feiern und Ehrungen zu Pfitzners 70. Geburtstag weit weniger spektakulär als zehn Jahre zuvor. Seine depressive Tochter Agnes, die an dem Ende ihrer Beziehung zu einem SS-Offizier litt und das Gefühl hatte, als Assistenzärztin zu versagen, nahm sich zwei Wochen nach den Feierlichkeiten mit Zyankali das Leben. Pfitzner reagierte verständnislos.Sabine Busch: Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus. Metzler, Stuttgart 2001, S. 222. Der Verlust seiner Tochter und die Entfremdung von seinem Sohn Peter dürfte den zunehmend unleidlichen Charakter PfitznersEine Anfrage der Gauleitung München wegen einer politischen Beurteilung der Person Pfitzners wurde von einer Dienststelle der NSDAP am 20. Februar 1940 beantwortet. Darin finden sich Hinweise auf seinen Charakter: „Prof. Dr. Pfitzner schließt sich sehr ab und ist deshalb wenig bekannt, auch ist er sehr viel abwesend. Er wird als mürrischer Mensch geschildert, der mit seinen Angestellten und den Musikern barsch umgeht.“ Zitiert nach Joseph Wulf: Musik im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Ullstein, Frankfurt am Main 1983, S. 341. erheblich mitgeprägt haben. Im Dezember 1939 ging Pfitzner eine zweite Ehe mit Mali Stoll geb. Soherr (1893–1963)Mali Pfitzner bei WorldCat. ein. 1942 entgingen Pfitzner und seine Frau bei einem Bombenangriff in der Nähe von Nürnberg dem Tod, obwohl der Schlafwagen, in dem sie sich auf einer Fahrt befanden, völlig zerstört wurde. 1943 wurde sein Wohnhaus in München durch Bomben getroffen und er siedelte nach Wien-Rodaun über. 1944 fiel sein zweiter Sohn Peter in Russland. Damit hatte der Komponist alle seine Kinder verloren.

mini|Ehrengrab von Hans Pfitzner am Wiener Zentralfriedhof Pfitzner floh 1945 nach Garmisch-Partenkirchen, wo er in einer Flüchtlingsunterkunft unterkam. Im Jahr darauf zog er in ein Altersheim in München-Ramersdorf. 1948 wurde er im Rahmen der Entnazifizierung von der Spruchkammer München als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft. Zu dieser Untersuchung waren unter anderem Ehrenerklärungen von den Komponisten und Dirigenten Walter Braunfels, Hans Franke, Hans Knappertsbusch, Hans Rosbaud, Arnold Schönberg und Bruno Walter eingegangen, ebenso von Alma Mahler-Werfel und Carl Zuckmayer.Sabine Busch: Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus. Metzler, Stuttgart 2001, S. 332–363.

Im Oktober 1948 erlitt Pfitzner einen Schlaganfall, von dem er sich noch einmal erholte. Im Februar 1949 nahm er in Wien an den Proben und der ersten Nachkriegs-Aufführung des Palestrina teil. Die Wiener Philharmoniker boten ihm eine Wohnung im Kustodenstöckl im Belvedere an, wo Anton Bruckner sein letztes Lebensjahr verbracht hatte. Pfitzner war nicht abgeneigt, sich wieder in Wien niederzulassen, aber dazu kam es nicht mehr. Auf dem Weg zu Feiern anlässlich seines 80. Geburtstags in seiner Heimatstadt Frankfurt erlitt er in Salzburg seinen zweiten Schlaganfall. An seinem Geburtstag am 5. Mai erlebte er noch eine Aufführung seiner C-Dur-Sinfonie im Mozarteum. Am 22. Mai starb er in Salzburg. Drei Tage später fand eine Trauerfeier im Mozarteum statt. Obwohl er in seinem Testament den Wunsch festgehalten hatte, auf dem Friedhof von Schondorf neben seiner ersten Frau Mimi bestattet zu werden, veranlassten die Wiener Philharmoniker seine Beisetzung in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14 C, Nummer 16).Michael Schwalb: Hans Pfitzner. Komponist zwischen Vision und Abgrund. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2016, Kapitel Abschied.

Musikalisches Werk und Rezeption

Pfitzners Werk vereint romantische und spätromantische Elemente mit ausgedehnter thematischer Arbeit, stimmungsstarker Musikdramatik und kammermusikalischer Intimität. Sie stellt einen eigenartigen Ausläufer der klassisch-romantischen Tradition dar, deren konservative Musikästhetik und Allgemeingültigkeit Pfitzner auch in seinen Schriften gegen zeitgenössische Richtungen vehement verteidigte.dtv-Atlas zur Musik – Tafeln und Texte. Bd. 2: Historischer Teil: Vom Barock bis zur Gegenwart. Deutscher Taschenbuch Verlag und Bärenreiter Verlag, München 1985, S. 517.Brockhaus-Riemann Musiklexikon. Bd. 2. F. A. Brockhaus, Wiesbaden und B. Schott’s Söhne, Mainz 1979, S. 297. Die Werke des inspirationsgläubigen Spät-, ja Postromantikers zeigen große kompositorische Qualitäten und stehen mit manchen grüblerischen Sperrigkeiten einer modernen Tonsprache vielleicht sogar noch näher als von ihrem Schöpfer, nach seinen musikästhetischen Äußerungen zu urteilen, beabsichtigt.Ingo Metzmacher zur modernen Tonsprache Pfitzners im Palestrina: „Das Stück ist so besonders, weil es Pfitzners inneren großen Konflikt darstellt. Nämlich den zwischen der Tradition, die er bewahren wollte, und dem Versuch, etwas zu erneuern, ohne das Erworbene, die große Tradition, die Herkunft preiszugeben. Er hat viel moderner komponiert, als er zugeben wollte.“ In: Warum ein Linker die Musik der Nazi-Zeit dirigiert. In: Welt am Sonntag. 3. Januar 2008. Arthur Honegger schrieb zum Beispiel 1955 in seinem Aufsatz über Pfitzners Palestrina, trotz mancher Kritik an einem allzu polyphonen und bewegten Orchestersatz und teilweise überlangen Proportionen: „Musikalisch ist das Werk mit einer Überlegenheit gestaltet, die Respekt erheischt. […] Die Leitmotive sind klar geformt und ermöglichen es, ihnen leicht zu folgen […]“Arthur Honegger: Palestrina. In: Beruf und Handwerk des Komponisten – Illusionslose Gespräche, Kritiken, Aufsätze. Philipp Reclam jun., Leipzig 1980, S. 55.

mini|hochkant|Hugo Lederer: Büste Hans Pfitzner, 1902