miniatur|Titelseite des Erstdrucks von Robert Schumanns Liederkreis op. 39, Wien 1842

Der Liederkreis op. 39 ist ein Zyklus von Robert Schumann aus zwölf Vertonungen von Gedichten Joseph von Eichendorffs für Singstimme und Klavier, der im Jahr 1840 entstand und 1842 in einer ersten Druckfassung veröffentlicht wurde. Schon bald danach erfreuten sich einzelne Lieder des Werkes großer Beliebtheit. Den vollständigen Zyklus in seiner endgültigen, zweiten Fassung führte Julius Stockhausen erstmals am 21. Oktober 1862 im Kölner Gürzenich-Saal auf.Kazuko Ozawa: Vorwort. In Robert Schumann: Liederkreis op. 39, Fassungen 1842 und 1850, Urtext, G.Henle Verlag, 2010. Heute bildet der Liederkreis einen wichtigen Teil des romantischen Kunstliedrepertoires.

Schumann und Eichendorff miniatur|hochkant|links|Robert Schumann, 1839 miniatur|hochkant|Joseph von Eichendorff, 1841

Exzerpte Eichendorff’scher Gedichte, die Robert Schumann in seiner Neuen Zeitschrift für Musik einigen Besprechungen von Liedkompositionen und geistlicher Musik sowie allgemein geistlichen Themen vorausstellte, zeigen, dass er von Eichendorff weitgehend das traditionelle Bild des volksliedhaften, frommen Dichters hatte.Christiane Tewinkel: Vom Rauschen singen. Robert Schumanns ‚Liederkreis‘ op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. Würzburg 2003, S. 114–121.

Insgesamt 21 Eichendorff-Gedichte sind der Nachwelt in Vertonungen Robert Schumanns erhalten, 12 davon im Liederkreis op. 39, den er in einem Brief vom 22. Mai 1840 an Clara Wieck, seine spätere Ehefrau, als sein „aller Romantischstes“ bezeichnete (→ Romantik). Eichendorff hörte einige Lieder des Liederkreises im Januar 1847 bei einem Zusammentreffen in Wien. Clara gegenüber versicherte er, Schumanns Musik habe seinen „Liedern erst Leben gegeben.“ In brieflichen Berichten über seinen damaligen Wiener Aufenthalt erwähnte er allerdings Schumanns Vertonungen nicht, sondern die von Josef Dessauer, die er als „unglaublich schön komponiert“ bezeichnete.Christiane Tewinkel: Vom Rauschen singen. Robert Schumanns ‚Liederkreis‘ op. 39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. Würzburg 2003, S. 83 f.

Die Entstehung des Liederkreises op. 39 Das Jahr 1840 ging als sogenanntes „Liederjahr“ in die Biographie von Robert Schumann ein, in diesem Jahr komponierte er etwa die Hälfte seines gesamten Liedschaffens. Davor hatte er fast ausschließlich Klaviermusik und nur wenige Lieder verfasst: Als moderner „deutscher Geist“ hatte Schumann im musikästhetischen Konflikt des 19. Jahrhunderts der absoluten Musik zunächst den Vorzug gegeben und die Vokalmusik „unter die Instrumentalmusik gesetzt und nie für eine große Kunst gehalten.“, wie er 1839 an den Geiger und Komponisten Hermann Hirschbach schrieb. Der Zusatz „Doch sagen Sie niemand davon.“ im selben Brief gibt jedoch Zeugnis von seinem Sinneswandel zu dieser Zeit. Zugleich aber konnte der Komponist nur durch die zuvor erfolgte Entwicklung seines Klavierstils zu einem gleichermaßen persönlichen Liedstil finden, der den schon erprobten ausdrucksstarken Klaviersatz mit klaren Gesangsmelodien verbindet.

Die Niederschrift des Liederkreises op. 39 erfolgte zwischen 1. und 22. Mai 1840. Der Erstdruck erschien im Jahr 1842 im Verlag Haslinger, Wien.

Der Aufbau des Zyklus Auswahl der Gedichte Alle Liedertexte des Zyklus wurden der 1837 in Berlin erschienenen Erstausgabe von Joseph von Eichendorffs Gedichten entnommen, in die auch Gedichte aufgenommen wurden, die ursprünglich in Prosatexten Eichendorffs ihren Platz hatten. Im April 1840 schickte Clara Wieck Abschriften einiger Eichendorff-Gedichte an Robert Schumann, der die Kopien von ihr erbeten hatte. Diese Gedichte finden sich in Claras Handschrift in den Abschriften von Gedichten zur Composition. Gesammelt von Robert und Clara Schumann vom Jahre 1839 an.Kazuko Ozawa: Bemerkungen. In Robert Schumann: Liederkreis op. 39, Fassungen 1842 und 1850, Urtext, G.Henle Verlag, 2010. S. 70. Standort der Abschriften: Robert-Schumann-Haus, Zwickau, Signatur 4871/VIII, 4-5977-A3. Fast alle Themenbereiche der Eichendorff’schen Lyrik sind dabei vertreten, lediglich Studentenlieder und solche mit stark religiösem Inhalt fehlen. Ob die Auswahl der Gedichte von Clara oder Robert Schumann oder von beiden stammt, lässt sich nicht ergründen. Die Reihenfolge in den Abschriften von Gedichten zur Composition folgt der Reihenfolge in Eichendorffs Ausgabe von 1837. Diese Gedichte bilden bei Eichendorff keinen Zyklus.

An einigen Stellen finden sich Änderungen in den von Schumann vertonten Texten, die vielleicht auf Abschreibfehler zurückgehen, zum Teil aber auch absichtliche Retuschen sein könnten, um die Aussage eines Liedes in eine bestimmte Richtung zu verstärken.

Anordnung der Lieder Die ursprüngliche Fassung des Zyklus wies noch eine andere Anordnung der Lieder auf, in der der düstere Charakter vorherrschte: Waldesgespräch – In der Fremde („Aus der Heimat“) – Mondnacht – Intermezzo – Schöne Fremde – In der Fremde („Ich hör’“) – Wehmut – Frühlingsnacht – Die Stille – Zwielicht – Im Walde – Auf einer Burg. Diese Auswahl könnte durch Schumanns damalige Lebenssituation begründet sein, in der seine Beziehung mit Clara von ihrem Vater missbilligt wurde. Der alte Ritter im Lied Auf einer Burg kann hier auch als Porträt des unerbittlichen Friedrich Wieck verstanden werden. Nachdem aber am 1. August 1840 ein Gerichtsentscheid die Ehe der beiden für rechtens erklärt hatte, reihte der Komponist den Zyklus um: Er teilte die zwölf Lieder in zwei mal sechs, wobei er in die erste Hälfte hauptsächlich die positiven und in die zweite die dunkleren Inhalte stellte. An die beiden Enden der Teile positionierte er aber die optimistischen Lieder Schöne Fremde und Frühlingsnacht. Die letzte Zeile des Liederkreises in dieser Anordnung, der triumphale Ausruf „Sie ist Deine, sie ist dein!“ macht den autobiographischen Zusammenhang deutlich. Titel Takt Tempo Tonart 1. In der Fremde 4/4 Nicht schnell fis 2. Intermezzo 2/4 Langsam A 3. Waldesgespräch 3/4 Ziemlich rasch E 4. Die Stille 6/8 Nicht schnell G 5. Mondnacht 3/8 Zart, heimlich E 6. Schöne Fremde 4/4 Innig, bewegt H 7. Auf einer Burg 4/4 Adagio e/a 8. In der Fremde 2/4 Zart, heimlich a 9. Wehmut 3/4 Sehr langsam E 10. Zwielicht 4/4 Langsam e 11. Im Walde 6/8 Ziemlich lebendig A 12. Frühlingsnacht 2/4 Ziemlich rasch FisDas Zusammenwirken von Tonarten, Taktarten, Tempi und ausgedrückten Emotionen in den einzelnen Liedern und im Gesamtzyklus ist in der nebenstehenden Tabelle dargestellt. Besonders hinsichtlich der Schumannschen Tonartencharakteristik ist diese Aufstellung sehr aufschlussreich: Alle Lieder stehen in Kreuz-Tonarten, wobei sich der Bogen vom fis-Moll (von Schumann oft bei schmerzlichen Stimmungen eingesetzt) des ersten Lieds bis Fis-Dur (seiner „Jubeltonart“) am Schluss spannt. Dazwischen überwiegen, besonders im zweiten Teil, Lieder mit den Toniken E und A.

Was die Wahl der Taktarten betrifft, so fällt auf, dass abgesehen von den beiden Liedern in der Mitte nie zwei gleiche Taktmaße aufeinander folgen und dass die Lieder in E-Dur alle im Dreiertakt stehen.

Musikalischer Überblick Im Allgemeinen wird der Zyklus in zwei Teile gegliedert. Diese ergeben sich aus der oben erwähnten Anordnung von Inhalten und Tonarten, wurden jedoch nicht ausdrücklich von Schumann festgesetzt.

Erster Teil mini|rechts|"In der Fremde" opus 39,1

Der Zyklus wird mit dem Lied In der Fremde („Aus der Heimat“) eröffnet, das in Eichendorffs Erzählung Viel Lärmen um nichts zur Gitarre gesungen wird. Dieses Detail findet sich in Schumanns arpeggierter Klavierbegleitung wieder. Im zweiten Vers des Liedes, nach den Worten „Wie bald“ tritt im Klavier zum ersten Mal die aufsteigende Quinte auf, die ein wichtiges wiederkehrendes Motiv des Liederkreises ist und stets positive Inhalte transportiert. Hier symbolisiert sie Hoffnung, wenngleich es die Hoffnung auf den Tod ist.

Doch schon im nächsten Stück, dem Intermezzo, das in der Liebestonart A-Dur steht, folgt das Quintmotiv dem Wort „wunderselig“. Dieses zweite Lied basiert auf einem Gedicht, das Eichendorff 1810, wohl für seine Verlobte Luise von Larisch, verfasst hatte. Den wunderbaren, „auf Metaphern schwebenden“ Text setzt der Komponist mit ebenso schwebenden Synkopen in der Begleitung um.

Das darauf folgende Waldesgespräch steht in Dialogform, im Roman Ahnung und Gegenwart wird es auch als Wechselgespräch vorgetragen. Die beiden Personen werden von Schumann in zwei verschiedenen musikalischen Sphären dargestellt: Während die Worte des Reiters mit forschen punktierten Rhythmen und Hornquinten unterlegt sind, wird die Hexe Loreley zunächst mit harfenartigen Akkorden auf einem Orgelpunkt, später mit dramatischen alterierten Akkorden begleitet. Besonders in diesem Lied zeigt sich auch die Musikalität der Eichendorffschen Vorlage, wenn der Mann kurze, konsonantenreiche Worte, die Hexe aber solche mit langen und dunklen Vokale bevorzugt.

Das nächste Lied, Die Stille, ist zwar aus demselben Roman wie das Waldesgespräch, führt jedoch in eine ganz andere Stimmung: Es handelt von unterdrückter, aber innerlich explodierender Liebe. So vertont Schumann es als glücklich wiegenden 6/8-Takt in G-Dur, dämpft den Ausdruck aber durch die Vortragsbezeichnung Nicht schnell, immer sehr leise und durch die anfangs kurzen, gehauchten Noten der Singstimme. Erst bei den Worten „Ich wünscht’, ich wäre ein Vöglein“ beginnt ein melodisch ausdrucksstarker Bogen, der jedoch kurz darauf wieder unterdrückt wird, indem Schumann die Vorlage verändert und die erste Strophe des Gedichts zum Schluss wieder aufnimmt.

miniatur|Beginn der Mondnacht Die Mondnacht ist wohl das bekannteste Lied des Zyklus und eine der populärsten Schöpfungen Schumanns überhaupt, weil Musik und Dichtung sich hier auf eine einzigartige Weise ergänzen: Der Text besticht durch betont schlichten, aber tiefe Assoziationen weckenden Ausdruck und führt gleich zu Beginn mit einem Konjunktiv in eine Art Traumsituation. Musikalisch wird diese Idee durch dominantische Akkorde, wie dem Nonenakkord gleich zu Beginn und die pulsierende Wiederholung einzelner Töne oder Intervalle, die harmonisch umgedeutet werden, umgesetzt. Während die ersten vier Halbverse stets mit der gleichen Melodie gesungen werden, wird bei der Zeile „Und meine Seele spannte …“ harmonisch und melodisch ein neuer Weg eingeschlagen, was den Abflug der Seele hör- und spürbar macht.

Abgeschlossen wird der erste Teil des Liederkreises durch das Lied Schöne Fremde. Auch in diesem Gedicht treffen wir auf eine typische Eichendorffsche Nachtsituation, die zunächst unsicher und gefährlich erscheint, schließlich aber in einer Voraussage von „großem Glück“ gipfelt. Diese Klimax vertont Schumann, indem er die Harmonik zu Beginn eher diffus gestaltet und noch keine klare Tonika etabliert – erst am Ende des Liedes wird H-Dur als Grundtonart klar erkennbar. In dieser letzten Strophe wird auch die Quint, die zuvor eine wichtige Rolle gespielt hat, zur Sexte erweitert, die auch im Klaviernachspiel das wichtigste Intervall darstellt.

miniatur|Vergleich der ersten beiden Lieder des zweiten Teils

Zweiter Teil Gleich zu Beginn von Auf einer Burg wird eine absteigende Quinte vorgestellt, die, symmetrisch zum aufsteigenden „Leitmotiv“ des ersten Teils, das prägende Gestaltungsmerkmal der zweiten Hälfte darstellt. Das Lied schildert die erstarrte Situation rund um einen toten, versteinerten Ritter, was durch statische, träge voranschreitende und altertümlich kirchentonale Harmonien illustriert wird. Auch mit der einzigen italienischen Tempobezeichnung (Adagio) und dem Halbschluss, mit dem das Lied endet, spielt Schumann bewusst auf ältere Musikstile an.

miniatur|In der Fremde, Beginn