mini|hochkant|Eingang Oranienstraße 27, Berlin-Kreuzberg, Durchgang zur ehemaligen Hinterhofgalerie zinke Die zinke war eine Hinterhofgalerie in Kreuzberg, die sich in den Jahren von 1959 bis 1962 zum wichtigsten Kulturtreffpunkt Berlins entwickelte.Vgl. Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg. Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980.
Zur Gründungsgeschichte Gegründet wurde die zinke 1959 von dem Lyriker und Grafiker Günter Bruno Fuchs,Bodo Rollka, Volker Spiess, Bernhard Thieme (Hrsg.): Berliner biographisches Lexikon. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1993, S. 131. dem Schriftsteller, Schauspieler und Maler Robert Wolfgang SchnellVgl. Bodo Rollka, Volker Spiess, Bernhard Thieme (Hrsg.): Berliner Biographisches Lexikon. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1993, S. 354, 355. und dem Bildhauer Günter Anlauf.Robert Wolfgang Schnell: Die «zinke». In: Vgl. Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg. Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 11. Nachdem Günter Bruno Fuchs den MietvertragVgl. Lothar Klünner: Wo sich die Balken bogen. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg. Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 20. unterschrieben hatte und die Sache unter ‚Dach und Fach‘ war, stieß noch der Maler Sigurd Kuschnerus hinzu.Vgl. Eberhard Roters. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg. Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 8.
Namensgebung mini|hochkant|So genannte Gaunerzinken Der Galeriename „zinke“ ist dem Rotwelsch entnommen und leitet sich von den Zinken (Geheimzeichen) ab. So werden unauffällige Markierungen genannt, die Wandersleute, Bettler oder Diebe mit Kreide oder Stift auf Türen und Hauswände zeichnen oder direkt in den jeweiligen Untergrund ritzen, damit nachfolgende Kumpane ablesen können, was sie an diesem Platz erwartet und inwieweit dort ‚etwas zu holen‘ ist. Die Parallele zu den tags (engl. für ‚kennzeichnen‘) heutiger Graffiti-Sprayer, die gezogen wurde,Vgl. Martin Düspohl: ist allerdings soziologisch nicht haltbar: Tags stellen gezielt Öffentlichkeit her, Zinken sollen seit jeher gerade unterhalb des ‚Radarschirmes‘ öffentlicher Wahrnehmung ihren Zweck erfüllen.
Logo mini|hochkant|Legendär gewordenes Zeichen der Galerie zinke (Ausschnitt aus der Gedenktafel für Robert Wolfgang Schnell, Behaimstraße 10, Charlottenburg), Berlin 2015 Angesichts dieses Namens lag es nahe, etwas Entsprechendes als Logo zu verwenden. Die Gründer schufen eins, indem sie sich aus mehreren überlieferten Zinken ein neues Zeichen montierten. Es setzt sich zusammen aus drei Landstreicherzinken des 18. Jahrhunderts. Die obere Spiralform bedeutet: „Hier kannst du dich niederlassen.“ Die beiden Senkrechten bedeuten: „Hier bekommst du etwas für Arbeit.“ Das nach oben hin offene Halboval bedeutet: „Hier kannst du übernachten.“ Der waagerechte untere Strich ist als Sockel und Unterstreichung des Ganzen gemeint.Vgl. Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 6.
Standort Die zwei ineinander übergehenden Ausstellungsräume der Galerie zinke befinden sich im Hinterhof der Oranienstraße 27 im alten Arbeiter- und Kleinbürgerviertel Kreuzberg, dem damals „SO 36“ genannten Bezirk, in der ersten Etage eines arg heruntergekommenen Klinkerbaus.Galerie ‚Zinke‘ im Hinterhof – 1961. Ullstein Bild / gettyimages Der Parterreraum neben dem Treppenhaus mit seiner Wendeltreppe wurde als Werkstatt, Abstellraum und Gelegenheitsschlafplatz benutzt. Die monatliche Miete betrug 25 Mark.Vgl. Lothar Klünner: Wo sich die Balken bogen. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 20. Die konnten überhaupt nur aufgebracht werden, weil Günter Anlauf der Einzige war, der Geld verdiente: als gelernter Steinmetz bei den Restaurierungsarbeiten im Charlottenburger Schloss.Vgl. Robert Wolfgang Schnell: Die «zinke». In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 11. Die Situation vor Ort hat Schnell im Katalog der Gedenkausstellung für die zinke von 1979/1980 so beschrieben: „Zwei Räume muss man sich vorstellen, etwas über zwei Meter hoch. (...) In der Ecke des vorderen Raumes ein Kachelofen, braun gestrichene knarrenden Dielen, der Durchgang zum zweiten Raum eine Türfassung ohne Tür. Verhältnismäßig schwaches Deckenlicht, zwei Birnen von 100 Watt in jedem Raum, Tageslicht durch je zwei kleine Fenster zum Hinterhof, nebenan der leere Hof der Blindenanstalt.“Robert Wolfgang Schnell: Die «zinke». In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 12, 13. Die Grundstimmung auf dem Hofgelände tagsüber war der nicht unähnlich, wie sie auf dem nebenseitig abgebildeten historischen Foto aus dem Bundesarchiv Bild eingefangen ist. mini|Typische Hinterhofstimmung im Kreuzberg der 50er-60er Jahre Wie ein altes Flohmarktfoto, auf dem eins ihrer Plakate zu sehen ist, zeigt, warb die Galerie auf folgende Weise: „besuchen Sie auch // zinke // die Galerie im Hinterhof // Berlin SO 36, Oranienstr. 27 // geöffnet von 17.00-2000 Uhr // montags geschlossen“. Siehe das historische Foto von Ullstein Bild/gettyimages. Mühlenhaupts Bilder- und Trödelmarktinteressierte Berliner und ein Hinweis-plakat auf die Galerie 'Zinke' im Hinterhof in der Oranienstrasse 27 in Berlin - Kreuzberg- 1961
Bildhaft und erzählerisch Das Kunstgeschehen jener Zeit spielte sich im Wesentlichen in den Ortsteilen Charlottenburg und Wilmersdorf ab – dort befanden sich all die damals ‚wichtigen‘ Galerien. Umso mehr erstaunte der vermeintliche Rückzug auf den Kiez. Doch der war „in Wirklichkeit gar kein Rückzug“,Eberhard Roters. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 8. wie Eberhard Roters, der Kunsthistoriker, Kurator und Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, richtig erkannte, sondern ein bewusst sich absetzendes, eigenwilliges Projekt „zur Herstellung eines Gesamtberliner kulturellen Gedankenaustauschs.“Vgl. Eberhard Roters. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 8. Der kam tendenziell zustande, weil man allerengste und freundschaftliche Kontakte zu ähnlich gesinnten Leuten in Ostberlin hatte, etwa zu Bobrowski vom Neuen Friedrichshagener Dichterkreis, aber auch zu Helene Weigel, Anna Seghers und Günter Kunert. Die ästhetische Formel der zinke-Betreiber war einfach. Gegen den herrschenden abstrakten Expressionismus und das Informel wollten die zinke-Künstler „Auf menschliche Art modern“Vgl. "Galerie "zinke" - 1959 - 1962, Kreuzberg : „Auf menschliche Art modern“ sein, und dies in Wort und Bild: „Wir suchten das Bildhafte und bunt Erzählerische,“Robert Wolfgang Schnell: Die «zinke». In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 15. wie es Robert Wolfgang Schnell angesichts der Doppelbegabung aller drei zinke-Gründer auf den Punkt bringt. Besonders gut zur ästhetischen Auffassung dieses ‚phantastischen Realismus‘ Kreuzberger Prägung passte natürlich Grass, der in der überfüllten zinke auch aus seinem damals gerade erschienenen Roman Die Blechtrommel vortrug. mini|hochkant|Single des Hits Babysitter Boogie von 1961 Lesungen gehörten bald zum festen Programm der zinke und wurden ebenso gut besucht wie die Ausstellungen.Robert Wolfgang Schnell: Die zinke. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 15. Da die Galerieräume sofort völlig überfüllt waren, wurden sämtliche Fenster geöffnet und mit besonders lautstarker Stimme gelesen, damit auch die im Hinterhof Versammelten etwas davon mitbekamen. Wie Lothar Klünner, der Schüttelreimer und Übersetzer, als Zeitzeuge des Jahres 1961 berichtet: „Inmitten einer wogenden Masse stand ich im Hof, bog den Kopf in den Nacken und starrte nach oben. Dort sah ich Günter Grass rittlings in einem Fenster des ersten Stockwerks sitzen. Sichtlich bemüht, sich den Leuten innen und außen vernehmlich zu machen.“Vgl. Lothar Klünner: Wo sich die Balken bogen. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 20. Als ob dies nicht schon Happening genug war, nahm das „Ganze Volksfestcharakter an, als sich jemand in ein benachbartes Fenster setzte, eine Pikkoloflöte hervorkramte und dem Poeten die Begleitung zu blasen begann. Und das wiederum animierte einen weiteren Hausbewohner, sein Grammophon ins Fenster zu stellen“Lothar Klünner: Wo sich die Balken bogen. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 20. und die Hofszenerie pausenlos mit dem Hit des Jahres zu beschallen: dem Babysitter Boogie von Ralf Bendix.Vgl. Lothar Klünner: Wo sich die Balken bogen. In: Günter Bruno Fuchs: zinke . Berlin . 1959–1962 . Anlauf . Fuchs . Schnell. Hrsg.: Künstlerhaus Bethanien in Zusammenarbeit mit dem Senator für kulturelle Angelegenheiten und dem Kunstamt Kreuzberg. Berlin, Oktober/November 1979; Goethe-Institut Amsterdam, 1980, S. 23. mini|hochkant|Plakette an der Hauswand im Hinterhof Oranienstraße 27 Wer einen Eindruck von der Vortragsqualität dortiger Lesungen wünscht, von denen es leider keine Tonträger gibt, der höre sich die Platte von Günter Bruno Fuchs an. Ihr kauziger Titel: Ein Ohr wäscht das andere. Die schönsten Texte von Günter Bruno Fuchs, gelesen von ihm selbst: aus vollem Hals, mit listigen Betonungen, schmatzend berlinerisch lispelnd; auf Wagenbachs Quartplatte 19, Berlin 1980.