Der Perusinische Krieg (lateinisch bellum Perusinum, Krieg von Perusia), der im Winter 41/40 v. Chr. stattfand, war ein wichtiger Meilenstein beim Aufstieg von Octavian, dem späteren Kaiser Augustus. Der für den Krieg ausschlaggebende Anlass war die Versorgung der Kriegsveteranen. Es handelte sich dabei um einen politischen Konflikt zwischen Octavian auf der einen sowie Lucius Antonius und Fulvia auf der anderen Seite. Letztere vertraten als Bruder bzw. Gattin die Interessen des abwesenden Marcus Antonius. Die militärische Auseinandersetzung endete nach der erfolgreichen Belagerung Perusias mit Octavians Sieg.
Vorgeschichte
Nach der Gründung des Zweiten Triumvirats (November 43 v. Chr.), das aus Marcus Antonius, Octavian (dem späteren Kaiser Augustus) und Marcus Aemilius Lepidus bestand,Appian, Bürgerkriege 4, 2–5; Cassius Dio, Römische Geschichte 46, 54 ff.; dazu Jochen Bleicken: Augustus, Alexander Fest Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-8286-0027-1, S. 137–140; Helmut Halfmann: Marcus Antonius. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-21727-4, S. 94 ff. kam es im Herbst 42 v. Chr. zur entscheidenden Doppelschlacht bei Philippi, bei der die Caesarmörder Brutus und Cassius unterlagen.Appian, Bürgerkriege 4,109–114 und 4, 121–129; Cassius Dio, Römische Geschichte 47, 42–49; Plutarch, Brutus 40–52 und Antonius 22; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 160–167; Helmut Halfmann, Marcus Antonius, S. 100–103. Da Lepidus an dem Sieg nicht beteiligt gewesen war, änderten sich die Machtverhältnisse innerhalb des Triumvirats. Nach Antonius besaß nun Octavian die zweitstärkste Macht und Lepidus wurde zurückgedrängt. Die beiden einflussreichsten Triumvirn verteilten die meisten Provinzen im Westen des Reichs und die zu erledigenden Aufgaben unter sich. So hatte Marcus Antonius im Osten des Reiches – der ihm praktisch zufiel – für Ordnung zu sorgen und die den Soldaten als Belohnung versprochenen großen Geldsummen einzutreiben, während Octavian die schwierige Aufgabe erhielt, etwa 50.000 bis 60.000 Veteranen durch Zuweisung von Land in Italien zu versorgen. Um das zu erreichen, sollte Octavian die Einwohner aus 18 italischen Städten vertreiben und deren Güter unter die Veteranen verteilen lassen.Appian, Bürgerkriege 5, 3; Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 1 f.; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 174 ff.; Helmut Halfmann, Marcus Antonius, S. 104 f. Dies musste dem jungen Caesarerben die Wut der Enteigneten zuziehen.
Die Kontrahenten
Als Octavian Anfang 41 v. Chr. von Makedonien nach Italien zurückkehrte, stellte sich für ihn die übernommene Pflicht der Veteranenversorgung als außerordentlich schwierig dar. In Italien gab es beispielsweise Hungersnöte, weil Sextus Pompeius und die noch immer weitgehend ungeschlagene Flotte der Caesarmörder die italischen Häfen sperrten und so die Zufuhren blockierten, zudem große Landstriche aufgrund der Kriegswirren unbebaut geblieben waren.Appian, Bürgerkriege 5, 15 und 5,18; Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 7, 4. Octavian hatte in Italien auch keine volle Handlungsfreiheit, da das Land allen – untereinander rivalisierenden – Triumvirn unterstand und sich dort starke Truppenverbände des Marcus Antonius aufhielten. Ferner gehörten beide damaligen Konsuln, Lucius Antonius, der jüngere Bruder des Triumvirn, und Publius Servilius Isauricus, nicht zu Octavians Gefolgsleuten.Jochen Bleicken, Augustus, S. 180 f.
An der Frage der geplanten Veteranenansiedlung entzündete sich ein schwerer politischer und schließlich auch militärischer Konflikt zwischen Octavian und den Sachwaltern des Marcus Antonius in Italien, seiner Gattin Fulvia und seinem Bruder Lucius Antonius. Diese wollten die Schwierigkeiten Octavians bei der Veteranenansiedlung ausnützen, um ihn politisch möglichst weit auszumanövrieren.Jochen Bleicken, Augustus, S. 182; Helmut Halfmann, Marcus Antonius, S. 127. Den ausführlichsten Bericht zu diesen Verwicklungen liefert der Kriegshistoriker Appian im fünften Buch seiner Bürgerkriege, wobei er sich wohl stark auf das verlorene Geschichtswerk von Antonius’ General Gaius Asinius Pollio stützt; daneben ist die kürzere Darstellung des Cassius Dio im 48. Buch seiner Römischen Geschichte eine weitere Hauptquelle.
Octavian verkaufte weiteren konfiszierten Besitz der zu Beginn des Triumvirats proskribierten Gegner und borgte sich Gelder aus Tempelschätzen zur teilweisen Entlohnung der Veteranen. Vor allem aber bestand er darauf, wie mit seinen Triumviratskollegen vereinbart, die aus dem Kriegsdienst entlassenen Soldaten auf dem Land der zur Enteignung vorgesehenen Städte anzusiedeln. Die Betroffenen drängten auf eine gerechtere Lastenverteilung oder eine Entschädigung. Menschenscharen, auch Frauen mit ihren Kindern, kamen nach Rom, versammelten sich auf dem Forum und in den Tempeln und klagten, sie müssten, obwohl sie Italiker seien, wie ein unterjochtes Volk ihr Land verlassen. Zwar hatte Octavian bereits früher die beiden süditalienischen Küstenstädte Vibo und Rhegium von der Enteignung ausgenommen und suchte die Klagenden zu beruhigen, doch hatte er kein Geld für Entschädigungen und konnte sie allein mit besänftigenden Worten nicht trösten.Appian, Bürgerkriege 5, 12 f.; u. a; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 182; Joachim Brambach: Kleopatra. 2. Auflage, Diederichs, München 1996, ISBN 3-424-01239-4, S. 200 f.
Damit sich nicht Octavian allein durch die Landanweisungen die Sympathie des Heeres sicherte, forderten Fulvia und Lucius Antonius eine Verschiebung dieser Maßnahme bis zur Rückkehr von Marcus Antonius aus dem östlichen Mittelmeerraum. Als sie mit diesem Verlangen bei den Veteranen auf kein Verständnis stießen, machten sie geltend, dass Octavian nur seine eigenen Soldaten ansiedeln solle, während die Offiziere des Antonius dessen Veteranen die ihnen zugesprochenen Grundstücke übergeben sollten.Appian, Bürgerkriege 5, 14; 5, 19; Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 5, 2; 48, 6, 1 f. Aus Ärger trennte sich Octavian von Fulvias Tochter Clodia,Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 5, 2 f.; Sueton, Augustus 62, 1. lenkte aber bei den Landverteilungen ein.Appian, Bürgerkriege 5, 14 u. ö. Bald stellten sich Lucius Antonius und Fulvia jedoch auf die Seite der von ihren Höfen vertriebenen Bauern und brandmarkten Octavians Enteignungspolitik, um diesen in ein schlechtes Licht zu rücken.Appian, Bürgerkriege 5, 19; Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 6, 4. Um die Veteranen hierdurch nicht zu verärgern, behaupteten sie, dass für die Landzuweisungen noch genügend Güter aus den Proskriptionen zur Verfügung ständen und auch Marcus Antonius große Finanzmittel aus dem Osten mitbringen würde; deshalb müssten keine italischen Städte enteignet werden.Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 7, 1 ff.
Nun kam Octavian, der wegen der Aktionen von Lucius Antonius und Fulvia in eine schwierige Lage geriet, den zu enteignenden Landbesitzern entgegen, indem er etwa auf die Einziehung der Güter von Senatoren sowie der Mitgift von Frauen verzichtete und auch von der Enteignung von Grundstücken absah, die kleiner als die Fläche eines Landloses eines einzelnen Veteranen waren. Aber es war für ihn nicht möglich, beide Seiten zufriedenzustellen; und die Soldaten waren ihm wegen seiner Zugeständnisse an die Landbesitzer gram, da sie befürchteten, weniger Ländereien zugeteilt zu bekommen. Um die Veteranen zu versöhnen, restituierte Octavian u. a. alle Grundstücke oder verzichtete auf deren Verteilung, sofern diese der Besitz von im Krieg getöteten Soldaten waren. Aufgrund der vielen Ausnahmebestimmungen reichte das noch für die Verteilung zur Verfügung stehende konfiszierte Land nicht mehr für alle anzusiedelnden Veteranen aus. Daher bezog Octavian nun auch bisher nicht zur Verteilung vorgesehene Güter, die sich unweit enteigneter Städte befanden, in die Landzuweisungen an die Soldaten mit ein. Von dieser Regelung war etwa das Gut Vergils bei Mantua betroffen.Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 8 f.; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 184.
Lucius Antonius gab sich inzwischen republiksfreundlich; er verteidigte die Rechte des Konsulats und der de facto untergegangenen alten Verfassung gegen die übergeordnete Gewalt der Triumvirn. Zwar wollte er damit in erster Linie Octavian treffen, doch richtete sich seine Haltung letztlich auch gegen seinen Bruder Marcus, der ebenfalls die triumvirale Gewalt besaß. Aus den Quellen ist aber nicht klar erkennbar, wie ernst er es mit der von ihm proklamierten politischen Absicht meinte.Appian, Bürgerkriege 5, 19; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 183. In der Folge wurden Octavian die beiden Legionen vorenthalten, die ihm laut der Vereinbarung der Triumvirn zu übergeben waren. Auch sollte Quintus Salvidienus Rufus Salvius sechs Legionen Octavians auf die Iberische Halbinsel führen, die Octavian als Machtbereich unterstellt worden war. Salvidienus vermochte indessen seinen Auftrag nicht auszuführen, da ihm der Durchzug durch Gallien verweigert wurde.Appian, Bürgerkriege 5, 20; Cassius Dio, Römische Geschichte 48, 5, 2 und 48, 10, 1. So drohte ein neuer Bürgerkrieg.
Vergebliche Vermittlungsbemühungen
Ein möglicher neuer kriegerischer Konflikt, diesmal zwischen Antonianern und Octavianern, hätte in erster Linie die dabei zum Einsatz kommenden Legionäre betroffen. Diese waren hierzu aber nicht ohne Weiteres bereit. Sie waren mittlerweile zu einer selbstständigen politischen Kraft geworden und besaßen einen erweiterten Handlungsspielraum, der die Entscheidungsmöglichkeit der Generäle einschränkte. Die Soldaten der einzelnen römischen Heere empfanden füreinander ein Kameradschaftsgefühl, auch wenn sie unterschiedlichen Generälen unterstanden. Sie ließen sich nicht leicht dazu bewegen, für ihren Feldherrn gegen in anderen römischen Truppen dienende Kameraden zu kämpfen. Beim Konflikt um die Landverteilungen fürchteten sie, dass ihre Versorgung gefährdet sei, wenn den betroffenen Bauern und Honoratioren der Städte größere Zugeständnisse gemacht würden. Bei Zurechtweisungen der Soldaten bekam Octavian auch manchmal deren Zorn zu spüren. Öfters kam es zu Insubordinationen, die nur wenige Jahre zuvor zu Hinrichtungen der undisziplinierten Soldaten geführt hätten. Als etwa das Gerücht aufkam, Octavian hätte einen einfachen Soldaten hinrichten lassen, weil dieser sich während eines Schauspiels im Theater auf den Sitz eines Ritters gesetzt hatte, bedrohten einige Soldaten den Triumvirn. Doch da tauchte der angeblich Ermordete wieder auf.Appian, Bürgerkriege 5, 15–18; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 185 f.
Die Soldaten und Offiziere der verschiedenen Lager sahen sich aufgrund der Streitigkeiten zwischen Octavian und Lucius Antonius dazu veranlasst, einen Schlichtungsversuch zu unternehmen. Um die Zwistigkeiten wegen der Sperrung der Alpenpässe für Octavians auf dem Weg nach Spanien begriffene Truppen beizulegen, nötigten die Soldaten die rivalisierenden Feldherrn zu einem Treffen in Teanum in Kampanien. Bei dieser Zusammenkunft kamen auch weitere Konfliktpunkte zur Sprache, so das Verhältnis der Triumvirn zu den Konsuln. Unter anderem wurde beschlossen, dass die Konsuln in der Ausübung ihres Amtes nicht von den Triumvirn behindert werden und weder Octavian noch Antonius in Italien Aushebungen durchführen sollten; ferner, dass nur jene Soldaten Anspruch auf Landzuweisungen haben sollten, die an der Schlacht bei Philippi teilgenommen hatten, die anderen Krieger aber durch Geld zu entschädigen seien. Von den getroffenen Vereinbarungen wurde indessen nur die Aufhebung der Sperre der Alpenpässe tatsächlich durchgeführt.Appian, Bürgerkriege 5, 20; dazu Jochen Bleicken, Augustus, S. 186 f.