mini|Polizisten in Seattle im Einsatz während der Spanischen Grippe, Dezember 1918|alt=eine angetretene Gruppe von Polizisten in langen schwarzen Mänteln, welche alle eine weiße Maske tragen mini|Versorgung von Grippeerkrankten im Walter Reed Hospital, Washington, D.C., 1918/1919|alternativtext=mehrere Krankenbetten, von an der Spanischen Grippe Erkrankten, welche nebeneinander auf einem überdachten Balkon stehen, getrennt durch weiße Laken. Eine Krankenschwester mit Mundschutz versorgt einen Patienten mini|hochkant|Grabstein von Opfern der Spanischen Grippe auf dem katholischen Friedhof der Insel Borkum

Die Spanische Grippe war eine Influenza-Pandemie, die durch einen ungewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus (Subtyp A/H1N1) verursacht wurde und sich zwischen 1918 – gegen Ende des Ersten Weltkriegs – und 1920 in drei Wellen verbreitete und bei einer Weltbevölkerung von etwa 1,8 Milliarden laut WHO zwischen 20 Millionen und 50 Millionen Menschenleben forderte,WHO (Hrsg.): Pandemic Influenza Risk Management. World Health Organization, Genf 2017, S. 26 (Volltext).Niall P. A. S. Johnson, Jürgen Müller: Updating the Accounts: Global Mortality of the 1918–1920 „Spanish“ Influenza Pandemic. (PDF) In: Bulletin of the History of Medicine. Band 76, 2002, S. 105–115. Schätzungen reichen bis zu 100 Millionen.Niall P. A. S. Johnson, Jürgen Müller: Updating the Accounts: Global Mortality of the 1918–1920 „Spanish“ Influenza Pandemic. (PDF) In: Bulletin of the History of Medicine. Band 76, 2002, S. 114 f.; abgerufen am 9. Juni 2020. Damit starben an der Spanischen Grippe mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg durch Kriegshandlungen (ca. 17 Millionen Tote). Insgesamt sollen etwa 500 Millionen Menschen infiziert worden sein,1918 Pandemic (H1N1 virus). Centers for Disease Control and Prevention (CDC), National Center for Immunization and Respiratory Diseases (NCIRD), 20. März 2019. was eine Letalität von 5 bis 10 Prozent ergibt, die damit deutlich höher lag als bei Erkrankungen durch andere Influenza-Erreger.Niall P. A. S. Johnson, Juergen D. Mueller: Updating the Accounts: Global Mortality of the 1918–1920 „Spanish“ Influenza Pandemic. (PDF) In: Bulletin of the History of Medicine. Band 76, Nr. 1, 2002, S. 105–115.

Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen, während Influenzaviren sonst besonders Kleinkinder und alte Menschen gefährden. Das ursprüngliche Erregerreservoir bildeten Wasservögel,Jeffery K. Taubenberger et al.: Characterization of the 1918 influenza virus polymerase genes. In: Nature. Band 437, 2005, S. 889–893. eventuell in Rekombination mit Gensegmenten aus Schweine-Influenzaviren.Mark J. Gibbs, Adrian J. Gibbs: Was the 1918 pandemic caused by a bird flu? sowie Janis Antonovics, Michael E. Hood, Christi Howell Baker: Was the 1918 flu avian in origin? beide in: Nature. Band 440, 2006, S. E8f. Varianten des Subtyps A/H1N1 verursachten 1977/1978 den Ausbruch der Russischen Grippe und 2009 den der „Schweinegrippe“-Pandemie. Die Asiatische Grippe (1957) und die Hongkong-Grippe (1968) basierten zwar auf anderen Subtypen, der überwiegende Anteil der internen Gene stammt jedoch vom Virus der Spanischen Grippe, weswegen sie noch im Jahre 2006 als „Mutter aller Pandemien“ bezeichnet wurde.Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-25848-8, S. 236.

Die Bezeichnung „Spanische Grippe“ mini|Satirische spanische Darstellung Ende September 1918: der Soldado de Nápoles liest in der Zeitung vom gutartigen Charakter der Krankheit und gleichzeitig, dass der Platz auf den Friedhöfen ausgeht

Der Name „Spanische Grippe“ entstand, nachdem die ersten Nachrichten über die Seuche aus Spanien gekommen waren; als neutrales Land hatte Spanien im Ersten Weltkrieg eine relativ liberale Zensur, sodass dort im Unterschied zu anderen betroffenen Ländern Berichte über das Ausmaß der Seuche nicht unterdrückt wurden. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am 27. Mai 1918, dass der spanische König Alfons XIII. erkrankt sei.Manfred Vasold: Die Spanische Grippe. Die Seuche und der Erste Weltkrieg. Darmstadt 2009, S. 31.Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe. Wagenbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-3628-2, S. 8.Beatriz Echeverri: Spanish influenza seen from Spain. In: Howard Phillips, David Killingray (Hrsg.): The Spanish Influenza Pandemic 1918–19. New Perspectives, London / New York 2003. S. 173–190. Die Agencia Fabra kabelte an Reuters in London:

Vollends „spanisch“ wurde die Influenza, als am 29. Juni 1918 der spanische Gesundheitsdirektor Martín Salazar verkündete, ihm lägen keine Berichte über eine vergleichbare Krankheit im übrigen Europa vor. Die internationale Presse gebrauchte ab Ende Juni 1918 zunehmend die Bezeichnung „Spanische Grippe“, was zudem von einigen kriegführenden Regierungen gefördert wurde, um die tatsächliche Verbreitung zu vertuschen.Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-25848-8, S. 77 f.

Spanien In Spanien wurde die Krankheit zunächst Soldado de Nápoles (Soldat von Neapel) genannt, weil sie sich ähnlich schnell verbreitete wie ein damals sehr populäres Lied dieses Namens, das in Madrid am 1. März 1918 kurz vor dem Ausbruch der Pandemie erstmals in der Zarzuela La canción del olvido (dt.: Lied des Vergessens, Komponist: José Serrano Simeón) gesungen worden war. In zeitgenössischen spanischen Quellen tauchte die Bezeichnung Spanische Grippe nur auf, wenn die Autoren sich über diese Bezeichnung beklagten. Zeitgenössische spanische Beobachter nahmen wohl zu Recht an, dass der Erreger aus Frankreich eingeschleppt worden sei, da im Winter 1917/18 etwa 24.000 Spanier in Frankreich arbeiteten, von denen bis zum Ausbruch der Epidemie 9000 zurückgekehrt waren. Heute wird die Pandemie in Spanien meist als „Pandemia de gripe de 1918“ und selten als „Gripe española“ bezeichnet.

USA und Großbritannien Ungeachtet des irreführenden Namens nehmen die meisten Wissenschaftler heute an, dass die Pandemie ihren Ursprung in den USA hatte, was jedoch die Namensgebung nicht mehr beeinflusste. Die USA waren 1918 in einem massiven Aufrüstungsprozess ihres vor dem Kriegseintritts kleinen Heeres. Eines dieser Ausbildungslager war Fort Riley in Kansas. 50.000 Mann wurden hier zur militärischen Ausbildung stationiert. Das war der Ort, an dem am 4. März ein Soldat mit Fieber auf die Krankenstation gebracht wurde. Innerhalb weniger Stunden erkrankten mehr als einhundert weitere Soldaten mit ähnlichen Symptomen. In den darauffolgenden Wochen stiegen die Fallzahlen weiter. Im April trafen weitere amerikanische Truppenkontingente in Europa ein und brachten das Virus mit sich. Die erste Welle der Pandemie war angekommen.Toby Saul: Die schnelle, tödliche Geschichte der Spanischen Grippe. In: National Geographic. vom 27. Februar 2018; Auf: nationalgeographic.de; zuletzt abgerufen am 28. Dezember 2021. Die für jene Zeit noch untypische, kriegsbedingt erhöhte Mobilität begünstigte so die weltweite Ausbreitung. US-amerikanische Soldaten nannten sie three-day fever (Drei-Tage-Fieber) oder purple death (wegen der Hautverfärbungen), britische Soldaten bezeichneten sie als flu oder „flandrische Grippe“ wegen der Ansteckung in den Schützengräben Flanderns.

Deutschland In der deutschen Presse durfte zwar nicht über Erkrankungen an den Fronten berichtet werden, wohl aber ab Anfang Juni 1918 – auch auf den ersten Seiten der Zeitungen – über zivile Opfer. In Deutschland wurde sie gelegentlich „Blitzkatarrh“ oder „Flandern-Fieber“ genannt. Weitere Bezeichnungen waren Spanische Krankheit, Grippe, Lungenentzündung, Lungenpest.Nils Köhler: Als der Seuchentod nach Baden kam. In: Südkurier. vom 7. März 2020, S. 15.

Frankreich Französische Militärärzte sprachen zunächst verschleiernd von der maladie onze (Krankheit elf). Heute werden in aller Regel die Begriffe Grippe espagnole oder Pandémie grippale de 1918 verwendet.Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-25848-8, S. 77.

Schweiz Auch in der Schweiz ist die Bezeichnung „Spanische Grippe“ bis heute üblich. Sie begann ab Juni 1918 zu grassieren und forderte sehr viele Opfer, gerade auch unter den Armeeangehörigen. In der Zeitung Berner Tagwacht vom 18. Juli 1918 war von einem „Massensterben in der Armee“ die Rede. Die Spanische Grippe – schlimmste Seuche des letzten Jahrhunderts In: Zeitblende von Schweizer Radio und Fernsehen vom 4. April 2020

Hypothesen zur geographischen Herkunft Wo sich die Spanische Grippe zuerst manifestierte, ist nicht völlig gesichert. Dies ist weitgehend vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges zu sehen. Bei den Kämpfen in Europa, vor allem an der Westfront, starben zu dieser Zeit wöchentlich tausende von Soldaten. Sowohl die Presse als auch die lokalen Gesundheitsbehörden konzentrierten sich daher wenig auf die ersten Grippefälle im Frühjahr 1918, zumal während der ersten Welle nur wenige Menschen der Krankheit erlagen.

Propagandathesen Im Rahmen der Kriegspropaganda spekulierte die alliierte Presse zu Beginn der Pandemie, dass die Infektion von deutschen U-Booten und von deutschen Kriegsgefangenen ausging oder sogar von Deutschland planmäßig ausgelöst wurde, beispielsweise über das deutsche Medikament Aspirin oder über vergiftete Fischkonserven. Ersteres wurde unter anderem mit Erkrankungen auf in Spanien internierten deutschen U-Booten untermauert, so auf dem in Cartagena liegenden U 39.Harald Salfellner: Die Spanische Grippe. Eine Geschichte der Pandemie von 1918. Vitalis, Prag 2020, ISBN 978-3-89919-794-5, S. 55. Die New York Times forderte, die Pandemie in „Deutsche Grippe“ umzunennen. Da Deutschland 1915 die Kriegsführung mit Giftgas begonnen hatte, wurde zudem der Verdacht formuliert, dass es nunmehr auch die biologische Kriegsführung eingeleitet habe und die „Mikroben“ planmäßig freisetze.Blame U-Boats for Epidemic. In: Evening Public Ledger. 30. Mai 1918. Als Ende Juni 1918 klar wurde, dass auch deutsche Truppen zeitverzögert von der Pandemie betroffen waren, verebbten diese Thesen.Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-25848-8, S. 92Harald Salfellner: Die Spanische Grippe. Eine Geschichte der Pandemie von 1918. Vitalis, Prag 2020, ISBN 978-3-89919-794-5, S. 61 f.

Möglicher Ausgangspunkt China