Das Fernsehen in Deutschland blickt auf eine Geschichte zurück, die sowohl von den visuellen und auditiven Datenübertragungen der Fernsehtechnik als auch von den gesellschaftlichen Dynamiken in puncto Vermittlung und Kommunikation geprägt war. mini|310x310px|Zuschauende verfolgen durch eine Trennscheibe hindurch eine Fernsehproduktion des Deutschen Fernsehfunks (DFF). Studio im Südpavillon beim Fernsehturm, DDR, Ost-Berlin. Fotografiert von Christof Sonderegger im September 1975.Obwohl die historische Entwicklung der Fernsehtechnik bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreicht und am 22. März 1935 im nationalsozialistischen Deutschland ein erstes Fernsehprogramm in einem bestimmten Turnus gesendet wurde, begann der Weg hin zu einem Massenmedium nach dem Zweiten Weltkrieg.
Entwicklungen im nationalsozialistischen Deutschland (1933 – 1945)
Vorkriegsjahre
Erste Fernsehsendungen Die erste vollelektronische Fernsehübertragung mit Kathodenstrahlröhre in Deutschland gelang Manfred von Ardenne Weihnachten 1930. Im August 1931 führte er auf der 8. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in Berlin sein vollelektronisches Fernsehverfahren vor und erschien damit auf dem Titelblatt der New York Times.mini|Kombinierter Fernseh- und Rundfunkempfänger der Firma Telefunken von 1933 Ab 1934 wurden Fernsehsendungen mit Bild und Ton übertragen; dem jungen Tonfilm eröffnete sich damit eine zusätzliche Verbreitungsmöglichkeit. Nachdem bekannt wurde, dass die BBC ein Fernsehprogramm plane, wollten die Nationalsozialisten den Briten zuvorzukommen. Die „deutsche Erfindung“ Fernsehen sollte ihrer Meinung nach auch von Deutschen regulär eingeführt werden. Am 22. März 1935 wurde schließlich mit dem Fernsehsender „Paul Nipkow“ (auch: Deutscher Fernseh-Rundfunk) der regelmäßige Programmbetrieb als Liveübertragung im NS-Staat aufgenommen. Für die Aussendungen nutzte der Sender Berlin-Witzleben die Frequenzen 40,300 MHz (Bild) und 42,493 MHz (Ton).vgl. "Braune Mattscheibe - Fernsehen unterm Hakenkreuz SPIEGEL TV 2000", Ausschnitt bei 1:23, abgerufen am 16. April 2020. Das nationalsozialistische Deutschland strahlte somit als erster Staat ein regelmäßiges Fernsehprogramm aus. Allerdings gab es in Berlin und Umgebung „nur“ etwa 250 Fernsehempfänger. Die Industrie tat sich aus Kapazitätsgründen mit der Massenfertigung von Fernsehempfängern schwer. Daher eröffnete die Deutsche Reichspost (DRP) am 9. April 1935 die erste öffentliche Fernsehempfangsstelle für den Gemeinschaftsempfang; weitere Fernsehstuben und Großbildstellen folgten. Der Eintritt für jeweils etwa 30 Personen, die auf technisch noch unausgereiften Geräten ein 18 cm × 22 cm großes flackerndes Fernsehbild mit wenig Kontrast betrachten konnten, war kostenlos. Die Publikumsreaktionen waren jedoch recht verhalten.
Mitte der 1930er-Jahre begann die Forschungsanstalt der Deutschen Reichspost mit der Entwicklung eines Farbfernsehverfahrens; die Forschungen mussten jedoch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eingestellt werden. Ein technisch ähnliches Verfahren wurde in den 1950er-Jahren von den amerikanischen Fernsehgesellschaften RCA und CBS erfolglos eingesetzt.
Olympische Spiele von 1936 Die XI. Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin waren nicht nur ein sportliches, sondern auch ein technisches Großereignis. Bei Telefunken entwickelte Emil MechauInformation laut Fernsehmuseum für die Spiele die erste fahrbare Fernsehkamera: Die vollelektronische Ikonoskop-Kamera, damals „Fernseh-Kanone“ genannt, beeindruckte mit einer Bildauflösung von 180 Zeilen nicht nur durch ihre Leistungsfähigkeit, sondern auch durch ihre Größe (Objektiv: 1,60 m Brennweite, Linsendurchmesser: 40 cm, Gewicht: 45 kg, Gesamtlänge: 2,20 m).
Zu den Olympischen Spielen in Berlin wurde in 25 der 27 Berliner Fernsehstuben ein Fernseh-Sprechdienst eingerichtet, bei dem in mit mechanischen Bildabtastern ausgestatteten Telefonzellen Ferngespräche mit Bildschirmsicht des Gesprächspartners geführt werden konnten. Die Verbindungen waren zunächst auf die Kabelstrecke Berlin – Leipzig beschränkt, später kamen noch weitere Städte hinzu. Die Bildtelefonie konnte sich jedoch nie auf dem Massenmarkt durchsetzen.
Zeilensprung- und Zwischenfilmverfahren Von den Zuschauern bemängelt wurde unter anderem das störende Flimmern des Bildes; die 25 Bildwechsel pro Sekunde genügten nicht, um dem Auge eine fließende Bewegung vorzutäuschen. Das Phänomen war bereits aus dem Filmbereich bekannt, wo in der Frühzeit mit bis zu 48 Bildern pro Sekunde gearbeitet worden war, um den Eindruck einer kontinuierlichen Bewegung zu erzeugen. Um teures Filmmaterial zu sparen, griff man hier auf einen optisch-mechanischen Trick zurück: Mit Hilfe der Flügelblende (Malteserkreuzgetriebe) wurde bei 24 echten Bildern pro Sekunde eine scheinbare Frequenz von 48 Bildern erzielt. Analog dazu wurde beim Fernsehen ab 1935 das Zeilensprungverfahren eingesetzt, das bei der Übertragung von 25 Bildern pro Sekunde 50 Halbbilder für das Auge des Zuschauers erzeugt. Der Eindruck des störenden Flimmerns wird dadurch verringert. Das Zeilensprungverfahren ermöglichte es, pro Halbbild nur jede zweite Zeile übertragen zu müssen – erst alle ungeraden und danach alle geradzahligen Zeilen.
Im selben Jahr wurde auch das Zwischenfilmverfahren etabliert, das die Möglichkeiten für Außenübertragungen verbesserte. Dabei wurde ein zu übertragendes Ereignis zunächst auf einem kontinuierlich durchlaufenden Film aufgenommen, direkt in einem Schnellverfahren entwickelt und fixiert, danach abgetastet und dann gesendet. Der „Zwischenfilmgeber“ verkürzte die Pause zwischen der Aufnahme des Films und seiner Übertragung durch den Fernsehsender auf wenige Minuten, so dass man sich einer Live-Übertragung annäherte. Für die Empfangsseite wurde ein auf demselben Prinzip basierender „Zwischenfilmempfänger“ entworfen, der die Aufzeichnung von Fernsehprogrammen auf Film und Großprojektionen von 3 × 4 Metern ermöglichte. Dieser „Urahn des Video“ konnte sich jedoch im Privatbereich nicht durchsetzen.
Zweiter Weltkrieg mini|Fernseher in einem Lazarett, 1942 Von Telefunken entstand im Jahr 1937 zunächst der FE V mit 375 Zeilen, der auch auf der Weltausstellung 1937 eingesetzt wurde, und danach zur Funkausstellung im August 1937 in Berlin der FE VI, der bis Kriegsbeginn gebaut wurde. Am 28. Juli 1939 wurde zur 16. Großen Deutschen Funk- und Fernseh-Ausstellung der Deutsche Einheits-Fernseh-Empfänger E1 mit 441 Zeilen vorgestellt, der sich durch vielfache technische Innovationen auszeichnete. Erstmals kam hier die später durchweg gebräuchliche Rechteckbildröhre zum Einsatz, die in Verbindung mit einem höheren Ablenkwinkel eine wesentlich kompaktere Bauweise des Empfängers ermöglichte. Der Bildschirm erlaubte einen „heimfreundlichen“ Betrachtungsabstand von 1,7 bis 2,0 m. Als Kaufpreis waren 650 Reichsmark angedacht. Reichspostminister Wilhelm Ohnesorge kündigte die bevorstehende Freigabe des privaten und kostenlosen Fernsehens an. Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation (nur einen Monat später begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg) kam es zu keiner Serienherstellung, da die Produktion aller zivilen Geräte eingeschränkt wurde. Nur etwa 50 Prototypen des E1 waren fertiggestellt und wurden auf Lazarette und verschiedene Dienststellen verteilt.
Nach dem Kriegsbeginn wurde die Fernsehentwicklung in Deutschland nahezu ausschließlich für militärische Zwecke fortgesetzt; unter anderem wurde das Fernsehen auch auf seine Eignung für die Luftaufklärung geprüft. Dabei wurden 1940 eine Bildqualität von 1.029 Zeilen mit einem Zeilensprung bei 25 Bildwechseln pro Sekunde erreicht.
Im Jahre 1941 wurde an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin von Kurt Wagenführ das „Institut für Rundfunkkunde und Fernsehrundfunk“ eingerichtet.Hans Bohrmann, Arnulf Kutsch: Rundfunkwissenschaft im Dritten Reich, Teil 3 (Rundfunkkunde an den Universitäten Berlin und Leipzig). In: Rundfunk und Geschichte, 1976, H. 1, P. 17–21, S. 17.
Im Verlauf des Krieges wurde das Fernsehen als Medium nur im Rahmen der Truppenbetreuung eingesetzt.
Im Winter 1944 wurde das Fernsehprogramm eingestellt. Ein Fernsehen in Deutschland sollte es erst wieder ab 1952 geben. Im besetzten Frankreich wurde für die Betreuung der deutschen Truppen und um die Franzosen mit pro-deutscher Propaganda zu versorgen, 1942 ein deutsches Okkupationsfernsehen eingerichtet (siehe Fernsehsender Paris).
Entwicklungen während der Besatzungszeit (1945 – 1949)
Aufbau von Sendeanstalten Nach dem Kriegsende wurde während der Besatzungszeit jede unbeaufsichtigte Sendetätigkeit von Deutschen verboten; die betriebsbereiten Sendeanlagen standen unter Besatzungsrecht. Folgende Sendeanstalten wurden in dieser Zeit gegründet:
Amerikanische BesatzungszoneRadio Bremen (RB) mit Sitz in Bremen 1945
Drahtfunk (Rundfunk) im amerikanischen Sektor (DIAS/RIAS) mit Sitz in West-Berlin 1946
Hessischer Rundfunk (HR) mit Sitz in Frankfurt am Main 1948
Süddeutscher Rundfunk (SDR) mit Sitz in Stuttgart 1949
Bayerischer Rundfunk (BR) mit Sitz in München 1949Britische BesatzungszoneNordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) mit Sitz in Hamburg 1945Französische BesatzungszoneSüdwestfunk (SWF) mit Sitz in Baden-Baden 1949Sowjetische BesatzungszoneBerliner Rundfunk mit Sitz in Ost-Berlin 1945 mini|Karte der Rundfunkanstalten in Deutschland 1949 Die Programme wurden von Besatzungsoffizieren kontrolliert und teilweise auch verwirklicht; die Inhalte zielten auf die „Re-Edukation“ der Deutschen ab, boten aber auch praktische Ratschläge für den Alltag (zum Beispiel „Was wir wissen müssen“ vom „Berliner Rundfunk“), Unterhaltung oder politisches Kabarett. Auch Jazz-Musik war wieder erlaubt, hier etablierten sich neben den deutschsprachigen Sendern vor allem die Soldatensender AFN und BFBS.
In Berlin verlangten die westlichen Siegermächte schließlich Zugang zu dem von den Sowjets besetzten Haus des Rundfunks in der Masurenallee, was ihnen verwehrt wurde. Die Briten richteten daraufhin, zunächst als Nebenstelle des Senders Hamburg, im Gebäude Heidelberger Platz 3 in Wilmersdorf das NWDR-Studio Berlin ein, Vorläufer des 1953 gegründeten Senders Freies Berlin (Sendestart: 1. Juni 1954). In ihrem Sektor setzten die Amerikaner ab dem 7. Februar 1946 die noch im Hochbunker Heckeshorn befindlichen Anlagen ein, die im Krieg zur Durchgabe der Luftlagemeldungen über das Telefonnetz dienten. In einem im Fernamt Berlin in der Winterfeldtstraße (Schöneberg) eingerichteten Studio wurde von 17 bis 24 Uhr das Programm des Drahtfunks im Amerikanischen Sektor (DIAS) produziert, das über den Sender in Heckeshorn verbreitet wurde. Der DIAS ist ein frühes Beispiel für Rund-„Funk“, der nicht drahtlos übertragen wird. Bei Stromausfällen versorgte ein Lautsprecherwagen die Zuhörer mit aktuellen Sendungen. Nach einem halben Jahr wurde der DIAS in Rundfunk im Amerikanischen Sektor (RIAS) umbenannt. Als erster Nachkriegssender brachte der RIAS ab dem 1. Januar 1948 wieder Werbung in seinem Programm.
Zwischen 1948 und 1949 wurden die bisherigen Militärsender in Landessender des öffentlichen Rechts unter deutscher Verwaltung umgewandelt; es entstanden die föderalistischen Strukturen, die auch im heutigen Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland noch Bestand haben.
Kopenhagener Wellenplan