mini|hochkant|Eva Illouz (2025)

Eva Illouz (hebräisch: אווה אילוז) (* 30. April 1961 in Fès, Marokko) ist eine französisch-israelische Soziologin.

Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris und außerdem an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Sie hat umfangreiche Beiträge zur Soziologie der Emotionen, zur Kultur und zum Kapitalismus geleistet. Sie war die erste Frau, die als Präsidentin der Bezalel Academy of Arts and Design diente. Ihre Werke, darunter das Buch Der Konsum der Romantik, haben bedeutenden Einfluss in der soziologischen Forschung und sind in viele Sprachen übersetzt worden. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen für ihre Forschung erhalten.

Leben und Wirken Illouz wuchs als Tochter eines Juweliers in einer strenggläubigen sephardischen Familie auf. 1971, als sie zehn war, zog die Familie aus Marokko nach Frankreich.Koby Ben Simhon: . In: Haʾaretz, 20. Juni 2009 (hebräisch). Sie ging in Sarcelles zur Schule und studierte später in Paris sowie an der University of Pennsylvania in den USA.

Sie erforscht gesellschaftliche Einflüsse auf die Bildung von Emotionen und somit den Zusammenhang von Kapitalismus der Konsumgesellschaft sowie Medienkultur im Hinblick auf die Produktion/Transformation emotionaler Muster. Seit 2006 lehrt sie als ordentliche Professorin für Soziologie und Anthropologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Im Jahr 2008 war sie Mitglied des Wissenschaftskollegs in Berlin. Im Jahr 2012 wurde sie die erste Präsidentin der Bezalel Kunsthochschule. Seit dem Jahr 2015 ist sie zudem Professorin an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris.

2004 war sie Gastprofessorin an der Universität Princeton. Im Jahr 2019 lehrte sie im Rahmen der Niklas-Luhmann-Gastprofessur in Bielefeld. Seit September 2022 ist Eva Illouz Seniorprofessorin für Theory of Emotions & Modernity an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.

Eva Illouz ist Autorin von zwölf Büchern, die in 18 Sprachen übersetzt wurden, und schreibt regelmäßig für Zeitungen wie Die Zeit, Le Monde, Haʾaretz und Der Freitag. 2024 wurde ihr wegen ihrer herausragenden Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlichen Strukturen sowie ihrer Fähigkeit, soziologische Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und weil Illouz "ohne Rücksicht auf bestehende Denkverbote und mit intellektueller Schärfe [...] seit geraumer Zeit die entscheidenden Fragen zu den Grundlagen des Zusammenlebens von laizistischen und religiösen Bevölkerungen" stelle, der Frank-Schirrmacher-Preis verliehen.Eva Illouz als Preisträgerin 2024 nominiert, Frank-Schirrmacher-Stiftung vom 16. April 2024. Im selben Jahr erhielt sie auch den Aby-Warburg-Preis der Stadt Hamburg zugesprochen.

Im Jahr 2021 unterzeichnete Illouz eine Petition, die den Internationalen Strafgerichtshof aufforderte, israelische Kriegsverbrechen im besetzten Westjordanland zu untersuchen; daraufhin warf Bildungsminister Yoav Kisch ihr die Verbreitung »anti-israelischer Ideologie« vor und schloss sie im Jahr 2025 von der Verleihung des Israel-Preises aus.Or Kashti: Why Israel's Education Minister Is Blocking Israel Prize for Scholar Who Urged ICC War Crimes Probe. In: Haʾaretz, 26. März 2025; Hanin Majadli: The Israel Prize for Blindness Goes to Zionist Intellectuals. In: Haʾaretz, 27. März 2025.

Im Dezember 2024 verteidigte Illouz in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung Israel gegen den Vorwurf, in Gaza einen Völkermord zu begehen. Dieser Vorwurf sei letztlich antisemitisch motiviert.

Anfang November 2025 wurde bekannt, dass sie von der Erasmus-Universität Rotterdam, an der sie Ende November einen Vortrag halten sollte, „nach interner Debatte“ und „demokratischer Abstimmung“ ausgeladen worden war. Man würde sich mit dem Besuch Illouz’ „sehr unwohl fühlen“.Jan Feddersen: Ausgeladen wegen „Unwohlsein“. Kein Auftritt für Eva Illouz. Eva Illouz, Soziologin mit israelischem Pass, darf nicht an einer Rotterdamer Uni sprechen. Ihre Arbeit an einer Hochschule in Israel spreche dagegen. In: taz.de 3. November 2025

Arbeitsfelder Ihre Forschungen versuchen kulturelle Aspekte der Schnittpunkte zwischen Emotion und Kommunikation zu verstehen: Die Rolle der Massenmedien (Filme, Bücher, Zeitschriften, Werbung, Fernsehen und auch Selbsthilfegruppen) bei der Gestaltung von Wortschatz, Metaphern und kausalen Modellen, durch die wir uns wahrnehmen, denken und unser emotionales Leben gestalten. Indem sich die Massenmedien im 20. Jahrhundert ständig mit Gefühlen und ihrer Präsentation beschäftigen, um ein Publikum/eine Zielgruppe an sich zu binden, haben sich beim Publikum die Mechanismen, mittels derer es sich mit komplexen Emotionen auseinandersetzt, verändert. Haben somit die Massenmedien zu einem Unterschied in unserem emotionalen Leben beigetragen und wenn ja, was ist die Natur dieses Unterschiedes? Wie verändert sich die private Kultur der romantischen Beziehungen (Rendezvous, Partnerwahl) durch den Kapitalismus, den Einfluss von Massenmedien?

Da diese Forschungsfragen einen breiten Rahmen abstecken, wendet Illouz Methoden aus verschiedenen Wissenschaften an: historische Soziologie, Anthropologie, Analyse und Semiotik von Texten sowie qualitative Interviews, um die Überschneidungsbereiche von kulturellen Techniken, Emotionen und wirtschaftlichen Organisationen zu untersuchen.

Durch die Arbeit an der Grenze zwischen Medienwissenschaft, Soziologie und Anthropologie der Emotionen, Soziologie des Kapitalismus und Soziologie der Kultur analysiert sie die Art und Weise, wie die populären Medien, Informationssysteme, Wirtschaft und Emotionen sich gegenseitig beeinflussen.

Wie der Kapitalismus unser Gefühlsleben verändert Konsum der Romantik In ihrem ersten Buch Konsum der Romantik stellt Illouz einen zweifachen Prozess dar: Romantik wird an Waren gebunden und damit konsumierbar und die Waren selbst werden „romantischer“. Nach der Untersuchung einer Reihe von Werbeanzeigen in Frauenmagazinen und Werbefilmen aus der Zeit um 1930 stellten Werbung und Filmkultur Waren als Übertragungsmedium für emotionalen Ausdruck und besonders für romantische Erfahrungen dar.

Waren aller Art, wie Seifen, Kühlschränke, Jausensackerl, Uhren, Diamanten, Zerealien, Kosmetik und viele andere werden als emotional erfahrbar präsentiert. Der zweite Prozess war die Kommodifizierung der Romantik seit dem 19. Jahrhundert: Aufkommen von Rendezvous, Dating und das gemeinsame Konsumieren von Produkten der Freizeitindustrie. Romantische Begegnungen bewegten sich vom heimeligen Haus (Privatheit) in den Bereich des (kapitalistischen) Konsums, mit dem Ergebnis, dass die Suche nach romantischer Liebe als Motor zum Verkauf von Gütern einer expandierenden Industrie avancierte, die ebendiese Güter herstellte.

Nachdem sich Illouz in dieser besonders gewürdigten Studie2000 „Honorable Mention“ im Rahmen der Verleihung des Best Book Award der Sektion Sociology of Emotions der American Sociological Association Der Konsum der Romantik im Jahr 2000 mit dem sozialen Wandel von „Liebe“ und „Romantik“ befasst hatte, wurde sie an die Universität Frankfurt am Main zu drei Adorno-Vorlesungen über „Emotionen und Kapitalismus“ eingeladen. Ein Band fasst ihre Texte über eine zunehmende Verbindung der Konsumkultur mit therapeutischen und feministischen Diskursen zusammen. Sie spricht von einem „emotionalen Kapitalismus“, in dem die Subjekte in ihren Gefühlen und Wünschen weit mehr, als sie denken, standardisiert sind: „Ein Champagnerfrühstück ist romantischer als eine Currywurst zu zweit.“

Illouz wendet sich gegen eine antimaterialistische Haltung, die zwischen „Freiheit“ und „Konsumobjekten“ unterscheidet und die diese Objekte als bedrohlich, die Freiheit aber als Feld sieht, seine ureigenen Wünsche zu formulieren. Einerseits sind wir in unseren Wünschen zwar standardisiert, andererseits ist der Konsum auch sinnstiftend: Restaurants wurden als Möglichkeit für romantische Rendezvous erfunden, um der Enge der Privatheit zu entfliehen. So sieht Illouz in unserer Kultur das Romantische als sehr bedeutend an und versucht die soziale Genese der Kategorie des Romantischen – die romantischen Gefühle und die romantischen Momente – zu verstehen, so wie die Akteure ihrer Beziehung Sinn zuschreiben. In den Interviews nimmt Illouz ihre Interviewpartner ernst, gleichzeitig versucht sie eine distanzierte Haltung einzunehmen, ähnlich der eines Psychoanalytikers, um die institutionelle Basis unserer privaten Gefühle aufzuzeigen.

Damit stellt sie sich gegen die Kritik einer Entfremdung, nach der der Kapitalismus mit seinen Widersprüchen ein kalter gesellschaftlicher Ort ist, von wo aus das Individuum in einer wärmenden Liebe Zuflucht finden kann: „[D]ie Emotionen werden instrumenteller'“; wo etwa „Kommunikation“ dazu dient, den anderen (strategisch) anzuerkennen, wo aber eben auch „das Ökonomische selbst emotionaler“ wird, etwa bei der „Teamarbeit aus Leidenschaft“. Ihre Hauptthese ist: „Der homo oeconomicus hat emotional aufgerüstet, während das emotionale Subjekt ökonomisch verfährt.“Uwe Kossack: Eva Illouz. Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. In: SWR2 Buchkritik – Manuskriptdienst, 20. September 2006, ().

Die besondere Qualität von Emotionen werde verkannt und scheinbar rationalen Beurteilungen unterworfen. Die Gewinner sind demzufolge die klinischen Psychologen, die die Wirtschaftstauglichkeit von Personen mit „emotionaler Intelligenz“ und „emotionaler Kompetenz“ bewerten: Personen mit diesen Zuschreibungen verkauften tatsächlich mehr, für Führungskräfte sei Selbstkontrolle und Reflexivitätsandammeer.at besonders wichtig.

Laut Illouz haben wir die Trennung einer emotionsfreien Öffentlichkeit von einem emotionalen Privatleben verinnerlicht: Affekte werden zu einem Tauschmittel in der Ökonomie („Erlebnis Einkauf“, „Inszenierung von Dienstleistungen“), und – vor allem in der Mittelschicht – wird das emotionale Leben einer ökonomischen Logik unterworfen.Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004. S. 13. Die Liebe ist nicht mehr „der“ Rückzugsort aus der kalten Öffentlichkeit – tatsächlich stehen wir, führt Illouz aus, dauernd unter Beobachtung, und Liebesgeschichten haben damit zu tun, wie wir Inseln der Privatheit in einem öffentlichen Bereich aufbauen.

Illouz sieht einen Trend von der „Performativität der Gefühle“ hin zu „emotionaler Authentizität“.Marie-Sophie Adeoso: . In: Frankfurter Rundschau, 16. Dezember 2010. Liebende im 19. Jahrhundert durften sich Gefühle erst nach bestimmten Ritualen erlauben, so waren Liebesbriefe bestimmten Codes unterworfen. Eine Frau durfte sich erst hingeben, nachdem die ernsten Absichten des werbenden Mannes festgestellt worden waren. Der moderne Mensch ist ständig dazu angehalten, sein Seelenleben zu bespiegeln, die Beziehungsentscheidung erfolge nach der Klärung der eigenen Gefühle zueinander.

Kalte Intimität Illouz argumentiert, dass die Psychologie einen zentralen Punkt der modernen Identität und des Gefühlslebens darstellt: Seit den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre hinein sind die klinischen Psychologen zur dominanten Gruppe geworden. Sie beraten die Armee, die Unternehmen, die Schule, den Staat, das Sozialwesen, die Medien und haben Einfluss auf Kindererziehung, Sexualität, Heirat und Seelsorge. In all diesen Fachgebieten hat sich die Psychologie selbst als ultimative Instanz in den Angelegenheiten menschlicher Nöte etabliert, indem sie Techniken anbot, das Selbst zu verändern und die Belastungen zu meistern.