Heinz Horst Magenheimer (* 21. Januar 1943 in Wien) ist ein österreichischer Militärhistoriker. Er gilt in der historischen Forschung als Hauptvertreter der Präventivkriegsthese, die wissenschaftlich widerlegt worden ist.
Ausbildung und Tätigkeiten Magenheimer trat nach der Matura 1961 am Bundesrealgymnasium Wien V als Offizieranwärter in das Bundesheer ein. Von 1962 bis 1965 durchlief er eine Offizierausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wien, die ohne Abschluss blieb. Von 1965 bis 1969 studierte er Geschichte an der Universität Wien.Peter Broucek, Kurt Peball: Geschichte der österreichischen Militärhistoriographie. Böhlau, Wien 2000, ISBN 3412057002, S. 499. 1969 wurde er mit seiner Dissertation Der deutsche Angriff auf Sowjetrussland 1941. Das operative Problem in Planung und Ablauf des Feldzuges am Institut für Zeitgeschichte der Universität WienDissertationen am Institut für Zeitgeschichte, 1969, Diss. 54 (PDF; 91 kB). zum Dr. phil. promoviert. Sein Betreuer war Ludwig Jedlicka, Zweitgutachter war Heinrich Appelt.Verband der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs (Hrsg.): Kurzauszüge österreichischer Dissertationen. Geistes- und Sozialwissenschaften 1969. Wien 1973, S. 271.
Im Oktober 1972 wurde er Referent des Instituts für Strategische Grundlagenforschung an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Bis 2000 wurde er dort Hofrat und stellvertretender Abteilungsleiter der Forschungsabteilung. Seit 1982 war er zudem Lehrbeauftragter für Sicherheitspolitik an der Universität Salzburg. 1991 habilitierte er sich dort mit der Arbeit Eurostrategie, Rüstungskontrolle und das Kräfteverhältnis in Europa.Deutsche Nationalbibliothek Leipzig / Frankfurt am Main (ursprünglicher Werktitel unter „Hochschulschrift“). Seit 1991 ist er Universitätsdozent mit den Themen Sicherheitspolitik, Internationale Politik, Zeitgeschichte und MilitärgeschichteWerner Schuder (Hrsg.): Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1996, 17. Ausgabe, Walter de Gruyter, Berlin 1996, ISBN 3-11-014916-8, S. 889. am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie.Universität Salzburg: Visitenkarte Heinz Magenheimer.
Magenheimer veröffentlicht Artikel in verschiedenen Periodika zur Zeitgeschichte, darunter spätestens seit 1975 für die Österreichische Militärische Zeitschrift (ÖMZ).Studiengesellschaft für Zeitgeschichte und Politische Bildung (Hrsg.): Geschichte und Gegenwart, Band 2. Styria, 1983, S. 324. Diese führte ihn ab 1985 als Redaktionsmitglied.Franz Freistetter (Hrsg.): Österreichische Militärische Zeitschrift. C. Ueberreuter, 1985, S. 188. Er war auch Autor der Zeitschriftenreihe Deutsche Geschichte – Europa und die Welt der rechtsextremen Verlagsgesellschaft Berg.Wolfram Wette: Filbinger, eine deutsche Karriere. Dietrich zu Klampen, 2006, ISBN 3934920748, S. 136.
Präventivschlagsthese Magenheimer vertritt seit 1990 kontinuierlich die These eines Angriffplans der Sowjetunion unter Josef Stalin auf das Deutsche Reich. Der sowjetische Angriff habe im Juni 1941 unmittelbar bevorgestanden; das NS-Regime sei ihm mit seinem „Unternehmen Barbarossa“ nur knapp zuvorgekommen. Er näherte sich dieser These schon 1969 in seiner Dissertation an.Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945: ein Forschungsbericht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3534147685, S. 84 und S. 169, Fn. 410. In der deutschsprachigen historischen Forschung wird Magenheimer deshalb seit den 1990er Jahren als Hauptvertreter der wissenschaftlich widerlegten Präventivschlagsthese eingeordnet. Er wird dabei anderen Vertretern dieser These an die Seite gestellt, die sich in ihren Werken oft gegenseitig zitierten: darunter Rechtsextremisten wie Walter Post und Wolfgang Strauß und Rechtskonservative wie Joachim Hoffmann, Werner Maser, Ernst Nolte, Franz W. Seidler, Ernst Topitsch.Fabian Virchow: Gegen den Zivilismus: Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten. Verlag für Sozialwissenschaften, Münster 2006, ISBN 3-531-90365-9, S. 344; Christa Mitterrutzner: Wahrheit und „Auschwitzlüge“. In: Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Benz, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Deuticke, 1995, ISBN 3216301249, S. 178; Karl-Heinz Schmick: Untersuchungen zur Ausstellung „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“. Ludwigsfelder Verlagshaus, 2000, ISBN 3933022096, S. 142, Fn. 324; Bernd Struß: „Ewiggestrige“ und „Nestbeschmutzer“: Die Debatte über die Wehrmachtsausstellungen - eine linguistische Analyse. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, ISBN 9783631587362, S. 218, Fn. 334; Zeitgeschichte Band 24, Geyer-Edition, 1997, S. 363; Gertraud Diendorfer, Gerhard Jagschitz, Oliver Rathkolb (Hrsg.): Zeitgeschichte im Wandel. Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien, StudienVerlag, Wien 1998, ISBN 3706512262, S. 129, Fn. 20.
Magenheimer berief sich seit 1991 auf ein Konzeptpapier zum „strategischen Aufmarsch der sowjetischen Streitkräfte“ vom 15. Mai 1941, das 1990 in Russland bekannt wurde.Heinz Magenheimer: Neue Erkenntnisse zum „Unternehmen Barbarossa“. In: Österreichische Militärische Zeitschrift, Heft 5/1991, S. 539–542. Er veröffentlichte das Dokument in der ÖMZ zusammen mit einem Aufsatz des russischen Militärhistorikers Waleri Danilow dazu. Danilow wies Bleistiftkorrekturen auf dem Papier dem stellvertretenden Generalstabschef der Roten Armee zu und begründete damit, dass General Georgi Konstantinowitsch Schukow das Papier autorisiert habe.Waleri Danilow: Hat der Generalstab der Roten Armee einen Präventivschlag gegen Deutschland vorbereitet? ÖMZ 1/1993, S. 41ff. Magenheimer stimmte Danilows These 1994 zu, der in dem Dokument skizzierte Aufmarschplan sei Stalin vorgelegt, von ihm gebilligt und noch vor Beginn des deutschen Überfalls ansatzweise verwirklicht worden.Heinz Magenheimer: Zum Deutsch-sowjetischen Krieg 1941. Neue Quellen und Erkenntnisse, ÖMZ 1/1994, S. 51–60; als Beispiel der Präventivkriegsthese genannt bei Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 3-10-401402-7, S. 212 f., Fn. 53 (Google Buch). 1995 berief er sich erneut zustimmend auf Danilows Thesen zu dem Dokument.Heinz Magenheimer: Kriegswenden in Europa 1939–1945. 1995, S. 219, Fn. 1. 1997 zitierte er einen ehemaligen sowjetischen General, der das Dokument als Grundlage einer Angriffsstrategie deutete, die tatsächlich geplant gewesen sei.Heinz Magenheimer: Entscheidungskampf 1941: sowjetische Kriegsvorbereitungen, Aufmarsch, Zusammenstoß. 1997/2000, S. 108. Er vertrat die Präventivkriegsthese 1999 und öfter auch in Artikeln für die rechtsextreme Deutsche Militärzeitschrift (DMZ).Matthias Marschik, Georg Spitaler (Hrsg.): Das Wiener Russendenkmal: Architektur, Geschichte, Konflikte. Turia + Kant, 2005, ISBN 3851324285, S. 60.
Die als Geschichtsrevisionisten geltenden Historiker Walter Post,Walter Post: Die Ursachen des Zweiten Weltkrieges: ein Grundriß der internationalen Diplomatie von Versailles bis Pearl Harbor. Grabert, 2003, ISBN 3878472056, S. 558. Werner Maser (2004)Werner Maser: Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin. Olzog, 2004, ISBN 3789281344, S. 233. und Stefan Scheil (2011)Stefan Scheil: Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs von 1940 bis zum Unternehmen Barbarossa. Duncker & Humblot, 2011, ISBN 3-428-53377-1, S. 255, Fn. 148. sowie Autoren aus rechtsextremem Umfeld wie Andreas Naumann (2005),Andreas Naumann: „Unternehmen Barbarossa“ erneut auf dem Prüfstand. Grabert, 2005, ISBN 3878472153, S. 170. Rolf-Josef EibichtRolf-Josef Eibicht: Unterdrückung und Verfolgung deutscher Patrioten: Gesinnungsdiktatur in Deutschland? Hutten, 1997, ISBN 3980584704, S. 210. und Hans MeiserHans Meiser: Deutschlands Abwehrkampf gegen den Bolschewismus. Grabert Verlag, ISBN 3878472560, S. 132. haben Magenheimers Präventivschlagsthese, seine Berufung auf Danilow sowie seine Versuche, die deutsche Verantwortung für den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu relativieren, zustimmend rezipiert. In der NS-Forschung anerkannte Historiker wie Roland G. Foerster, Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Militärgeschichtliches Forschungsamt) und andere bestreiten dagegen seit 1993 sowohl Stalins Zustimmung zu dem Aufmarschentwurf vom 15. Mai 1941 wie auch dessen Umsetzung.Roland G Foerster: „Unternehmen Barbarossa“: Zum historischen Ort der deutsch-sowjetischen Beziehungen von 1933 bis Herbst 1941. Oldenbourg, München 1993, ISBN 9783486559798, S. 11, Fn. 4; Rolf-Dieter Müller, Hans Erich Volkmann: Die Wehrmacht: Mythos und Realität. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3486563831, S. 1242. Gerd R. Ueberschär stellte 1998 gegenüber Magenheimer fest, die nunmehr in Moskau zugänglichen Archivmaterialien böten „keinen überzeugenden Beweis für eine Angriffsabsicht Stalins im Sommer 1941“.Gerd R. Ueberschär: Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 und Stalins Absichten. Die Bewertung in der deutschen Geschichtsschreibung und die neuere „Präventivkriegsthese“. In: Gerd R. Ueberschär, Lew Alexandrowitsch Besymenski: Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. (1998) Primus, 2. Auflage, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-89678-776-7, S. 57. Auch die russische Geschichtsforschung weist die „Präventivkriegsthese“ seit 1998 zurück.Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij: Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941: Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. 2011, Vorwort und Hauptteil II.
Da Magenheimer Referent eines Instituts des österreichischen Verteidigungsministeriums war, richtete die Abgeordnete Brigitte Ederer (SPÖ) 1996 eine parlamentarische Anfrage an den Verteidigungsminister, ob geschichtsrevisionistische Ansichten im Bundesheer geduldet würden.Anfrage 432/J der Abgeordneten Mag. Brigitte Ederer und Genossen an den Bundesminister für Landesverteidigung betreffend die Verbreitung rechtsextremer Geschichtsbilder durch einen Vertreter des Verteidigungsressorts. In einem Aufsatz dazu bestätigten Brigitte Bailer-Galanda, Wolfgang Neugebauer und Walter Manoschek vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) die Einschätzung, Magenheimer sei Revisionist.Wolfgang Neugebauer, Brigitte Bailer-Galanda, Walter Manoschek, W. Lasek: „Revisionistische“ Tendenzen im österreichischen Bundesheer? Stellungnahme zu Aussagen von Dr. Heinz Magenheimer. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1996, S. 1–28.
1997 berief sich Magenheimer auf eine angebliche Rede Stalins vom 19. August 1939, die nur aus einer Presseerklärung bekannt war.Heinz Magenheimer: Die Militärstrategie Deutschlands 1940-1945: Führungsentschlüsse, Hintergründe, Alternativen. 2. erweiterte und überarbeitete Auflage, München 1997, S. 45f. 2000 bezeichnete er diese als „Schlüsseldokument“ für eine Kriegsabsicht Stalins gegen Deutschland. Er behauptete, russische Historiker hielten das Dokument für echt.Heinz Magenheimer: Entscheidungskampf 1941. Sowjetische Kriegsvorbereitungen - Aufmarsch - Zusammenstoß. Bielefeld 2000, S. 18f. Der russische Historiker Sergej Slutsch wies jedoch 2004 nach, dass es sich dabei um eine Fälschung handelte. Er bestätigte damit die Einschätzung westlicher Historiker wie Eberhard Jäckel und Bernd Bonwetsch.Sergej Slutsch (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4/2004): Stalins „Kriegsszenario 1939“: Eine Rede, die es nie gab. Die Geschichte einer Fälschung (PDF S. 622 und Fn. 136/137).
Sonstige Thesen zum Zweiten Weltkrieg Neben der Präventivschlagsthese vertrat Magenheimer die These, der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 habe der deutschen Seite hauptsächlich Nachteile, Stalin dagegen nur Vorteile gebracht. Diese Ansicht stufte Alexander Pollack als revisionistisch ein.Alexander Pollak: Die Wehrmachtslegende in Österreich. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3205770218, S. 144.