mini|hochkant=1.5|Verbreitung der regional jeweils frühesten archäologischen Kultur mit Töpferware (etwa 6000–4000 v. Chr., etwa 7,500-5,500 BPBefore Present ist eine Altersangabe, zu „vor heute“ und wird für unkalibrierte 14C-Daten gebraucht.):
Hinweis: Die Karte ist ungenau und bedarf einer Überarbeitung; sie gibt nur die ungefähren territorialen Bedingungen einzelner Kulturen wieder. Einige Kulturen fehlen.
Die Linearbandkeramische Kultur, auch Linienbandkeramische Kultur oder Bandkeramische Kultur, Fachkürzel LBK, ist die älteste bäuerliche mitteleuropäische Kultur der Jungsteinzeit (fachsprachlich „Neolithikum“) mit permanenten Siedlungen. Diese Veränderung der Lebensgrundlagen wird als „Neolithisierung Europas“ bezeichnet und folgt der „Neolithischen Revolution“ im Vorderen Orient. Die LBK fällt in das Frühneolithikum.
Die Träger der Linearbandkeramischen Kultur brachten eine Vielzahl technisch-instrumenteller und wirtschaftlicher Neuerungen mit, so eine Anpassung der Keramikproduktion, verbesserte Werkzeug- und Arbeitsmittelherstellung, Sesshaftigkeit und Dorf, Ackerbau und Viehhaltung, Haus- und Brunnenbau sowie den Bau von Grabenwerken. Es war eine Zeitspanne des wirtschaftlichen Wandels von der extraktiven Wirtschaft zur nahrungsproduzierenden Wirtschaftsweise, die mit dem Aufkommen immobilen Besitzes und der Vorratshaltung für die Gruppenmitglieder einherging.
Die Bezeichnung „Bandkeramik“ führte 1883 der Historiker Friedrich Klopfleisch in die wissenschaftliche Diskussion ein, abgeleitet von der charakteristischen Verzierung der keramischen Gefäße, die ein Bandmuster aus eckigen, spiral- oder wellenförmigen Linien aufweisen. In der angelsächsischen Literatur wird die Linearbandkeramik als Linear Pottery Culture oder Linear Band Ware, Linear Ware, Linear Ceramics oder als Incised Ware culture bezeichnet. Weitere Bezeichnungen, wenn auch mehr vom allgemeineren Typus sind: „erste europäische Bauernpopulation/Landwirte“ auch als European Neolithic farmers (ENF) bzw. Early European Farmer (EEF) und, bezogen auf ihre ursprüngliche Herkunft auch als „anatolische neolithische Landwirte“, Anatolian Neolithic farmers (ANF).
Ausbreitung der Bandkeramiker Die letzte Phase der Ausbreitung der Linearbandkeramischen Kultur nach Mitteleuropa begann wahrscheinlich um 5700 v. Chr.Siehe hierzu die kulturelle Parallelität oder die zeitgleichen Kulturen zum Zeitabschnitt der Kupfersteinzeit in Südosteuropa (z. B. Vinča-Kultur) und dem Nahen Osten (z. B. Halaf-Kultur), etwa in dem Zeitraum von 5500 bis 2200 v. Chr. (6. Jahrtausend v. Chr.) – ausgehend von der Gegend um den Neusiedler See – und schuf innerhalb von etwa 200 Jahren einen kulturell ungewöhnlich einheitlichen und stabilen Siedlungs- und Kulturraum. Die Rekonstruktion dieser kulturellen Einheit beruht auf Bodenfunden in Gebieten der heutigen Länder Westungarn (Transdanubien), Rumänien, UkraineMaciej Dębiec, Thomas Saile: Zu den östlichsten Siedlungen der frühen Bandkeramik. Praehistorische Zeitschrift, Dezember 2015, 90 (1-2):1-19 doi:10.1515/pz-2015-0008 ( auf researchgate.net), ÖsterreichIn Österreich wird der jüngeren Zeithorizont (etwa 5200 bis 4700 v. Chr.) der Linearbandkeramik als Notenkopfkeramik bezeichnet., Südwestslowakei, Mähren, Böhmen, PolenJoanna Pyzel: Die Besiedlungsgeschichte der Bandkeramik in Kujawien. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 53, 2006, S. 1–57 ( auf journals.ub.uni-heidelberg.de)., Deutschland und Frankreich (hier unter der Bezeichnung : Pariser Becken, Elsass und Lothringen). Entsprechend gilt die LBK als größte Flächenkultur der Jungsteinzeit.T. Douglas Price, Joachim Wahl u. a.: Das bandkeramische Gräberfeld von Stuttgart-Mühlhausen: Neue Untersuchungsergebnisse zum Migrationsverhalten im frühen Neolithikum (= Fundberichte Baden-Württemberg. Band 27). Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Konrad Theiss, Stuttgart 2003, S. 23–58 (online auf researchgate.net; PDF: 454 kB, 36 Seiten auf discovery.ucl.ac.uk).
Eine mögliche Periodisierung der LBK im Sinne einer absoluten ChronologieEva Lenneis, Peter Stadler: Zur Absolutchronologie der Linearbandkeramik aufgrund von 14C-Daten. In: Archäologie Österreichs. Band 6, Nr. 2, 1995, S. 4–13 (Gesamtseite auf winserion.org).Hans-Christoph Strien: Besiedlungsgeschichte des Zabergäus 5500–5000 v. Chr. Sonderdruck aus: Christhard Schrenk, Peter Wanner (Hrsg.): heilbronnica 5 – Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn. Nr. 20 (= Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Band 37). Stadtarchiv Heilbronn, 2013, S. 35–50 (PDF: 932 kB, 17 Seiten auf stadtarchiv.heilbronn.de). ist: um 5700/5500 bis um 5300 v. Chr.: älteste Linearbandkeramik; um 5300 bis 5200 v. Chr.: mittlere LBK; um 5200 bis 5000 v. Chr.: jüngere LBK; um 5100 bis 4900 v. Chr.: jüngste LBK (Überschneidungen mit jüngerer LBK).Grafik über die älteste, mittlere und jüngste LBK (engl. earliest, early und later) auf neomilk-erc.eu ()
Mit dem Ende der LBK wird in einer synthetischen Chronologie für Mitteleuropa der Übergang vom Frühneolithikum zum Mittelneolithikum angesetzt.Jens Lüning: Erneute Gedanken zur Benennung der neolithischen Perioden. In: Germania. Band 74, Nr. 1, 1996, S. 233–237 (online auf uni-heidelberg.de). Zu den bandkeramischen Kulturen oder zur Bandkeramik im weiteren Sinn wird auch die Alföld-Linearkeramik gezählt (östliche Bandkeramik in Ungarn: 5500–4900 v. Chr.), im weitesten Sinn auch die Stichbandkeramik in Mitteleuropa (4900–4500 v. Chr.).
Die Bandkeramiker stehen wahrscheinlich in enger Beziehung zum Starčevo-Körös-Criş-Kulturkomplex, die auf den Zeitraum von 6200 bis 5600 v. Chr. datiert wird. Im Donauraum gilt jene als eine der bedeutendsten Kulturen der frühen Jungsteinzeit und wird als eine östliche Vorläuferkultur der LBK angesehen (vergleiche Pișcolt-Kultur).Valeska Becker: Die östliche Linearbandkeramik (Alföld-Linearbandkeramik). Stand: November 2008, Abschnitt: Chronologie und Beziehungen (online auf donau-archaeologie.de). Dabei war die Starčevo-Kultur am westlichsten hin zur Adria gelegen und am nächsten zur späteren LBK im Norden, etwas östlicher lag die Körös-Kultur und dicht an diese angrenzend weiter nach Osten die Criş-Kultur.Eszter Bánffy: Wurzeln und Herkunft der ersten Bauern aus dem südöstlichen Mitteleuropa. S. 73–81 In: Thomas Otten, Jürgen Kunow, Michael Rind, Marcus Trier (Hrsg.): Revolution jungSteinzeit. Archäologische Landesausstellung Nordrhein Westfalen. 2. Auflage, Konrad Theis, WBG, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8062-3493-0, ( auf researchgate.net) hier S. 79; Abb. 6.
Auch die Starčevo-Kultur wird als eine Vorläuferkultur angesehen (Starčevo-Körös-Criş-Kultur). So will die ungarische Prähistorikerin Eszter Bánffy die LBK allein aus der Starčevo-Kultur herleiten.Juraj Pavúk: Problem der Genese der Kultur mit Linearkeramik im Lichte ihrer Beziehungen zur Starčevo-Criş-Kultur. In: Janusz K. Kozlowski, Jan Machnik (Hrsg.): Problèmes de la néolithisation dans certains régions de l’Europe. Ossolineum, Kraków 1980, S. 163–174; Eszter Bánffy, Krisztián Oross: Entwicklung und Dynamik der Linearbandkeramik in Transdanubien. In: Claus Dobiat, Peter Ettel, Friederike Fless (Hrsg.): Krisen – Kulturwandel – Kontinuitäten: Zum Ende der Bandkeramik in Mitteleuropa. Beiträge der Internationalen Tagung in Herxheim bei Landau (Pfalz) vom 14.–17. Juni 2007 (= Internationale Archäologie. Band 10). Marie Leidorf, Rahden in Westfalen 2009, ISBN 978-3-89646-440-8, S. 219–240 (online auf academia.edu); Jens Lüning: Geburt aus dem Widerspruch: Die Entstehung der Bandkeramik aus ihrer Mutterkultur Starčevo. In: Ünsal Yalçin (Hrsg.): Anatolien und seine Nachbarn vor 10.000 Jahren. Anatolian Metal VII. In: Der Anschnitt. Beiheft 31 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Nr. 214). Bochum 2016, ISBN 978-3-937203-81-2, S. 273–289 (online auf academia.edu). 2014 durchgeführte paläogenetische Analysen einer Gruppe um den deutschen Anthropologen Kurt W. Alt unterstützen diese Hypothese.Anna Szécsényi-Nagy, Guido Brandt u. a.: Tracing the genetic origin of Europe’s first farmers reveals insights into their social organization. In: bioRxiv. 3. September 2014 (doi:10.1101/008664; ).
Zum Vorgang der Neolithisierung wurden lange zwei ModelleAlbert J. Ammerman, Luigi Luca Cavalli-Sforza: The Origins of Agriculture. In: Dieselben (Hrsg.): The Neolithic Transition and the Genetics of Populations in Europe. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 1984 (doi:10.2307/j.ctt7zvqz7.7), S. 9–33; Silviane Scharl: Die Neolithisierung Europas – Modelle und Hypothesen. In: Archäologische Informationen 26/2 (2003), S. 243–254 (online auf journals.ub.uni-heidelberg.de), hier S. 246 f.; Wolfram Schier: Extensiver Brandfeldbau und die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsweise in Mitteleuropa und Südskandinavien am Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. In: Praehistorische Zeitschrift 84/1 (Januar 2009), S. 15–43 (online auf researchgate.net), hier S. 16 f. diskutiert: cultural diffusion: Aneignung der Kulturtechniken (Kulturtransfer, Akkulturation) durch die örtliche spätmesolithische Bevölkerung, (vergleiche Diffusionismus und Kulturelle Diffusion) – das Neolithikum entwickelte sich aus der lokalen mesolithischen Bevölkerung heraus und Kenntnisse über Ackerbau, Viehzucht und die zugehörigen Technologien wurden aus dem Nahen Osten von einer indigenen Gruppe an die nächste Gruppe weitergegeben, ohne grundlegende Wanderung von Menschengruppen (auch ) demic diffusion: Einwanderung von Gruppen aus dem Nahen Osten (Nordwestanatolien) – die Träger der bandkeramischen Kultur waren nur zu sehr geringen Teilen Angehörige oder Abkömmlinge der nacheiszeitlichen, mesolithischen einheimischen Jäger und Sammler; die Ausbreitung des Neolithikums gründete in einem Wachstum der Bevölkerung mit räumlicher Ausdehnung landwirtschaftlicher Gemeinschaften oder ganzer Gesellschaften (auch ) und dem Ausweichen der Mesolithiker in für landwirtschaftliche Nutzung ungünstige Gebiete.
Zwischen beiden Extremen bestehen integrative Modelle, die einen gewissen Grad der Mischung indigener mesolithischer, und eingewanderter neolithischer Bevölkerungsgruppen, vertreten. Dies könnte durch dominante Eliten, Einsickerung, sprunghafte Koloniegründungen () oder flexible Grenzen verursacht worden sein.Eva Fernandez-Dominguez, Luke Reynolds: The Mesolithic-Neolithic Transition in Europe: A Perspective from Ancient Human DNA. In: García Puchol, Oreto, Salazar García, Domingo Carlos: Times of Neolithic Transition Along the Western Mediterranean. Springer, Heidelberg/Berlin/New York 2017, ISBN 978-3-319-52939-4, S. 311 f. Dabei erfolgte die Expansion der Bauernkultur sprunghaft von einem Besiedlungspunkt zu einem weiter entfernten nächsten. Anschließend wurden bei wachsender Bevölkerung die dazwischenliegenden Flächen besiedelt.