mini|Grab von Ursula Kuhr, einer der beiden getöteten Lehrerinnen, auf dem Kölner Südfriedhof (2005)mini|Familiengrab mit Gedenkstein für die getötete Lehrerin Gertrud Bollenrath auf dem Nordfriedhof (Flur 32 Nr. 226a+b; 2017) mini|Tor zum Schulhof (2014) Das Attentat von Volkhoven wurde am Morgen des 11. Juni 1964 an einer Volksschule im Kölner Stadtteil Volkhoven/Weiler verübt. Der 42-jährige Frührentner Willi Walter Seifert verletzte mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und einer Lanze acht Kinder und zwei Lehrerinnen tödlich. Zudem erlitten 20 Kinder und zwei Lehrerinnen schwere Brandverletzungen. Der Täter beging anschließend durch die Einnahme des Pflanzenschutzmittels E605 Suizid.

Tatort mini|Das Gebäude der Volksschule (2016) Die Katholische Volksschule in Köln-Volkhoven/Weiler befand sich am Volkhovener Weg 209–211, zentral innerhalb des dörflich geprägten Kölner Vororts. Das Schulgelände war zur Straße hin mit einer etwa 1,5 Meter hohen Mauer abgegrenzt, in der sich ein zweiflügeliges Eisentor und eine einflügelige Eingangspforte befanden. Auf dem Schulhof befand sich links, unmittelbar neben der Eingangspforte, ein altes, gemauertes Schulgebäude. Auf der rechten Seite des Schulhofs, etwa 20 Meter von der Mauer entfernt, stand eine eingeschossige Holzbaracke mit vier Klassenräumen. Ihr gegenüber, in der hinteren linken Ecke des Schulhofs, gab es eine weitere Holzbaracke mit zwei Klassenräumen. Zum Tatzeitpunkt befanden sich acht Lehrkräfte und etwa 380 Kinder in der Schule. Die bauliche Situation des Schulgeländes hatte Auswirkungen auf den Tatablauf und die hohen Opferzahlen. Die Unterrichtsräume besaßen Fensterscheiben, die einfach einzuschlagen waren, was eine entscheidende Voraussetzung für den Angriff vom Schulhof aus war (siehe Tatablauf). Es gab keine Möglichkeit, den Einblick in die Unterrichtsräume durch Vorhänge oder andere Formen des Sichtschutzes zu verhindern, sodass der Täter seine Opfer leicht lokalisieren und gezielt angreifen konnte. Die Unterrichtsräume ließen sich nicht verbarrikadieren, sodass die Lehrerinnen versuchen mussten, die Türen an der Klinke zuzuhalten, was sie selber gefährdete und keine ausreichende Wirksamkeit hatte.

Tatablauf Die zeitliche Abfolge der einzelnen Tathandlungen in der Schule wurde von den Opfern und anderen Zeugen bereits kurz nach der Tat unterschiedlich wiedergegeben. Die nachfolgende Schilderung entspricht der Darstellung des damaligen Leiters der Kölner Kriminalpolizei, Karl Kiehne, die er 1965 in der kriminologischen Fachzeitschrift Archiv für Kriminologie abgab. Kiehne war weniger als eine Stunde nach dem Attentat selbst vor Ort gewesen.

Am Morgen des 11. Juni 1964 begab sich Seifert, in einen blauen Arbeitsanzug gekleidet, auf einem Fahrrad von seiner nicht weit entfernten Wohnung am Volkhovener Weg 154 zu einer Scheune gegenüber dem Schulgrundstück. Er führte in einem Sack verpackt einen Flammenwerfer mit sich, den er aus einer umgebauten Pflanzenspritze selbst gebaut hatte. Darüber hinaus hatte er eine selbst angefertigte, etwa 1,5 Meter lange Lanze, ein Schlagwerkzeug aus einem Eisenteil mit daran befestigtem Stahlseil und Handgriff, einen Holzkeil und Sturmstreichhölzer dabei. Er deponierte das Fahrrad, seine Jacke und den leeren Sack in der Scheune, wo sie nach der Tat gefunden wurden.

mini|Das kleine Tor rechts neben dem Gebäude war der Zugang zum Schulgelände (2016)

Seifert betrat gegen 9:10 Uhr, kurz vor der „großen Pause“, das Schulgelände. Auf dem Rücken trug er seinen Flammenwerfer und in den Händen die Lanze, das Schlagwerkzeug und den Holzkeil. Er blockierte hinter sich die Eingangspforte mit dem Holzkeil und näherte sich einer Lehrerin, der 67-jährigen Anna Langohr, die am entfernten Ende des Schulhofs eine dritte oder vierte Mädchenklasse im Turnen unterrichtete. Bei der Annäherung des Täters stellte sich die Lehrerin schützend vor die Kinder. Aus etwa sechs Metern Entfernung richtete Seifert einen Flammenstrahl auf die Lehrerin, deren Kleidung in Brand geriet und die sich daraufhin in einem Gebüsch zusammenkrümmte.

Seifert wandte sich anschließend nach rechts einem der beiden der Straße am nächsten liegenden Klassenräume zu und richtete die Flammen durch ein geöffnetes Fenster in den Raum. Der Flammenstrahl reichte bis zur gegenüberliegenden Wand und setzte die Kleidung zahlreicher Kinder in Brand, von denen viele auf der Flucht zur Tür ein zweites Mal mit den Flammen in Kontakt kamen. In diesem Raum entstand am Dach ein Feuer, das später von der Feuerwehr gelöscht wurde. Ein Junge konnte durch ein Fenster den Klassenraum verlassen, stolperte jedoch dabei und fiel zu Boden. Seifert setzte den Jungen gezielt in Brand und wandte sich dem zweiten Klassenraum zu. Dort schlug er mit der Schleuder ein Fenster ein und fügte wiederum etlichen Schülern und der 24-jährigen Lehrerin Wiltrud Schweden Brandverletzungen zu. Dabei erlosch die Flamme, da der Tank des Flammenwerfers entleert war. Seifert nahm E 605 zu sich, warf das angebrochene Röhrchen und den für ihn jetzt nutzlosen Flammenwerfer in der Mitte des Schulhofs auf den Boden und ging weiter zum gemeinsamen Eingang des dritten und vierten Klassenraums der Baracke. mini|Skizze des Tatablaufs in der Volksschule in Volkhoven Eine weitere Lehrerin, Gertrud Bollenrath, hatte zu diesem Zeitpunkt gerade die Baracke verlassen und wurde vor der Tür durch einen Stich mit der Lanze in den Bauch verletzt. Danach lief der Täter zu einem gegenüber, in der hinteren linken Ecke des Schulgeländes stehenden Pavillon mit zwei Klassenzimmern. Die beiden dort unterrichtenden Lehrerinnen waren auf die Tat bereits aufmerksam geworden und versuchten, die Tür zum Gebäude durch Festhalten der Türklinke zu blockieren. Seifert konnte die Tür dennoch aufreißen, wobei die Lehrerin Ursula Kuhr auf den Schulhof stürzte und durch zwei Lanzenstiche in die Oberschenkel verletzt wurde. Sie konnte sich kurz wieder erheben, wurde aber von Seifert durch einen weiteren Stich in den Rücken getroffen.

Flucht und Festnahme des Täters Seifert lief jetzt zum hinteren Teil des Schulhofs, kletterte über einen Zaun und floh mit der Lanze in der Hand über ein freies Feld zu einem nahegelegenen Bahndamm. Dabei wurde er von 20 bis 30 Personen verfolgt. Um 9:38 Uhr, etwa 20 bis 30 Minuten nach Tatbeginn, traf die erste Funkstreife am Tatort ein; die Feuerwehr war zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Löschen der brennenden Baracke beschäftigt. Aus der Menschenansammlung vor der Schule erhielten die Beamten Hinweise auf den Fluchtweg Seiferts und konnten ihn nach kurzer Verfolgung auffinden. Er hatte sich auf den Bahndamm begeben und hielt seine Verfolger mit der Lanze auf etwa 15 Meter Abstand. Die beiden Beamten der Funkstreife verließen ihr Fahrzeug und versuchten, dem Täter den Fluchtweg abzuschneiden. Beim Versuch der Annäherung wurden sie von Seifert mit der Lanze angegriffen; durch den gezielten Pistolenschuss eines Beamten wurde Seifert am Oberschenkel verletzt. Er wurde in die Kölner Universitätsklinik eingeliefert.

Opfer mini|hochkant=1.3|Gedenktafel an dem ehemaligen Schulgebäude (2010)

Todesopfer Die 24-jährige Lehrerin Kuhr verstarb innerhalb weniger Minuten am Tatort, ihre 61-jährige Kollegin Bollenrath gegen 13:30 Uhr im Heilig-Geist-Krankenhaus. Beide kamen durch schwere Stichverletzungen zu Tode. Kuhr fand ihr heute noch bestehendes Grab auf dem Kölner Südfriedhof, Bollenrath wurde im Grab ihrer Familie auf dem Nordfriedhof beigesetzt, wo sich auch ein Gedenkstein für die Opfer des Attentats befindet.

28 Kinder und zwei Lehrerinnen wurden durch Brandwunden zum Teil schwer verletzt. Acht dieser Kinder starben während der folgenden drei Wochen: Dorothea Binner am 15. Juni, Klara Kröger und Stephan Lischka am 18. Juni, Renate Fühlen und Rosel Röhrig am 19. Juni, Ruth Hoffmann (10) und Karin Reinhold (11) am 20. Juni und Ingeborg Hahn am 30. Juni.

Verletzte Die Überlebenden befanden sich teilweise wochenlang in Lebensgefahr; sie mussten zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Die erlittenen Verletzungen und die schmerzhaften Behandlungen beeinträchtigten ihr Leben und das ihrer Familien oft über Jahre und Jahrzehnte.

Rettungseinsatz Noch während der Attentäter auf dem Schulgelände war, begannen Schüler und Lehrerinnen, auch die später ihren Verletzungen erlegene Bollenrath, die in Brand geratene Kleidung der Kinder zu löschen. Als sich Seifert bereits auf der Flucht befand, gelang es vorbeikommenden Mitarbeitern der städtischen Müllabfuhr, das versperrte Tor aufzubrechen und weitere Kinder mit Decken und Kleidungsstücken zu löschen. Sie stoppten vorbeifahrende Fahrzeuge, die noch vor dem Eintreffen der ersten Rettungskräfte verletzte Kinder in das am nächsten gelegene Heilig-Geist-Krankenhaus im Stadtteil Longerich transportierten. Noch vor der Polizei trafen Einsatzkräfte der Kölner Feuerwehr, des Malteser Hilfsdienstes und der Bundeswehr – in der heutigen Lüttich-Kaserne in Longerich war eine Sanitätseinheit stationiert – am Tatort ein. Mit deren Fahrzeugen wurden die verbliebenen Verletzten in das Heilig-Geist-Krankenhaus, das weniger als zwei Jahre vor der Tat neu eröffnete Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße in Riehl, das Vinzenz-Krankenhaus in Nippes, alle nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt, und in die Kölner Universitätsklinik gebracht.

Medizinische Versorgung Die geretteten Kinder waren durch die Brandverletzungen teilweise so entstellt, dass ihre Identifizierung in den Krankenhäusern Schwierigkeiten bereitete. Die Klinikärzte bemühten sich gemeinsam mit hinzugezogenen Spezialisten über Monate hinweg um das Überleben der Opfer, die Verbrennungen bis zu 90 Prozent der Körperoberfläche erlitten hatten. Für die Behandlung von Hautverbrennungen benötigte medizinische Geräte wurden eigens beschafft. Noch in der Nacht nach dem Attentat wurden Reste der brennbaren Flüssigkeit im Kölner Institut für gerichtliche Medizin analysiert, um für die Behandlung der Verletzten wichtige Informationen zu erlangen. Dies geschah auch in der Sorge, die Flüssigkeit könne einen Säurezusatz enthalten haben.

Einen Monat nach der Tat schwebten zehn Kinder weiter in Lebensgefahr; erst eines war aus dem Krankenhaus entlassen worden. Im August waren alle Kinder außer Lebensgefahr, 19 von ihnen und die Lehrerin Langohr befanden sich jedoch weiterhin im Krankenhaus und konnten ihre Entlassung erst in einigen Monaten erwarten. Ein Jahr nach dem Anschlag befand sich ein 13-jähriges Mädchen immer noch im Krankenhaus; alle anderen mussten weiter ärztlich behandelt werden.

Täter Vorleben Willi Walter Seifert (* 19. Juni 1921 in Köln-Bickendorf; † 11. Juni 1964 in Köln-Lindenthal) zog sich – nach seiner Überzeugung – als Wehrmachtssoldat in der Kriegsgefangenschaft eine Tuberkuloseerkrankung zu. Nach Kriegsende verbrachte Seifert ein Jahr im Polizeidienst, wurde allerdings wegen seiner Lungenerkrankung als dienstunfähig entlassen. 1953 stellte ein Gutachter der Tuberkulose-Fürsorgestelle der Stadt Köln eine Erwerbsminderung von 30 Prozent fest und schloss einen ursächlichen Zusammenhang mit der Kriegsgefangenschaft Seiferts aus. Daraufhin begann Seifert eine jahrelange Auseinandersetzung mit Amtsärzten und Versorgungsämtern, während der er wiederholt umfangreiche Eingaben verfasste. Seine Schrift Sozialpolitik – Sozialärzte – Sozialmord, in der er mehrere Ärzte scharf angriff, war der Anlass für eine Untersuchung Seiferts durch einen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, der ihm einen „schizophrenen Defektzustand bzw. paranoide Entwicklung“ bescheinigte. Da Seifert bei der Untersuchung keine Anzeichen für ein gemeingefährliches Verhalten gezeigt hatte, sah der Arzt keine Veranlassung für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.