mini|200px|Titel der Erstausgabe (Nachdruck der Vorzugsausgabe) der Duineser Elegien im Insel-Verlag (1923) Duineser Elegien ist der Titel einer Sammlung von zehn Elegien des Dichters Rainer Maria Rilke, die 1912 begonnen und 1922 abgeschlossen wurden.

Ihr Name leitet sich vom Schloss Duino bei Triest ab, wo Rilke 1912 Gast der Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe war. Dort entstand die erste Elegie.

Die Duineser Elegien changieren zwischen der Darstellung glücklicher Momente – wie beispielsweise in der Liebe – und der Klage über allgemeine Probleme des menschlichen Bewusstseins. Rilkes ästhetischer Anspruch an die Elegien war die Zusammenführung der traditionellen Formen der Hymne und der Elegie. Mit dem Titel und der klagenden Haltung stellen sie sich in den Gattungszusammenhang der Elegie, ohne das formale Kriterium einer Elegie, in Distichen verfasst zu sein, immer streng zu erfüllen. Es wird das Versmaß des Distichons in Variationen und freirhythmischen Abweichungen umspielt. Die vierte und die achte Elegie sind sogar ganz in Blankversen geschrieben.

Beschreibung und Deutungsaspekte Inhalt In den Duineser Elegien entwickelt Rilke ein metaphysisches Weltbild. Der literarische Gehalt der Elegien erschöpft sich jedoch keineswegs in der Ausformulierung eines philosophischen Gedankens, sondern besteht zu einem wesentlichen Teil auch in der Form, die ihn ausdrückt. Daher wird die bloß paraphrasierende Inhaltsangabe dem Text nicht gerecht. Die Duineser Elegien beschäftigen sich mit den Widersprüchen der conditio humana, die zwischen menschlichem Dasein und seinen Bedingungen entstehen. Problematisch ist die menschliche Existenz für Rilke ebenso durch die „selbstreflexive Gespaltenheit des menschlichen Bewußtseins“Manfred Engel: Duineser Elegien. In: Kindlers Literatur Lexikon., also die Möglichkeit, sich selbst zu betrachten und die daraus resultierende Unsicherheit, wie durch die Unbegreiflichkeit von Vergänglichkeit und Tod:

In den Duineser Elegien thematisiert Rilke das Leben mit diesen Widersprüchen auf poetische Weise. Er handelt die Probleme dabei nicht linear nacheinander ab, um sie zu lösen. Vielmehr schreitet er den Raum der Probleme im Laufe des Zyklus immer weiter ausRainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2: Gedichte, S. 630., was sich darin zeigt, dass er scheinbar gelöste Probleme wieder aufgreift und ihre Lösungen verwirft oder relativiert; so hinterfragt er die Möglichkeit des mythologischen Trosts aus der ersten Elegie in der zweiten und negiert sie.

Um zu zeigen, was der Mensch ist, nutzt Rilke ein gängiges Verfahren der literarischen Anthropologie: Er verweist darauf, was der Mensch nicht ist, um die Seinsweise des Menschen zu beschreiben. Mythopoetisch stellt er dem Menschen einerseits die „Gegenbilder“ von Tier und Engel gegenüber, andererseits verweist er auf die „Grenzbilder menschlichen Seins“ wie das Kind, den Helden, den Jungverstorbenen und großen Liebenden. Engel und Tier sind frei von den oben beschriebenen Widersprüchen des menschlichen Bewusstseins.Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2: Gedichte, S. 612–614. Doch auch in den „Grenzbildern“ schildert Rilke Situationen, in denen der Mensch die Grenzen der „gedeuteten Welt“[I.13] – Alle Stellenangaben dieses Artikels in eckigen Klammern beziehen sich auf Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2: Gedichte, S. 199–234. Die römische Zahl gibt die jeweilige Nummer der Elegie, die arabische Zahl den entsprechenden Vers an. überschreitet, also die Grenzen der Welt, in der das menschliche Bewusstsein gefangen ist.

In einem Wechsel von Klage und Lob stellen die Duineser Elegien ein spannungsvolles Verhältnis zur Welt dar. Einerseits wird die nahezu erreichte Sehnsucht nach dem Leisten,[I.45], [VI.7], [IX.17] nach einem sicheren, objektlosen Können[II.38], [V.74], [V.97], [V.101], [VI.35], [VIII.56] und Glücken[II.10], [X.110] geschildert, wie es der „Held“ der sechsten Elegie beispielhaft verkörpert. Dem steht andererseits das Brauchen und Nichtgebrauchtwerden[I.86] gegenüber. Dieser Spannung entspricht eine widersprüchliche Darstellung des Lebens, das teils als Dasein, Hiersein[VI.21], [VII.39-45], [IX.10], [IX.78] gerühmt, teils als Dauern[VI.21],[IX.1]  – als Leben in Erwartung des Todes – beklagt wird. Dieser Widerspruch resultiert aus dem Bewusstsein des Menschen und aus seinem Wissen um die Sterblichkeit und den Tod: „Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.“[IV.6] Als Illustration der Widersprüchlichkeit durchzieht das Motiv von Auf- und Abwärtsbewegung, von Hinaufgeworfenwerden und Hinunterfallen die Duineser Elegien als Bild für eine Bewegung, die ihr Gegenteil bereits in sich trägt. Dieses Steigen und Fallen veranschaulicht Rilke insbesondere in der fünften Elegie, indem er Straßenartisten beschreibt, aber auch mehrmals in den Bildern der Fontäne[VI.5], [VII.15-16] und des Baums: Dieser ragt aus der Erde auf, und zeigt dennoch mit seinen Blüten oder den fallenden Früchten wieder auf die Erde nieder.[IV.1], [V.40-42], [VI.5-6], [X.107-109]

Stil mini|Rainer Maria Rilke. Skizze von Leonid Pasternak Schwierigkeiten beim Verständnis ergeben sich vor allem aus dem Stil der Duineser Elegien.Für den folgenden Absatz siehe auch Christa Bürger: Textanalyse und Ideologiekritik . In: Ulrich Fülleborn, Manfred Engel (Hrsg.): Materialien zu Rainer Maria Rilkes "Duineser Elegien", Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980, Band. 2, S. 264–278. Die Schwierigkeit, die Duineser Elegien zu lesen, entsteht nicht nur aus der starken Verwendung von Relativ- und Vergleichssätzen. Die Elegien weichen von grammatischen Normen in der Verwendung der Konjunktionen daß, aber und und ab, indem Rilke oftmals den Bedeutungsgehalt der Konjunktion ignoriert und sie als Signalworte verwendet.beispielsweise in [I.14], [I.43], [I.54], [II.18], [II.38], [II.76] Bei den häufigen Tempuswechseln ist mitunter der Modus des Verbs syntaktisch uneindeutig und kann oftmals auch durch semantische Analyse nicht eindeutig erschlossen werden.bspw. in [I.1] Ein weiteres Beispiel für sinnerzeugende und daher verständnisrelevante Abweichungen von der grammatischen Norm ist Rilkes Verwendungsweise des Verbs können, das Rilke oftmals nicht als modales Hilfsverb verwendet, sondern eigenständig ohne ergänzendes Vollverb. Außerdem sind die Duineser Elegien durch zahlreiche Verweise untereinander besonders dicht mit Motiven gefüllt, die durch diese Verweise einen eigenen Sinn erhalten, der vom gewöhnlichen Wortsinn mitunter abweicht. Ein zentrales Beispiel hierfür ist der „Engel“, der nicht mit einer christlichen Vorstellung von Engeln zu verwechseln ist.Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2, Gedichte, S. 612.Vgl. auch den Abschnitt „Der Engel“ unter „Wiederkehrende Motive“ in diesem Artikel Besonders für die Duineser Elegien ist auch die bildhafte, metaphernreiche Sprache, die oftmals sehr konkrete Beobachtungen zum Anlass analogisierender poetischer Betrachtungen nimmt.

Wiederkehrende Motive Der Engel

Der Engel ist ein Leitmotiv der Duineser Elegien.Zum gesamten Absatz vgl. auch: Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2, Gedichte, S. 612 ff. Die Existenz des Engels ist problematisch: Zwar leben die Engel „hinter den Sternen“[II.7], dennoch ist dies keine von der Immanenz abgeschiedene Transzendenz – es wird als möglich angesehen, „einer [nähme] mich plötzlich ans Herz“[I.3]. Doch ist zugleich die Existenz des Engels überhaupt fraglich, die Beziehung zwischen Mensch und Engel ist hypothetisch.Dafür, und für den folgenden Absatz vgl. Joachim H. Seyppel: The „deadly angel“ in Rainer Maria Rilke’s „Second Elegy“. In: Philological Quarterly Band 37 (1958), S. 18–25. Die Engel sind „Vögel der Seele“[II.2]. Das ist so interpretiert worden, dass die Engel Geschöpfe der menschlichen Seele, dann also reine Vorstellungen, oder aber Geschöpfe der göttlichen Seele seien.

Der Engel dient, wie auch die Gegenbilder des Tiers und der Puppe, der Beschreibung dessen, was der Mensch nicht ist. Besonders die immer wiederkehrende Klage über die Aporien des menschlichen Bewusstseins werden durch den Engel konterkariert: Der Engel verfügt über unendliches Bewusstsein, hat dabei aber keine körperliche Existenz. Dies, und die Unzeitlichkeit des Engels („Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter / Lebenden gehn oder Toten“[I.82-83]), ist „schrecklich“ für die Menschen: Die Differenz von Mensch und Engel ist eine schmerzliche Differenz, die in einer Vorzeit, von der die Mythologie berichtet, geringer war als heute.Vgl. etwa die Einzelbeschreibung der zweiten Elegie in diesem Artikel

Einzelbeschreibungen Die erste Elegie Am 21. Januar 1912 aus Duino an Marie Taxis gesandt, wohl unmittelbar nach der EntstehungAlle Entstehungsdaten nach Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Manfred Engel et al., Band 2, Gedichte.

Am Beginn der Elegie steht die Unmöglichkeit, einen Engel zu rufen.[I.1-10] Auf der Klage über diese Unmöglichkeit aufbauend schlägt die Elegie wesentliche Motive des Zyklus an: Als Gegenbilder des Menschen werden Engel vorgestellt, welche schön und schrecklich zugleich sind, und Vögel, die vielleicht befähigt sind, die Leere zu fühlen, und die damit über das menschliche Bewusstsein hinausgehen.[I.23-25] Denn diese Leere steht in der ersten Elegie exemplarisch für die Probleme des menschlichen Bewusstseins: Leere ist der Raum, den der Sterbende hinterlässt,[I.93-94] aber auch der Inhalt der Umarmung, also der andere Mensch, der geliebte Mensch, ist Leere.[I.21-25] Damit steht die Leere für die Unzulänglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, den Tod und den Geliebten zu begreifen. Neben den Gegenbildern von Engel und Tier führt Rilke in der ersten Elegie auch die Grenzbilder des menschlichen Seins ein, welche im Zyklus immer wiederkehren: die Liebenden[I.22], der Held und die jungen Toten. Der Unterschied zwischen Toten und Lebenden wird als nur scheinbar und für Engel als unerheblich beschrieben.[I.69-83] Damit stiftet die Seinsweise der Toten einen Sinn, mit dem sich das Dasein der Lebenden deuten lässt.Christa Bürger: Textanalyse und Ideologiekritik . In: Ulrich Fülleborn, Manfred Engel (Hrsg.): Materialien zu Rainer Maria Rilkes „Duineser Elegien“, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980, Band 2, S. 265.

Der Tonfall der ersten Elegie wechselt zwischen klagend[I.49-50] und preisend.[I.39-40] Mit dem Leitmotiv des Brauchens gehen die verschiedenen menschlichen Probleme einher, das Problem, nicht zu brauchen und nicht gebraucht zu werden,[I.9-10], [I.86] aber auch die glücklicheren Momente des Frühlings.[I.26] Die Nacht, „die ersehnte, / sanft enttäuschende“[I.19-20] und die Musik werden als entgrenzende Erlebnisse geschildert, an denen es sich erweist, dass „wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt.“[I.12-13]

Das mythologische Beispiel des Linos – eines griechischen Halbgotts, der im jugendlichen Alter getötet wurde – demonstriert, wie die Menschen mit dem Bewusstsein des Todes umgehen können: Im Klagelied über Linos' Tod ist der Trost der Musik enthalten, die in der Lage ist, die Leere, die ein Toter beim Sterben hinterlässt[I.93-94] mit Schwingung zu erfüllen, „die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.“[I.95]

Die zweite Elegie mini|hochkant|„Tobias und der Engel“, Skulptur in der Kirche San Nicolao in Mailand Duino, Ende Januar / Anfang Februar 1912