Heilbad Heiligenstadt ist die Kreisstadt des Landkreises Eichsfeld in Thüringen (Deutschland) und staatlich anerkannter Kurort mit der Artbezeichnung Soleheilbad.
Geografie Ortslage Heiligenstadt liegt im Obereichsfeld, etwa 14 km (Luftlinie) östlich des Dreiländerecks von Hessen-Niedersachsen-Thüringen im Westen des Landkreises Eichsfeld. Die Stadt wird in Ost-West-Richtung von der Leine durchflossen, in die in Innenstadtnähe die von Südosten kommende Geislede mündet.
Südlich von Heiligenstadt erhebt sich im bis hohen Heiligenstädter Stadtwald, der zum Nordteil des Naturparks Eichsfeld-Hainich-Werratal gehört, der Iberg (). Im Stadtwald liegt auf der Elisabethhöhe eine frühmittelalterliche, drei Hektar große Wallanlage, die wahrscheinlich als Fluchtburg für den Königshof diente. Ein Wall mit vier Metern Höhenunterschied ist noch vorhanden.Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 93/94 Nach Ostsüdosten hin erstreckt sich der Höhenzug des Dün.
Der maximale Abstand zu den Staatsgrenzen, ein Mittelpunkt Deutschlands befindet sich südlich von Flinsberg auf dem Gebiet der Stadt.
Stadtgliederung Heiligenstadt hat neben der Kernstadt 10 weitere Ortsteile: Bernterode Bischhagen Flinsberg Glasehausen Günterode Kalteneber Mengelrode Rengelrode Siemerode Streitholz
In der DDR-Zeit entstanden neue Plattenbausiedlungen, so auf den Liethen am nördlichen und auf der Rinne am südöstlichen Stadtrand, sie zählen noch zur Kernstadt.
Namensherkunft Der Name Heiligenstadt wird erstmals mit dem um 960 errichteten St. Martinsstift in Verbindung gebracht. Der Ort wurde als Heilige Stätte angesehen, weil er nach glaubwürdiger örtlicher Tradition zunächst den Namen „Zuenchen“ (zum Hænchen = zum Hain, Hagen) trug, also eine vorchristliche Kultstätte war, was die frühen Christen in aller Regel bewog, durch eigene Glaubensdenkmäler und Kirchen diese Orte zu „entdämonisieren“ und sich anzueignen. Im Jahre 973 scheint die Umbenennung in „Stätte der Heiligen“ erfolgt zu sein, weil dort die Reliquien der Heiligen Sergius und Bacchus aufbewahrt wurden. Später kamen noch die Reliquien der Heiligen Aureus und Justinus hinzu. Der Name der Heiligen Stätte (Heiligenstadt) wurde dann auch auf die angrenzende Siedlung und spätere Stadt übertragen.Rudolf Linge: Alt Heiligenstadt und seine Kirchen. St. Benno Verlag Leipzig und Cordier-Verlag, Heiligenstadt 1974, S. 16.
Geschichte Frühgeschichte Über frühe Besiedlungen aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit finden sich im Gebiet um Heiligenstadt nur wenige Hinweise, obwohl es sich um ein Grenz- und Durchgangsgebiet gehandelt hat. In einer Mergelgrube im Geisledetal fand man ein keltisches Hockergrab aus dem 5. bis 4. Jahrhundert v. Chr.Rudolf Linge: Alt-Heiligenstadt und seine Kirchen. St. Benno-Verlag Leipzig und Verlag Cordier Heiligenstadt (ohne Jahr), S. 6 Danach wurde die keltische Bevölkerung durch die germanische Besiedlung verdrängt. Das obere Leinetal gehörte dann zu den Gebieten des sächsisch-thüringischen Grenzraumes mit wechselseitigen Besiedlungen und Herrschaftsstrukturen.
Mittelalter In fränkischer Zeit hatte der Ort eine Bedeutung als Herrenhof. Das Gebiet um Heiligenstadt wurde sehr früh an den Erzbischof von Mainz übereignet. Die Königspfalz wird urkundlich 973 und 990 mit Kaiser Otto II. und Otto III. sowie 1153 und 1169 mit Friedrich I. Barbarossa in Zusammenhang gebracht.Thomas Bienert: Mittelalterliche Burgen in Thüringen. Wartberg Verlag, 2000, ISBN 3-86134-631-1, S. 38. Die erste urkundliche Erwähnung von Heiligenstadt erfolgte am 23. November 973.Wolfgang Kahl: Ersterwähnung Thüringer Städte und Dörfer. 5. verb. Auflage, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2010, ISBN 978-3-86777-202-0. S. 115. Mit der Königspfalz stand schon früh das Kollegiatstift St. Martin in Verbindung. Östlich dieses Siedlungsursprunges am Burg- oder Stiftsberg entstand ab dem 11. bis 12. Jahrhundert nördlich der Geislede eine Marktsiedlung mit dem sogenannten Kaufhaus (dem ersten Rathaus der späteren Stadt), dem Brauhaus und einer Kemenate für den Vogt. Für diese neue Ansiedlung wurde auf einer kleinen felsigen Erhebung die St.-Marien-Kirche gebaut. Weiter östlich erfolgte dann eine weitere Besiedlung mit der „niedersten Bauernschaft“ und „auf dem Heimenstein“ am Klausberg mit einer eigenen Kapelle St. Nikolaus. Diese gesamte Ansiedlung nördlich der Geislede wurde zur sogenannten Altstadt, bevor nach 1200 südlich der Geislede die Neustadt mit der Kirche St. Ägidien entstand. Im Bereich der Windischen Gasse siedelten vermutlich auch slawische Bewohner (Wenden).
Im Jahre 1227 verlieh der Mainzer Erzbischof Siegfried II. Heiligenstadt das Stadtrecht und ließ durch den Rusteberger Vitztum einen Graben bauen. Kurz darauf wurde mit dem Bau einer Stadtmauer begonnen. Für diese Stadt wurde an der Grenze von Alt- und Neustadt ein neues Rathaus errichtet, das heutige Alte Rathaus. 1333 ereignete sich der erste große Stadtbrand. 1335 wurde die „Willkür“ erlassen, das 160 Artikel umfassende Stadtrecht.Heilbad Heiligenstadt. Sehenswürdigkeiten. GVB-Verlag, Bielefeld 1991, S. 7. Zum Schutz des Stadtgebietes wurde ab dem 14. Jahrhundert eine Landwehr mit zahlreichen Warten gebaut.
Frühe Neuzeit mini|links|hochkant=0.85|Gedenktafel Thomas Müntzer am alten Rathaus mini|Heilbad Heiligenstadt – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian dem Jüngeren 1655 (gesüdet) mini|Das Mainzer Schloss – Sitz des Mainzer Statthalters für das Eichsfeld Die Statthalterschaft über das Eichsfeld wurde von der Burg Rusteberg aus ausgeübt, bis sie 1540 vom Rusteberg nach Heiligenstadt rückübertragen wurde.Thomas Bienert: Mittelalterliche Burgen in Thüringen. Wartberg Verlag, 2000, ISBN 3-86134-631-1, S. 38. Im Bauernkrieg wollte ein Haufen aufständischer Bauern den Heiligenstädter Rat zum Beitritt in den revolutionären Bund auffordern, wurde aber nicht in die Stadt eingelassen. Lediglich Thomas Müntzer und Heinrich Pfeiffer konnten 1525 vor dem Rat ihre Forderungen vorbringen und erreichten, dass keine römisch-katholischen Priester mehr die Messe halten, sondern künftig protestantische Pfarrer das Wort Gottes predigen sollten. Nach dem Scheitern des Bauernkrieges wurden diese Zugeständnisse rückgängig gemacht.Ludwig Rommel (Hrsg.): Reisen zu Müntzer. Erinnerungsstätten in der DDR. Tourist-Verlag, Berlin und Leipzig 1989, ISBN 3-350-00302-8. S. 43ff. Die katholische Kirche gewann, gestützt auf die Erzbischöflich-Mainzer Besitzungen im Eichsfeld, ihren religiösen und politischen Einfluss zurück. Ausschlaggebend für die Wiedergewinnung der Bevölkerung für den katholischen Glauben war die Seelsorge der Jesuiten, die 1574 nach Heiligenstadt kamen und u. a. ein Kolleg gründeten.Karl Josef Hüther: Vom Jesuitenkolleg zum Staatlichen Gymnasium in Heiligenstadt. F.W. Cordier, Heiligenstadt 1995, ISBN 3-929413-25-6. 1619, 1626 und 1682 wütete die Pest in Heiligenstadt. Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurde die Stadt mehrfach verwüstet.
1736 erfolgte der Neubau des Mainzer Schlosses. 1739 ereignete sich der zweite große Stadtbrand.
19. Jahrhundert mini|hochkant=1.15|links|Heiligenstadt um 1840
Als 1803 im Zuge der Säkularisation die Landesherrschaft der Mainzer Erzbischöfe über das Eichsfeld endete, wurde Heiligenstadt, das auch im Kurrheinischen Reichskreis lag, als Teil des Mediatfürstentums Eichsfeld preußisch. Danach gehörte die Stadt 1807 bis 1813 zum Königreich Westphalen und war Sitz der Präfektur des Harz-Departements. Infolge des Wiener Kongresses wurde die Stadt 1815 erneut preußisch und gehörte als Kreisstadt des 1816 gebildeten Landkreises Heiligenstadt zum Regierungsbezirk Erfurt der preußischen Provinz Sachsen. 1858 wurde die erste Zigarrenfabrik in Heiligenstadt gegründet.
Im Deutschen Krieg wurde Heiligenstadt am 21. Juni 1866 kurzzeitig von hannoverschen Truppen besetzt, die auf Langensalza vorrückten.Officieller Bericht über die Kriegsereignisse zwischen Hannover und Preußen im Juni 1866 und Relation der Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866. Verlag von Carl Gerold’s Sohn, Wien 1866, S. 22–24.
20. Jahrhundert 1929 wurde das Kneippbad errichtet. Bis 1933 fand der Nationalsozialismus im fast geschlossen katholischen Milieu Heiligenstadts kaum Anhänger. Selbst nach der „Machtergreifung“ erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 nur 19 % der Stimmen (gegenüber 66 % für das Zentrum),Thomas Sauer: Die CDU. In: Karl Schmitt, Thorsten Oppelland (Hrsg.): Parteien in Thüringen. Ein Handbuch. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-5292-9 (= Handbücher zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Band 16). S. 118. eines ihrer schlechtesten Ergebnisse reichsweit.
1938 lebten im Ort noch 32 jüdische Bürger. Am 9. November 1938 wurde die Synagoge Heiligenstadt geschändet. Nationalsozialisten zogen randalierend vor die Wohnungen von jüdischen Einwohnern und zerstörten Fensterscheiben. Acht jüdische Männer wurden in Schutzhaft genommen, ins KZ Buchenwald verschleppt und nach einigen Monaten wieder entlassen.Heiligenstadt In: Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen. Kooperationsprojekt „MENORA | Jüdisches Leben in Thüringen“ (Friedrich-Schiller-Universität Jena und Förderverein für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e. V.), abgerufen am 13. November 2023. Eine Gedenktafel an dem bis 2011 als Wohnhaus genutzten Gebäude der Synagoge erinnerte an die Ereignisse des 9. November 1938. Am 7. September 2011 wurde die ehemalige Synagoge abgerissen, um einem Einkaufszentrum Platz zu machen.Thüringer Allgemeine, 8. September 2011. Im Bereich des ehemaligen Gotteshauses befindet sich heute eine Pflegeeinrichtung.
Am 5. April 1945 erfolgte ein US-amerikanischer Jagdbomberangriff mit fünf zivilen Todesopfern und Gebäudeschäden. Am 9. April wurde Heiligenstadt kampflos übergeben.Jürgen Möller: Der Kampf um Nordthüringen im April 1945. Die Kampfhandlungen im Raum nördlich Mühlhausen-Langensalza und der Vorstoß des V. US Corps von der Werra durch die Landkreise Heiligenstadt, Worbis und Sondershausen zur Unstrut und weiter zur Saale. Rockstuhl, Bad Langensalza 2010, ISBN 978-3-86777-146-7. S. 23–185. In der Stadt lagen 3000 deutsche Verwundete in acht Lazaretten.Eduard Fritze: Die letzten Kriegstage im Eichsfeld. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2002, ISBN 3-936030-06-5. S. 100, 190. Der jetzige Ortsteil Günterode wurde ebenfalls am 9. April 1945 besetzt. Vorausgegangen war Artillerie-Beschuss mit Schäden an Wohnhäusern und Kirche.
Den Beschlüssen der Konferenz von Jalta gemäß zogen die US-Truppen am 1./2. Juli 1945 aus Heiligenstadt ab; an ihrer Stelle rückte die Rote Armee ein. Heiligenstadt wurde Teil der Sowjetischen Besatzungszone.Heinz Siebert: Das Eichsfeld unter dem Sowjetstern. Ergänzte Ausgabe, bearbeitet von Bernhard Opfermann. Mecke, Duderstadt 1992, ISBN 3-923453-47-7. S. 11 ff. Mit der Auflösung des Landes Thüringen 1952 wurde Heiligenstadt dem Bezirk Erfurt zugeschlagen.