mini|Felsformation „Sieben Jungfrauen“ (Teilansicht)
Das Hönnetal wird von der Hönne durchflossen, einem Nebenfluss der Ruhr. Es liegt im Sauerland in Nordrhein-Westfalen und zählt zu den bedeutenden Karstgebieten in Deutschland. Mit seinen vielen prähistorischen Höhlen, als jahrhundertelanges Grenzgebiet zwischen Kurköln und der Grafschaft Mark wie auch als Denkmal der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus hat es eine besondere kulturhistorische Bedeutung in Deutschland.
Gegensätzliche Nutzungsinteressen – wirtschaftliche Nutzung, Nutzung als naturschonender vs. naturbelastender Verkehrsraum, Schutz von Flora und Fauna, Freizeitnutzung (Klettern, Wandern, Radfahren) und touristische Erschließung – treffen im Hönnetal in exemplarischer Weise aufeinander.
Geographie mini|Hönnetal 1645 – Kartenausschnitt aus Westphalia Ducatus, Blaeu. Beschreibung zum Hönnetal: „Antrum vastissimum incogniti recessus“ (etwa: wüste Höhle, unerforschte Abgründe)
Das Hönnetal erstreckt sich entlang der 33,4 km langen Hönne, die mit ihren Zuläufen ein Einzugsgebiet von 262,2 km² aufweist. Sie fließt zunächst nach Nordosten, dann nach Nordwesten. Das Hönnetal verbindet die Ortschaften Neuenrade, Garbeck, Balve, Sanssouci, Volkringhausen, Binolen, Oberrödinghausen, Lendringsen, Menden und Fröndenberg. Der befestigte Fahrweg durch das Hönnetal wurde im Jahr 1814 angelegt. Vorher führten Höhenwege um das unwegsame Hönnetal herum (zum Beispiel der „Iserlohner Weg“ über den Balver Wald). Nach jahrzehntelangen Planungen wurde im Jahr 1912 die Hönnetalbahn eröffnet, als eingleisige Strecke mit Endbahnhof Neuenrade. Alternativplanungen sahen den Bau eines Viadukts zwischen Balve und Garbeck vor.
Das Hönnetal bot den Menschen seit der Altsteinzeit einen Besiedlungsraum. Spuren der Besiedlung finden sich aus unterschiedlichen Zeitperioden. Durch Auswaschungen des Kalksteins über Jahrtausende hinweg bildeten sich viele Höhlen im Karst, die nur zum Teil erschlossen sind. Die Veränderung der Wasserstände lässt sich an den Felswänden der Reckenhöhle ablesen. Folgende Höhlen sind heute bekannt: Frühlinghauser Höhle, Balver Höhle, Kepplerhöhle, Preuß-Höhle, Dahlmannhöhle, Volkringhauser Höhle, Karhofhöhle, Burschenhöhle, Reckenhöhle, Leichenhöhle, Honert-Höhle, Feldhofhöhle, Friedrichshöhle, Große Burghöhle und Kleine Burghöhle. In einigen gab es archäologische Funde. Die Balver Höhle wird heute für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Die Reckenhöhle ist eine Schauhöhle. Im nahegelegenen Iserlohn befindet sich das Deutsche Höhlenmuseum.
Das Hönnetal als Grenzland mini|hochkant|Burg Klusenstein vom Hönnetal aus gesehen
Das Hönnetal gehörte überwiegend im Mittelalter zur Grafschaft Arnsberg und von 1368 bis zur Säkularisation 1803 zum katholischen Herzogtum Westfalen im Kurfürstentum Köln. Die Stadt Neuenrade im obersten Teil des Tales gehörte zur protestantisch geprägten Grafschaft Mark.
Die Grenze der Grafschaft Arnsberg beziehungsweise des Herzogtums Westfalen zur Grafschaft Mark verlief nördlich von Neuenrade in einem Bogen westlich um Balve herum über die Höhenzüge des Balver Waldes, bis sie südlich der Burg Klusenstein die Hönne erreichte und ihr einige Kilometer folgte. Dann wandte die Grenze sich in westliche Richtung, so dass im Gebiet von Menden wieder beide Flussufer zum Herzogtum Westfalen gehörten (vgl. die Karte der Grafschaft Mark von Friedrich Christoph Müller aus dem Jahr 1791). Dies erklärt die besondere Rolle der Burg Binolen am sommerlich trockenfallenden Hönneübergang der Straße Arnsberg-Iserlohn auf arnsbergischer Seite im 13. Jahrhundert und der Burg Klusenstein auf märkischer Seite ab dem 14. Jahrhundert als ‚Grenzfesten‘ (sog. Raubritterburg) und die jahrhundertelangen Streitigkeiten zwischen ‚Märkern‘ und ‚Kurkölnern‘ im Balver Wald, insbesondere um die Eichelmast bei der Schweinehude (Allmende).
Wirtschaftliche Nutzung mini|links|Rheinkalk-Steinbruch im Hönnetal mini|Schachtofenanlage Rheinkalk-Werk Hönnetal mini|Dampflokomotive Nr. 78 an der Schmalspurbahn in Oberrödinghausen auf dem Rheinkalkgelände
Im Hönnetal und der direktem Umgebung werden seit dem 19. Jahrhundert größere Steinbrüche betrieben. Davon sind aktuell noch die Steinbrüche östlich Balve-Helle und südlich Menden-Oberrödinghausen in Betrieb. Der Steinbruch südlich Menden-Oberrödinghausen gehört zur Rheinkalk GmbH, einem Tochterunternehmen der belgischen Lhoist-Gruppe, dem weltgrößten Hersteller von Kalk- und Dolomit-Erzeugnissen.
Der Steinbruch ist einer der größten Kalksteinbrüche in Deutschland. Die Abbautiefe im Steinbruch beträgt bis zu 120 m. Im Steinbruch befinden sich aktuell zwei Seen. In Oberrödinghausen befindet sich ein großes Verarbeitungswerk für den gebrochenen Kalkstein. Im Werk Hönnetal verarbeitet Rheinkalk den Kalkstein zu Kalk. Der Steinbruch zwischen Balve-Helle und Balve-Wocklum gehört zur Brühne-Gruppe. Der Kalkstein wird im Kalkwerk Sanssouci der Brühne-Gruppe zu Kalk verarbeitet.
Mit der wirtschaftlichen Nutzung des Hönnetals ging die verkehrstechnische Erschließung einher. Insbesondere die Eröffnung der Hönnetalbahn im Jahr 1912 diente dem Ziel, Wirtschaft und Wohlstand in dieses abgeschiedene Tal zu bringen.Süderländer Volksfreund 1912: Die Eröffnung der Hönnetalbahn
Die „Schutzaktion des Hönnetals“ Der Erwerb des gesamten sich östlich der Hönnetalstraße bis nach Binolen hinziehenden Geländes durch die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) in den Jahren 1912 und 1913 diente dem Ziel der vollständigen industriellen Nutzung des Hönnetals. Mit dem Abbau der „das Hönnetal umsäumenden Felspartien wäre die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeiten vernichtet gewesen“.
mini|Bleuler, Schloß Klusenstein bei Iserlohn, um 1810.
Eine „Schutzaktion“, einberufen vom Arnsberger Regierungspräsidenten von Bake, „erwirkte die Erhaltung einer kulissenartigen Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals auf alle Zeit“. Begonnen in den Jahren 1912/1913, wurde die Schutzaktion zur Erhaltung des Landschaftsbildes im Hönnetal nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1919 wieder aufgegriffen und 1920 erfolgreich zu Ende geführt, mit Unterstützung der Provinz Westfalen und ihrer Städte und Landkreise. Zur Durchführung waren mehr als 350.000 Reichsmark erforderlich. Die Besitzrechte gingen an den Kreis Arnsberg als Träger der Schutzaktion, um das Hönnetal „auf alle Zeit als Naturschutzgebiet unberührt“ zu erhalten. Die Schutzaktion umfasste die Strecke von der Asbecker bis zur Eisborner Kreisstraße, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind. Ein Steinbruchgelände von 23,5 Hektar Felspartien wurde im Tausch von der RWK erworben. Mit diesem Verhandlungsergebnis konnte eine kulissenartige 50 bis 100 Meter breite Fassade mit den dominierenden Felspartien vor dem Kalkabbau gerettet werden.Heinrich Haslinde: Die Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals. In: Hans Menne (Hrsg.): Balve – Buch vom Werden und Sein der Stadt. Herausgegeben zur 500-Jahr-Feier der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1930. Breer & Thiemann, Hamm 1930; Neudruck durch den Arbeitskreis Rumänienhilfe der Kolpingsfamilie Balve im Jahr 1993, Zimmermann-Druck+Verlag, Balve, S. 406–408. Zitat: „Schon seit langen Jahren waren die Heimatbehörden auf die dem Hönnetal drohenden Gefahren aufmerksam geworden; auch die Presse hatte mehrfach ihre warnende Stimme erhoben, und es nicht nur als ein Verbrechen an der Natur, sondern auch als einen Hohn auf den deutschen Heimatschutz bezeichnet, wenn dieses unvergleichlich schöne Tal der Industrie zum Opfer fallen würde. Diese Gefahr wurde in den Jahren 1912 und 1913 besonders drohend und unmittelbar, als es den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken gelungen war, das gesamte östlich der Hönnetalstraße bis nach Binolen sich hinziehende Gelände mit den mächtigen, bis gegen 100 Meter emporragenden weißgrauen Kalksteinfelsen zu erwerben, um es industriell zu nutzen. Da war es der damalige Arnsberger Regierungspräsident von Bake, der in Erkenntnis dieser drohenden unmittelbaren Gefahr eine Konferenz einberief, als deren Ergebnis die einmütige Auffassung zu Tage trat, dass längs der Hönnestraße, vom Asbeckerweg aufwärts, mindestens eine kulissenartige Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals auf alle Zeit stehen bleiben müsse. Die RWK erklärten entgegenkommenderweise ihre Zustimmung, wenn ihnen der Verlust an Steinbruchgelände im Wege des Austausches vollwertig durch Zuweisung anderweitigen abbauwürdigen Kalkgeländes im Anschluss an ihren Betrieb ersetzt werde. […] Aber gleich nach Kriegsende wurde diese Aktion wieder lebendig, und sie wurde von allen Beteiligten trotz der über das Land hereingebrochenen Not und Trübsal mit um so innerer Wärme und freudiger Tatkraft betrieben, als man gerade in den Kriegsjahren den Wert unserer bedrohten Heimat so recht von neuem erkannt hatte, und nun der Heimat aller Not zum Trotz mit doppelten Kräften dienen wollte. […] Daß dieses Tal in seiner ganzen Naturschönheit erhalten werden konnte, und nun auch weiterhin alljährlich tausenden Wanderern zur Erholung und zum Genuß dienen kann, muß alle mit großer Genugtuung erfüllen, die damals an dieser Schutzaktion mitwirken konnten, und muß alle tief erfreuen, die die deutsche Heimat mit allen Fasern ihres Herzens lieben. Wahrlich, diese Schutzaktion war praktische Heimatpflege, war wahrer Dienst an der Heimat! Daß sie in einem der dunkelsten Zeitpunkte deutscher Geschichte durchgeführt werden konnte, macht sie besonders wertvoll.“
mini|hochkant=0.8|Inschrift: Schutzaktion für das Hönnetal in den Jahren 1919–1920 Zur Erinnerung an diese Schutzaktion, die als ein frühes Vorbild praktizierten Natur- und Landschaftsschutzes in Deutschland gelten kann, wurde eine Bronzetafel kurz vor Klusenstein im Fels angebracht, mit den beiden folgenden Distichen im Pathos der Zeit:
„In der bittersten Zeit gab freudig das Volk der Westfalen für die Schönheit des Tals reich von kargem Besitz rettete stolz die uralten die hochaufragenden Felsen: Seiner Heimat zum Schutz, selbst sich zum dauernden Ruhm.“
Die Gedenktafel wurde im August 2019 vom Naturhistorischen Verein Hönnetal restauriertRestaurierung der Gedenktafel im Hönnetal Naturhistorischer Verein Hönnetal e. V., mit öffentlicher Unterstützung in Höhe von 2.000 € durch das „Förderprogramm Heimat. Zukunft. Nordrhein-Westfalen. Wir fördern, was Menschen verbindet“ (Heimatscheck).
Naturschutz mini|Teil des Naturschutzgebietes Hönnetal bei Burg Klusenstein; oberhalb von Klusenstein ist die Uhuwand zu sehen
Seit 1920 stehen Teile des Hönnetals mit den hohen Felsen als Naturschutzgebiet (NSG) unter Naturschutz. 2015 ist das NSG auf 144,15 ha erweitert worden. In der gleichen Größe und Grenzen ist das Hönnetal auch als europäisches Schutzgebiet nach Natura2000 als FFH-Gebiet (DE-463-301) ausgewiesen. Grund sind erhaltene Schluchtwälder, zahlreiche Felsen mit Kalkpionierrasen und Felsspaltenvegetation, nicht touristisch erschlossene Höhlen mit spezialisierter Fauna, großflächige Waldmeisterbuchenwälder, Orchideen-Kalk-Buchenwald und Vorkommen FFH-relevanter Arten (insbesondere Fledermäuse). Vor allem der lückige Kalk-Pionierrasen und die Schlucht- und Hangmischwälder sind als prioritäre Lebensräume ausgewiesen und unterliegen einem besonderen Schutz. Es wurden die Fledermausarten Teichfledermaus, Großes Mausohr, Große Bartfledermaus, Wasserfledermaus und Fransenfledermaus nachgewiesen.Märkischer Kreis: 2. Änderung des Landschaftsplanes Nr. 2 „Balve – Mittleres Hönnetal“, Lüdenscheid 2015, S. 23–25.