mini|hochkant=1.3|Das Nationaltheatret in Oslo, Frontseite (mit Ibsen- und Bjørnson-Statue) Das Nationaltheatret in Oslo wurde 1899 eröffnet und ist das größte Sprechtheater Norwegens. Mit seinen Klassikerinszenierungen – vor allem der Stücke Henrik Ibsens – ist es international bekannt geworden. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren und seit etwa 1990 hat das Nationaltheatret auch systematisch die Gegenwartsdramatik gefördert. Das vom Architekten Henrik Bull entworfene Theatergebäude steht seit 1983 unter Denkmalschutz.
Name Ihren Namen bekam die neue Hauptbühne Oslos erst während der Bauphase in den 1890er Jahren. Seit der Einweihung des Gebäudes befindet sich unter dem Tympanon der Frontseite der Schriftzug Nationaltheater. Parallel dazu gelangte die bestimmte Form des Wortes (d. h. Nationaltheatret, auch National-Theatret) rasch in Umlauf. Nach der norwegischen Rechtschreibreform von 1917, die darauf abzielte, die Orthografie stärker der mündlichen Aussprache anzupassen, hätte das Haus eigentlich in Nasjonalteater bzw. Nasjonalteatret umgetauft werden müssen, analog zur benachbarten, schon seit 1842 existierenden Nasjonalgalleriet. Offenbar lag der Leitung des Theaters jedoch daran, für das damals erst 18 Jahre alte Haus die ehrwürdigere und Tradition verheißende Bezeichnung Nationaltheatret beizubehalten. Die zunächst wichtigste Aufgabe der Kulturinstitution, die darin bestanden hatte, die Bevölkerung mit der noch jungen, nach Selbständigkeit von Schweden drängenden Nation zu identifizieren, erhielt dadurch einen Anstrich von Feierlichkeit.
Geschichte Das Christiania Theater mini|Das 1837 erbaute Christiania Theater am Bankplassen Die Geschichte des Hauses geht auf das vom Architekten Christian Heinrich Grosch erbaute Christiania Theater zurück, das sich seit 1837 am Bankplassen befand und unmittelbar vor der Eröffnung des Nationaltheatret geschlossen wurde. Aufgrund der über 400 Jahre währenden politischen und kulturellen Abhängigkeit Norwegens von Dänemark (1380–1814) galt die norwegische Sprache zunächst noch als unfein und ungehobelt. Vereinzelte Versuche, Norwegisch als Bühnensprache zu etablieren, stießen auf breite Ablehnung der gebildeten Osloer Bürger, die sich von dem so bezeichneten „Rinnstein“-Idiom heftig distanzierten. Folglich waren in den ersten Jahrzehnten überwiegend dänische Schauspieler am Christiania Theater beschäftigt, die mehrheitlich dänische Dramen und Vaudevilles zur Aufführung brachten.
miniatur|links|200px|Plakat vom Eröffnungsabend am 1. September 1899
Erst ab den 1860er Jahren, nachdem die Bühne eine Fusion mit dem Kristiania Norske Theater eingegangen war, hielt die norwegische Sprache allmählich Einzug auf der Bühne, und es wurden immer häufiger norwegische Stücke inszeniert. Der Trend vollzog sich parallel zur Genese eines neuen patriotischen Bewusstseins, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Wunsch nach voller Unabhängigkeit entstehen ließ und die Personalunion mit Schweden (1814–1905) zunehmend in Frage stellte.
Eröffnung 1899 mini|Nationaltheatret in Oslo, Rückseite thumb|Aktie über 100 nkr von AS Nationaltheatret vom Oktober 1898
An diese Entwicklung schloss das Nationaltheatret konsequent an. Es wurde im September 1899 mit gleich drei Festvorstellungen eröffnet: am ersten Abend (1. September) wurden Auszüge aus zwei Komödien von Ludvig Holberg gespielt, am zweiten Abend (2. September) ging Henrik Ibsens Schauspiel Ein Volksfeind über die Bühne, am dritten Abend schließlich (3. September) stand Bjørnstjerne Bjørnsons Kreuzfahrer-Drama Sigurd Jorsalfar auf dem Programm. Zu den Höhepunkten dieses dritten Tages zählte, dass Edvard Grieg die Aufführungsfassung seiner bekannten Bühnenmusik zu Bjørnsons Stück selbst dirigierte. An allen drei Abenden waren Bjørnson und Ibsen persönlich anwesend, am ersten auch der schwedisch-norwegische König Oskar II.
Das Nationaltheatret entstand auf private Initiative und wurde zunächst mit rein privaten Mitteln betrieben. Schon 1906, ein Jahr nach der inzwischen erfolgten Unabhängigkeit Norwegens von Schweden, erlebte es seine erste ökonomische Krise. Erst 1927 jedoch gewährte die Stadt Oslo der Bühne einen Zuschuss von relativ bescheidenen 123.000 Kronen.vgl. Lise Lyche, Norges teaterhistorie, Asker 1991, S. 178. Der norwegische Staat beteiligte sich erstmals 1933 mit einer kleinen Summe an den Kosten, die seitdem jedoch kontinuierlich anstieg. In den 1970er Jahren deckten die Zuwendungen der öffentlichen Hand zeitweise 94 % des Etats ab.vgl. Nils Johan Ringdal, Nationaltheatrets historie 1899–1999, Oslo 2000, S. 416. Diese Rekordhöhe wurde seitdem allerdings nie wieder erreicht.
Die ersten Intendanten mini|hochkant=0.8|Bjørn Bjørnson Der erste Intendant des Hauses war Bjørn Bjørnson, ein Sohn des Dramatikers Bjørnstjerne Bjørnson, der seine umfassende Theaterausbildung unter anderem am Burgtheater in Wien erhalten hatte. Für eine Art Goldenes Zeitalter der neuen Bühne sorgten seine Nachfolger: der norwegische Dichter und Kritiker Vilhelm Krag und der Schauspieler und Regisseur Halfdan Christensen. Das Projekt der Nationenbildung trat vorübergehend in den Hintergrund, so dass ausländische Gegenwartsdramatik stärker Fuß zu fassen begann. Standen während des Ersten Weltkrieges noch überwiegend deutsche und französische Lustspiele auf dem Programm, wurde das Repertoire nach 1918 ernster. Stücke des lange vernachlässigten schwedischen Ibsen-Rivalen August Strindberg gelangten nun ebenso auf die Bühne wie sozialkritische Dramen von George Bernard Shaw oder Arthur Schnitzler.
Die Zeit zwischen etwa 1908 und 1933 war nicht zuletzt von Darbietungen großer Schauspieler geprägt, die vereinzelt auch als Regisseure tätig waren. Namen wie Hauk Aabel, August Oddvar, Egil Eide, Ingolf Schanche oder Ragna Wettergreen sind noch heute jedem norwegischen Theaterliebhaber geläufig. Die bedeutendste Schauspielerin dieser Periode war jedoch ohne Zweifel Johanne Dybwad, nach der seit 1989 der Platz vor dem Theatergebäude benannt ist. Ihre Popularität war so groß, dass ihr alle Intendanten bedeutende Privilegien einräumten. Sie konnte zeitweise selbst bestimmen, welche Stücke inszeniert und welche Schauspieler eingesetzt wurden.vgl. Lise Lyche, Norges teaterhistorie, Asker 1991, S. 134. 1908 besetzte sich die damals schon 41-jährige Diva als Hedvig in Ibsens Die Wildente – ungeachtet der Tatsache, dass die Rollenfigur in dem Stück gerade erst ihren 14. Geburtstag feiert.
Das Nationaltheatret während der Besatzungszeit Am 9. April 1940 wurde das Theater nur wenige Stunden nach der Okkupation Norwegens durch deutsche Truppen vorübergehend in eine Kaserne für Hitlers Soldaten verwandelt. Später erzwang die Besatzungsmacht mehrfach Gastspiele deutscher Theater, die Wagner-Opern, Wiener Operetten und deutsche Klassiker aufführten. Der deutschfreundliche Schauspieler Gustav Berg-Jæger löste den Intendanten Axel Otto Normann ab.
Im Mai 1941 verhörte die Gestapo sechs Schauspieler, die im Verdacht standen, Widerstandsaktionen vorzubereiten – mit dem Resultat, dass ihnen mit sofortiger Wirkung untersagt wurde, ihren Beruf weiter auszuüben. Daraufhin traten viele ihrer Kollegen, trotz massiver Drohungen des Reichskommissars Josef Terboven, in einen Streik, der kurz darauf auch die Bühnen in Bergen und Trondheim erfasste. Am 24. Mai 1941 wurden 13 Schauspieler des Nationaltheatret verhaftet und erst zwei Wochen später, nach etlichen Verhandlungen, wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach der Sommerpause dieses Jahres nahmen die Schauspieler auf nachdrückliche Anordnung der Besatzungsmacht ihre Arbeit wieder auf.
Im Oktober 1943 gerieten bei einer Sabotageaktion, die von der norwegischen Widerstandsbewegung koordiniert worden war, das Bühnenhaus, der Schnürboden und das Dach des Theaters in Brand. Das Nationaltheatret war daraufhin monatelang nicht bespielbar; die Proben und Vorstellungen mussten in das Gebäude von Det Nye Teater verlegt werden.vgl. Carola Peckolt, Das norwegische Theater während der deutschen Besatzung 1940 bis 1945. In: Skandinavistik, 20, 1990, S. 24–39.
Theaterbrand 1980 Ein weiterer verheerender Brand, der die Theaterleitung zu allerlei Improvisationen zwang, ereignete sich am 9. Oktober 1980. Das Feuer brach gegen 21 Uhr während einer Vorstellung der Komödie Der Eisvogel von William Douglas Home aus. Die grande dame des Theaters, die Schauspielerin Wenche Foss, teilte dem verdutzten Publikum von der Bühne herab mit, dass es das Theater auf direktem Weg zu verlassen habe. Auf der sogenannten Amfiscenen (Amphibühne) über dem Hauptsaal ging die Vorstellung des Abends unterdessen zunächst noch weiter; die Zuschauer und Schauspieler hatten den rasch ausgelösten Alarm zwar wahrgenommen, aber vermutet, dass in einem anderen Teil des Gebäudes eine Brandübung stattfinde. Mit roher Muskelkraft gelang es dem Inspizienten und einigen Bühnenarbeitern, den elektrisch nicht mehr zu bedienenden Eisernen Vorhang herunterzulassen, so dass die Flammen den Zuschauerraum der Hauptbühne nicht erreichen konnten.
Niemand kam zu Schaden, das Bühnenhaus jedoch wurde komplett zerstört. Ein explodierter Scheinwerfer wurde später als Brandursache ausgemacht. Bis zur Wiedereröffnung des Theaters im August 1985, mit einer Produktion von Ibsens Peer Gynt, fanden die Vorstellungen in einem Zelt vor dem Theater oder auf kleineren Spielflächen im Haus statt.
Sanierung des Theaters Die Regierung hat 2025 eine Lösung für die notwendige Sanierung des Nationaltheatret beschlossen.
Das historische Hauptgebäude des Theaters im Zentrum von Oslo wird saniert, die Hauptbühne bleibt im bestehenden Gebäude erhalten. Bevor die Sanierung beginnen kann, benötigt das Theater einen neuen Standort für die permanenten Nebenbühnen mit zugehörigen Räumlichkeiten, in denen während der Sanierungsphase Aufführungen stattfinden können. Statsbygg sucht daher nach einem Grundstück mit mindestens 5000 m² Fläche innerhalb oder in der Nähe des dritten Osloer Stadtrings.
Die Mitarbeiter des Nationaltheaters müssen während der Sanierung des Gebäudes im Zentrum von Oslo ausziehen. Die neuen Räumlichkeiten sollen auch nach Abschluss der Sanierung als permanente Nebenbühnen für das Nationaltheater genutzt werden.
Profil Anfänge als Drei-Sparten-Theater In den ersten Jahren fungierte das Nationaltheatret nicht nur als Sprechtheater, sondern auch als Institution für Opern- und Operettenaufführungen. Die weltbekannte norwegische Sopranistin Kirsten Flagstad feierte hier 1913 ihre ersten Erfolge (als Nuri in Eugen d’Alberts Oper Tiefland). Vor allem in ökonomischen Notzeiten sorgten Inszenierungen z. B. von Franz Lehárs Die lustige Witwe für wichtige Einnahmen. Bis 1919 unterhielt das Theater ein eigenes Orchester, aus dem sich das heute noch existierende Oslo Filharmoniske Orkester entwickelte. Zwischen 1910 und 1922 war dem Theater darüber hinaus ein eigenes Ballettensemble angeschlossen. Erst im Lauf der zwanziger Jahre wurde aus dem klassischen Drei-Sparten-Haus (Schauspiel, Musik, Tanz) ein Sprechtheater.
Holberg, Bjørnson, Ibsen Von Beginn an – und bis in die Gegenwart hinein – spielte das Werk der Autoren-Trias Holberg, Bjørnson und vor allem Ibsen eine große Rolle für das Repertoire des Nationaltheatret. Die Namen dieser oft so bezeichneten Säulen des Theaters prangen seit jeher an dessen Frontseite.miniatur|links|Henrik Ibsen Bjørnson Doppeldrama Über die Kraft I – II erlebte noch in der Eröffnungssaison seine norwegische Erstaufführung, ebenso wie zwei Jahre später sein Schauspiel Paul Lange und Tora Parsberg, das seit 1901 zum Kanon der Osloer Bühne gehört. Letzteres gilt auch für die Komödien Holbergs, die regelmäßig in den Spielplänen auftauchen. Sein wohl populärstes Werk, Jeppe vom Berge, wurde zwischen 1903 und 2003 auf höchst unterschiedliche Weise zehnmal inszeniert.