Das Instituto Nacional de Industria (INI, dt. „Nationales Industrie-Institut“) war eine staatliche spanische Holding. Es wurde 1941 als institutioneller Träger der Autarkiebestrebungen des Franco-Regimes gegründet und 1995 aufgelöst. Zwischen den 1940er und 1980er Jahren bildete es die größte und bedeutendste Unternehmensgruppe Spaniens. Wichtige Unternehmen, die auf Initiative des INI gegründet wurden, waren Seat, Endesa und heute unter anderem Namen bekannte Unternehmen der Eisen-, Stahl- und Aluminiumerzeugung und der (petro-)chemischen Industrie. Nachfolgeorganisation ist die SEPI, die Teile der Aufgaben und des Portfolios übernommen hat.
Geschichte Periodisierung und Einordnung in die spanische Wirtschaftsgeschichte Die Geschichte des INI ist eng mit der spanischen Wirtschaftsgeschichte verbunden, da es während seiner gesamten Existenz ein wichtiges industriepolitisches Instrument war, mit dem der Staat direkt in die Wirtschaft eingriff. Zum Verständnis der Geschichte des INI ist daher ein kurzer Überblick über die spanische Wirtschaftsgeschichte hilfreich, die mit der Periodisierung der INI-Geschichte verbunden wird.
Die Wirtschaftshistoriker Pablo Martín Aceña und Francisco Comín haben das Wirken des INI in drei Phasen eingeteilt: Die Gründungs- und Wachstumsphase von 1941 bis 1963, die Erweiterungs- und Reorganisierungsphase von 1963 bis 1976 und die Zeit der Wirtschaftskrise und industriellen Umstrukturierung in Spanien, die mit der Auflösung des INI endete.Pablo Martín Aceña, Francisco Comín: INI. 50 años de industrialización en España. Espasa Calpe, Madrid 1995; vergleiche auch Elena Laruelo Rueda: Los fondos históricos del INI. Fuentes para el estudio de la empresa pública industrial. (PDF; 139 kB) Januar 2005. Laruelo ist Leiterin des Dokumentationszentrums (INI-Archiv) der SEPI.
In der ersten Phase nach dem Bürgerkrieg strebte das Franco-Regime einerseits die Industrialisierung Spaniens an und versuchte andererseits, eine möglichst weitgehende Autarkie herbeizuführen. Neben der ideologischen Ansicht, dass die Wirtschaft sich in den Dienst am Vaterland zu stellen habe, war die Autarkiepolitik angesichts der politischen und wirtschaftlichen Isolation des Landes (Spanien wurde vom Marshall-Plan ausgeschlossen) in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auch aus der Not geboren. Das INI sollte die Grundlagen der Industrialisierung in Form von Schlüsselindustrien, Energieversorgung und Transportinfrastruktur aufbauen.
Das autarkieorientierte Wirtschaftsmodell geriet in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zunehmend unter Druck, unter anderem da sich der spanische Staat der internationalen Zahlungsunfähigkeit näherte und sich im Inneren wirtschaftlich und sozial motivierter Protest zu formieren begann. Diese Entwicklung mündete schließlich in das Wirtschaftsstrukturgesetz von 1959, das als „Stabilisierungsplan“ bekannt wurde. Es wurde von der spanischen Regierung gemeinsam mit der OECD, der Weltbank und dem IWF ausgearbeitet und sah eine wirtschaftliche Öffnung und vorsichtige Liberalisierung des Landes vor.
In der Folgezeit dominierte wirtschaftspolitisch das Konzept der Entwicklungspläne nach französischem Vorbild. Im Rahmen des ersten Entwicklungsplans, den 1963 das nunmehr industriepolitisch federführende Industrieministerium und das neu geschaffene „Kommissariat für Entwicklungspläne“ formulierten, kam dem INI bereits keine zentrale Rolle mehr zu: Aufgabe des INI wurde es nunmehr, Unternehmen aus Branchen zu übernehmen, die entweder privatwirtschaftlich nicht rentabel waren oder sich zu den geplanten Kapazitätsausweitungen, etwa in der Stahlerzeugung, nicht in der Lage sahen.
Mit dem Tod Francos und dem Übergang zur Demokratie wurde das Konzept der Entwicklungspläne aufgegeben. Die Transición ist wirtschaftspolitisch durch zahlreiche kurzfristige Maßnahmen ohne nachhaltige Konzepte geprägt, die Versuche waren, die durch die Ölpreisschocks der siebziger Jahre verursachte schwere Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen. Langfristige Maßnahmen, die die tiefgreifende Strukturkrise der spanischen Industrie hätten bekämpfen können, waren aufgrund der politischen Unsicherheit in den letzten Monaten des Franco-Regimes und während des Übergangs zur Demokratie, als Spanien z. B. über keine verabschiedete Verfassung verfügte, nicht möglich. Die Wirtschaftskrise verschärfte sich bis Anfang der 1980er Jahre. Erst nach dem Antritt Felipe González’ als Ministerpräsident wurde die Strukturkrise in der spanischen Industrie in wirksamer Weise politisch angegangen. Seine mittelfristigen Wirtschaftsprogramme und Branchen-Umstrukturierungspläne sollten die spanische Industrie, die strukturell noch viele Merkmale aus der Autarkiephase aufwies, international wettbewerbsfähig machen. Das INI war in der ersten Teilphase der Unsicherheit in zunehmendem Maße gezwungen, vom Konkurs bedrohte oder bereits zahlungsunfähige Unternehmen zu übernehmen, um die stark gestiegene Arbeitslosigkeit abzufedern. Im Zuge der Reformpolitik der Regierung González wurde es grundlegend reorganisiert, zahlreiche Unternehmen wurden privatisiert und die Einrichtung selbst schließlich 1995 nach Überführung der verbleibenden Unternehmen und Beteiligungen an andere staatliche Träger aufgelöst.
Gründungs- und Wachstumsphase (1941–1963) Das INI wurde durch ein Gesetz vom 25. September 1941 gegründet. In Artikel 1 dieses Gesetzes wurde ihm die Aufgabe übertragen, „im Dienste der Nation die Schaffung und Wiederbelebung unserer Industrien voranzutreiben und zu finanzieren, insbesondere jener, die anstreben, die sich aus den Mängeln der Landesverteidigung ergebenden Probleme zu lösen, und derjenigen, die sich der Entfaltung unserer wirtschaftliche Autarkie verschreiben, wobei es den spanischen Ersparnissen eine sichere und attraktive Anlage bietet.“ Vorbild war das 1933 gegründete italienische Istituto per la Ricostruzione Industriale (IRI), das Mussolini zum Industrialisierungsinstrument ausgebaut hatte. Das INI-Gründungsgesetz ist in weiten Teilen eine Übersetzung der Statuten des IRI.
Das INI unterstand direkt dem Staats- und Regierungschef Francisco Franco und finanzierte sich in der Anfangsphase hauptsächlich durch die Emission staatlich garantierter Obligationen (Anleihen). Mit diesen Geldern baute das INI einen Konzern von selbst begründeten Tochterunternehmen auf, welche es als Holding verwaltete.
Erster Präsident des INI war von 1941 bis 1963 Juan Antonio Suanzes, ein Militäringenieur und Jugendfreund Francos. Er war der führende Kopf der Industriepolitik der gesamten ersten Phase und organisierte das INI als von ihm persönlich gelenkte Koordinations- und Planungseinheit, deren ausführende Organe die jeweiligen Tochterunternehmen waren. In den Jahren 1938/39 und von 1945 bis 1951 war Suanzes zudem Industrieminister Spaniens. Sein Nachfolger in diesem Amt war bis 1962 sein Vertrauter Joaquín Planell, zuvor Vizepräsident des INI und in führender Funktion in mehreren neugegründeten Staatsunternehmen tätig.
Suanzes und Planell strebten über INI und Industrieministerium an, die Investitionen und Produktionstätigkeit der spanischen Wirtschaft direkt zu lenken. Hauptziele waren dabei Importsubstitution und die Steigerung der heimischen Produktion autarkiewichtiger Güter. Da zur heimischen Produktion unter der bestehenden Wirtschaftsordnung fast keine Alternativen bestanden, traten Kosteneffizienz, Opportunitätskosten und Marktmechanismen folgende Allokation der Produktionsfaktoren gegenüber der Sicherstellung von Produktion in den Hintergrund. Vielen Autoren zufolge spiegelte sich darin die Ingenieursmentalität von Suanzes wider, der betriebswirtschaftlichen Kriterien neben technischer Machbarkeit nur eine untergeordnete Rolle zumaß.
Ein von Suanzes 1942 ausgearbeiteter Plan sah die Gründung von Unternehmen und den Ausbau von Unternehmensbeteiligungen in sechs Bereichen vor, die sich über die ganze Industrie spannten. Sie umfassten vorwiegend in Spanien kaum vorhandene Branchen, deren Erzeugnisse als unverzichtbar für ein Industrieland angesehen wurden. Die genannten Branchen sind größtenteils durch hohe Kapitalintensität geprägt, die den Aufbau großer Produktionsstätten nötig macht.Memoria Anual des INI, verwendet nach Pablo Martín Aceña, Francisco Comín: El Instituto Nacional de Industria: Inversion industrial y especialización sectorial. In: Dies. (Hrsg.): Empresa pública e industrialización en España. Alianza Editorial, Madrid 1990, S. 117–136, hier: S. 128–130.
Basisindustrien wie Eisen- und Stahlerzeugung, Kupfer- sowie Aluminiumverhüttung, feste Brennstoffe, Bodenschatzprospektion, weitere autarkiewichtige Güter erster Verarbeitung, darunter die Herstellung von flüssigen Brennstoffen aus Schiefer und Kohle, Erdöl- bzw. Erdölersatzstoffraffinerien, Dünger, chemische Basisindustrie und Sprengstoffherstellung, allgemeine Grundlagentechnologien, besonders Elektrizitätserzeugung und Vergrößerung der Handelsmarine durch Schiffbau auf spanischen Werften, für die Industrialisierung unerlässliche Branchen des verarbeitenden Gewerbes: Werkzeugmaschinen, Verbrennungsmotoren für Kraftfahrzeuge und Eisenbahn, PKW- und LKW-Produktion, elektrisches Material aller Art, militärische Industrien zur Landesverteidigung: Bau von Panzern, Kriegsschiffen, Flugzeugen, Torpedos, optischen Geräten und Militärkommunikationsmitteln, sowie Kommunikationsmittel und andere Dienstleistungen wie Telekommunikation, Eisenbahnbau, Bau und Betrieb von Flugzeugen.
Das Programm wurde nie vollständig umgesetzt, war aber Orientierungspunkt der umfangreichen Gründungs- und Beteiligungsaktivitäten des INI in der ersten Phase seines Bestehens und prägte seine Unternehmensstruktur während seines gesamten Bestehens. In den 1940er und 1950er Jahren wurden vor allem Basisindustrien (Metallverhüttung, Petrochemie), besonders wichtige verarbeitende Industrien (Kfz- und LKW-Bau) und die Stromerzeugung aufgebaut. Einige der heute bedeutendsten spanischen Unternehmen wie Seat und Endesa sind Gründungen des INI aus dieser Zeit (zu den zugehörigen Unternehmen siehe unten). Das INI mobilisierte hierzu in Spanien eine hohe Menge an Kapital, 1960 betrug der Gesamtschuldenstand seiner Unternehmen nicht weniger als 8 % des spanischen Nationaleinkommens.Zahl nach Gabriel Tortella: The Development of Modern Spain. An Economic History of the Nineteenth and Twentieth Centuries. Harvard University Press, Cambridge/Mass. 2000, S. 324.
Gerade in der Frühzeit verfolgte das INI auch wirtschaftlich wenig rationale Unternehmungen, die zum Teil bedeutende Mengen an Kapital und Arbeit verschlangen. So wurde in ressourcenverzettelnder Weise versucht, rohstoffsubstituierende Stahl- und Treibstoffgewinnungsverfahren des Dritten Reiches (u. a. Synthetisches Benzin aus Kohle und Ölschiefer) zu übernehmen und das Prestigeprojekt eines PKWs aus eigenständig spanischer Entwicklung voranzutreiben. In den ersten Jahren war außerdem die Bodenschatzprospektion geradezu eine Obsession des INI, da der Führungskreis um Suanzes der Ansicht war, dass Spaniens Böden reiche Vorkommen aller Art beherbergen müssten, die nun der nationalen Sache zugutekommen sollten. Diese Auffassung war eine Spätfolge der seit Ende des 19. Jahrhunderts wiederholt in Spanien geäußerten Forderungen, dass die Bodenschätze (wie etwa die Schwefelkies-Minen am Río Tinto) nicht ausländischen Investoren überlassen werden sollten, die sich zu einer regelrechten Ideologie des „Regenerationismus“ ausgeformt hatten. Die tatsächlichen Erfolge der Prospektion waren angesichts der Erwartungen eher bescheiden.
Als besondere Auffälligkeit dieser Zeit wird zudem der „Importhunger“ des INI angesehen. Die Staatsholding, die eigentlich die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland überwinden sollte, war wegen der fehlenden technischen Voraussetzungen bei der Gründung ihrer Unternehmen in hohem Maße auf den Import von Technologie, Planungsleistungen und Material aus dem Ausland angewiesen.