Joseph Eduard Drexel (* 6. Juni 1896 in München; † 13. April 1976 in Nürnberg) war ein Regimegegner während der Zeit des Nationalsozialismus und späterer Gründer der Nürnberger Nachrichten.

Leben und Wirken Herkunft und Ausbildung Joseph Eduard Drexel, Sohn des Kaufmanns Joseph Drexel und seiner Ehefrau Amalie Drexel, geborene Graf, wurde katholisch getauft und verbrachte seine Kindheit im München der Jahrhundertwende, wo er die erste Klasse der Bürgerschule besuchte. In Nürnberg, wohin sein Vater 1903 versetzt wurde, besuchte er die restlichen drei Klassen der Bürgerschule und anschließend acht Klassen des Real-Reformgymnasiums. 1914 legte Drexel in Nürnberg im heutigen Willstätter-Gymnasium die Reifeprüfung ab.Lebenslauf Joseph E. Drexel. In: Joseph E. Drexel: Staatliche Organisationen zur Förderung des Außenhandels. Dissertation, Universität Erlangen, 1923, S. 101.

Wehrdienst Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Drexel am 4. August 1914 in München als Kriegsfreiwilliger zum Heeresdienst. Im November 1914 wurde er zur Fronttruppe (Flieger-Abteilung 5 b) versetzt, diente als Funker und blieb dort bis zum Januar 1917. Drexel berichtet über ein Erlebnis der Ritterlichkeit: Nach dem Absturz des berühmten Jagdfliegers Max Immelmann sei eine englische Maschine im Tiefflug über den Flugplatz geflogen und habe einen großen Blechbehälter abgeworfen. Darin habe sich ein Kranz und ein Brief befunden, dessen übersetzten Text Drexel zitiert:

„Wir sind herübergekommen, um diesen Kranz abzuwerfen als ein Zeichen der Achtung, die das Britische Flying Corps für Leutnant Immelmann empfindet. Wir betrachten es als eine Ehre, für diese besondere Aufgabe ausgewählt worden zu sein. Leutnant Immelmann war bei allen britischen Fliegern hoch geachtet. Einer wie alle stimmen darüber überein, dass er ein wirklicher Sportsmann war.“

Den Brief hätten der Flugzeugführer und sein Beobachter unterzeichnet.Joseph E. Drexel: Geschichte und Geschichten – Ein Leben in Franken. Verlag Nürnberger Presse, Nürnberg 1969, S. 10 f.

Im Januar 1917 wurde Drexel als Beobachterlehrer zur Flieger-Ersatzabteilung Schleißheim versetzt. Im September 1917 versetzte man ihn als Nachrichten-Offizier zum Stab des A. O. K. II Grenzschutz Süd. Nach Kriegsende und dem Ausbruch der Revolution schied Drexel aus dem Heeresdienst aus.

Studium und Beruf Im Wintersemester 1918/19 begann Drexel an der Universität München ein juristisches und philosophisches Studium einschließlich Nationalökonomie (heute: Volkswirtschaftslehre). In München studierte er sechs Semester und später an der Universität Erlangen weitere sechs Semester. Tief beeindruckt war Drexel von dem Nationalökonomen Max Weber, den er im Wintersemester 1919/20 hörte.

Das Studium wurde mehrmals unterbrochen, als Drexel sich militärischen Freiwilligenverbänden anschloss, dem Kdv. Hacker, dem Freikorps Epp und der Stabskompanie der bayerischen Schützenbrigade 21. Beim Freikorps Oberland war er als Nachrichtenoffizier an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt.

Außerdem musste Drexel nach dem frühen Tod seines Vaters das Geld für sein Studium als Werkstudent durch eine Reihe von Nebenarbeiten bei der Presse und politischen Organisationen verdienen. Im November 1919/20 erhielt er eine Stellung als Referent bei der Zweigstelle Nürnberg des Auswärtigen Amtes (Abteilung X); später übernahm er die Stelle des Syndikus der Ortsgruppe Nürnberg des Bayerischen Industriellen-Verbandes e. V. Im November 1922 erhielt er eine Stelle in der Industrie.

Als Drexels finanzielle Reserven durch die Inflation schwanden, finanzierte ein Nürnberger Gönner, der Generaldirektor der MAN, Reichsrat Anton von Rieppel (1852–1926), den Rest des Studiums. Drexel wurde 1923 an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen mit einer Arbeit über Staatliche Organisationen zur Förderung des Außenhandels zum Dr. rer. pol.Joseph E. Drexel: Geschichte und Geschichten – Ein Leben in Franken. 1969, S. 14 f. promoviert. Im selben Jahr heiratete er Elisabeth Roesch.

Danach war er zunächst als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der Abteilung Außenhandel des Auswärtigen Amtes in Berlin und dann als kaufmännischer Angestellter in leitenden Stellungen in Industrie, Großhandel und im Bankfach tätig,Drexel, Joseph E. In: Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 1969/70, S. 225. u. a. seit 1929 bei der Nürnberger Lebensversicherungsbank (Nürnberger Versicherungen), wo er zum Prokuristen aufstieg.

Freundschaft und politische Zusammenarbeit mit Ernst Niekisch 1923 trat Drexel in den Bund Oberland ein und war seit 1925 in der Bundesführung und als Kreisleiter von Mittelfranken tätig. Als Redner hielt der spätere NS-Gegner im April 1927 einen Vortrag über „Deutsche Raumnot“ bei der Oberland-Führertagung auf „Schloss Hoheneck“.Wolfgang Mück: NS-Hochburg in Mittelfranken: Das völkische Erwachen in Neustadt an der Aisch 1922–1933. Verlag Philipp Schmidt, 2016 (= Streiflichter aus der Heimatgeschichte. Sonderband 4); ISBN 978-3-87707-990-4, S. 57. 1925 hatte Drexel auf einer Oberlandtagung den ehemaligen Volksschullehrer und Vorsitzenden des bayerischen Zentralrats der Arbeiter- und Soldatenräte Ernst Niekisch kennengelernt.Helmut Beer: Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933–1945. Nürnberg 1976, S. 362. Die beiden wurden Freunde, und es kam zu einer politischen Zusammenarbeit, u. a. an der von Niekisch und A. Paul Weber herausgegebenen Zeitschrift Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik, die den Nationalsozialismus vor und während des Dritten Reiches scharf kritisierte, von 1926 bis zu deren Verbot im Dezember 1934, sowie an der Wochenschrift Entscheidung. Die Wochenzeitung für nationalrevolutionäre Politik, die ebenfalls im Widerstands-Verlag erschien.

Der Widerstandskreis um Ernst Niekisch hatte seinen Schwerpunkt in der Nürnberger Gruppe um Drexel und den Regierungsrat im Zolldienst Karl Tröger.Näheres zu Karl Tröger in: Helmut Beer: Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933–1945. Nürnberg 1976, S. 362 f. Diese Gruppe arbeitete nach 1933 im Untergrund weiter. Als Leiter der Widerstandsbewegung Bayern gab Drexel 1935 illegal einen Informationsdienst heraus.

In Untersuchungshaft und Konzentrationslagern Nachdem ein Spitzel die Gruppe verraten hatte, wurde Drexel im März 1937 wenige Tage nach seiner Rückkehr aus einem Skiurlaub im Morgengrauen von der Gestapo verhaftet und an deren Leitstelle überstellt. Einige Stunden später wurden auch seine Frau und seine damaligen Sekretärinnen und andere Mitarbeiter und Freunde verhaftet. Es folgten über hundert weitere Verhaftungen Verdächtiger in ganz Deutschland. Drexel saß sieben Monate in der Nürnberger Deutschhauskaserne in Untersuchungshaft. In seiner Zelle hatte Julius Streicher an alle vier Wände in Frakturschrift den Spruch malen lassen: „Ich bin ein ganz gemeines Schwein, drum sperrt man mich mit Recht auch ein.“

Im Oktober 1937 wurde Drexel nach Berlin-Moabit überführt, wo er weitere sechzehn Monate in Untersuchungshaft saß. Im Januar 1939 wurde Drexel vor dem Volksgerichtshof vor dem I. Senat unter dem berüchtigten Präsidenten Otto Georg Thierack gemeinsam mit Niekisch und Tröger wegen der Vorbereitung zum Hochverrat und der verbotenen Neubildung von Parteien angeklagt. Während des Prozesses, von dem die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, dem aber der Gauleiter Julius Streicher beiwohnte, erschien Admiral Wilhelm Canaris in Begleitung seines Adjutanten Rudolf Graf von Marogna-Redwitz, eines Franken. Sie waren vom Gericht als Gutachter angefordert worden. Nach Meinung Drexels habe Canaris dem ihm unbekannten Drexel durch seine Aussagen das Leben gerettet. Nach sieben Tagen Verhandlung wurde Drexel wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach der Urteilsverkündung sei Julius Streicher an der Anklagebank vorbeigegangen und habe zu Drexel gesagt: „Ich werde dafür sorgen, dass Sie die Sonne nicht wiedersehen.“

Seine Strafe verbüßte Drexel in der Strafanstalt Amberg. Danach wurde er sofort wieder von der Gestapo verhaftet und aus Bayern ausgewiesen. Drexel flüchtete nach Innsbruck zu dem mit ihm befreundeten Ludwig von Ficker, dem Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner. Von dort wurde Drexel nach Stuttgart ausgewiesen, wo er unter erschwerten Auflagen unter Beobachtung der Gestapo stand. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Drexel wieder verhaftet. Man brachte ihn nach Nürnberg und schließlich mit dem Vermerk „RU“ (Rückkehr unerwünscht) in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz und später von dort in das Konzentrationslager Flossenbürg. Zur Jahreswende 1944/45 wurde Drexel auf Intervention des damaligen Nürnberger Polizeipräsidenten Benno Martin unter Auflagen nach Nürnberg entlassen.Joseph E. Drexel: Geschichte und Geschichten – Ein Leben in Franken. 1969, S. 18 f.

Über sein Martyrium und das vieler anderer im KZ Mauthausen schrieb Drexel im Frühsommer 1945 einen Bericht. Er erschien erst 1961 zum 65. Geburtstag Drexels, aber nur als Privatdruck in kleiner Auflage als Geschenk des Druckhauses Nürnberg unter dem – den wahren Sachverhalt verschleiernden – Titel: Die Reise nach Mauthausen. Erst nach Drexels Tod veröffentlichte Wilhelm Raimund Beyer 1978 den Bericht unter dem Titel: Rückkehr unerwünscht. Joseph Drexels „Reise nach Mauthausen“ und der Widerstandskreis Ernst Niekisch.

Lyriker Während seiner Untersuchungshaft schrieb Drexel u. a. Gedichte, zum Beispiel Im Kerker, das 1946 in der Anthologie De Profundis im Münchener Desch-Verlag erschien, einer umfassenden Sammlung der Lyrik von 66 Schriftstellern, die während des Dritten Reiches nicht emigrieren konnten oder wollten. Drexel verweist selber auf seine Gedichte in „Böhms Lyrikbuch“ (Hrsg. Ferdinand Avenarius), 1952. Schließlich gab Max von Brück 1966 in Tat und Traum Drexels Gedichte und Prosa heraus.

Gründung der Nürnberger Nachrichten 1945 erhielt Drexel von der amerikanischen Militärregierung in Bayern die Lizenz Nr. 3 für einen Zeitungsverlag und gründete die Nürnberger Nachrichten (NN), danach die Fürther Nachrichten, denen er in den folgenden Jahren weitere Tageszeitungen sowie den Olympia-Verlag angliederte. Die NN wurden mit einer Reihe von Kopfblättern die marktbeherrschende nordbayerische Zeitung.

Bekannt und erfolgreich war und ist auch Drexels Buchverlag Verlag Nürnberger Presse, der Bücher vornehmlich über Nürnberg und Franken und deren Geschichte, Kunst, Kultur, Literatur, Mundart und Wirtschaft verlegt.

Nicht alle Unternehmen Drexels waren erfolgreich. So gab Drexel mit seinem Partner Heinrich G. Merkel 1950 den Frankenspiegel. Monatsschrift für geistiges Leben in Franken heraus. 1951 war es nur noch eine Zweimonatsschrift. Dann ging diese Publikation ein.

Politische Position Fritz Aschka, ein Weggefährte Drexels, nahm zu dessen weltanschaulichem Standort Stellung: „Manche Nachkriegszeitgenossen hielten Drexel für einen ‚Linken‘, sie irrten sich schon dadurch, dass sie ihn einordnen wollten.“ Drexel habe sich mit seinen Widersprüchlichkeiten nicht auf eine Linie reduzieren lassen.Fritz Aschka: Der Stifter Dr. Joseph E. Drexel. In: Zehn Jahre Kunst- und Kulturstiftung Dr. Joseph E. Drexel. Nürnberg 1987. Drexel selber wandte sich dagegen, dass man die „Widerstandsbewegung Ernst Niekisch“ unter der Sammelbezeichnung „Nationalbolschewismus“ einstufe. Seit 1932 habe es viele verschiedene Widerstandskreise im ganzen Reich gegeben. Ihre Mitglieder hätten sich aus allen Ständen und den verschiedensten politischen Bekenntnissen zusammengesetzt.Joseph E. Drexel: Die Reise nach Mauthausen. Nürnberg 1961, S. 7. Drexel war ein Kämpfer für humanistische Ideale und gegen faschistische Willkür.