mini|Septembertestament, Titelseite (Württembergische Landesbibliothek, Signatur: Bb deutsch 152201) Das Septembertestament war der Urdruck von Martin Luthers Übersetzung des griechischen Neuen Testaments in die frühneuhochdeutsche Sprache, die er während seines Aufenthalts auf der Wartburg in zehn Wochen angefertigt hatte. Die Offizin von Melchior Lotter dem Jüngeren in Wittenberg druckte den mit Holzschnitten versehenen Folioband in einer Auflage von etwa 3000 Exemplaren. Er kam am 21. September 1522 ohne Verfassernamen in den Handel; der Titel lautete: Das Newe Testament Deůtzsch.
Das Septembertestament war der erste Druck eines Teils der Bibel, der später in der Lutherbibel Niederschlag fand. Mit ihm trat Luther erstmals als Bibelübersetzer hervor.
Ein Exemplar des Septembertestaments im Bestand der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel gehört zu den frühen Schriften der Reformationsbewegung, die 2015 gemeinsam in das Weltdokumentenerbe in Deutschland aufgenommen wurden.
Rohübersetzung auf der Wartburg Arbeitspensum mini|Martin Luther als Junker Jörg (Lucas Cranach der Ältere, 1522 Weimarer Stadtschloss) Ab Mai 1521 verbrachte Luther zehn Monate auf der Wartburg. Er legte Habit und Tonsur des Augustiner-Eremiten ab und nahm die Identität eines „Junker Jörg“ an. Es war für ihn eine Zeit erzwungener Muße, die er zu intensiver literarischer Produktivität nutzte. Erst im letzten Viertel seiner Wartburgzeit befasste er sich mit der Übersetzung des Neuen Testaments. Aus einem Brief an Johannes Lang geht hervor, dass er diese Arbeit am 18. Dezember 1521 begann. Vorausgegangen war ein Kurzbesuch inkognito in Wittenberg, bei dem die Kollegen ihn zu dieser Arbeit gedrängt hatten – wie man annimmt, war Philipp Melanchthon dabei Wortführer.Albrecht Beutel: Luthers Bibelübersetzung und die Folgen. In: Evangelische Theologie 59 (1999), S. 13–24, hier S. 14. Heinz Scheible: Melanchthon: Vermittler der Reformation. Beck, 2. verbesserte Auflage München 2016, S. 178f. Der Brief an Lang ist abgedruckt in der Weimarer Ausgabe der Lutherschriften: WAB 2,413. Als Luther am 1. März 1522 auf eigenes Risiko die Wartburg verließ und nach Wittenberg zurückkehrte, war das Manuskript seiner Rohübersetzung abgeschlossen.Fritz Tschirch: Luthers Septembertestament. Eine Wende in der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, Stuttgart 1996, S. 13f. Das sind (Sonntage eingerechnet) 73 Arbeitstage. In der modernen wissenschaftlichen Textedition des Novum Testamentum Graece umfasst das griechische Neue Testament 680 Seiten; Luther übersetzte also, bezogen auf das NT Graece, durchschnittlich neuneinhalb Seiten griechischen Text pro Tag.Vgl. Fritz Tschirch: Luthers Septembertestament. Eine Wende in der Übersetzung der Bibel ins Deutsche, Stuttgart 1996, S. 14, umgerechnet auf die Seitenzählung der 27. Ausgabe des NT Graece.
Luthers Handapparat Luthers Arbeitsgrundlage war das von Erasmus von Rotterdam herausgegebene Novum Testamentum omne in der 2. Auflage (Froben, Basel 1519). Es enthielt in zwei Spalten den griechischen Bibeltext mit Anmerkungen und eine von Erasmus angefertigte Übersetzung ins Lateinische. Luther profitierte von diesen Hilfsmitteln, aber bei seinem hohen Arbeitstempo konnte er sie nicht ausschöpfen.Martin Brecht: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521–1532 (= Martin Luther, Band 2). Calwer Verlag, Stuttgart 1986, S. 55. Auf der Wartburg scheint Luther hauptsächlich einen Nachdruck des Novum Testamentum omne (Hagenau 1521) benutzt zu haben, den ihm Nikolaus Gerbel im Sommer 1521 als Geschenk zugesandt hatte und der die Spalte mit Erasmus’ lateinischer Übersetzung nicht enthielt, außerdem war dort eine Vulgata-Bibel zur Hand.Hans Förster: Martin Luther und die Veritas Graeca – Eine Positionsbestimmung, 2020, S. 199.
Luthers Griechischkenntnisse Obwohl Luther auf der Wartburg den griechischen Text zugrunde legte, klingt immer wieder die Vulgata an, dies dürfte, so Volker Leppin, „an der intensiven Einbindung in das liturgische Vollziehen des späten Mittelalters und damit an die Prägung der Erinnerung durch den Vulgata-Text liegen.“Volker Leppin: Martin Luther. Von Zabern, 3. aktualisierte Auflage Darmstadt 2017, S. 189. Besonders in der älteren Forschung werden Luthers Griechischkenntnisse als sehr elementar und für einen selbständigen Umgang mit dem Text unzureichend eingestuft. So urteilte Hermann Dibbelt: „Nur einen lateinischen Text, nämlich den der Vulgata und den von Erasmus’ Übersetzung konnte er in der erstaunlich kurzen Zeit … ins Deutsche übertragen. Das Griechische fand nur gelegentlich, zumeist auf Anregung durch die Annot[ationes, d. h. Anmerkungen] des Erasmus Berücksichtigung.“Hermann Dibbelt: Hatte Luthers Verdeutschung des Neuen Testaments den griechischen Text zur Grundlage? In: Archiv für Reformationsgeschichte 38 (1941), S. 300–330, hier S. 329. Heinrich Bornkamm stimmte zwar zu, dass Luther in seiner Übersetzungsarbeit auf die Vulgata und Erasmus’ Novum Testamentum omne angewiesen gewesen sei. Besonders zeige sich das darin, dass er regelmäßig falsch übersetze, wenn er sich gegen diese beiden entscheide. Aber trotzdem sei der Blick bei der lebendigen, komplexen Übersetzungsarbeit zwischen den verschiedenen Büchern seines Handapparats hin- und hergegangen. Luther habe immer wieder den griechischen Text verglichen und nicht (wie Dibbelt suggerierte) an diesem vorbei aus dem Lateinischen übersetzt.Heinrich Bornkamm: Die Vorlagen zu Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. In: Theologische Literaturzeitung 72/1 (1947), Sp. 23–28, besonders Sp. 25f. (Digitalisat)
Als Voraussetzungen brachte Luther mit, dass er seit rund fünfzehn Jahren ein intensiver Leser der (lateinischen) Bibel und seit zehn Jahren Inhaber einer Bibelprofessur an der Universität Wittenberg war. Das bedeutete auch, dass er exegetisch auf dem neuesten Stand war.Thomas Kaufmann: Bibeltheologie: Vorreformatorische Laienbibel und reformatorisches Evangelium, Tübingen 2018, S. 91. Sein Wittenberger Mitbruder und persönlicher Freund Johannes Lang entwickelte sich ab etwa 1515 zum Gräzisten und trat 1519 eine Griechischprofessur an der Universität Erfurt an. Luther dürfte sich mit Lang in den gemeinsamen Wittenberger Jahren über Fragen des griechischen Bibeltextes ausgetauscht haben, aber ein regelrechter Unterricht ist aus den Quellen nicht zu belegen. Dagegen spricht, dass Luther durch viele andere Aufgaben beansprucht war. Luther hielt ab 1515 Vorlesungen über neutestamentliche Briefe. Darin bezeichnete er die Vulgata als „unsere Übersetzung“ (interpres noster, nostra translatio). Er schmückte seinen Kommentar mit der Erläuterung einiger griechischer Vokabeln, besaß aber schlechte Kenntnisse der griechischen Grammatik. Mehrfach lässt sich zeigen, dass Luther dort, wo er in seinen Vorlesungen auf den griechischen Text einging, nicht diesen selbst zugrunde legte, sondern übernahm, was er in seiner lateinischen Sekundärliteratur dazu fand.Hermann Dibbelt: Hatte Luthers Verdeutschung des Neuen Testaments den griechischen Text zur Grundlage? In: Archiv für Reformationsgeschichte 38 (1941), S. 300–330, hier S. 307–314.
Eine Wende trat ein, nachdem Melanchthon als Griechischprofessor nach Wittenberg gekommen war. Im Winter 1518/19 trieb Luther intensive Griechischstudien, allerdings war sein Interesse an dieser Sprache nicht von langer Dauer. Einen Band Homer, den er sich im ersten Eifer gekauft hatte, überließ er später Melanchthon. Johannes Lang schrieb ihm nach Humanistenart einen griechischen Brief, und Luther antwortete am 18. Dezember 1519: „Ich verstehe nicht ganz, was du willst, da du auf griechisch geschrieben hast.“Weimarer Ausgabe, Luthers Briefwechsel, Band 1, S. 597: Non satis intellexi quid velles, cum scriberes Graece. Auch später reagierte Luther eher verärgert, wenn Humanisten ihm griechisch schrieben. Als Huldrych Zwingli beim Marburger Religionsgespräch 1529 einige umstrittene Bibelstellen griechisch zitierte, wurde er von Luther zurechtgewiesen, er solle deutsch oder lateinisch reden.
Briefe vom 14. Mai und 10. Juni 1521 an Georg Spalatin belegen, dass Luther bald nach seiner Ankunft auf der Wartburg die erzwungene Muße für griechische und hebräische Sprachstudien nutzte.Weimarer Ausgabe, Luthers Briefwechsel, Band 2, S. 337 „Ich lese die griechische und die hebräische Bibel“ (Bibliam Graecam et Hebraeam lego) und S. 354 „Ich studiere Hebräisch und Griechisch.“ (Hebraica et Graeca disco).
Luthers Bibelprosa Nach Sebastian Seyferth standen Luther drei übersetzungstechnische Methoden zur Verfügung: wortgetreu, sinngemäß oder umschreibend. Er wechselte „der theologischen Semantik entsprechend“ bewusst zwischen diesen Methoden.Sebastian Seyferth: Sprachliche Varianzen in Martin Luthers Bibelübertragungen von 1522-1545. Eine lexikalisch-syntaktische Untersuchung des Römerbriefs. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2003, S. 234f. Hier referiert nach: Hans Förster: Martin Luther und die Veritas Graeca – Eine Positionsbestimmung, 2020, S. 195f.
Luthers Bibelprosa, wie sie bereits im Septembertestament vorliegt, ist gekennzeichnet durch eine Syntax, bei der das Verbum im Nebensatz häufig nach vorn gezogen wird. Das vorangestellte Genitivattribut („meines Vaters Haus“ statt „das Haus meines Vaters“) war schon in den 1520er Jahren nicht mehr alltagssprachlich. Die parataktische Reihung von Sätzen durch „und“ und das nachgestellte „aber“ („es begab sich aber“) hatten einen sakralsprachlichen Klang – auch zu Luthers Zeit.Dieter Gutzen: „Denn wer dolmetzschen wil, mus grosse vorrath von worten haben.“ Von Luthers Bibelübersetzung zur Bibel in gerechter Sprache. In: Albrecht Buschmann (Hrsg.): Gutes Übersetzen. Neue Perspektiven für Theorie und Praxis des Literaturübersetzens. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 243–287, hier S. 258.
Die Weihnachtsgeschichte im 2. Kapitel des Lukasevangeliums hatte schon im Septembertestament weitgehend ihre klassische Form: Es ist ein sorgfältig gestalteter Text. Mehrfach begegnet die für Luther typische „Alliteration in kleinsten Einheiten“, zum Beispiel in der Engelsbotschaft: verkündige – Freude – Volk – widerfahren; heute – Heiland – Herr. Corinna Dahlgrün stellt in Vers 8 eine Häufung des anlautenden h und eine Bevorzugung heller Vokale fest, „dazu eine Satzkomposition, die rhythmisches, zwischen Hebungen und Senkungen schwingendes Sprechen nahelegt.“Corinna Dahlgrün: Luther als Sprachkünstler - Psalmen und Lieder. In: Margot Käßmann, Martin Rösel (Hrsg.): Die Bibel Martin Luthers: Ein Buch und seine Geschichte. EVA Leipzig 2016, S. 151–169, hier S. 152.
Vom Manuskript zum Buch Ausarbeitung der Übersetzung Die auf der Wartburg angefertigte Rohübersetzung ist als Manuskript nicht erhalten; bekannt ist aber, dass Luther sie in Wittenberg im Frühjahr/Sommer 1522 mit Hilfe des Griechischprofessors Philipp Melanchthon noch einmal überarbeitete und weitere Humanisten wie Georg Spalatin bei Einzelfragen berieten.Brief Luthers an Spalatin (30. März 1522): Weimarer Ausgabe, Luthers Briefwechsel, Band 2, S. 489. Brief Melanchtons an Spalatin (ebenfalls 30. März 1522): Melanchthon-Briefwechsel 224 (Regest). Melanchthons Anteil am deutschen Neuen Testament, das schließlich in den Druck ging, ist nicht mehr feststellbar. Er scheint aber besonderen Wert auf die korrekte Wiedergabe der Realien gelegt zu haben, wie sein Briefwechsel mit auswärtigen Humanisten dokumentiert.Heinz Scheible: Melanchthon: Vermittler der Reformation. Beck, 2. verbesserte Auflage München 2016, S. 179f.