mini|Der junge Eulenspiegel präsentiert sein Hinterteil (Abbildung aus der Grüninger-Ausgabe von 1515) mini|Buchseite von 1515
Till Eulenspiegel, auch Dil Ulenspiegel und Dyl Ulenspegel (niederdeutsche Schreibweise: Dyl Ulenspegel [], hochdeutsch beeinflusst: Til Ulenspiegel), ist der Protagonist eines mittelniederdeutschen Schwank- bzw. Prosaromans. Die Schwanksammlung beschreibt Eulenspiegel als einen umherstreifenden Schalk des 14. Jahrhunderts, der sich dumm stellte, tatsächlich aber gerissen war und seinen Mitmenschen immer neue Streiche spielte. Der Erstdruck erschien um 1510 unter dem Titel Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat […]Titelei nach der Ausgabe von 1519, da in der älteren Ausgabe von 1515 das Titelblatt fehlt. Der vermutete Erstdruck ist nicht erhalten, nur je ein Exemplar eines Drucks von 1515 (unvollständig) und eines weiteren Drucks von 1519 (vollständig). bei dem Straßburger Verleger und Drucker Johannes Grüninger. Das Buch, dessen Verfasser unbekannt blieb, wurde bereits im 16. Jahrhundert zu einem Bestseller.
Die Figur Till Eulenspiegel Herkunft und Leben laut Volksbuch mini|Eulenspiegel-Brunnen in Braunschweig Nach einer Überlieferung wurde Till Eulenspiegel im Jahr 1290 oder 1300 in Kneitlingen am Elm geboren und in dem Nachbardorf Ampleben in der Schlosskapelle seines Taufpaten Till von Uetze getauft. Die Taufe soll von dem Abt Arnold Pfaffenmeyer (oder Arnold Papenmeyer) des Aegidienklosters vollzogen worden sein. Laut Götzinger hieß es im Roman zu seiner Herkunft: „Bei dem wald Melme genannt, in dem land zuo Sachsen, in dem Dorf Knetlingen, da ward Ulnspiegel geborn, und sein Vater hieß Claus Ulnspiegel und sein Mutter Ann Witcken.“Ernst Götzinger: Reallexikon der deutschen Altertümer. Leipzig 1885.
Eulenspiegel wird in späteren Illustrationen oft mit Attributen wie einer Narrenkappe dargestellt. Allerdings ist er nicht einfach als ausgewiesener Narr anzusehen. In den Geschichten scheint er vielmehr seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Eulenspiegels Streiche ergeben sich oft daraus, dass er eine bildliche Redewendung wörtlich nimmt. Die heute meist vertretene Deutung dafür ist, er habe dieses Wörtlichnehmen als ein Mittel gebraucht, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und seinem Ärger über die Missstände seiner Zeit Luft zu machen. Dies ist aber keineswegs immer klar zu erkennen. Daneben ist auch schiere Boshaftigkeit zu bemerken, die mit erzieherischer Kritik nichts zu tun hat, sondern Eulenspiegel mehr als eine Person anarchischer Unangepasstheit kennzeichnet.
Laut der gereimten mittelniederdeutschen Inschrift auf einem Gedenkstein aus der Mitte des 16. Jahrhunderts starb Till Eulenspiegel im Jahr 1350 in Mölln.
Hinweise auf die Historizität der Figur
In den vergangenen 200 Jahren wurden immer wieder Belege für die tatsächliche Existenz der historischen Person Till Eulenspiegel gesucht. Der Eulenspiegel-Forscher Bernd Ulrich Hucker fand in einem Braunschweiger Urkundenbuch einen Beleg, dass 1339 ein Thile van Cletlinge (Kneitlingen) mit vier anderen Angehörigen des niederen Adels aus dem Harzvorland wegen Straßenraubes inhaftiert war. Um 1350 gab es in Kneitlingen drei verarmte Linien dieser Adelsfamilie.
Hucker führte überdies den Indizienbeweis, dass es in Mölln eine historische Kristallisationsfigur namens „Tilo dictus Ulenspegel“ gegeben habe, die dort 1350 starb.
Die Möllner bewahrten sein Heergewäte (Ausrüstung eines Kriegers) und feierten noch Ende des 16. Jahrhunderts sein Jahrgedächtnis. Außerdem gab es eine Grabstätte und einen Vorläufer des heutigen Eulenspiegel-„Grabsteines“. Dieser Vorläufer und ein durch Abzeichnung überliefertes Gemälde im Möllner Rathaus stammen aus dem 15. Jahrhundert, wie die Möllner Eulenspiegeltradition überhaupt älter als die ältesten Eulenspiegeldrucke und unabhängig von der dort anzutreffenden Gestaltung des Stoffes ist. Erstmals vollständig präsentiert wurden die Zeugnisse der Möllner Tradition samt den Trümmern des Heergewätes während der Internationalen Wanderausstellung UnFASSbar, die 2011 und 2012 in Schöppenstedt, Damme (Belgien), Mölln und Schloss Bernburg zu sehen war.
Namensgebung Der Vorname Till ist eine Kurzform zu Dietrich oder zu Ägidius.Mackensen: 3876 Vornamen. Südwest Verlag, München 1983, S. 5, 167.
Die niederdeutschen Wörter ule und spegel bedeuten Eule und Spiegel. Tills Nachname wird daher oft als einfache Zusammensetzung der Wörter Eule und Spiegel angesehen, und daher kommt auch die Übersetzung des Namens ins Hochdeutsche als „Eulenspiegel“.
Eine Abbildung in einer der ersten erhaltenen Ausgaben des Eulenspiegel (1515) zeigt ihn bereits mit Spiegel und Eule in Händen, spätere Varianten seiner Geschichten lassen ihn seine Streiche mit diesen Symbolen signieren oder dichten ihm diese auf den Grabstein. Eule und Spiegel haben jeweils eine alte Tradition und wurden entsprechend gedeutet. Seit der griechischen Antike gibt es die literarisch-didaktische Tradition des Spiegels (Laienspiegel, Schwabenspiegel und andere) zum Zweck der Selbsterkenntnis sowie zum Abgleich von Soll- und Ist-Zustand. Eulenspiegels Verhalten, Redensarten wörtlich zu nehmen, greift diesen Gedanken deutlich auf. Ferner ist der Spiegel auch ein Narrenattribut.Paul Oppenheimer, Introduction. In: Till Eulenspiegel. His Adventures. Routledge, New York / London 1991/2001, S. LXIII (Digitalisat).
Die Eule galt im alten Griechenland als Vogel der Weisheit, im Mittelalter jedoch als Vogel des Teufels. Beide Bedeutungen des Symbols der Eule wurden bei Namensdeutungen herangezogen, da Till in seinen bloßstellenden Streichen sowohl Weisheit und geistige Überlegenheit demonstriere, aber auch teuflische und zerstörerische Ideen habe.
Neben der Symbolik von Eule und Spiegel jeweils allein liegen zudem ein oder auch mehrere Wortspiele vor. Der Till Eulenspiegel zugeschriebene Ausspruch „ick bin ulen spegel“ soll soviel bedeuten wie „Ich bin euer Spiegel“, also „Ich halte euch den Spiegel vor.“ Wesentlich derber ist eine mittlerweile nicht mehr geläufige Assoziation: Das mittelniederdeutsche Wort ulen bedeutet auch „wischen“, und das Wort spegel hat auch die Bedeutung Gesäß (noch heute wird in der Jägersprache das helle Fell am Hinterteil von Reh und Hirsch „Spiegel“ genannt). Der Ausruf Ul’n spegel bedeute also „Wisch mir’n Hintern“, vulgo „Leck mich am Arsch“ (Schwäbischer Gruß, Götzzitat).
Literarische Bedeutung mini|Buchtitel einer der ersten Auflagen Grüningers (1515) Das Buch über Till Eulenspiegel gilt als eines der bedeutendsten literarischen Werke des niedersächsischen Raumes. Die von Johannes Grüninger (auch Johannes Grieninger) um 1510 publizierte AusgabeVgl. Online-Transkript wurde schnell zu einem Weltbestseller und wurde bereits im 16. Jahrhundert in viele europäische Sprachen übersetzt, darunter Latein, Französisch, Niederländisch, Englisch und Polnisch. In den folgenden Jahrhunderten und bis in die Gegenwart wurden die Geschichten immer weiter modifiziert, so dass aus dem ursprünglich derben Charakter ein immer sympathischerer Possenreißer wurde. Insgesamt sind bis heute „Eulenspiegel“-Versionen in 280 Sprachen erschienen.
Der Stoff inspirierte auch viele vom Original losgelöste literarische Werke, zum Beispiel die Eulenspiegel-Fastnachtspiele von Hans Sachs. Der historische Roman des belgischen Autors Charles De Coster Die Legende und die heldenhaften, fröhlichen und ruhmreichen Abenteuer von Ulenspiegel und Lamme Goedzak verlegt die Handlung ins Flandern des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Das Werk gilt seinerseits als ein Stück flämischer Nationalliteratur. Es schildert Till als volksnahen Helden des Freiheitskampfs der Niederlande gegen Spanien.Charles de Coster: La légende et les aventures héroiques joyeuses et glorieuses d’Ulenspiegel et de Lamme Goedzak au pays des Flandres et ailleurs. 1867.
Mögliche Verfasser Wegen seiner Bedeutung hat es einige Anstrengungen gegeben, den anonymen Verfasser des ersten Eulenspiegel-Buches ausfindig zu machen:
Der Historiker Johann Martin Lappenberg ordnete 1854 die Geschichte dem elsässischen Franziskaner und „poeta laureatus“ Thomas Murner zu.Johann Martin Lappenberg: Dr. Thomas Murners Eulenspiegel. 1854. Dafür sprächen dessen satirische Neigungen, eher dagegen sein mangelnder Kontakt zur Herkunftsregion der Überlieferung.
Ebenfalls in die engere Wahl wurde der Braunschweiger Zollschreiber und Amtsvogt Hermann Bote gezogen, was darin begründet liegt, dass in einer frühen Fassung des Textes das Akrostichon <Erman B> in den Initialen der Kapitel 90 bis 95 entdeckt wurde. Für einen stichhaltigen Beleg reiche dieses Indiz jedoch nicht aus, obwohl Botes Herkunft für ihn spricht.Zur Verfasserschaft Botes vfl. Siegfried H. Sichtermann: Die Wandlungen des Till Eulenspiegel. Köln / Wien 1982, S. 7–8, der die Verfasserschaft Botes für erwiesen hält.
Der Germanist Jürgen Schulz-Grobert versuchte in seiner 1996 abgeschlossenen Habilitationsschrift den Beweis zu führen, dass der „Eulenspiegel“ sein Profil in der Offizin des Straßburger Buchdruckers Johannes Grüninger/Grieninger unter Mitwirkung verschiedener Humanisten erhielt.Jürgen Schulz-Grobert: Das Straßburger Eulenspiegelbuch. Niemeyer, Tübingen 1999. Außer Murner und Johannes Adelphus gen. Muling, den schon Edward Schröder ins Spiel gebracht hatte, nannte er die neulateinisch publizierenden Dichter Tilemann Conradi und Hermann von dem Busche (Buschius) als Mitautoren bzw. Bearbeiter. Zumal das Akrostichon ERMANB besser auf den in Niedersachsen weit herumgekommenen Wanderhumanisten Hermannus Buschius passe als auf Bote, der sich selbst konsequent „Hermen Bote“ schrieb, also die niederdeutsche Schreibweise des Namens Hermann bevorzugte.
Dabei blieb allerdings ein weiterer naheliegender Kandidat außer Acht: Grüninger pflegte im entscheidenden Zeitraum zwischen 1497 und 1512 intensiven Kontakt mit Hieronymus Brunschwig, von dem er etliche Werke veröffentlichte. Wie Grüninger führte Brunschwig einen Herkunftsnamen, der sich – vermutlich nicht ganz zufällig – im Buchtitel („vß dem land zu Brunßwick“) wiederfindet und eine genauere Kenntnis der Ulenspiegel-Überlieferung möglich erscheinen lässt. Auch besagtes Akrostichon könnte ihm wohl zugeschrieben werden.Wie bei anderen Werken belegt, kommt darüber hinaus auch Grüninger selbst als Co-Autor in Betracht.
Die vorgetragenen Einwände gegen Bote als Autor haben seit 1996 zu einer Art von Lagerbildung innerhalb der Bote/Eulenspiegelforschung geführt. Bernd Ulrich Hucker zum Beispiel, der zu den ersten und starken Befürwortern der These von Bote als Autor zählte, wandte sich komplett ab. Herbert Blume, der das Gesamtwerk Botes sprachgeschichtlich bearbeitete, hielt an der These fest. In einer Zusammenfassung der Diskussion 2009 spricht er von gewichtigen Indizien, die für Bote sprechen, vorgetragene Einwände bezeichnet er als entweder unbegründet oder widerlegt. Für Blume und mit ihm die Mehrzahl der an der Diskussion beteiligten Forscher ist Botes Autorschaft „eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit“, allerdings fehle ein eindeutiger Beweis.Herbert Blume: Hermann Bote – Autor des Eulenspiegelbuches? In: Ders.: Hermann Bote. Braunschweiger Stadtschreiber und Literat. Studien zu seinem Leben und Werk (= Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur, Band 15). Verlag für Regionalgeschichte, Braunschweig 2009, S. 211–235.
Erstausgabe um 1510/12