mini|hochkant|Das Talheimer Judenschloss: Der westliche Teil des Oberen Schlosses, der ab 1778 von Juden bewohnt war. Die Jüdische Gemeinde in Talheim im Landkreis Heilbronn in Baden-Württemberg entstand 1778, nachdem zuvor nur vereinzelt Juden in Talheim gelebt hatten, durch die Aufnahme einiger jüdischer Familien im westlichen Teil des Talheimer Oberschlosses, das dadurch als Judenschloss bekannt wurde. Die Talheimer Juden bildeten ab 1849 eine selbständige Gemeinde, sie hatten eine eigene Synagoge und von 1857 bis zum Ersten Weltkrieg auch ein eigenes Schulhaus. Die Gemeinde wurde im Zuge der Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus ausgelöscht. Die baufällige Synagoge ist 1952 eingestürzt und wurde wenig später abgerissen.

Geschichte

Frühe Erwähnung von Juden in Talheim Juden in Talheim wurden erstmals im späten 15. Jahrhundert erwähnt. Vermutlich waren es Juden, die zuvor aus Heilbronn ausgewiesen worden waren und nun als Schutzjuden des Deutschen Ordens oder des örtlichen Adels in Talheim lebten, da sich 1491 ein Talheimer Jude wegen des Verbleibs seines Heilbronner Besitzes an den Rat der Stadt Heilbronn wandte. Einzelne Juden sind auch in späterer Zeit nachgewiesen, so in den Jahren 1514 und 1525/26. In der Talheimer Dorfordnung von 1599 gibt es ein Verbot, bei Juden etwas zu leihen. Allerdings ist unbekannt, ob damals überhaupt noch Juden in Talheim lebten. In der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es keine Juden in Talheim. Im frühen 18. Jahrhundert gibt es dann wieder Hinweise auf einzelne Juden in Talheim: 1729 erteilte der Vogt von Flein seinen Untertanen ein Verbot des Viehhandels mit Juden aus Talheim und Sontheim, 1736 hatte Reichsfreiherr von Gemmingen in seinem Teil des Talheimer Schlosses einen Juden aufgenommen.

Juden im Talheimer „Judenschloss“ mini|hochkant|Heutiges Äußeres des Schmidberg’schen Schlosses (Judenschloss) mini|hochkant|An der Burgmauer stand das Wasch-, Back- und Bethaus, später die Synagoge Der westliche Teil des Talheimer Oberschlosses war als württembergisches Lehen im Besitz der Familie von Schmidberg gewesen, die 1777 ausstarb und das Schloss in baufälligem Zustand hinterließ. Da es weder gelang, die Schmidbergschen Erben zur Instandsetzung zu verpflichten, noch einen neuen Pächter für das Lehen zu finden, bot der Oberamtmann Volz in Lauffen das Schloss vier jüdischen Familien zur Pacht an, die zuvor in der Burg Horkheim gelebt hatten, wo es mit dem dortigen Schutzherren, Kriegsrat von Buhl, immer wieder zu Streitigkeiten gekommen war.

Den vier Familien folgten binnen kurzem weitere zwei Familien und zwei Witwen, die künftig im Judenschloss in Talheim wohnten. Die ersten jüdischen Pächter waren die Familien von Manasse Hirsch, Samuel Isaak, Hirsch Manasse, Lazarus Mayer, Max Lazarus und eines Synagogendieners, sowie die Witwen des Nathan und des Süßkind Kahn. Der Umzug der Juden sorgte für weitere Streitigkeiten, da der Horkheimer Schutzherr von Buhl das ihm entgangene Schutzgeld von über 3000 Gulden und weitere Ausgleichszahlungen einforderte. Seine Witwe führte den Streit auch über seinen Tod 1792 hinaus fort; sie forderte noch 1798 insgesamt 2150 Gulden und behauptete, die Juden seien „heimlich aus der Burg entwichen“.Lehnskammerbericht vom 11. Oktober 1798, Staatsarchiv Ludwigsburg B 109a, Bü 22, zitiert nach Nebel/Däschler-Seiler: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Talheim, 2. Auflage, Talheim 1990, S. 27.

Bei den Talheimer Juden handelte es sich wohl überwiegend um jüngere Familienmitglieder, während die Elterngeneration in Horkheim geblieben war. Die frisch angesiedelte Gemeinde richtete das baufällige Schloss wieder her. Bei der Renovierung erhielt das Dach seine heutige abgewalmte Form einer Pyramide. 1792 gestattete die herzoglich württembergische Regierung den Talheimer Juden, im Hof des Schlosses ein Back- und Waschhaus zu errichten, dessen Oberstock als Betraum vorgesehen war. Am Vorabend der Einweihung des Gebäudes kam es am 3. Januar 1793 zum Affront mit dem Deutschen Orden und den ritterschaftlichen Ganerben, die zwar kein Mitbestimmungsrecht im württembergischen Teil des Schlosses, aber gemeinsamen Besitz am Dorf Talheim hatten und in dem Betraum eine von ihnen nicht genehmigte Synagoge sahen. Der Deutsche Orden ließ Kult- und Einrichtungsgegenstände, darunter verschiedene Vorhänge, Betstühle, Kronleuchter und den Opferstock, beschlagnahmen und untersagte die Benutzung des Raumes. Wegen dieses von den Juden als Landfriedensbruch betrachteten Vorgehens des Deutschen Ordens kam es zu einem zehnjährigen Rechtsstreit zwischen dem Orden, Württemberg und dem Ganerben Christoph von Gemmingen. Das Eingreifen des Deutschen Ordens ist weniger als judenfeindlicher Akt, denn als Machtprobe des Ordens mit Württemberg zu verstehen. Der Ordens-Amtmann gab an, wenn man ihn zuvor gefragt hätte, hätte er auch drei Synagogen erlaubt.nach Angerbauer/Frank (1986), S. 232, ebenso in Nebel/Däschler-Seiler (1990), S. 30 Vorerst durfte der Betraum jedoch nicht benutzt werden. Erst 1803 erfolgte die Rückgabe der beschlagnahmten Kultgegenstände, und auch das Abhalten von Gottesdiensten wurde erlaubt.

Die Zahl der Juden in Talheim betrug um das Jahr 1800 rund 50 Personen. Diese bemühten sich bereits ab 1797 darum, das Schloss erwerben zu können, doch scheiterte dieser Wunsch zunächst noch am geltenden Verbot des Gütererwerbs, das erst 1807 fiel. Seitdem Talheim 1806 ganz an das Königreich Württemberg gekommen war, konnten sich Juden auch außerhalb des Schlosses niederlassen. 1816 erwarb der Jude Aaron Salomon die Hälfte des heutigen Gasthauses Ratskeller beim Rathaus aus ehemals Gemmingenschem Besitz. 1821 erwarb die jüdische Gemeinde schließlich den württembergischen Schlossteil, bestehend aus Schmidbergschem Schlösschen mit Turm (Schneck) und Brunnen, Bet-, Wasch- und Backhaus sowie einem unterhalb stehenden Wohnhaus mit Gärten, für 1910 Gulden.Angerbauer/Frank, Seite 232 Nach 1822 erwarben Talheimer Juden weitere Häuser und Güter aus bürgerlicher Hand. Auch wenn sich Juden in Talheim damals schon außerhalb der Burg niederließen, wurden sie vor 1828 nicht zur bürgerlichen Gemeinde gezählt, vielmehr hatte der jüdische Gemeindevorsteher eine Stellung ähnlich dem Schultheißen in württembergischen Dorfgemeinden.Sauer (1966), S. 174

Bis zum württembergischen Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen vom 25. April 1828 war Juden in Württemberg die Ausübung von akademischen und handwerklichen Berufen verboten. Nach diesem ersten württembergischen Gleichstellungsgesetz wurde ein Berufsfindungsprogramm aufgelegt, in dessen Folge Talheimer Juden zumeist Handwerksberufe erlernten, die auch Handelsmöglichkeiten eröffneten, wie Metzger und Viehhändler, Schneider und Stoffhändler oder Schuster und Schuhhändler. Weitere Gesetze zur Freizügigkeit und Gewerbefreiheit nach 1850, insbesondere das Gleichstellungsgesetz von 1864, brachten den württembergischen Juden nach und nach die vollen Bürgerrechte, führten jedoch auch zum allmählichen Niedergang der Landgemeinden, da sich Juden wieder in Städten niederlassen konnten, wo es infolge der einsetzenden Industrialisierung vielfältigere Verdienstmöglichkeiten gab.

Rabbinatszugehörigkeit mini|Bis 1843 war der jüdische Friedhof in Affaltrach auch Begräbnisstätte der Talheimer Juden In den ersten Jahren wurden die Talheimer Juden von einem Rabbiner aus Freudental betreut, eine behelfsmäßige Synagoge war wohl in einem der Wohnräume des Schlossgebäudes eingerichtet. Von 1832 bis 1849 war die israelitische Religionsgemeinschaft Talheim Filiale der israelitischen Religionsgemeinschaft Sontheim und erhielt einen Rabbiner aus dem damaligen Rabbinatssitz Lehrensteinsfeld. In jener Zeit erfolgte 1836 eine bauliche Erweiterung des Bet-, Wasch- und Backhauses, das danach auch förmlich als Synagoge bezeichnet wurde. 1843 wurde bei Sontheim für die Gemeinde Sontheim und ihre Filialen in Talheim und Horkheim der Jüdische Friedhof Sontheim angelegt, zuvor wurden die Toten dieser Gemeinde noch auf dem jüdischen Friedhof Affaltrach beerdigt. Am 23. August 1849 wurde die jüdische Gemeinde in Talheim zur selbstständigen israelitischen Kultusgemeinde erhoben. 1867 erweiterte man die Synagoge nochmals baulich, doch nahm die Gemeindegröße, die 1860 noch 122 Personen (bei einer Gesamteinwohnerzahl Talheims von rund 1400 Personen) betragen hatte, durch die Abwanderung von Juden in die Städte sowie die Auswanderung vornehmlich nach Amerika zu jener Zeit bereits ab.Nebel/Däschler-Seiler (1990), S. 41 ff.

Israelitische Volksschule mini|Ehemaliges jüdisches Schulhaus in Talheim Die jüdischen Kinder besuchten in der frühen Zeit der Gemeinde noch keine Schule. Nach dem Gleichstellungsgesetz von 1828 besuchten 13 jüdische Kinder zeitweilig die evangelische Schule, doch schon 1833 wurden die meisten jüdischen Kinder von einem Privatlehrer unterrichtet. 1836 richtete die Gemeinde schließlich eine israelitische Volksschule mit staatlich geprüftem Lehrer ein. 1857 erwarb die Gemeinde das Haus an der Langen Gasse 5, das als Schulhaus mit Lehrerwohnung genutzt wurde. 1861 hatte die Schule 31 Schüler, doch aufgrund der abnehmenden Gemeindegröße und der häufig wechselnden Lehrer konnte sich keine gute Bildungsarbeit entwickeln. Ein Visitationsbericht vom 23. April 1885 bescheinigt der Schule einen „ganz schlechten Zustand“. Obwohl nachfolgende Lehrer, darunter Theodor Rothschild, auf "Mahnung gegen Rechts", abgerufen am 25. Dezember 2010 wieder mittelmäßige bis gute Beurteilungen erzielten, wurde die Schule während des Ersten Weltkrieges aufgelöst, woraufhin die jüdischen Schüler wieder die evangelische Volksschule besuchten.

Niedergang der Gemeinde Zur Ab- und Auswanderung kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine allmähliche Überalterung, Verarmung und Verschuldung der Gemeinde. Von 1854 bis 1900 wanderten insgesamt 50 Talheimer Juden, zumeist Jugendliche und jüngere Familien, nach Amerika aus, während die Älteren zumeist in Talheim blieben. Die Schließung der israelitischen Volksschule im Jahr 1914 hatte auch darin eine Ursache, dass zeitweise nur noch ein Kind pro Jahr eingeschult worden war. 1913 zählte die Gemeinde noch 77 Personen.

Im Ersten Weltkrieg nahmen Talheimer Juden und Christen gemeinsam an Kämpfen teil. Unter den Gefallenen aus Talheim war mit Moritz Hirschfeld auch ein Jude. Ein anderer Talheimer Jude, Louis Menasse, erhielt verschiedene Kriegsauszeichnungen. Der jüdische Lehrer Straus sprach regelmäßig bei Gefallenengedenkfeiern am Talheimer Kriegerdenkmal.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Gemeinde wieder einen bescheidenen Aufschwung, wohl auch dadurch, dass sie von dem jüdischen Fabrikanten Siegfried Levi auf Burg Stettenfels finanziell unterstützt wurde, der u. a. die Renovierung der Synagoge um 1930 teilweise finanzierte. Dennoch blieb die Überalterung der Gemeinde bestehen. 1928 wurde das vorerst letzte Kind in der Gemeinde geboren, danach über zehn Jahre keines mehr. 1932 zählte die Gemeinde 87 Personen.

Für die Zeit vor 1933 sind für Talheim keine antisemitischen Vorfälle belegt,Übereinstimmende Aussagen darüber sowohl bei Sauer (1966), S. 175, als auch bei Angerbauer/Frank (1986), S. 234, und Nebel/Däschler-Seiler (1990), S. 64 vielmehr berichten ortsgeschichtliche Quellen von einem guten Verhältnis zwischen Juden und Christen, das insbesondere durch den gemeinsamen Schulbesuch und die gemeinsam erlittene Notzeit des Ersten Weltkriegs entstanden war. Die Talheimer Juden nahmen am öffentlichen Leben teil und waren auch Mitglieder in örtlichen Vereinen wie dem Schützen- und dem Gesangverein.

Zeit des Nationalsozialismus