mini|Die Basilika St. Vitus in Ellwangen (2011) mini|hochkant|Basilika vom Schloss aus fotografiert mini|hochkant|Der Kirchenkomplex in der Innenstadt mit Basilika (St. Vitus) und evangelischer Stadtkirche (Jesuitenkirche) Die römisch-katholische Basilika St. Vitus (vormals Stiftskirche St. Vitus) ist ein spätromanischer Gewölbebau aus dem 13. Jahrhundert in Ellwangen (Jagst). Der das Stadtbild prägende Sakralbau dient seit der Säkularisation als katholische Pfarrkirche für die Kernstadt. Seit 1964 trägt die Kirche den Titel einer Basilica minor.
Bedeutung mini|hochkant|Der heilige Hariolf mit der Stiftskirche
Die Siedlung Ellwangen wurde der Überlieferung nach durch den Bischof von Langres, Hariolf, und seinen Bruder Erlolf im Jahr 764 durch den Bau eines Klosters im Virngrundwald gegründet. Die ersten Mönche kamen vermutlich aus St. Bénigne in Dijon, ebenso wurden von dort die Reliquien des heiligen Benignus, der heiligen Drillinge und der heiligen Leonilla, Junilla, Neon und Turbon nach Ellwangen gebracht. Durch die günstige Lage der neu gegründeten Siedlung an zwei Fernstraßen und dank des Einflusses der beiden Gründer entwickelte sich Ellwangen schnell zu einem bedeutenden Zentrum. Der heute den Stadtkern prägende Kirchenbau ist bereits der dritte an dieser Stelle und entstand in den Jahren 1182 bis 1233. Die Basilika St. Vitus gilt als die bedeutendste romanische Gewölbebasilika Schwabens.
Wer Ellwangen besucht, der erblickt schon von Weitem die drei romanischen Türme der Basilika St. Vitus. Zwei dieser Türme ragen auf der Ostseite 42 m hoch empor, ein weiterer schmückt als Dachreiter die Westseite der 73 m langen Basilika minor. Zusammen mit dem direkt an den Kirchenbau angrenzenden Marktplatz stellt die Stiftskirche das Zentrum der Stadt Ellwangen dar. Der Kirchenbau ist umgeben von zahlreichen historischen Bauten. Dazu gehören die den Marktplatz halbkreisförmig begrenzenden barocken Stiftsherrenhäuser, Adelspaläste und Amtsgebäude der Fürstpropstei Ellwangen. Direkt an die Nordwestfassade der Basilika St. Vitus angeschlossen ist die heute evangelische Jesuitenkirche.
Geschichte Gründung des Klosters Ellwangen
mini|Historische Ansicht der Basilika St. Vitus (um 1849)Die Basilika St. Vitus wurde ursprünglich als Stiftskirche für das Kloster Ellwangen erbaut. Die ersten Mönche kamen vermutlich aus dem Burgund und die beiden Gründer Ellwangens statteten die neugegründete Benediktinerabtei reichhaltig mit Reliquien aus, die zur damaligen Zeit eine große Anziehungskraft auf Pilger besaßen. So kann die Kirche die Reliquien der 16 Stiftsheiligen ihr Eigen nennen, zu denen auch Sulpitius und Servilianus gehören, die Patrone der frühen Klosterkirche. Auch der Schrein mit den Reliquien der später heiliggesprochenen Klostergründer Hariolf und Erlolf steht in der Basilika.
Erstmals erwähnt wurde das Kloster bereits am 8. April 814 in einer Urkunde Kaiser Ludwigs des Frommen. Seit 817 gehörte das Kloster zu den Reichsabteien. Kaiser Karl der Große wies dem Kloster das obere Jagsttal als Interessenssphäre zu. Zudem erhielt es in den ersten Jahren seines Bestehens wichtige Posten in Gunzenhausen, Schriesheim (bei Heidelberg) und Katzwang (bei Nürnberg) sowie Güter auf der Blaubeurener Alb.
12. und 13. Jahrhundert Im 12. Jahrhundert wurde der Wunsch nach einer der Stellung des Klosters als Reichsabtei angemessenen Stiftskirche laut. Sie sollte das Patrozinium des heiligen Vitus erhalten. Von 1100 bis 1124 entstand unter dem Abt Helmerich ein hochromanischer Neubau der Stiftskirche und der Konventbauten. Die Weihe dieses Kirchenbaus, der vermutlich weiter westlich stand als der heutige, nahmen 1124 die Bischöfe Hermann von Vohburg (Bistum Augsburg) und Ulrich I. (Bistum Konstanz) vor. Da das Kloster sich in einer finanziellen Notlage befand, überließ Abt Helmerich Laien Baugrund innerhalb der Klosteranlage. An der südlichen Klostermauer wurden Häuser gebaut und ein Teil der Siedlung Ellwangen mit der Klosteranlage vereinigt; der Stadtgründungsprozess war eingeleitet. Auf den Druck der Mönche musste daraufhin Helmerich zurücktreten. Wie eine erhaltene Anklageschrift zeigt, warfen die Mönche dem Abt vor, durch die Vereinigung des Klosters mit der Siedlung die klösterliche Ruhe gestört zu haben. Das Kloster wurde spätestens ab 1124 exemt, das heißt, es unterstand direkt dem Papst. Seine Äbte waren ab 1215 Reichsfürsten.
In den folgenden Jahren wurden der Siedlungs- und der Klosterbau vorangetrieben. Abt Adalbert I. (1136–1173), der wahrscheinlich aus dem Reformkloster Ottobeuren stammte, erneuerte das klösterliche Leben in Ellwangen. Abt Kuno I. (1188–1221) erbaute das Schloss ob Ellwangen als Wehrburg und stieg 1215 sogar zum Reichsfürsten auf. Liturgische Bücher wie ein lateinisches Lektionar und ein Totenbuch aus dieser Zeit lassen auf geistliche Blütezeiten im Kloster Ellwangen schließen. Abt Kuno reiste auch im diplomatischen Dienste des Stauferkönigs Friedrich II. im Frühjahr 1220 an der Spitze einer Delegation nach Rom, um mit dem Papst über die Kaiserkrönung zu verhandeln.
Eine Brandkatastrophe im Jahr 1182 machte einen abermaligen Neubau der Abtei notwendig, dessen Größe die der vorhergehenden übertraf. Nach knapp 50 Jahren Bauzeit (1182 bis 1233) weihte der Naumburger Bischof Engelhard am 3. Oktober 1233 den Kirchenbau, der bis heute – zumindest äußerlich – weitestgehend unverändert geblieben ist.
Fürstpropstei Ellwangen
mini|hochkant|Fürstpropst Clemens Wenzeslaus von Sachsen
Nach 1350 wurden auch im Klostergebiet des Klosters Ellwangen die Folgen von Pest, Missernten und Teuerungen spürbar, begleitet von sowohl einem wirtschaftlichen als auch sittlichen Verfall: Die Zahl der Konventualen schrumpfte stark. Im Jahr 1443 beschädigte ein verheerender Stadtbrand auch Teile des Klosters und des Kirchengebäudes. Daraufhin wurde am 14. Januar 1460 mit Einverständnis des Papstes Pius II. das Kloster in ein Chorherrenstift umgewandelt. Diesem exemten weltlichen Chorherrenstift standen ein Fürstpropst und ein Stiftskapitel (zwölf adlige Kanoniker, zehn Chorvikare) vor. Der Propst residierte auf dem Schloss ob Ellwangen und hatte die kirchlichen Rechte eines Bischofs.
Die nun anbrechende Zeit des Stiftes war von vielfältigen Änderungen geprägt: Das reichsunmittelbare Kanonikerstift bestand aus zwölf überwiegend adeligen Kanonikern, zehn Vikaren und einem Fürstpropst, der zugleich auch Stadtherr von Ellwangen war. Er wurde vom Stiftskapitel gewählt und musste sich vom Papst bestätigen lassen.
Das mittlerweile fast 250 Jahre alte Gotteshaus war in einem sehr schlechten baulichen Zustand, so dass Propst Albrecht I. von Rechberg den Miltenberger Baumeister Hans Stieglitz mit umfangreichen Renovierungs- und Neubauten betraute: So entstand 1467 ein neuer Kreuzgang, die abgebrannten Klostergebäude wurden wiederhergestellt und 1473 durch die Liebfrauenkapelle ergänzt.
Reformationszeit Zu Beginn der Reformation war Albrecht Thumb von Neuburg Fürstpropst in Ellwangen. Wegen ständiger Streitigkeiten zwischen Albrecht und seinem Stiftskapitel verkaufte dieser schließlich 1521 sein Amt an den mächtigen Pfalzgrafen Heinrich. Der Stiftsprediger Kreß und der Stadtpfarrer Georg Mumpach waren die gelehrten Köpfe der Ellwanger Reformationsbewegung. Auch einige Chorherren und Chorvikare sympathisierten mit der Lehre Martin Luthers. Im Zuge der Bauernaufstände in ganz Schwaben kam es auch in Ellwangen im April 1525 zu Unruhen, die sich gegen die Obrigkeit richteten. Die meisten Chorherren des Stiftskapitels mussten infolgedessen aus der Fürstpropstei flüchten.
Der Schwäbische Bund schickte Hauptmann Reinhard von Neuneck mit einem kleinen Heer nach Ellwangen, das den Bauernaufstand beendete und von den Bewohnern den Treueeid abverlangte. Der Stiftsprediger Kreß und der Stadtpfarrer Georg Mumpach wurden der Irrlehre überführt und am 7. November 1525 in Lauingen enthauptet; sympathisierende Chorherren mussten auf ihr Kanonikat verzichten und die Fürstpropstei Ellwangen für immer verlassen.
Durch Rückhalt des Kaisers Karl V. wurde Ellwangen zu einer katholischen Enklave in einer weitgehend evangelischen Umgebung. Das Stiftskapitel wählte nach dem Tod Heinrichs von der Pfalz im Jahr 1552 den mächtigen Kardinal Otto von Waldburg zum Fürstpropst. Der Kardinal war ein Anhänger der katholischen Politik des Kaisers und ein Vorkämpfer für die politische Stabilisierung des Stiftes als selbständiges katholisch-geistliches Fürstentum innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Nach dem Augsburger Religionsfrieden drängte Fürstpropst Otto von Waldburg auch auf eine Reform des Klerus im ganzen Stiftsgebiet. Von Rom aus kümmerte er sich persönlich um die Neubesetzung der geistlichen Ämter.
Barockisierung des Kirchenraumes Eine tiefgreifende Umgestaltung erfuhr der Kirchenraum, als er unter Fürstpropst Johann Christoph von Freyberg-Eisenberg durch Wessobrunner Meister in den Jahren 1661/62 barockisiert wurde. Das 18. Jahrhundert empfand diesen frühbarocken Umbau wohl als zu nüchtern und begann ab 1737 mit der Ausgestaltung der Kirche in modernen Rokokoformen. Bis 1741 arbeiteten die aus Ludwigsburg berufenen norditalienischen Meister Donato Riccardo Retti, Carlo Carlone und Emanuele Pighini an der Dekoration und schufen unter anderem die den Raum beherrschenden Figuren der Apostel und Evangelisten.
Zeit nach dem Ende des Stiftes mini|hochkant|Tafel zur Erinnerung an die Verleihung des Titels Basilica minor Nach der Säkularisation des Stifts in den Jahren 1802/03 kam die Fürstpropstei an Württemberg, und der Fürstpropst verlor seine Macht. Seitdem ist die „Stiftskirche“ die Gemeindekirche der inzwischen knapp 3350 Katholiken zählenden St.-Vitus-Gemeinde.
Im 20. Jahrhundert wurden abermals Renovierungsarbeiten nötig, zunächst 1909/10. Im Zweiten Weltkrieg schlugen in der Nacht des 22./23. April 1945 während der amerikanischen Belagerung Granaten in das nördliche Hauptdach und den Nordturm ein und beschädigten beides. Nach dem Krieg wurden erneute Renovierungsmaßnahmen nötig, die von 1959 bis 1964 andauerten. Im Zuge dieser Arbeiten konnte die romanische Krypta wiederhergestellt und zudem Grabungsarbeiten in ebendieser und im Kreuzganggarten unternommen werden. Dabei wurde das Ellwanger Reliquienkästchen entdeckt.
Anlässlich der 1200-Jahr-Feier Ellwangens wurde St. Vitus am 18. Januar 1964 von Papst Paul VI. der Rang einer Basilica minor verliehen. 1983 feierten Stadt und Kirchengemeinde das 750-jährige Weihejubiläum der Kirche.
Von 1992 bis 1999 wurde die durch Witterungseinflüsse erheblich in Mitleidenschaft gezogenen Sandsteinaußenfassade umfassend renoviert. Im Jahr 2000 konnte die Michaelskapelle unter dem Westturm wiederhergestellt werden, für die der Künstlerpfarrer Sieger Köder Glasfenster gestaltete.
Am 3. Oktober 2008 jährte sich die Weihe der Basilika St. Vitus zum 775. Mal. Kirchenmusikalische und kulturelle Veranstaltungen begleiteten diese Feierlichkeiten über das gesamte Jahr. Ihren Höhepunkt erreichten sie mit dem Besuch des Kardinals Walter Kasper am Ostermontag und des Bischofs der Diözese Rottenburg-Stuttgart Gebhard Fürst, der 1977 in der Basilika zum Priester geweiht worden war, am 3. Oktober 2008.
Kirchenbau
Außenfassade mini|hochkant|Der Chor von Nordosten Die Außenfassade der Basilika St. Vitus ist weitgehend originale hochmittelalterliche Architektur, die nur durch einige gotische und barocke Ergänzungen gestört wird. Die dreischiffige spätromanische Basilika mit kreuzförmigem Grundriss wurde aus abwechselnd violetten und ockergrauen Sandsteinquadern erbaut. An das Nordschiff schließt sich der später angefügte spätgotische Kreuzgang an, der durch die in den Kreuzgarten ausspringende Liebfrauenkapelle ergänzt wird. Im Anschluss an den Kreuzgang steht das „Jeningenheim“, das Gemeindehaus der Kirchengemeinde. In ihm ist auch das Verwaltungszentrum der Kirchengemeinde St. Vitus und die Kapitelsbibliothek untergebracht.