Die französischsprachige Schweiz, oft auch Romandie oder Welschland genannt, umfasst den westlichen Teil der Schweiz, und zwar die protestantischen Kantone Genf, Waadt, Neuenburg, die katholischen Kantone Jura sowie die zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis; als auch Teile des Kantons Bern.

Weil die französischsprachigen Kantone der Schweiz keine homogene Einheit bilden, vereint die westschweizerische Literatur zahlreiche Kultureinflüsse in sich, welche sich einerseits von jenen des Nachbarstaats Frankreich unterscheiden, und auch einen anderen Blickwinkel im Gegensatz zu den anderen Sprachregionen der Schweiz zulassen.

Die französische Sprache mini|Sprachkarte der Schweiz, mit den frankophonen Gebieten in violett

Diese romanische Sprache hat allerdings nie literarische Bedeutung besessen und musste bald der französischen Sprache weichen, die seit dem 13. Jahrhundert ausschliesslich Amts- und Schriftsprache wurde; sie blieb aber noch lange die Sprache des platten Landes (patois romand, siehe: Schweizer Französisch) und existiert literarisch eigentlich nur in einigen Versionen des berühmten Kuhreihens (ranz des vaches). Trotz der gemeinsamen Sitten und Sprache hat jedoch politische Einheit unter ihnen nie bestanden, sie gehörten lange verschiedenen Herrschaftsgebieten an und haben es an Eifersüchteleien und Feindseligkeiten untereinander nicht fehlen lassen.

Erst seit der Gründung des schweizerischen Bundesstaates im Jahre 1848 machte sich hin und wieder nationales Bewusstsein geltend, und erst in diese Zeit datiert man Schweiz die Anfänge einer Nationalliteratur, obwohl nicht zu leugnen ist, dass auch dann die Hauptorte Genf, Lausanne, Neuchâtel und Freiburg, auf die sich die geistige Bewegung konzentrierte, ihren Sonderinteressen nachgingen und im Banne des Kantönligeistes jeder zentralisierenden Richtung misstrauisch entgegentraten. Die Hauptrolle spielte stets Genf, teils wegen seiner ausgezeichneten Lage, teils weil es im 16. Jahrhundert der Hauptsitz der französischen Reformation wurde; seit dieser Zeit erlangte es europäische Bedeutung.

Spätmittelalter mini|Schloss Grandson Die Zeit vor der Reformation hat in literarischer Beziehung nicht viel Bemerkenswertes aufzuweisen. Einige liebenswürdige Gedichtchen des tapfern Ritters Otto von Grandson aus dem 14. Jahrhundert (entdeckt und veröffentlicht von A. Piaget 1889), Chroniken, die von den Heldentaten der Schweizer in den Kriegen mit Karl dem Kühnen berichten, mehrere Mystères und Soties, die zum Teil schon von hugenottischem Geiste durchweht sind, das ist alles. Die interessanteste Persönlichkeit ist noch der Gefangene von Chillon, François Bonivard (1493–1570), dessen Chronik die mannhafte Gegenwehr der Stadt Genf gegen die Herrschaftsgelüste des Herzogs von Savoyen schildert, und der in diesen Kämpfen seine Überzeugung mit langjähriger Gefangenschaft büssen musste.

Reformation mini|Das Reformationsdenkmal in Genf Bonivard führt uns schon mitten in die Reformationszeit hinein; denn als er 1536 infolge der Eroberung des Waadtlandes durch die Berner seine Freiheit erhielt, hatte Guillaume Farel schon die Herzen vieler Genfer Bürger der neuen Lehre gewonnen und Johannes Calvin bewogen, sich in Genf niederzulassen, Farel ging nach Neuchâtel und begründete hier die Reformation; in Lausanne wirkte Pierre Viret, ein tüchtiger Gelehrter, einflussreicher Prediger und geschickter Polemist.

Calvin mini|Johannes Calvin Calvin entwickelte in Genf eine erstaunliche Tätigkeit: er begründete die Kirche angesichts der Feinde, machte die Bibel zur Grundlage des Staates, reinigte die Sitten, unterdrückte die innern Zwistigkeiten, brachte, da er eigentlich mehr Humanist als Theologe war, die Studien zu Ehren und richtete den höheren Unterricht an der neugegründeten Akademie ein, an der nun Pastoren, Lehrer und Gelehrte für ganz Europa ausgebildet wurden. Er war ein Meister der französischen Sprache (die Franzosen nennen ihn einen der Väter ihrer Sprache), und seine umfassende literarische Tätigkeit hat hauptsächlich dazu beigetragen, Genf zu seiner einflussreichen Stellung zu erheben. Der Buchhandel nahm einen kolossalen Aufschwung, in den Druckereien wurden die reformatorischen Schriften nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland, Holland, England gedruckt, und zahlreiche Humanisten, wie Mathurin Cordier, Henri Estienne, Robert Estienne, François Hotman, Isaac Casaubon, Beroaldus u. a., nahmen in Genf vorübergehenden oder dauernden Aufenthalt. Dazu kamen ca. 2000 Flüchtlinge aus Frankreich und Italien, die ihre Kunst und ihren Gewerbfleiss, aber auch ihre starren republikanischen Ideen und die traurige Stimmung der Verbannung mitbrachten. Calvin und seine Amtsgenossen führten ein strenges Regiment, und so konnte es nicht ausbleiben, dass sich Sitten und Lebensführung gänzlich änderten. Die Stadt bekam ein ernstes, mürrisches Antlitz: mit Härte wurde die Kirchenzucht geübt, Spiele und Zerstreuungen, Aufwand in Kleidung, Essen und Trinken waren verpönt, jede sündhafte und unanständige Äusserung wurde streng bestraft.

Théodore de Bèze mini|Théodore de Bèze Nach Calvins Tod (1564) galt Théodore de Bèze unbestritten als das Haupt des französischen Protestantismus. In seiner Jugend hatte er anderen Anschauungen gehuldigt, wie seine leichtfertigen Jugendgedichte beweisen; in Genf aber war er durch die mächtige Persönlichkeit Calvins bezwungen und bekehrt worden und wirkte nun 42 Jahre lang als Lehrer und Prediger mit grossartigem Erfolg. In Charakter, Geschmack und Neigung das Gegenteil seines strengen Freundes, als Schriftsteller ihm nicht gewachsen, übertraf er ihn doch an Anmut und Eleganz; seine zahlreichen satirischen und polemischen Schriften zeigen den glänzenden Redner, und seine Psalmenübersetzung (siehe Genfer Psalter) ist nicht ohne dichterischen Schwung. Überhaupt steht in dieser Periode fast alle literarische Thätigkeit im Dienste der Religion, und anderseits sind die, die den Musen opferten, fast durchweg Pastoren und Pastorensöhne. So ist auch Bezas einzige Tragödie, Le sacrifice d’Abraham, weiter nichts als eine eindringliche Predigt, und die einzigen Gedichte, die poetisches Gefühl verraten, sind von dem Neuenburger Pfarrer Blaise Hory hinterlassen.

Weiterer Einfluss der Reformation mini|Historische Darstellung der Escalade Ausserhalb dieses Bannkreises steht das frostige allegorische Schauspiel L’ombre de Garnier Stoffacher (1584), wohl die älteste Version des Tellschusses, und die zahlreichen Reimereien, die an die berühmte Escalade de Genève (1602) anknüpfen; Samuel Chappuzeaus Drama Genève délivrée (1662) ist wohl noch die erträglichste. Den tapfern Hugenotten Théodore Agrippa d’Aubigné mochten die Schweizer gern zu den ihrigen rechnen, weil er seine Jugendzeit und die letzten Jahre seines Lebens (1620–1630) in Genf zubrachte; allein seine dichterische Tätigkeit, besonders seine kraftvollen Tragiques, gehören unzweifelhaft Frankreich an.

Inzwischen hatten die Reformatoren, ihrem Prinzip getreu, überall Schulen eingerichtet, in den Dörfern Elementarschulen, in den Städten Lateinschulen, auch die Académie de Lausanne. Aber der Zuzug von Fremden hatte bedeutend abgenommen; die Refugiés und die Humanisten wandten sich vorzugsweise nach Holland und machten dies Land zum Mittelpunkt ihrer literarischen Tätigkeit.

Das 17. und das 18. Jahrhundert mini|Jean Frédéric Ostervald mini|Jean-Jacques Rousseau Das 17. Jahrhundert bedeutet einen Stillstand in der geistigen Entwicklung der französischsprachigen Schweiz. Der Widerruf des Edikts von Nantes im Jahre 1685 brachte neues Blut nach Genf; diesmal hatten die Naturwissenschaften und die Mathematik am meisten Vorteil davon. Auch die Opposition gegen den Calvinismus wurde starker und nachhaltiger; während noch 100 Jahre früher Sebastian Castellio, ein Gegner der Prädestinationslehre und Apostel der Toleranz (Conseil à la France désolée), in die Verbannung gehen musste, wurde jetzt unter dem Einfluss Jean-Alphonse Turrettinis, Professors der Kirchengeschichte seit 1694, und seines Freundes Jean Frédéric Ostervald, Verfassers des grossen Katechismus und einer weitverbreiteten Bibelübersetzung (1744), die Praxis der Genfer Kirche milder und toleranter, und es konnte sich im Anschluss an den von Deutschland herübergekommenen Pietismus ein liberaler Protestantismus entwickeln, der in Marie Huber († 1753) und in Béat de Muralt († 1749) seine Hauptvertreter sand. Muralt ist zugleich der bemerkenswerteste Schriftsteller jener Zeit; seine Lettres sur les Anglais et les Francais können die würdigen Vorläufer der Lettres persanes von Montesquieu und der Lettres anglaises von Voltaire genannt werden. Viel schroffer standen sich die politischen und sozialen Parteien gegenüber, die Négatifs, Représentants und Natifs; ihre Zwistigkeiten nahmen oft einen blutigen Ausgang und konnten zum Teil nur mit Hilfe des Auslandes beigelegt werden. Daraus erklärt sich auch die Unmasse von politischen Schriften, Satiren und Liedern, die in dieser Zeit entstanden sind, deren Interesse aber naturgemäss mit ihr vergangen ist.

Voltaire 218x218px|mini|links|Voltaire Von entscheidende Einfluss auf die geistige und moralische Entwicklung der französischsprachigen Schweiz war der Aufenthalt Voltaires. Im Dezember 1754 liess er sich in der Nähe von Genf nieder, teils von der schönen Natur, teils von den vorzüglichen Druckereien angelockt, in denen damals so manche epochemachenden Werke gedruckt wurden, trat alsbald in lebhaften Verkehr mit einigen angesehenen Familien, so mit den Pastoren Vernet und Vernes, dem berühmten Arzt Théodore Tronchin nebst seinen zwei Brüdern, dem Professor Pictet, und bezauberte alle durch seine Liebenswürdigkeit; als er aber versuchte, seine Zaire auszuführen, stiess er auf den hartnäckigen Widerspruch des Konsistoriums; schon seit Calvins Zeiten waren dramatische Aufführungen, ausser etwa geistlichen, nicht mehr geduldet und selbst Privataufführungen bestraft worden.

In seiner Eitelkeit verletzt, wandte er sich nach Lausanne und fand dort besseres Entgegenkommen, besonders bei den Frauen; auch die Pastoren scheuten sich nicht, den Gesellschaften und Aufführungen des geistreichen Spötters beizuwohnen. Nach Genf zurückgekehrt, beschloss er, sich an den Muckern zu rächen; einige bissige Artikel in der Encyclopédie und religionskritische Schriften, wie Poème sur le désastre de Lisbonne und später Candide, ou l’optimisme, reizten die Angegriffenen zu heftigen Erwiderungen; und um seine Gegner an der empfindlichsten Stelle zu treffen, liess er auf seinem Landgut Ferney an der Grenze des Genfer Gebiets einen Theatersaal erbauen und dort seine Dramen (unter anderem Tancrède) aufführen, wozu wieder die Genfer Gesellschaft Schauspieler und Publikum stellte.

Rousseau Auch Jean-Jacques Rousseau, Genfs grösster Bürger, griff in den Streit ein; hatte Voltaire Beziehungen zu der regierenden Klasse und zahlreiche Anhänger unter den Natifs, so hielt sich der demokratische Rousseau zu den Représentants, in deren Sinne er auch gegen Voltaire die Lettres sur les spectacles schrieb. Mit dem Rate der Stadt aber hatten es beide verdorben: der liess sowohl den Candide als den Émile verbrennen und Julie oder Die neue Heloise als unmoralisch verbieten. Rousseau suchte sich zwar mit den Lettres de la Montagne zu rechtfertigen, fachte damit aber den Streit erst recht an. Voltaire behielt doch das letzte Wort (mit Guerre civile de Genève), und 1782 wurde nach wiederholter Intervention des französischen Gesandten eine Schauspielertruppe in Genf eingeführt und ein steinernes Theater erbaut; die ersten Direktoren waren Fabre d’Eglantine und Collot d’Herbois.

Aufschwung der Naturwissenschaften Genf mini|Charles Bonnet