mini|Mitglieder der Wayuu lernen Lesen und Schreiben (Casusai, Parroquia Alta Guajira, Municipio Paez, Estado Zulia, Guajira-Halbinsel, 2004) mini|Siedlungsgebiet der Wayuu auf der Guajira-Halbinsel mini|Hüttensiedlung der Wayuu (2015) Die Wayuu () oder Guajiro sind ein zu den Arawak zählendes indigenes Volk in Südamerika auf der Guajira-Halbinsel, die zu Kolumbien und Venezuela gehört.

Die Wayuu-Sprache (auch: Goajiro, Goaxiro oder Wayuunaiki)Ethnologue-Lexikon: Wayuu – a language of Colombia. 2018, abgerufen am 29. Dezember 2018 (englisch).Langwhich-Lexikon von Ingmar Eschli: Goaxiro. Abgerufen am 29. Dezember 2018 (inklusive Infos zum Volk). gehört zu den Arawak-Sprachen und wird in Venezuela und Kolumbien von knapp 700.000 Menschen gesprochen. Sie ist in verschiedene Dialekte unterteilt, je nach Wohngebiet. Alle Altersstufen sprechen Wayuu, doch unter den Jüngeren sprechen viele auch Spanisch.

Siedlungsgebiete In Venezuela und Kolumbien, hauptsächlich auf ihrem historisch angestammten Siedlungsgebiet der Halbinsel La Guajira, leben etwa 686.000 Angehörige der Wayuu, davon laut Volkszählung 2015 etwa 416.000 in Venezuela. Dort stellen sie mit 57 % den größten Anteil der indigenen Bevölkerung des Landes.Primeros Resultados Censo Nacional 2011: Población Indígena de Venezuela. Nationales Institut für Statistik, Januar 2013, abgerufen am 28. Dezember 2018. In Kolumbien leben rund 270.000 Wayuu mit etwa 20 % Anteil an der indigenen Bevölkerung des Landes.WAYÚU Gente de arena, sol y viento. Kulturministerium Kolumbien, Zensus 2005, abgerufen am 28. Dezember 2018. Neben dem traditionellen Hauptsiedlungsgebiet der gesamten Halbinsel La Guajira bewohnen sie auch Gebiete an der Sierra Nevada de Santa Marta und der Sierra de Perijá. Das Cabo de la Vela, genannt Jepira, ist eine heilige Stätte, die mit der letzten Reise der Geister in Verbindung steht.

Auf Grund des ariden Klimas der Guajira-Halbinsel trug die Landwirtschaft bei den Wayuu – anders als etwa bei den sprachlich nahe verwandten Taíno – nie zum Hauptteil der Ernährung bei, vielmehr waren der Fischfang und die Jagd wichtig. Heutzutage sind die Wayuu hauptsächlich Viehzüchter und dadurch wirtschaftlich in den kolumbianischen oder venezolanischen Markt integriert. Viele Wayuu arbeiten aber auch in der Ölindustrie, beispielsweise in Maracaibo. Die Wayuu leben auch heute noch in matrilinearen Großfamilien.

Geschichte Die Wayuu lebten zunächst im Bereich der heutigen Guayanas, von wo sie vertrieben wurden. Auf der Halbinsel La Guajira angekommen, stellten sie ihre bisherige Wirtschaftsweise um: Klimatisch bedingt wurde der alleinige Ackerbau durch Jagen, Sammeln und Fischen ergänzt. Eine weitere kulturelle Umstellung erfolgte durch die europäische Eroberung im 16. Jahrhundert: Der Italiener Amerigo Vespucci betrat 1500 als erster Europäer die Ostseite der Guajira-Halbinsel.Daus 2006, S. 12. Ein paar Jahre später entdeckten spanische Seefahrer an der Westseite der Halbinsel, am Cabo de La Vela, Perlenbänke. Zu deren wirtschaftlicher Erschließung wurden Sklaven aus der Karibik eingeschifft,Daus 2006, S. 14–15. aber auch Wayuu wurden als Perlentaucher versklavt.Mansen 1988, S. 95. Neben der Arbeit als Perlenfischer, sowohl versklavt als auch frei, wurde die Wirtschaftsweise der Wayuu durch die Übernahme der Viehhaltung der Spanier ein weiteres Mal verändert. Kühe, Ziegen und Pferde wurden gezüchtet sowie Handel mit den spanischen Eroberern,Daus 2006, S. 16 ff. aber auch mit anderen Seefahrernationen getrieben. Holländer, Franzosen und Engländer, mit den Spaniern verfeindet, lieferten Werkzeuge, Waffen und Sklaven – für Wörrle ein Grund, weshalb die Spanier das Gebiet nie ganz erobern konnten. Weiteren Einfluss versuchten die katholischen Missionen auszuüben, die ab dem 17. Jahrhundert unter anderem in Nazaret, Manaure und Maicao gegründet wurden.Perrin 1987, S. XI. Große Resonanz fanden sie allerdings nicht: Es wurde festgestellt, dass meist nur Ruinen der Stationen übrig blieben und der Erfolg der größten Missionsschule in Nazaret auf der Errichtung eines Gemüsebetriebs beruhte.Daus 2006, S. 17–18.

Aktuelle Bedrohungen Im Januar 2009 äußerte das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) seine Besorgnis über die zunehmende Gewalt gegen die Wayuu und andere indigene Gemeinden in La Guajira im Nordosten Kolumbiens und forderte Kolumbien auf, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die indigene Bevölkerung vor Gewalt und gewaltsamer Vertreibung zu schützen. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Reorganisation von illegalen bewaffneten Gruppen, die die Kontrolle über das Gebiet erstreben, das reich an Salz und wichtig für den Drogenhandel nach Venezuela und die Karibik ist, sind die Wayuu einer zunehmenden Zahl von gezielten Morden, Todesdrohungen, Einschüchterungen, Erpressung und gewaltsamer Vertreibung ausgesetzt. Nach offiziellen Angaben wurden durch die in dem Gebiet herrschende Gewalt mehr als 50.000 Menschen vertrieben. Im Reservat von Provincial bei Barrancas,Alcaldía Municipal de Barrancas, La Guajira leisten Wayuu dem größten Kohlekonzern Kolumbiens, Cerrejón, Widerstand. Der Tagebau hat sich bis nahe an ihre Siedlung herangefressen und ist vermutlich Grund für etliche umweltbedingte Krankheiten in der Gemeinschaft.

Siedlungsweise und soziale Organisation Die Wayuu leben verstreut über die Halbinsel in kleinen Ansiedlungen mit bis zu 250 Personen.Armstrong, Métraux 1948, S. 371. In einer Siedlung finden sich fünf bis sechs Häuser, die zusammen ein Großhaus bilden. Die einzelnen Siedlungen sind meist weit voneinander entfernt, um gegenseitige Konkurrenz um Anbau- und Weideflächen zu vermeiden. Hauswände und Dächer wurden früher aus Kaktusfasern oder Lehm gebaut, während heute zunehmend Materialien wie Zement und Zink verwendet werden.

Die Wayuu sind nach der Linie der Mutter organisiert (matrilinear); alle mutterseitigen Verwandten werden als Angehörige einer Großfamilie (Lineage) angesehen. Alle Lineages einer gemeinsamen weiblichen Linie gehören einem Clan an, nur von der Mutter wird der Name als Zeichen der Clanzugehörigkeit an ihre Kinder weitergegeben. Jeder Clan wird mit einem Ahnentier mythologischen Ursprungs assoziiert (siehe Totemistische Clans).Mansen 1988, S. 106–107. Heute bestehen rund 30 Clans, die über die gesamte Halbinsel verteilt leben; in den Siedlungen wohnen jeweils Angehörige verschiedener Clans. Geheiratet wird nur zwischen den verschiedenen Clans (exogam), nicht innerhalb des eigenen. In den Ehen herrscht Polygynie vor: Ein Mann kann mehrere Frauen heiraten, was als Zeichen des Wohlstands betrachtet wird.

Eine große Bedeutung fällt dem Bruder der Mutter zu, der zu Lebzeiten und nach seinem Tod den ältesten Sohn seiner Schwester (seinen Neffen) finanziell unterstützt, zum Beispiel bei der Bezahlung des Brautpreises. Andersherum wird der Mutterbruder von der ältesten Tochter der Schwester (seine Nichte) finanziell unterstützt, indem er das Brautgeld für sie empfängt, wenn sie heiratet. Der Bruder der Mutter gilt als Onkel mitverantwortlich für die Erziehung seiner Nichten und Neffen, muss aber auch für deren Vergehen einstehen (vergleiche Rollen der Männer bei den nordindischen Khasi).Mansen 1988, S. 109–110.

Rechtssystem Die gesellschaftlichen Normen enthalten Grundsätze, Verfahren und Riten zur Regelung des spirituellen und sozialen Miteinander. Wiedergutmachung und Entschädigung sind die Leitwerte bei Konflikten, auch bei schwersten Verbrechen. Eine lokale Autorität, Pütchipü’üi oder Palabrero (Redner) genannt, wird von beiden Streitparteien gemeinsam angerufen. Wenn möglich, schlägt er eine friedliche Lösung vor, und zwischen ihm und den Parteien wird eine Entschädigung ausgehandelt. Diese ist symbolischer Natur, häufig eine Halskette mit wertvollen Steinen, oder eine Anzahl von Ziegen, Schafen oder Rindern. So wird eine Versöhnung erreicht und der soziale Frieden erhalten. Dieses normative System wurde 2010 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Wirtschaft und Handwerk Auf den Ackerflächen nahe der Siedlung werden in der Regenzeit Maniok, Wassermelonen, Mais und verschiedene Bohnenarten kultiviert, außerdem werden Früchte gesammelt. Das Wirtschaften mit Fruchtfolge und Brache ist unbekannt, stattdessen werden bestimmte Pflanzen verbrannt, deren Asche die Bodenfruchtbarkeit steigert. Die Hauptwirtschaftsweise besteht aus der Haltung und Zucht von Pferden, Ziegen, Maultieren, Kühen, Schweinen, Schafen und Hühnern. Fleisch wird meist nur zu besonderen Anlässen verzehrt, eher wird das Vieh verkauft oder als Transportmittel genutzt. Die Menge des Viehs gibt Auskunft über den sozialen Status; mit dem Vieh wird die Braut bezahlt oder bei einem Streit Entschädigungen geleistet.Mansen 1988, S. 105–106. Um Vieh zu verkaufen, werden Märkte in Uribia, Riohacha, Maicao und Paraguaipoa besucht; auch werden dort handwerklich hergestellte Produkte wie Hängematten oder gewebte Taschen angeboten. Mit dem verdienten Geld werden Güter wie Zucker, Kaffee, Waffen, Werkzeuge etc. gekauft. Zwar wird an den Küsten noch gefischt und teilweise verschiedene Wild- und Vogelarten sowie Hasen gejagt, doch spielen diese beiden Wirtschaftszweige eine untergeordnete Rolle. Eine weitere Einkommensmöglichkeit, vor allem während der Trockenzeit, ist der Salzabbau und -handel, der bereits vor Ankunft der Spanier begann. Seit Ende der 1960er Jahre wurde der Abbau dem Institut zur Industrieentwicklung (IFI) übertragen, das mechanische Abbaumethoden anwendet und somit den handarbeitlichen Abbau der Wayuu stark einschränkt. Andere Einkommensmöglichkeiten finden sich vor allem in der Nähe von oder in Städten, wobei Männer oft bei Baufirmen oder als Lastkraftwagenfahrer arbeiten, während Frauen als Haushaltshilfen eingestellt werden, meist jedoch keine Anstellung als Fachkraft erhalten.Mansen 1988, S. 87.

Kunsthandwerk mini|Wayuu-Frauen arbeiten an mochilas, Wayuu-Taschen (Camellón de Riohacha, 2009) mini|Eine Wayuu-Tasche (mochila) mini|Ausstellung von Wayuu-Taschen

Das Kunsthandwerk hat einen hohen Stellenwert in der Wayuu-Kultur. Letztere kommt in Mythen, Übergangsriten und Bräuchen zum Ausdruck. Eine Wayuu-Tasche wird mit drei Techniken kreiert: Weben, Knüpfen und Crochet-Häkeln, wobei das Häkeln relativ innovativ ist. In der Kultur der Wayuu häkeln die Frauen die Taschen als Sozialisierungsinstrument, um sich weibliche Tugenden wie Perfektionismus und Geduld einzuprägen.Mazzoldi 2004, S. 241–268. Seit die Taschen Absatz gefunden haben, lassen Zwischenhändler sie mit doppeltem Faden produzieren, was einen Qualitätsverfall des Produkts zur Folge hat: die Erstellungsdauer verringert sich von 3 Wochen auf 3 Tage, die Muster werden ungenau und die Maschen locker. Bei Taschen aus zwei Fäden braucht es nur 1,5 Stiche, um einen Zentimeter zu häkeln. Somit benötigen jene Taschen, die mit zwei Maschen gefertigt werden, nur ein Drittel soviel Aufwand.

Stationen des Lebenszyklus Die Geburt eines Kindes findet im eigenen Haus statt und wird von der Mutter der Frau oder einem anderen nahen Verwandten begleitet. In den ersten Lebensjahren werden Kinder von der Mutter aufgezogen, anschließend verbringen Jungen eine Zeit beim Onkel mütterlicherseits, während Mädchen von einer weiblichen Verwandten aufgezogen werden. Im Alter von sechs Jahren lernen die Kinder erste kleine Aufgaben in Haushalt oder bei der Acker- und Vieharbeit zu erledigen.Armstrong, Métraux 1948, S. 378.