mini|Schloss Hohentübingen
Das Schloss Hohentübingen mit seiner evangelischen Schlosskirche liegt zentral in der Stadt Tübingen auf einem Bergsporn. Hier wurde ab dem 11. Jahrhundert eine mittelalterliche Burg erbaut und im 16. Jahrhundert unter Verwendung der alten Zwingermauern durch einen Neubau, eine Mischung aus Festung und neuzeitlichem Schloss ersetzt.
Geschichte Mittelalter mini|Schloss und Stadt (1643 von Merian)
Vermutlich wurde die Burg Hohentübingen um 1037 erbaut;L. Schmid: Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen. Nach meist ungedruckten Quellen. Nebst Urkundenbuch. Ein Beitrag zur schwäbischen und deutschen Geschichte. Fues, Tübingen 1853. nach Weiß wurden die „… steinernen Wälle … allerdings erst im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts errichtet, zuvor war die Burg nur mit Holzpalisaden umgeben.“M. Weiß: Das Tübinger Schloß. Von der Kriegsfeste zum Kulturbau. Tübingen 1996, S. 15. Im Jahre 1078 wurde das Bauwerk erstmals schriftlich erwähnt: Die Zwiefaltener Annalen beschreiben die Belagerung einer Burg „Duwingen“ durch König Heinrich IV. im Verlauf des Investiturstreites; gleichzeitig wird ein gewisser Graf Hugo III. von Tübingen in „… einer weiteren Quelle …“ erwähnt.Jürgen Sydow (Hrsg.): Bilder zur Geschichte der Stadt Tübingen (= Geschichte der Stadt Tübingen. Band 2). Laupp, Tübingen 1980, ISBN 3-16-442712-3, S. 26.
Eine Trierer Handschrift („gesta Trevir“) nannte den Hohentübingen, anlässlich dessen Belagerung der Erzbischof Udo von Trier starb, „Tuingia castru Alemanorium“. Andere Autoren (Sattler, Schmid) bezeichneten das Jahr der Belagerung mit 1079 oder 1080 und behaupteten, dass Burg und Stadt erobert worden seien. Die Grafen von Tübingen wurden 1081 erstmals erwähnt und 1149 durch den römisch-deutschen König Konrad III. zu Pfalzgrafen erhoben (siehe auch Pfalzgrafschaft Tübingen). 1342 verkauften die verschuldeten Pfalzgrafen von Tübingen ihre Stadt und Burg an die Grafen und späteren Herzöge von Württemberg, welche Hohentübingen neben Stuttgart oder Urach als Residenz nutzten.
Über das Aussehen der früheren Pfalzgrafenburg mit ihrer vermuteten Größe ungefähr wie der heutige Schlosshof ist nichts bekannt, einzig über deren 1178 geweihte capella, noch vor dem ersten romanischen Bau von 1191 der späteren Stiftskirche St. Georg errichtet und damit älteste Tübinger Kirche überhaupt. Denn nach 1481 „erhob Papst Sixtus IV. die Kapelle auf Betreiben von Graf Eberhard im Bart sogar in den Rang einer eigenständigen Pfarrkirche […] Doch den privilegierten Rang einer Pfarrkirche hatte die Kapelle nicht lange, schon im Jahr 1516 wurde sie wieder zur Filialkirche herabgestuft.“Michael Weiß: Das Tübinger Schloss – Von der Kriegsfeste zum Kulturbau; Tübingen 1996, S. 63 Dies bedeutete auch das Ende des Tübinger Schlossstifts der Brüder vom gemeinsamen Leben an der alten Schlosskapelle, das 1482 als kleines Universitätskolleg errichtet worden war.Ulrich Köpf: Die Universität Tübingen und ihre Theologen – Gesammelte Aufsätze; Tübingen 2020, S. 26 Kapellenplatz und Baumaterial wurde dann im 16. Jahrhundert auch für den Bau der Festungs- und Schlossanlage gebraucht. Die gelegentliche Behauptung, dass einige nördliche Rundbogenfenster des Renaissance-Nordflügels von dieser alten Kapelle stammen könnten, ist nach Lage, Größe und Bauablauf ausgeschlossen: Dortige Rundbogenfenster sind das Ergebnis der Renovierung im 19. Jahrhundert neben ein paar verbliebenen Renaissance-Vorhangbogenfenstern. Baulich ging die alte Schlosskapelle in den Um- und Neubauten Herzog Ulrichs unter.
Frühe Neuzeit Unter Herzog Ulrich (1487–1550), von 1498 bis 1519 und von 1534 bis 1550 der dritte regierende Herzog von Württemberg, wurde ab 1507 auf den dann überwölbten doppelten Zwingermauern der alten Pfalzgrafenburg ein monumentaler Baukomplex als Festes Schloss mit vier Ecktürmen als Artillerierondellen neu errichtet. Die bis zur Wehrfähigkeit fortgeschrittenen Arbeiten ruhten zunächst ab 1519 während der Vertreibung des in Reichsacht gefallenen Herzogs. Doch „noch unter österreichischer Regentschaft wurde 1533 damit begonnen, über dem Südzwinger einen neuen Flügelbau zu errichten, und Ulrich fuhr 1534 [nach seiner Wiedergewinnung des Landes] fort mit dem großen Saalbau über dem Nordzwinger und dem Ostflügel gegen die Stadt hin. Auch nach Westen hin entstand ein Bau“.Walther-Gerd Fleck: Die Württembergischen Herzogsschlösser der Renaissance; Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung, Reihe A, Bd. 8; Bd. 1: Text, Bd. 2: Bilder und Pläne; Europäisches Burgeninstitut Braubach, 2003, S. 14 Textband Damals entstanden unter der Leitung des hessischen Festungsbaumeisters Heinz von Lüder (Lutter)Lea Beck: Baugestaltung und Einflüsse des frühen Befestigungsbaus in Württemberg am Beispiel der Landesfestung Schorndorf; Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 78 (2019), S. 201–241 passim [S. 232 und S. 235 Anm. 169], vor allem die vier Flügel um den rechteckigen Innenhof mit den vier Treppentürmen. Weitere Werkmeister waren Balthasar von Germersheim und Hieronymus Latz.
Der Südflügel – die Steinfassaden der Sockelgeschosse laut Restaurierungsbefund errichtet als verputztes, bemaltes und mit Scheinfugen überfasstes Bruchsteinmauerwerk – erhielt im Osten, aufgesetzt auf der mächtigen Zwinger-Überwölbung, als Hochparterre und mit größerer Raumhöhe die Schlosskirche, und nach Westen anschließend die Hofküchengewölbe. Unter der einheitlichen Traufhöhe des Satteldaches der Vierflügelanlage hatte im Süden dann nur noch ein Obergeschoss (im Ostflügel zwei) in Sichtfachwerk Platz. Das Innenhof-Geviert war durch die umlaufende Galerie geprägt, heute nur noch am Südflügel. Dieser war 1537 bereits fertiggestellt, wie im Fach- und Dachwerk dendrochronologische Untersuchungen ergeben haben. Bis 1550 dauerte dann noch der restliche Innenausbau. Das massive Süd-Erdgeschoss über dem Zwingergewölbe ist als einziges der vier Flügel selbst auch überwölbt: die Schlosskirche mit einer Art Holztonnengewölbe, die westlich angrenzenden Räume der ehemaligen Hofküche mit gemauerten Kreuz-, Stern- und kleinen Tonnengewölben, darüber die Holzbalkendecke mit den Obergeschossböden. Auf der noch breiteren und längeren Zwinger-Überwölbung des Nordflügels wurde der Bau des sehr großen Festsaals mit ursprünglich 67 Meter Länge, 12 Meter Breite und einer beträchtlichen Erker-Erweiterung sowie der dort im Obergeschoss untergebrachten Tafelstube erst 1534 begonnen – samt dem Ostflügel in glattem Sichtmauerwerk errichtet, unter Verwendung des qualitätvollen Werkstein-Materials von der zu diesem Zweck abgebrochenen Bebenhäuser Klosterkirche, über die nun Herzog Ulrichs Herrschaft kurzerhand verfügte.Evangelische Klosterorte in Württemberg; Magazin in der Reihe „Spuren“; hg. Ev Landeskirche in Württemberg, Ev. Oberkirchenrat; Stuttgart 2018, S. 38 (30 Jahre später wurde das Langhaus der Klosterkirche Bebenhausen in stark verkürzter Form neu errichtet). Wesentliche Teile des Baumaterials für die erste Bauphase lieferte der allmähliche Abbruch der mittelalterlichen Pfalzgrafenburg auf dem Areal des heutigen Schlosshofes. An weiteren Schlossbauarbeiten war ab 1557 auch Blasius Berwart beteiligt.
Das Feste Schloss, „als Regierungssitz geplant und nach modernster Baugesinnung mit überwältigendem Einsatz von Mitteln und Techniken errichtet“Universitätsbauamt Tübingen (Red.): Universität Tübingen – Schloss Hohentübingen; (Hg.) Finanzministerium Baden-Württemberg; Stuttgart/Tübingen 1994, S. 5 (Festschrift mit Abschlussbericht der Sanierung) diente nun als Nebenresidenz zu Stuttgart und zusammen mit den Höhenfestungen von Hohenneuffen, Hohenurach, Hohenasperg, Hohentwiel sowie den Stadtfestungen Schorndorf und Kirchheim (Teck) auch als Landesfestung.
1591 wurde im Schloss unter Herzog Ludwig auf Befehl Kaiser Rudolf II. Graf Conrad von Pappenheim festgesetzt, er verstarb 1603. Herzog Friedrich I. (1593–1608) ließ Anfang des 17. Jahrhunderts Hohentübingen zusätzlich ausbauen und befestigen. Er krönte das Werk 1607 mit einem prachtvollen Portal im Stil der Renaissance, das unter anderem von Christoph Jelin gestaltet wurde. Im Anschluss an die Schlacht bei Nördlingen 1634, nach der Niederlage des schwedisch-protestantischen Heeres, wurde Hohentübingen kampflos an den Herzog von Lothringen übergeben. Die hier befindliche sehr wertvolle Herzogliche Bibliothek wurde in die Hofbibliothek (heute: Bayerische Staatsbibliothek) nach München entführt.Klaus Schreiner: Beutegut aus Rüst- und Waffenkammern des Geistes. Tübinger Bibliotheksverluste im Dreißigjährigen Krieg. In: Gerd Brinkhus u. a.: Eine Stadt des Buches. Tübingen 1498–1998 (= Tübinger Kataloge. Band 50). Universitätsstadt Tübingen, Tübingen 1998, S. 77–130, ISBN 3-910090-25-7. Im Jahr 1647 belagerte eine französische Streitmacht das Schloss Hohentübingen und sprengte dabei einen der Ecktürme. Die Festung wurde kurz darauf von der kurbayerischen Besatzung den Franzosen übergeben.
17./18. Jahrhunderts und das Ende der Nutzung als Residenz Nach dem Dreißigjährigen Krieg bekam das Herzogtum von den französischen Besatzern sein Tübinger Schloss wieder zurück. Der gesprengte Südostturm wurde zwischen 1667 und 1672 durch den Neubau des niedrigeren Fünfeckturms ersetzt und die am Schloss, insbesondere an der Inneneinrichtung der nahe dem Turm gelegenen Schlosskirche, entstandenen Schäden behoben. Nur noch gelegentlich weilte jedoch der Herzog mit seinem Hofstaat auf Hohentübingen, bis schließlich im Zuge der Verlagerung der Stuttgarter Herzogsresidenz ab dem Jahre 1709 in die neue Residenzstadt Ludwigsburg auch das Tübinger Schloss seine wehrtechnisch nicht mehr zeitgemäße Festungsfunktion und die Bedeutung als Nebenresidenz einbüßte. Mit der Errichtung eines astronomischen Observatoriums im Jahr 1752 auf dem Nordost-Turm deutete sich eine neue, und zwar wissenschaftliche Nutzung der Schlossanlage an. Ab 1798 wirkte hier Johann Gottlieb Bohnenberger als Professor. Er baute die völlig neue Württembergische Landesvermessung mit dem Schlossturm als kartographischem Fundamentalpunkt von Württemberg auf. Die Sternwarte bestand in Teilen noch bis 1955, als eine neue in der Nordstadt (Sternwarte Tübingen) gebaut wurde.
19. Jahrhundert: Übertragung an die Universität Nach der Einrichtung des Observatoriums wurde 1804/1816 das Schloss Hohentübingen vom Haus Württemberg vollständig und förmlich der Universität Tübingen übertragen. Als Chemielaboratorium wurde im westlichen Teil des Südflügels in den Hochparterre-Räumen der ehemaligen Schlossküche, mit explosionssicherer Trennwandverstärkung zur angrenzenden Schlosskirche, der einzig steingewölbte und mit leistungsfähigen Feuerstätten und eigenem Brunnen versehene Schlossbereich hergerichtet. Es folgten Physiklaboratorien, mineralogische, geologische, archäologische und völkerkundliche Institute mit ihren Lehr- und Schausammlungen samt Forschungs- und Lehrbetrieb, von 1819 bis 1912 zusätzlich die stetig wachsende Universitätsbibliothek samt dem Universitätsarchiv.
20. Jahrhundert und heutige Nutzung