Das Hurritische (älter auch Churritisch, (C)hurrisch, von der Eigenbezeichnung Ḫurwoḫḫe/Ḫurroḫḫe) ist eine ausgestorbene Sprache, die bis um 1200 v. Chr. in einem Gebiet gesprochen wurde, das sich von der Osttürkei bis in den nördlichen Irak erstreckte und in etwa dem heutigen Siedlungsgebiet der Kurden entspricht. Es war die Amtssprache des Mittani-Reichs, wurde aber auch in einigen Regionen des Hethiterreiches verwendet. Die wichtigsten Zentren waren die Hauptstadt Waššukanni und die Städte Taidu, Nuzi, Qatna und Alalach sowie Ḫattuša, die Hauptstadt des Hethiterreichs. Bei der Boğazköy-Grabungskampagne 1983 wurde eine hurritisch-hethitische Bilingue zutage gefördert, deren Analyse sich u. a. in den Arbeiten Erich Neus widerspiegelt.
Verwandtschaft mit anderen Sprachen
Die einzige Sprache, mit der Hurritisch nachweislich verwandt ist, ist das Urartäische, eine Sprache, die Anfang und Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends in einem Gebiet zwischen dem Sewansee, dem Vansee und dem Urmiasee gesprochen wurde. Weiter wurden Beziehungen zum Eteokyprischen, zum Kypro-Minoischen sowie zum Kassitischen vorgeschlagen.Thierry Petit: La langue étéochypriote ou l'"amathousien". In: Archiv für Orientforschung. Band 44/ 45, 1997–1998, S. 244–271.Emilia Masson: Cyprominoica - Repertoires, Documents de Ras Shamra, Essais d'Interpretation. (= Studies in Mediterranean Archaeology. Band 31,2. / Studies in the Cypro-Minoan Scripts. Band 2). Åström, Göteborg 1974, ISBN 91-85058-41-6, S. 47–53.Th. Schneider: Kassitisch und Hurro-Urartäisch: Ein Diskussionsbeitrag zu möglichen lexikalischen Isoglossen. In: Altorientalische Forschungen. Band 30, 2003, S. 372–381. Eine Verwandtschaft mit den nordostkaukasischen Sprachen ist möglich, konnte jedoch bisher nicht bewiesen werden.Igor M. Diakonoff, Sergej A. Starostin: Hurro-Urartian as an Eastern Caucasian Language. München 1986. Der Grund hierfür ist hauptsächlich die Vielfalt dieser Familie, die eine sichere Rekonstruktion der Protosprache erschwert. Außerdem ist es schwierig, eine vor etwa 2500 Jahren ausgestorbene Sprachfamilie mit einer Familie zu vergleichen, von der es keine derartig alten Aufzeichnungen gibt.
Geschichte der Sprache mini|hochkant|Urkesch-Löwe und zugehörige Steintafel mit dem ältesten bekannten Text auf hurritisch (), Louvre Die ältesten hurritischen Textbelege sind Personen- und Ortsnamen aus dem Ende des 3. vorchristlichen Jahrtausends. Erste Texte stammen aus der Zeit des Königs Tišatal von Urkeš (Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr.). Zahlreiche Epen, Beschwörungen, Weissagungstexte und Briefe fanden die Archäologen in Ḫattuša, Mari, Tuttul, Babylon, Ugarit und anderen Fundorten. Der für das Verständnis der Sprache wichtigste Text ist jedoch ein langer Brief (der sogenannte Mittani-Brief), der in Amarna (Ägypten) gefunden wurde. Der hurritische König Tuschratta hatte ihn an den damaligen Pharao Amenhotep III. geschrieben.
Ab dem 14. vorchristlichen Jahrhundert drangen von Norden und Westen her die Hethiter und etwas später von Osten und Süden die Assyrer immer weiter ins hurritischsprachige Gebiet vor, bis es schließlich von diesen beiden Großmächten untereinander aufgeteilt wurde. Der Seevölkersturm im 12. Jahrhundert v. Chr. führte zu weiteren politischen Umwälzungen. Andere Schriftsprachen wie das Hethitische und das Ugaritische starben aus. Ab dieser Zeit kann Hurritisch nur noch in Personen- und Ortsnamen nachgewiesen werden, die in akkadischen oder urartäischen Texten auftraten. Es ist daher nicht bekannt, ob Hurritisch als gesprochene Sprache noch einige Zeit weiterexistierte.
Dialekte
Das Hurritische des Mittani-Briefs unterscheidet sich recht deutlich von der Sprache in den Texten aus Ḫattuša. Während in Mittani i und e sowie u und o unterschieden werden, sind sie im Ḫattuša-Hurritischen wohl zu i bzw. u zusammengefallen. Auch in der Morphologie gibt es Unterschiede. Dennoch kann als sicher angenommen werden, dass es sich um Dialekte derselben Sprache handelt. Eine hurritisch-akkadische Mischsprache ist aus Nuzi, einer Stadt in der Mittani-Provinz Arrapḫa und dem syrischen Qatna überliefert.Thomas Richter: Das "Archiv des Idanda". Berichte über Inschriftenfunde der Grabungskampagne 2002 in Mišrife/Qatna. In: Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Band 135, 2003, S. 164–188.
Phonetik und Phonologie Konsonanten
bilabial labio-dental alveolar palatal velar stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive Affrikate () Frikative Nasale Vibranten laterale Approximanten zentrale Approximanten () ()
Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, ist das Merkmal der Stimmhaftigkeit bzw. Stimmlosigkeit nicht bedeutungsunterscheidend. Kein stimmhafter Konsonant hat ein stimmloses Gegenstück und umgekehrt. Jedoch scheinen nach den Schreibungen in der Keilschrift zu den stimmlosen Konsonanten (außer /ts/) stimmhafte Nebenformen zu existieren, die in bestimmten lautlichen Umgebungen (zwischen zwei stimmhaften Konsonanten oder Vokalen) vorkommen. Mitunter wird in diesen Umgebungen ein stimmhafter Konsonant geschrieben, also b (für p), d (für t), g (für k), v (für f) sowie ž (für š), selten auch ǧ (für h/ḫ). Alle Konsonanten außer /w/ und /j/ können kurz oder lang vorkommen. Die langen Konsonanten (Geminaten) treten jedoch nur zwischen Vokalen auf. In der Keilschrift wie auch in der lateinischen Umschrift (Transkription) wird die Konsonantenlänge durch Doppeltschreibung des Konsonanten ausgedrückt, also ...VC-CV... (wobei V für Vokale, C für Konsonanten steht). Kurze Konsonanten werden ...V-CV... geschrieben, beispielsweise wird mānnatta („ich bin“) ma-a-an-na-at-ta geschrieben.
Da das /f/ in der sumerischen Keilschrift nicht auftritt, verwendeten die Hurriter stattdessen die /p/, /b/ bzw. /w/-haltigen Silbenzeichen. Ein /f/ erkennt man in Wörtern dann, wenn diese Schreibungen variieren. In Fällen, in denen ein Wort nur einmal mit einem p belegt ist, kann man nicht entscheiden, ob es sich bei dem entsprechenden Laut tatsächlich um ein /p/ oder um ein /f/ handelt. Am Silbenende nach a wird /f/ zu [u], z. B. in tānōšau (<*tān-ōš-af) „ich tat (es)“. /s/ wird traditionell mit š transkribiert, da in der Keilschrift die š-haltigen Zeichen verwendet werden, um dieses Phonem darzustellen. /ts/ wird in der Regel mit z, /x/ mit ḫ oder h transkribiert. Im Hurritischen treten /l/ und /r/ nicht am Wortanfang auf.
Vokale
vorne zentral hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen mittel offen
Wie auch die Konsonanten können alle Vokale kurz oder lang auftreten. In der Keilschrift erfolgt bei Langvokalen die sogenannte Plene-Schreibung, d. h. zwischen die beiden Silbenzeichen CV-VC wird das Vokalzeichen zusätzlich eingefügt. Kurzvokale werden also CV-VC, Langvokale CV-V-VC geschrieben. In der Transkription werden Langvokale mit einem Makron gekennzeichnet, also ā, ē, ī, ō und ū. Für das /o/, das es in der sumerischen Keilschrift nicht gibt, wird dabei das Zeichen U verwendet, wogegen für das /u/ das Zeichen Ú (sprich: u-zwei) steht.
Betonung, Tonsystem, Intonation
Da es über Hurritisch keine zeitgenössischen Aufzeichnungen zur Aussprache gibt, kann weder über den Akzent oder die Satzintonation etwas gesagt werden, noch darüber, ob die Sprache möglicherweise eine Tonsprache war. Auch die Schreibungen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu. Die Akzentstriche (´ bzw. `), die in der Transliteration, also der zeichenweisen Umschrift, verwendet werden, bezeichnen nur die unterschiedlichen Keilschriftzeichen mit gleichem Lautwert.
Grammatik Wortbildung
Anders als das Deutsche kann das Hurritische neue Wörter nicht durch Zusammensetzung von zwei oder mehreren Stämmen bilden (z. B. dt. Haustür, kleinhacken usw.). Dafür kennt das Hurritische zahlreiche Suffixe, die neue Wörter aus Stämmen ableiten können. Beispiele: attardi (Vorväter, Ahnen) zu attai (Vater), futki (Sohn) zu fut (zeugen), aštoḫḫe (weiblich) zu ašti (Frau), šeniffuzzi (meinem Bruder angemessen) zu šeniffu (mein Bruder). Auch für Verben gibt es zahlreiche dieser Suffixe, die oft die Valenz verändern.
Morphologie Kasus und Numerus
Alle hurritischen Substantive enden auf einen Vokal. Dabei gibt es nur sehr wenige, die auf /a/ oder /e/ enden. Alle übrigen Substantive lauten auf /i/ aus. Dieser Stammauslautvokal verschwindet, wenn bestimmte Endungen antreten. Dazu gehören die Fallendungen, die mit einem Vokal beginnen, aber auch die Artikelsuffixe. Beispiele: kāz-ōš (wie ein Becher), vgl. kāzi (Becher), awar-ra (die Felder), vgl. awari (Feld). Das Hurritische hat mit 13 Fällen (Kasus) ein überdurchschnittlich umfangreiches System. Einer der Fälle, der Äquativ, hat in den beiden Hauptdialekten eine unterschiedliche Form. Die in Ḫattuša und Mari übliche Endung -ōš wird als Äquativ I bezeichnet, die im Mittani-Brief vorkommende Form -nna heißt Äquativ II. Der sogenannte „e-Kasus“ tritt nur selten auf, zumeist in genitivischer (des/der) oder allativischer (hin zu...) Bedeutung.
Hurritisch gehört wie viele Sprachen in dieser Region zu den Ergativsprachen. Das bedeutet, dass der Fall, der für das Subjekt in Sätzen ohne Objekt verwendet wird, der gleiche ist, wie der Fall, in dem das direkte Objekt steht. Diesen Fall bezeichnet man als Absolutiv. Für das Subjekt in objekthaltigen Sätzen kommt ein anderer Fall (Ergativ) zur Anwendung. Die Sprache unterscheidet zwei Numeri, Einzahl (Singular) und Mehrzahl (Plural). Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Fallendungen des Hurritischen.
Kasus Einzahl Mehrzahl Absolutiv -Ø -Ø, -lla Ergativ -š -(a)šuš Genitiv -fe, -we -(a)še Dativ -fa, -wa -(a)ša Lokativ(in, bei ...) -a -(a)ša, -a Allativ(hin zu ...) -ta -(a)šta Ablativ(von ... her) -tan -(a)štan Instrumental(mittels ...) -ae nicht belegt Ablativ-Instrumental(durch/wegen ...) -n(i), -ne -(a)šani, -(a)šane Komitativ(zusammen mit ...) -ra -(a)šura Assoziativ(als ...) -nn(i) nicht belegt(oft angenommen wird -(a)šunn(i)) Äquativ I(wie ...) -ōš nicht belegt Äquativ II -nna -(a)šunna „e-Kasus“ -ē nicht belegt
In einigen lautlichen Umgebungen treten Veränderungen dieser Endungen auf. Das f des Genitivs und Dativs verschmilzt mit einem davorstehenden p oder t zu pp bzw. tt, z. B. Tēššup-pe (des Tēššup), Ḫepat-te (der Hepat). Der Assoziativ ist mit dem Instrumental kombinierbar: šēna-nn-ae (Bruder-Assoziativ-Instrumental) bedeutet „brüderlich (gesinnt)“.
Artikel
Kasus Singular Plural Absolutiv -Ø -na alle übrigen Kasus -ne
Der bestimmte Artikel wird direkt an das Substantiv gesetzt, noch vor die Fall/Zahl-Endung, z. B. tiwē-na-še (Sache/Wort-Artikel.Plural-Genitiv.Plural) (der Sachen/Worte). Da der Artikel im Absolutiv Singular endungslos ist, kann ein Substantiv in dieser Form bestimmt oder unbestimmt sein. kāzi ist demnach „ein Becher“ oder auch „der Becher“. Das /n/ des Artikels verschmilzt mit davorstehenden /n/, /l/ und /r/ zu /nn/, /ll/ bzw. /rr/, z. B. ēn-na (die Götter), ōl-la (die Anderen), awar-ra (die Felder). Wie erwähnt, entfällt dabei der Stammauslautvokal, vgl. ohne Endung: ēni (Gott), ōli (anderer), awari (Feld). Steht vor dem /l, r, n/ des Stammes ein weiterer Konsonant, so wird zwischen diese beiden Laute ein Vokal eingefügt, z. B. ḫafurun-ne-ta (Himmel-Artikel.Singular-Allativ) (zum Himmel), vgl. ohne Endung: ḫafurni (Himmel).
Suffixaufnahme
Ein sehr prominentes Merkmal des Hurritischen wie auch des Urartäischen und der benachbarten Kartwel-Sprachen (wie z. B. Georgisch) ist die sogenannte Suffixaufnahme. Von Substantiven abhängige Wörter nehmen dabei die Fallsuffixe auf. Als Bindeglied zwischen dem abhängigen Substantiv und der Kasusendung fungiert dabei der Artikel, der im Numerus mit dem Bezugswort übereinstimmt. Ein Beispiel mit einem Adjektiv verdeutlicht dies:
(1) ḫurwoḫḫeneš ōmīnneš ḫurw-oḫḫe-ne-š ōmīn-ne-š Hurriter-Adjektivierer-Artikel.Singular-Ergativ.Singular Land-Artikel.Singular-Ergativ.Singular „das hurritische Land“