Die Sinfonie C-Dur Hoboken-Verzeichnis I:60 komponierte Joseph Haydn im Jahr 1774 während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Werk ist als Schauspielmusik konzipiert und trägt den Beinamen „Il distratto“ („Der Zerstreute)“.
mini|hochkant|Joseph Haydn (Gemälde von Ludwig Guttenbrunn, um 1770)
Das Werk mit dem Beinamen „Il distratto“ ist keine Sinfonie im engeren Sinn, sondern eine lose Folge von Ouvertüre und fünf weiteren Sätzen, die zur Untermalung eines zeitgenössischen komischen Theaterstücks komponiert wurden: „Der Zerstreute“ (ital. „Il distratto“) ist eine deutsche Prosafassung von Jean-François Regnards Stück „Le Distrait“ von 1697 in fünf Akten. Das Werk wurde 1774 von der Schauspielertruppe um Karl Wahr am Hofe von Schloss Esterházy aufgeführt. Weitere bekannte Aufführungen fanden 1775 in Eszterháza und 1776 am Kärntnertortheater in WienGwilym Beechey: Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 60 C major „Il Distratto“. Eulenburg Ltd. Nr. 583, London/Mainz 1968 (Taschenpartitur). statt.
Die Handlung der Komödie ist zusammengefasst folgende:nach Kulosa (2004, S. 16). Madame Grognac will ihre Tochter Isabelle verheiraten. Sie hat dafür den zerstreuten Leander ausgewählt. Isabelle liebt aber den Lebemann Chevalier und will Leander nicht heiraten. Leander ist wiederum in Clarice, die Schwester von Chevalier, verliebt, in seiner Verwirrung jedoch auch in Isabelle. In den zahlreichen Verwechslungen des Stückes schreibt Leander bspw. versehentlich einen Liebesbrief an Isabelle, obwohl er eigentlich Clarice meint. Wegen dieser Zerstreuungen halten ihn beide Frauen für untreu. Erst im letzten Akt finden die Paare zueinander, Leander heiratet Clarice. Er muss aber überstürzt abreisen, denn er hat versehentlich seine eigene Hochzeit vergessen.
Das Werk weist folgende Elemente auf, die an die Zerstreuungen und Verwirrungen des Theaterstücks erinnern: abrupte Wechsel zwischen forte und piano, abrupte Wechsel zwischen harmonisch fernen Tonarten und von Dur und Moll, abrupte Wechsel von zueinander stark gegensätzlichen Abschnitten/Motiven, Wiederholungen von Tönen oder Motiven, Stockungen, rhythmische Irritationen. Besonders auffällig ist die Passage im ersten Satz, wo auf ein Verlöschen des musikalischen Geschehens (einem „Vergessen“ der Melodie) ein unerwarteter Ausbruch im Fortissimo folgt, und im sechsten Satz der Abschnitt, in dem die Violinen „bemerken“, dass ihre Instrumente sich verstimmt haben. Sie stimmen daraufhin mitten im Satz die auf F abgesunkenen G-Saiten auf den korrekten Ton nach.
Die zueinander kontrastierenden Themen und Motive lassen teilweise Assoziationen zu den unterschiedlichen Charakteren des Theaterstücks bzw. zum Bühnengeschehen aufkommen, bspw. beim zweiten Satz:
Zeitgenössische Rezensionen:Zitiert nach Kulosa (2004, S. 15 und 39) Bericht der Preßburger Zeitung über die erste bekannte Aufführung in Eszterháza am 30. Juli 1774: Preßburger Zeitung vom 23. November 1774: Salzburger Theaterwochenblatt vom 27. Januar 1776:
Haydn schrieb 1803 an einen Freund, der noch in esterházyschen Diensten stand, „seye so gütig, mir bey allererster gelegenheit die alte Sinfonie (genannt DIE ZERSTREUTE) herauf zu schicken, indem Ihro Majestät die Kayserin den alten Schmarn zu hören ein verlangen trägt ...“Dénes Bartha (Hrsg.): Joseph Haydn: Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen. Unter Benutzung der Quellensammlung von H. C. Robbins Landon herausgegeben von Dénes Bartha. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1965, S. 426.
Zur Musik Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner in C, zwei Trompeten, Pauken, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurde damals auch ohne gesonderte Notierung ein Fagott eingesetzt. Über die Beteiligung eines Cembalo-Continuos in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002).
Aufführungszeit: ca. 30 Minuten (je nach Tempo und Einhaltung der vorgeschriebenen Wiederholungen).
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie Nr. 60 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Alexander Kulosa (2004, mit ausführlicher Satzanalyse)Alexander Kulosa: Paukenschläge - Die Sinfonie Nr. 60 (Der Zerstreute) von Joseph Haydn. Dissertation Universität Dortmund. Shaker Verlag, Aachen 2004, 308 S. analysiert mathematische Strukturen (Taktzahlen, Intervallverhältnisse) auch über die Satzgrenzen hinweg und kommt zu dem Ergebnis, dass Zahlenverhältnisse (ganzzahlige Verbindungen, Goldene Proportionen, pythagoreische Tripel) ein umfassendes System von Beziehungen in dem Werk bilden (unabhängig davon, dass diese von Haydn wahrscheinlich nicht bewusst angelegt wurden).
Erster Satz: Adagio – Allegro di molto Adagio: C-Dur, 2/4-Takt (Adagio), Takt 1–24
Das einleitende Adagio eröffnet die Sinfonie „übertrieben pompös“ Abruf am 7. August 2012. mit einer C-Dur Fanfare im Forte, die im Stile der französisch-barocken Ouvertüre gehalten ist. Anschließend setzen die Streicher piano mit einer sanglich-fließenden Melodie ein, die regelmäßig aufgebaut ist (vier Motive aus vier Takten) und nur einmal durch einen Forte-Akzent ein Spannungsmoment erhält. Die Harmonien wechseln lediglich zwischen der Tonika C-Dur und der Dominante G-Dur; in Takt 17 wird kurz die Tonikaparallele a-Moll erreicht. Das Adagio klingt als Pendelbewegung und einer Fermate im dominantischen G-Dur aus. Im Vergleich zu anderen Sinfonie-Einleitungen dieser Zeit (z. B. Nr. 50, 53 und 54) ist die vorliegende relativ kontrastarm und fällt durch die sangliche Melodielinie auf.Ludwig Finscher (Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6, S. 284) schreibt dazu: „Ganz abseits steht die Einleitung der C-Dur-Symphonie I:60, Il distratto, die außer dem Auslaufen der Bewegung keins der typischen Merkmale einer langsamen Einleitung – knappe Motive und deren Kontrastierung, Gestus des Suchens, Aufbau harmonischer Spannung, evenutell motivische Hinleitung zum Allegro – zeigt, vielmehr nach einer „französischen“ Eröffnungsgeste zweimal eine wenig profilierte achttaktige Melodie vorträgt.“
Allegro di molto: 3/4-Takt, Takt 25–228
mini|rechts|500px|Beginn des Allegro di molto
Für das Allegro di molto ist der Aufbau aus kleinen Motiven kennzeichnend, die mehrfach hintereinander wiederholt werden. Der Satz beginnt mit der viertaktigen thematischen Haupteinheit („erstes Thema“ oder Motiv A), die zunächst von den Streichern piano vorgetragen und dann mit Oboenbeteiligung wiederholt wird. Durch die schaukelnde Figur, den Auftakt, die Akzente und das Staccato entsteht ein etwas unsicher-schwankender Eindruck. Umso energischer setzt daraufhin das ganze Orchester (Tutti) forte mit einer Tonrepetitions-Antwort (Motiv B) ein, die jedoch sogleich im weniger bekräftigendem Piano wiederholt wird. Ab Takt 42 schließt sich wiederum forte ein Überleitungsabschnitt, der C-Dur verlässt, mit neuem Dreiklangsmotiv (Motiv C) und Synkopen an, ab Takt 54 folgt ein weiteres, tonleiterartiges Motiv im Bass (Motiv D), dass auch energisch wiederholt wird.
Das zweite Thema in G-Dur (oder: Motiv E, da motivartiger Charakter) ab Takt 68 wird nur von den Streichern im Piano vorgetragen. Es ist strukturell vom Beginn des ersten Themas abgeleitet und durch Tonwiederholungen gekennzeichnet. Der Nachsatz des Themas verliert sich in Tonwiederholungen, und das musikalische Geschehen verlöscht über ein „perdendosi“ (ital. = sich verlierend) auf dergleichen Harmonie allmählich bis zur Hörgrenze. Nach diesem „Vergessen“ folgt ein plötzlicher Ausbruch des Orchesters im Fortissimo (Takt 84) mit kurzer, nach G-Dur leitender Akkordfolge. Die anschließende Schlussgruppe besteht aus einem kleinen, gerade mal eintaktigen Motiv (Motiv F), das dreimal wiederholt wird, sowie gebrochenen Akkorden. Die Exposition endet in Takt 98 mit kräftigen Akkorden in G-Dur.
Die Durchführung beginnt mit Kopf des ersten Themas in G-Dur. Haydn wechselt dann mit einer Fortführung über e-Moll nach a-Moll, wo er überraschenderweise den Anfang der zwei Jahre vorher entstandenen Sinfonie Nr. 45 zitiert (gebrochene Akkorde abwärts über einer Synkopenbewegung). Dies ist wahrscheinlich ebenfalls als Scherz aufzufassen (in dem Sinne, dass Haydn selbst so verwirrt ist, die Sinfonien verwechselt zu haben). Ausgehend von a-Moll sequenziert Haydn das Motiv über e-Moll ins unerwartete B-Dur, von dort weiter über g-Moll nach E-Dur. Hier kommt die Bewegung kurz mit halben Noten im Unisono zur Ruhe, ehe Motiv D in E-Dur die Kraft des vorigen Abschnittes wieder aufgreift und zur Tonikaparallelen a-Moll führt, in der ab Takt 143 das zweite Thema auftritt. Wie in der Exposition folgt nun ein „perdendosi“, in dem die Musik verlöscht (hier in d-Moll). Anstatt des Fortissimo-Ausbruches setzt nun aber ab Takt 158 die Reprise mit dem ersten Thema in C-Dur ein. Sie ist ähnlich der Exposition strukturiert, allerdings führt der Nachsatz des ersten Themas über eine Fortspinnung nach Moll, und in den Fortissimo-Ausbruch nach dem „perdendosi“ des zweiten Themas sind nun auch noch Pauken einbezogen.
Zweiter Satz: Andante G-Dur, 2/4-Takt, 131 Takte mini|rechts|500px|Beginn des Andante: 1. Violine und Oboen
Der Beginn des ersten Themas (oder: Motiv) wird von den Streichern gespielt und besteht aus einer viertaktigen, schreitenden Phrase im Piano, in welche Oboen, Hörner und die geteilten Violen kurz vor Ende der Phrase einen fanfarenartigen, zweitaktigen Forte-Einwurf geben. Diese Figur wird wiederholt, es folgt ab Takt 11 eine Fortspinnung des Themenbeginns, die über Unisonobewegung in das zweite Thema in der Dominante D-Dur übergeht. Der Vordersatz ist durch seine schaukelnde Figur mit charakteristischer dreifacher Tonwiederholung gekennzeichnet, der Nachsatz besteht aus einem sequenzierten Motiv der Streicher mit versetztem Einsatz. Das Motiv gewinnt ab Takt 31 durch Verkürzung der Notenwerte an „Schnelligkeit“. Die Bewegung ebbt aber wieder ab und verliert an Entschlussfreude, was sich im zögerlichen Wechsel von verhaltener Dreiklangsmelodik in D-Dur (Takt 38) und d-Moll (Takt 39) ausdrückt, die über einen F-Dur-Akkord mit Septime nach B-Dur (Takt 40/41) und dann wieder nach D-Dur (Takt 42) recht abrupt wechselt. Es schließt sich die Schlussgruppe mit einem einprägsamen, gehenden Motiv (eigentlich schon ein Thema) im Forte und Unisono bis zum Ende der Exposition in Takt 55 an.