mini|Grundriss

Die Marienkirche war ursprünglich der Maria Magdalena geweiht und ist heute vorrangig gotisch geprägt. Sie ist die Gemeindekirche der Evangelischen Marienkirchengemeinde Hanau.

Lage Die Marienkirche liegt inmitten der Hanauer Altstadt direkt am Deutschen Goldschmiedehaus, das seinerzeit als Rathaus diente, und nahe dem Altstädter Markt. Im mittelalterlichen Hanau waren Turm und Kirche schon von weitem zu sehen.

Mittelalter Ursprünge mini|hochkant|Epitaph der Gräfin Adriana von Nassau

Als Hanau 1303 zur Stadt erhoben wurde, besaß die heutige Wüstung Kinzdorf schon eine romanische Kapelle südlich des damaligen Hanauer Stadtgebietes. Diese erstmals 1316 urkundlich erwähnte Kapelle war viel kleiner als die heutige Kirche und fungierte als Filialkirche der Kinzdorfer Pfarrkirche Unserer Lieben Frauen. Der Pfarrer des Kinzdorfes besaß die geistliche Verantwortung für seine dortige Pfarrkirche, aber auch für die Maria-Magdalena-Kapelle der Stadt Hanau, die Martins-Kapelle in der Burg Hanau und die Elisabeth-Kapelle im Alt-Hanauer Hospital, das in der ersten Hanauer Vorstadt lag. Gemeinsam mit seinen Kaplänen bildete er eine Priestergemeinschaft für die Parochie Hanau. Für 1364 sind fünf Kapläne nachgewiesen.

Pfarrkirche Das Abhängigkeitsverhältnis von der Kinzdorfer Mutterkirche änderte sich 1434: Graf Reinhard II. erwirkte für die Maria-Magdalena-Kapelle pfarrkirchliche Rechte. Er erließ eine Gottesdienstordnung für die Geistlichen, die unter anderem täglich Messen und Vespern an den zahlreichen Altären wahrnahmen. Damit hatte sich der kirchliche Schwerpunkt vom Kinzdorf nach Hanau verlagert. Außerdem stattete der Graf die Priester besser aus und legte dies in einer neu geschaffenen Präsenzordnung fest. Jeder Priester, der die gottesdienstlichen Pflichten an dem ihm zugewiesenen Altar regelmäßig versah (das heißt „präsent“ war), erhielt dafür ein Entgelt. Die Einkünfte der Präsenz – Naturalien oder Geld – bewirtschaftete ein Präsenzverwalter. Die Präsenz besteht noch heute, besitzt Liegenschaften aus altem Pfründenbesitz und unterhält mit deren Einkünften baulich die Marienkirche.

Erste Ausbauphase Reinhard II. vergrößerte und verschönerte die Hauptkirche seiner Residenzstadt und wählte sie als neue Grablege für seine Familie, deren Angehörige zuvor im Kloster Arnsburg bestattet wurden. Seine eigene Beisetzung 1451 machte den Anfang. Bis 1612 blieb der Chor Begräbnisstätte des Hanauer Grafenhauses; die Gräber wurden ins Erdreich unter den Bodenplatten des Chores eingetieft. Ab 1612 fanden die Bestattungen in einer 1602 errichteten, ebenfalls unter dem Chor liegenden Gruft statt.

Ab 1449 ließ Reinhard II. das Kirchenschiff vergrößern und dabei die zuvor einschiffige Kirche dreischiffig erweitern; eine Inschrift über einer zugemauerten Spitzbogentüre, die sich außen an der Südwand des südlichen Seitenschiffes befindet, verweist auf das Jahr der Baubeginns. 1454 wurden die Arbeiten abgeschlossen, worüber eine Jahreszahl über der Türe auf der Nordseite informiert. Die Apsis wurde ebenfalls vergrößert. 1448 begann dem Bau des Turmes, und 1480 entstand eine in Schweinfurt hergestellte erste große Glocke, die 36 Zentner wog und 360 Gulden kostete.

Spätgotischer Chor Bauwerk mini|Netzgewölbe des Chors

Die heute noch prägendste Veränderung der Kirche bewirkte Graf Philipp I. „der Jüngere“. 1485 war er von einer Reise ins Heilige Land mit vielen Anregungen von unterwegs heimgekehrt und gab einen Chor von erstaunlichen Dimensionen in Auftrag, der das angrenzende Kirchenschiff weit überragte. Bei einer Länge von 22 m, einer Breite von 10 m und einer Höhe von 16,4 m besitzt er vier Joche und einen Fünfachtelschluss. Ins Auge fallen die Sockel und Konsolen der Dienste, die den Eckstrebepfeilern auf der Außenseite entsprechen. Früher reich gemeißelt, wurde das Bauwerk 1945 teilweise zerstört und bei der Rekonstruktion mit Bossenwerk gestaltet. Zehn aufstrebende Pilaster nehmen sich netzförmig entfaltenden Rippen auf, die das Gewölbe zieren, und laufen am östlichen Ende in einem Stern zusammen. Dessen Schlussstein zeigt die damalige Kirchenpatronin Maria Magdalena, wie sie vor dem auferstandenen Christus als Gärtner niederkniet, also die Noli-me-tangere-Szene. Die übrigen Schlusssteine sind als gehauene und bemalte Wappen der Familie des Erbauers gestaltet; sie stehen für Philipp I. und dessen Frau Adriana von Nassau-Dillenburg (1449–1477), seinen Vater, den Grafen Reinhard III., seinen Großvater, den Grafen Reinhard II., und seine Mutter, die Pfalzgräfin Margarethe von Pfalz-Mosbach, die ein Wappen der Pfalz symbolisiert. Die seitlichen Punkte der Gewölberippen schmücken kleinere Wappen aus der Verwandtschaft und dem adeligen Umfeld des Hauses Hanau, darunter die der Grafen von Wertheim, Rieneck und Solms.Vgl. dazu: Lübbecke, S. 93f. Die Felder im Netz der Gewölberippen füllen gemalte Ranken und Blüten, umgeben von Strahlen. Der Gesamtentwurf stammt wohl von Siegfried Ribsche; die Ausführung verantwortete Meister Martin, die bildhauerische Arbeit – mindestestens zum Teil – der Steinmetzmeister Hans Merckel aus Babenhausen.Lübbecke, S. 94. Vermutlich war der Chor nur als erster Bauabschnitt gedacht; die schon bald einsetzende Reformation verhinderte eine entsprechende Erweiterung des Kirchenschiffs.

Ausstattung mini|hochkant|Chorstuhlwange mit dem Portät des Grafen Philipp I. von Hanau-Münzenberg

Als 1492 der prächtige Chor vollendet war, beherbergte er fünf Altäre, die Kirche insgesamt neun. Der Hochaltar war Maria Magdalena geweiht und trug eine heute verlorene Tafel des Malers Sebald Fyoll mit der Darstellung der Heiligen. Von dem 1496 gestifteten Chorgestühl haben sich vier Wangen erhalten. Die nördlichen zeigen den Grafen Reinhard IV. (1473–1512) und seiner Gemahlin Katharina von Schwarzburg-Blankenburg (1470–1514); die einzig erhaltene südliche Wange trägt eine Darstellung des Grafen Philipp I. „des Jüngeren“ – mit Errichtungsinschrift – und an der Innenseite das Fragment eines Heiligen Georg. Parallel zur baulichen Erweiterung wurde die Kirche zu einem Kollegiatstift mit insgesamt zwölf Klerikern unter der Führung eines Dechanten erhoben. Philipp I. starb 1500, und nicht weniger als 214 Geistliche sollen der Beisetzung in der unter seiner Obhut erneuerten und vergrößerten Kirche beigewohnt haben.

Glasfenster mini|hochkant|Chorfenster mit dem Hl. Nikolaus, Christus als Gärtner und Maria Magdalena

24 Felder der spätmittelalterlichen Ausstattung mit Buntglasfenstern blieben erhalten. Sie entstanden vermutlich 1497–1499Hess, S. 237. und bedeckten nie die kompletten Fensterbahnen. Nach der ersten Hanauer Reformation wurde der Chorraum profan genutzt, und um für besseres Licht zu sorgen, wurden die äußeren und unteren Buntglasfelder durch weißes Glas ersetzt; nur die Darstellung des Hl. Georg ist eine Ergänzung von 1910 durch Alexander Linnemann.Hess, S. 239. Der „Bildersturm“ beim Wechsel zur reformierten Konfession am Ende des 16. Jahrhunderts verschonte den verbliebenen Bestand an Buntglasfenstern, weil der Chorraum der Marienkirche damals bereits längere Zeit profan genutzt wurde, mit Einbauten versehen war und die Scheiben nicht mehr als religiöse Symbole wahrgenommen wurden.Kenner, S. 38. In der Neuzeit wurden die Scheiben mehrfach restauriert: 1740, 1848/49, 1910, 1951, 1975/76 und zuletzt 2025.Kenner, S. 38f; Hess, S. 237. Ab 1941 – inmitten des Zweiten Weltkriegs – wurden sie ausgelagert.Hess, S. 239. Während der letztgenannten Restaurierung wurden die Scheiben mit einer neuen Schutzverglasung versehen und innerhalb des Fünfachtelschlusses neu angeordnet.Kenner, S. 43. Die ursprüngliche mittelalterliche Anordnung der Fenster ist unbekannt.Vermutungen dazu bei Hess, S. 239.

Von Nord über Ost nach Süd sind folgende Szenen zu sehen: Heilige Sippe;Hess, S. 252. Heiliger GeorgHess, S. 253. / PietàHess, S. 254. (zweibahnig) mit den Wappen der Grafschaft Hanau und der Kurpfalz;Hess, S. 253. Bezug sind Graf Reinhard III. von Hanau (1512–1552) und seine Frau, Margarethe von Pfalz-Mosbach (1432–1457);Hess, S. 254. zentral angeordnet eine dreibahnige Darstellung mit dem auferstandenen Christus als Gärtner in der Mitte, der Kirchenpatronin Maria Magdalena rechts und dem Hl. Nikolaus links;Hess, S. 247. die Szene mit Christus als GärtnerHess, S. 247. und MagdalenaHess, S. 248. nimmt gleichfalls Bezug auf den zentralen Schlussstein des Chorgewölbes und war ursprünglich wohl ebenfalls hier angebracht;Hess, S. 239. Standfigur der Maria mit KindHess, S. 250. zwischen Johannes dem TäuferHess, S. 249. und der Hl. Katharina;Hess, S. 250. und Mater Dolorosa mit Schmerzensmann.Hess, S. 250f.

Laurentiuskapelle mini|hochkant|Laurentiuskapelle, Fresco des hl. Laurentius

Gleichzeitig mit dem Chor baute man an der Südseite die kleine, dem hl. Laurentius geweihte Kapelle an und stellte den römischen Diakon im Schlussstein dar. Die Kapelle, die ursprünglich als Kapitelhaus der Stiftsgeistlichen diente, fungiert heute als Sakristei. Die Fresken kamen erst wieder nach der Zerstörung von 1945 unter der sich abblätternden Tünche zum Vorschein und thematisieren die Martyrien des hl. Laurentius und der Zwillingsbrüder und Ärzte Cosmas und Damian. Ein weiteres Fresko zeigt die Heiligen Drei Könige und zwei heilige Diakone.

Vermutlich ist die Kapelle im Zusammenhang mit einem – letztlich misslungenen – Reliquienkauf des Grafen Philipp I. „des Jüngeren“ zu sehen, der – wie viele Machthaber seiner Zeit – Reliquien sammelte. Vom Kloster Seligenstadt, das sich in einer finanziellen Notlage befand, erwarb er dessen gesamten Reliquienbestand, darunter das Haupt des hl. Laurentius. Wahrscheinlich war die Kapelle als Aufbewahrungsort für die Reliquien gedacht. Der Erzbischof von Mainz erhob aber Widerspruch, und so musste Graf Philipp I. die Raritäten wieder in Seligenstadt abliefern; als Kompensation erhielt er die Einkünfte des Klosters aus den Dörfern Nauheim, Eschersheim und Ginnheim.

Reformation Erste Reformation Die Zeit als Stift währte nicht lange. Das 16. Jahrhundert brachte die Reformation. Bereits 1523 wurde Pfarrer Adolf Arborgast ins Stiftskapitel aufgenommen, der bei seiner Berufung erklärte, dass er mit der täglichen Messe und Vesper möglichst wenig zu tun haben wolle, weil er sich viel mehr der Predigt des Evangeliums zu widmen gedenke. Sein Nachfolger, Magister Philipp Neunheller, ist der eigentliche Reformator Hanaus. Unter seinem Einfluss gewannen die Neuerungen immer mehr an Boden, sowohl in den Reihen der Stiftsherren als auch unter den Gemeindegliedern. Der katholische Stiftsgottesdienst wurde nie offiziell aufgehoben. Durch Ausscheiden von Geistlichen, deren Stellen nicht mehr neu besetzt wurden, nahm die Zahl der Altaristen immer weiter ab. 1537 bestand das Kapitel noch aus acht Geistlichen, 1548 waren es nur noch vier, 1550 hörte der Messgottesdienst in der Maria-Magdalena-Kirche auf. Es waren nun zwei, später drei Pfarrer an der Kirche tätig, die sich der Reformation verpflichtet fühlten.

Bauliche Folgen