Erinnerung an die Marie A. ist ein Gedicht, das Bertolt Brecht in der Urfassung am 21. Februar 1920 auf einer Zugfahrt nach Berlin in sein Notizbuch schrieb.Berliner und Frankfurter Ausgabe Bd. 11, Anm. 92,1, S. 318; Faksimile in: Bertolt Brecht: Notizbücher 1 bis 3 1918–1920, hg. von Martin Kölbel und Peter Villwock, Suhrkamp, Berlin 2012, S. 233f. Es handelt sich um die Seiten 32 recte und verso des Notizbuchs 3. Jürgen Hillesheim sieht die Behauptung, das Gedicht sei quasi nebenbei im Zug entstanden, als Selbststilisierung des jungen Brecht: „Spielerisch und abermals parodierend verleiht er sich damit den Gestus des idealistischen Dichters, der seine Eingebung einfach auf das Papier wirft, sofort in Lyrik umsetzt.“; vgl. Hillesheim: „Ich muss immer dichten“: zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 262 Unter anderem publizierte der Autor es 1927 in der Sammlung Bertolt Brechts Hauspostille. Es thematisiert die Erinnerung an eine vergangene Liebe, die Brecht in das berühmte Bild von der vergehenden weißen Wolke gefasst hat.

Und über uns im schönen Sommerhimmel War eine Wolke, die ich lange sah Sie war sehr weiß und ungeheuer oben Und als ich aufsah, war sie nimmer da.1. Strophe, Vers 5–8, zitiert nach: Bertolt Brecht. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 11, Gedichte 1, S. 92; Faksimile der Urfassung in: Werner Hecht (Hrsg.), Brecht, S. 39; Marcel Reich-Ranicki hat sein Brecht-Büchlein nach dem eindrücklichen sprachlichen Bild Ungeheuer oben. Über Bertolt Brecht betitelt, Berlin (Aufbau) 1996

Das Bild der Wolke für die verblassende Erinnerung an das Gesicht der Geliebten ist ein literarisches Motiv, das der frühe Brecht regelmäßig eingesetzt hat. Das Namenskürzel „Marie A.“ im Titel bezieht sich auf Brechts Augsburger Jugendliebe Marie Rose Amann (1901–1988). Das Gedicht ist auf eine populäre Melodie der Jahrhundertwende geschrieben, die unter dem Titel Verlor’nes Glück bekannt war. Brecht hat es bereits vor der ersten Veröffentlichung seines Texts mehrfach zur Gitarre gesungen. Die Melodie kannte er sehr wahrscheinlich aus seiner Zusammenarbeit mit Karl Valentin, der die sentimentale Liedvorlage bereits parodistisch verarbeitet hatte.

Brecht-Biograph John Fuegi zählt das „täuschend schlichte Gedicht, leicht auswendig zu lernen …, zum Grundbestand der deutschen Literatur.“

Inhalt Die erste Strophe schildert ein Liebeserlebnis in der Natur, die Begegnung mit einer „stillen bleichen Liebe“, der „Marie A.“ aus dem Titel. Eine Wolke am Sommerhimmel, „sehr weiß und ungeheuer oben“, die schließlich verschwindet, macht das Erlebte unvergesslich.

In der zweiten Strophe setzt sich der Sprecher aus zeitlicher Distanz mit seinen Erinnerungen an das Liebeserlebnis auseinander. „Viele Monde“ seien inzwischen ereignislos vergangen. An das Gesicht der Geliebten könne er sich nicht mehr erinnern, nur an seine Liebesgefühle: „Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.“

In der dritten Strophe koppelt der Sprecher sein Erinnerungsvermögen an das unvergessliche Bild der weißen Wolke.

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen Wenn nicht die Wolke dagewesen wär Die weiß ich noch und werd ich immer wissen Sie war sehr weiß und kam von oben her.Verse 17–22

Die einstmals Geliebte hat „jetzt vielleicht das siebte Kind“, was bleibt, ist allein die Erinnerung an den großen Moment der Liebe.

Doch jene Wolke blühte nur Minuten Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.Schlussverse

Entstehung Biographischer Kontext Das Manuskript des Gedichts findet sich in Bertolt Brechts Notizbuch aus dem Jahre 1920, überschrieben als Sentimentales Lied Nr. 1004. Darunter die Bemerkung: „21.II.20, abends 7h im Zug nach Berlin […] Im Zustand der gefüllten Samenblase sieht der Mann in jedem Weib Aphrodite. Geh. R. Kraus“.Berliner und Frankfurter Ausgabe Bd. 11, Anm. 92,1, S. 318; Faksimile in: Bertolt Brecht: Notizbücher 1 bis 3 1918–1920, hg. von Martin Kölbel und Peter Villwock, Suhrkamp, Berlin 2012, S. 233f, Seiten 32 recte und verso des Notizbuchs 3. Sowohl den Titel des Gedichts als auch den angefügten Kommentar hat Brecht nach dem Handschriftenbefund später eingetragen als den Gedichttext selbst, „in gewissem zeitlichen Abstand“.Brecht: Notizbücher 1 bis 3, S. 394f. (Kommentar).

Der handschriftliche Titel verweist auf Don Juan bzw. Don Giovanni, der – wie Leporello in der Registerarie von Mozarts Oper singt – allein in Spanien 1003 Geliebte hatte, eine Zahl, die der junge Brecht um eine zu überschreiten wünschte.Berliner und Frankfurter Ausgabe Bd. 11, Anm. 92,1, S. 319; In Mozarts Oper Don Giovanni gibt Leporello die Zahl der Geliebten Don Giovannis in Spanien mit 1003 an: Schöne Donna! Dies genaue Register, Es enthält seine Liebesaffären; Der Verfasser des Werks bin ich selber; Wenn’s gefällig, so gehn wir es durch. In Italien sechshundertundvierzig, Hier in Deutschland zweihundertunddreissig, Hundert in Frankreich und neunzig in Persien, Aber in Spanien schon tausend und drei. zitiert nach dem dt. Libretto Der auf den ersten Blick so romantische Text („An jenem Tag im blauen Mond September – Still unter einem jungen Pflaumenbaum – Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe – In meinem Arm wie einen holden Traum […]“) ist also nicht frei von Aggressionen. Allein die hohe Zahl der Geliebten relativiert das geschilderte Liebeserlebnis. Brechts angefügter Kommentar spielt möglicherweise an auf Verse aus Goethes Faust, Szene Hexenküche: „Du siehst mit diesem Trank im Leibe bald Helenen in jedem Weibe.“Faksimile; Bertolt Brecht: Notizbücher 1 bis 3 1918–1920, hg. von Martin Kölbel und Peter Villwock, Suhrkamp, Berlin 2012, S. 394f. Der „Geheime Rat Kraus“, dem das Zitat in den Mund gelegt wird, ist vermutlich eine Erfindung Brechts.Brecht: Notizbücher 1 bis 3, S. 395 (Kommentar).

In der veröffentlichten Fassung wurde der alte Titel getilgt und das Gedicht erhielt die Überschrift Erinnerung an die Marie A., unter der es bekannt geworden ist. Die Schülerin Maria Rosa Amann (1901–1988), in der Literatur häufig geschrieben „Marie Rose Aman“Die Schreibweise „Maria Rosa Amann“ gibt Jürgen Hillesheim, Leiter der Bertolt-Brecht-Forschungsstätte der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, an, und bezeichnet die in der Literatur häufige Schreibweise „Marie Rose Aman“ unter Berufung auf das Augsburger Stadtarchiv und Adressbücher als falsch; er führt das Weglassen des Doppelkonsonanten am Ende des Nachnamens auf eine süddeutsche Gepflogenheit zurück, die auch in Brechts Manuskripten häufig zu finden sei. ders.: Augsburger Brecht-Lexikon, S. 27, auch in: Jürgen Hillesheim: „Ich muss immer dichten“: Zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 260, die Brecht im Frühsommer 1916 in einer Eisdiele kennenlernte, soll die Realfigur hinter der geheimnisvollen Marie A. gewesen sein.Berliner und Frankfurter Ausgabe Bd. 11, Anm. 92,1, S. 319 Jürgen Hillesheim bezweifelt die Eindeutigkeit dieses Bezuges, unter anderem weil Brecht auch die ältere Schwester Rosas umworben und deshalb ein Hausverbot von deren Eltern erhalten habe. Deren Rufname aber sei „Maria“ gewesen, während Brecht die jüngere Schwester ganz nach Laune „Rosa, Rosa Maria, Rosa Marie, Rosmarie und Rosl“ genannt habe.Jürgen Hillesheim: „Ich muss immer dichten“: zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 259f.; vgl. auch Jürgen Hillesheim, Es war nicht Marie A. allein, Anmerkungen zu dem wohl berühmtesten Stück der Brecht’schen Lyrik, in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 1. Oktober 1999; zitiert nach: Ana Kugli: Feminist Brecht? Diss., S. 116 Bereits Albrecht Schöne hat 1956 auf die häufige Verwendung des Namens „Marie“ beim frühen Brecht und auf die Wortspiele mit diesem Namen hingewiesen. Seiner Auffassung nach lässt sich das Kürzel „die Marie A.“ auch als „die Maria“ lesen.„Erinnerung an die Marie A.“; „das Pronomen legt es im Hinblick auf „die Liebe Frau Marie“ im „Prototyp (493) / eines Bösen“ und auf die Namenskorrespondenz zwischen der „Kindsmörderin Marie Farrar“ und der „Marie“, zu der sie betet – auch diese Beispiele stehen ja in der „Hauspostille“ – das auffällige Pronomen also legt es fast nahe, den letzten Buchstaben an den Vornamen anzuschließen und „Erinnerung an die Maria“ zu lesen“; Albrecht Schöne: Erinnerung an die Marie A. von Bertolt Brecht. In: Karl Hotz, Gerhard C. Krischker (Hrsg.): Gedichte unserer Zeit, Interpretationen. Bamberg 1990, S. 493 f. Jürgen Hillesheims Fazit ist die Kritik an der kurzschlüssigen biographischen Konkretisierung der im Titel genannten Frau:

„Die eine wurde also Rosa, die andere Maria genannt. Hieraus ergibt sich, dass Brecht nicht nur beide Schwestern im Sinn hatte, beiden nachstellte, sondern auch mit den Namen beider Schindluder trieb. Er ließ sie zu einer Person verschmelzen, bildete immer wieder spielerisch eine Einheit aus Rosa, mit der er ein Verhältnis hatte, und Maria, die er nicht haben konnte. (…) Dem Gedicht liegt also in der Tat kein konkretes Du zugrunde.“Jürgen Hillesheim: „Ich muss immer dichten“: zur Ästhetik des jungen Brecht, S. 261

Brechts Liebe zu Rosa scheiterte schließlich. „An diesem Mädchen aus der Eisdiele ist noch einer interessiert … ‚Der holde Traum meiner kalten Nächte liebt mich nicht mehr‘.“Marcel Reich-Ranicki: Ungeheuer oben. Über Bertolt Brecht, S. 26 Marie Rose Amann hat in einem späten Filminterview „gewichtige Gründe dafür angeführt, daß sie sich die Wolkenromantik nicht leisten konnte. Man hätte sie aus der Schule geworfen, behauptete sie, wenn Brecht sie, wie er es häufig zu tun pflegte, weiterhin von dort abgeholt hätte. Nach dem ersten Kuß weinte sie, weil sie glaubte, nun ein Kind zu bekommen.“Sabine Kebir: Ein akzeptabler Mann? Brecht und die Frauen, S. 30; Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen, Interview mit Marie Rose Aman, Dokumentarfilm, DDR 1978, s/w, 9 min., Regie und Drehbuch: Kurt Tetzlaff Aus Angst habe sie Brecht ihrer Turnfreundin Paula Banholzer überlassen und sei froh, dass diese das uneheliche Kind bekommen habe und nicht sie selbst.Sabine Kebir: Ein akzeptabler Mann? Brecht und die Frauen, S. 30

Bis in seine Studienzeit hing Brecht der Marie nach. Es geht in dem Gedicht also um den Wunsch zu vergessen und um das Problem, nicht vergessen zu können. An seinen Freund Caspar Neher schrieb Brecht schon am 18. Dezember 1917:

„Ich kann also die Rosmarie nicht mehr küssen (sie hat weiche, feuchte, volle Lippen in dem blassen, durstigen Gesichtchen). Ich kann aber andere küssen, natürlich. Ich sehe 100 Münder vor mir, sie verschmachten ohne meinen Kuß. 30 Jahre gebe ich mir und 5 Erdteile. Aber die Rosmarie kann ich also … Kreuzteufel! Was sind 100 Möglichkeiten gegen eine Unmöglichkeit? Vergessen ist Kraft = Flucht aus – Schwäche. Das Höchste, was man kann, ist: das zu nehmen, was man kann. Und das andere? Aber das andere, das man nicht …? Es kann keinen Gott geben, weil ich es sonst nicht aushielte, kein Gott zu sein… Wer lacht da nicht? (Lachen ist auch so eine Kraft der Schwachen!)“zitiert nach: Werner Hecht (Hrsg.), Brecht, S. 39

Die Herabsetzung der Marie A., der unvergesslichen 15-jährigen Friseurstochter vom Kesselmarkt in Augsburg, wird im oben zitierten Brief recht drastisch:

„Die Rosa Maria ist nämlich nicht hübsch. Das war eine Legende, die ich erfunden hatte. Sie ist es nur von weitem und wenn ich frage: ‚Ist sie nicht hübsch?‘ – Ihre Augen sind schrecklich leer, kleine, böse, saugende Strudel, ihre Nase ist aufgestülpt und zu breit, ihr Mund zu groß, rot, dick. Ihr Hälschen ist nicht reinlinig, ihre Haltung kretinhaft, ihr Gang schusselig und ihr Bruch (Bauch) vorstehend. Aber ich habe sie gern. (Obwohl sie nicht klug und nicht lieb ist.) Ich habe sie durchaus immer noch gern. Es ist greulicher Unsinn. Bin ich hübsch?“Bertolt Brecht. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Berlin, Weimar, Frankfurt am Main 1988, Band 28, Briefe 1, S. 39