Die Straßenbahn Île-de-France (französisch Tramway d’Île-de-France, übersetzt: Straßenbahn der Île-de-France) ergänzt das Nahverkehrssystem im Ballungsgebiet der Île-de-France um die und in der französischen Hauptstadt Paris. Zusätzlich zu der von der RATP betriebenen Métro (U-Bahn), dem von RATP und der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF betriebenen S-Bahn-ähnlichen RER (Réseau express régional), den Linienbussen und den Vorortzügen Transilien der SNCF verlaufen ihre Strecken vor allem in der Banlieue, den Vorstädten. Auf dem Stadtgebiet von Paris verkehren nur die Linien T3a und T3b, die einen fast geschlossenen Straßenbahnring entlang der Pariser Stadtgrenze darstellen.
Bei der Anlage des neuen, seit 1992 existierenden Straßenbahnsystems in der Île-de-France ging es von Anfang an nicht um den Aufbau eines auf das Stadtzentrum ausgerichtetes Netz, das in Form des Métro-, RER- und Busnetzes bereits ausgebaut war, sondern um die Anlage von Linien, die um die Stadt herum Querverbindungen zwischen Vororten schaffen und zudem von diesen aus Zubringerdienste zu den in die Innenstadt führenden U- und S-Bahnverbindungen (Métro und RER) leisten sollen.
Mit der Einführung der Linie T14 am 22. März 2025 erreichte das Straßenbahnnetz in der Île-de-France eine Gesamtlänge von 196,6 km. Mit 15 Linien und 283 Haltestellen ist es das größte in Frankreich. Die Straßenbahnlinien der Île-de-France befördern pro Tag mehr als eine Million Fahrgäste.
Während in allen anderen Straßenbahnbetrieben Frankreichs am „Tag der Arbeit“ der Verkehr ruht, verkehren die Straßenbahnen in Paris auch am 1. Mai.Blickpunkt Straßenbahn 3/2021, S. 132.
Straßenbahnen in Paris und näherer Umgebung (1853 bis 1957)
Bereits ab 1853 verkehrten in Paris, sowie in seinen Vororten, Straßenbahnen: zunächst als Pferdebahn, später auch als Dampf- und Kabelstraßenbahn, schließlich ab 1881 elektrisch. 1925 erreichte das Straßenbahnnetz seine größte Ausdehnung mit 1111 km Streckenlänge und 122 Linien (zum Vergleich: das heute größte Straßenbahnnetz, jenes in Melbourne, ist knapp 250 km lang). 1938 verkehrte die letzte Straßenbahn im eigentlichen Paris, 1957 in Versailles die letzte in der gesamten Île-de-France.
Die neuen Straßenbahnen (ab 1992) 35 Jahre nach der Einstellung der letzten Straßenbahnlinie im Großraum Paris, genauer in Versailles, erlebte die Straßenbahn 1992 eine Renaissance. Nach Nantes und Grenoble entschied man sich auch in der Region Île-de-France zum Bau einer Straßenbahnlinie. Heute sind in der Region 14 Straßenbahnlinien in Betrieb.
Die Straßenbahnlinien bilden sowohl betrieblich als auch hinsichtlich der betreibenden Unternehmen keine Einheit und weisen teils erhebliche Unterschiede in Technik und Funktionsweise auf, die sich aus einer sich über vier Jahrzehnte erstreckenden Baugeschichte mit wechselnden Standards und variierenden Voraussetzungen und Notwendigkeiten ergeben haben:
Straßenbahnen herkömmlicher Bauart, welche im Straßenraum verkehren (Linien T1, T3a und T3b, T7, T8, T9, T10) Tramways sur pneumatiques (T5, T6), welche ebenfalls im Straßenraum verkehren, allerdings auf Gummireifen nach dem Translohr-System Straßenbahnlinie auf einer früheren Eisenbahnstrecke (T2) Tram-Train-Linien im weiteren Sinne (T4, T11, T12, T13, T14), die zum Teil im Straßenraum, zum Teil auf Eisenbahninfrastruktur nach Eisenbahnnormen verkehren
Es handelt sich bei allen Linien um isolierte Betriebe mit eigenen Depots und Fahrzeugflotten. Nur vereinzelt kommt es zum Fahrzeugtausch zwischen den Linien. Die Strecken sind aufgrund variierender Fahrzeugbreiten, Fahrwegsysteme und Maße für Radsätze und Gleis nur teilweise miteinander kompatibel.
Linienübersicht Betrieben werden die Linien von unterschiedlichen Verkehrsunternehmen: Des staatlichen Pariser Verkehrsunternehmens RATP (T1, T2, T3a, T3b, T5, T6, T7 und T8), von ihrem Tochterunternehmen RATP Cap Île-de-France (T10) und Tochterunternehmen der französischen Staatsbahn SNCF (Stretto: T4, T11, T14, Keolis: T9, Transkeo: T12, T13). Linie Streckenverlauf Eröffnung Länge in km Stationen Betreiber 20px|verweis=Linie 1 der Pariser Straßenbahn Asnières-Quatre Routes – Saint-Denis – Noisy-le-Sec199217,937RATP 20px|verweis=Linie 2 der Pariser Straßenbahn Pont de Bezons – Porte de Versailles199717,924RATP 20px|verweis=Linie 3 der Pariser Straßenbahn Pont du Garigliano – Porte de Versailles – Porte de Choisy – Porte de Vincennes200612,425RATP 20px|verweis=Linie 3 der Pariser Straßenbahn Porte de Vincennes – Porte de la Chapelle – Porte Dauphine201217,533RATP 20px|verweis=Linie 4 der Pariser Straßenbahn Bondy – Gargan – Montfermeil / Aulnay-sous-Bois200613,320Stretto 20px|verweis=Linie 5 der Pariser Straßenbahn Marché de Saint-Denis – Garges-Sarcelles20136,616RATP 20px|verweis=Linie 6 der Pariser Straßenbahn Châtillon-Montrouge – Vélizy – Viroflay-Rive-Droite20141421RATP 20px|verweis=Linie 7 der Pariser Straßenbahn Villejuif-Louis Aragon – Orly – Athis-Mons-Porte de l’Essonne201311,218RATP 20px|verweis=Linie 8 der Pariser Straßenbahn Saint-Denis-Porte de Paris – Gare de Saint-Denis – Villetaneuse-Université / Épinay-sur-Seine20148,517RATP 20px|verweis=Linie 9 der Pariser Straßenbahn Porte de Choisy – Vitry – Orly Gaston Viens 2021 10,3 19Keolis 20px|verweis=Linie 10 der Pariser Straßenbahn La Croix de Berny – Jardin Parisien 2023 8,2 13 RATP Cap Île-de-France 20px|verweis=Tram Express Nord Épinay sur Seine – Le Bourget2017117Stretto 20px|verweis=Tram Express Sud Massy-Palaiseau – Évry-Courcouronnes20232016Transkeo 20px|verweis=Tram Express Ouest Saint-Cyr – Saint-Germain en Laye202218,812Transkeo20px|verweis=Linie 14 der Pariser StraßenbahnEsbly – Crécy la Chapelle20259,95Stretto20px|verweis=Linie 14 der Pariser StraßenbahnGesamtnetz (15 Linien)1992-2025196,6283
Für den Betrieb auf den Strecken ab 2030 hat die Île-de-France Mobilités im Februar 2026 eine öffentliche Ausschreibung angekündigt. Es ist vorgesehen, dass drei Leistungspakete für den Betrieb von neun Straßenbahnlinien in der Île-de-France gebildet und 2027 ausgeschrieben werden.
Linie T1: Tangentiallinie in den nördlichen Vororten von Paris
Als erste neue Straßenbahnlinie wurde 1992 die Linie T1 in Betrieb genommen. Als tangentiale Verbindung der Vororte nördlich von Paris verbindet sie Asnières-Quatre Routes über Saint-Denis mit Noisy-le-Sec. Die Strecke ist als klassische Straßenbahn straßenbündig trassiert und verfügt vereinzelt über Abschnitte im Mischverkehr mit dem übrigen Straßenverkehr.
In der ersten Ausbaustufe verband sie Saint-Denis mit Bobigny. Seit 2003 erreicht sie im Osten Noisy-le-Sec. 2012 wurde sie im Westen nach Asnières-sur-Seine verlängert, zunächst nach Asnières-Genevilliers Les Courtilles, 2019 um eine weitere Station bis Asnières-Quatre Routes.
Derzeit ist eine 7,7 km lange Verlängerung im Osten von Noisy-le-Sec nach Val de Fontenay in Bau, welche ursprünglich 2017 in Betrieb gehen hätte sollen. Aktuell ist eine Eröffnung in zwei Schritten geplant, Mitte 2028 bis zur Rue de Rosny in Montreuil und Mitte 2030 bis nach Val de Fontenay. Im Westen ist ebenfalls in zwei Stufen eine Verlängerung in Bau bzw. geplant: Zunächst um 6,4 km von Asnières nach Petit-Colombes in Colombes, wobei bei der Haltestelle Parc Pierre Lagravère eine Verknüpfung mit der Linie T2 hergestellt wird. Dieser Abschnitt soll 2024 eröffnet werden, dafür notwendige Grundstückskäufe haben allerdings die Umsetzung verzögert. In weiterer Folge ist eine 7,5 km lange Verlängerung bis Château de Malmaison in Rueil-Malmaison geplant.
Linie T2: Tangentiallinie westlich von Paris
Als zweite Linie wurde 1997 die T2 eröffnet, die den Charakter einer Stadtbahn aufweist. Ebenso als tangentiale Verbindung konzipiert, verbindet sie Pont de Bezons (Bezons) im Nordwesten über die Bürostadt La Défense im Westen mit dem Knotenpunkt Porte de Versailles in der südlichen Innenstadt von Paris. Die T2 nutzt auf einem großen Teil die adaptierte Trasse einer vormaligen SNCF-Eisenbahnstrecke, die an den Enden um klassisch straßenbahnartige Abschnitte erweitert wurde.
Linien T3a und T3b: Tramway des Maréchaux
Die Eröffnung der Linie T3 auf den Boulevards des Maréchaux Ende des Jahres 2006 bedeutete die Rückkehr der Straßenbahn auf das Gebiet innerhalb der Stadtgrenzen von Paris (intra-muros). 2012 wurde die T3 nach mehreren Verlängerungen in zwei Linien, T3a und T3b, geteilt:
20px|verweis=Linie 3 der Pariser Straßenbahn: Tramway des Maréchaux sud, ehemals T3, verkehrt am südlichen und östlichen Stadtrand zwischen Pont du Garigliano und Porte de Vincennes 20px|verweis=Linie 3 der Pariser Straßenbahn: Tramway des Maréchaux nord verkehrt am östlichen Ende anschließend an die T3a und schlägt einen weiten Bogen am nördlichen Stadtrand von Porte de Vincennes bis zur Porte Dauphine im Westen. Die jüngste Verlängerung der Strecke von der früheren Endhaltestelle an der Porte d’Asnières (Marguerite Long) bis zur neuen Endstation Porte Dauphine erfolgte am 5. April 2024.
Die beiden Linien umkreisen das Pariser Stadtgebiet und bilden aufgrund stetiger Erweiterungen einen fast geschlossenen Ring um die Stadt. Bei der Einführung der Linie wurde der Straßenquerschnitt der betroffenen Straßen komplett reorganisiert, der Platz für den Autoverkehr reduziert und der Straßenraum neu gestaltet, inklusive viel Begrünung.
Perspektivisch ist eine Verknüpfung der beiden Linien auch am westlichen Stadtrand geplant.
Linie T4: Tram-train
Die 2006 eröffnete Linie T4 verkehrt als Tram-Train und verbindet nordwestlich von Paris Bondy mit Aulnay-sous-Bois und seit 2019 bzw. 2020 mit einer Zweigstrecke mit Montfermeil Hôpital. Die Linie entstand aus der Adaptierung einer Eisenbahnstrecke. Auch wenn die Betriebsführung straßenbahnartig ist, hat der ehemals als Eisenbahn betriebene Abschnitt zwischen Bondy und Aulnay-sous-Bois sowohl baulich (Vignolschienen, eingezäunte Trasse) als auch technisch (Fahrleitungsspannung von 25 kV) starken Eisenbahncharakter. Aufgrund der Fahrleitungsspannung kommen hier mehrsystemtaugliche Tram-Train-Fahrzeuge zum Einsatz. Die später eröffnete Zweigstrecke von Gargan nach Montfermeil Hôpital ist hingegen als Straßenbahnstrecke ausgeführt.
Linie T5
2013 wurde im Pariser Norden die Linie T5 in Betrieb genommen, die von Saint-Denis in nördlicher Richtung nach Garges-Sarcelles führt und als Straßenbahn auf Gummireifen nach dem Translohr-System ausgeführt ist. Die 6,6 Kilometer lange Strecke bedient 16 Haltestellen und wird von der RATP betrieben. (französisch), abgerufen am 10. Juli 2013.
Linie T6
Die Linie T6 verläuft südlich von Paris von Châtillon – Montrouge, der Endstelle der Métrolinie 13, in westlicher Richtung nach Viroflay und wurde 2014 in Betrieb genommen. Diese Linie ist wie die T5 nach dem Translohr-System gebaut. Sie ist 14 Kilometer lang und bedient 21 Haltestellen. 2016 wurde die Strecke um einen 1,6 km unterirdisch verlaufende Teil mit den Haltestellen Viroflay-Rive Gauche und Viroflay-Rive Droite erweitert. Die Strecke durchquert die Gemeinden Châtillon, Clamart, Fontenay-aux-Roses, Meudon, Vélizy-Villacoublay und Viroflay. (französisch) Es bestehen Anschlüsse an die Metrolinie 13, die Transilien-Strecken L und N und den RER C sowie an mehrere Buslinien. (französisch).
Linie T7
Die seit 2013 in Betrieb befindliche Linie T7 wurde als klassische Straßenbahn auf Stahlrädern ausgeführt. Vom südlichen Endpunkt Villejuif – Louis Aragon der Métrolinie 7 führt die 11,2 km lange Strecke mit insgesamt 18 Haltestellen in südlicher Richtung über den Flughafen Orly bis nach Athis-Mons. Es werden Gliederzüge des Typs Alstom Citadis 302 eingesetzt. Die Straßenbahn bietet Anschlüsse an den RER C, die Métrolinie 7 und den Metrobus Trans-Val-de-Marne. (französisch). Eine Verlängerung bis Juvisy-sur-Orge RER ist in Bau., ratp.fr
Linie T8: Tram'y