mini|Johann Nestroy als Schuster Knieriem in „Lumpacivagabundus“ beim Kometenlied: „Auf’s Jahr kommt der neue Komet, da geht die Welt z’Grund.“ (Photographie von 1861)
Das Wiener Couplet ist eine Gesangseinlage in den Possen oder Komödien des Alt-Wiener Volkstheaters. Das Couplet unterbricht die Bühnenhandlung, richtet sich direkt ans Publikum und hat Reflexionen über verschiedene Themen zum Inhalt. Seinen literarischen Höhepunkt erreichte es im Vormärz in den Stücken von Johann Nestroy und Ferdinand Raimund. Die zweite wichtige musikalische Form des Alt-Wiener Volkstheaters ist das Quodlibet.
Form und Geschichte Das Couplet ist ein mehrstrophiges Lied mit Refrain und gleich gebauten Strophen, die alle nach derselben Melodie gesungen werden. Es hat gereimte Verspaare (frz. couplet „Zeilenpaar“) und ist meist im Wiener Dialekt verfasst. Historisch geht es auf das Zwischenspiel im Jesuitendrama zurück. In der musikalischen Entwicklung trat es an die Stelle der Arie und geht wie diese von der Situation eines der Protagonisten aus.
Das Couplet wurde von Johann Baptist Moser ausgebildet, der seit den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts begann, Szenen und Couplets zu schreiben, die von den Darbietungen der Harfenisten inspiriert waren und mit denen er selbst in Wiener Vorstadt-Etablissements auftrat, zuerst in der Harfenistengesellschaft Jonas, bald mit eigener Volkssängergesellschaft. Moser reformierte das Harfenistenwesen, da ihm Texte und Lieder zu primitiv waren, und ersetzte als Begleitinstrument die Harfe durch das Klavier. Sein berühmtestes Couplet ist „Die Welt ist ein Komödienhaus, wir Menschen sind Akteur, das Schicksal teilt die Rollen aus, der Zeitgeist ist Souffleur“ (1840).
In den Stücken von Ferdinand Raimund und Johann Nestroy innerhalb der Wiener Volkskomödie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Biedermeier) schließlich eroberte sich das Couplet einen zentralen Platz. Nestroy schrieb sich seine Couplets selbst auf den Leib, er war Autor und Darsteller in Personalunion. Mit Spannung erwartete das Publikum Nestroys Neuschöpfungen, in denen er meist unverblümt seine Meinung sagte, zu aktuellen politischen Problemen und Missständen Stellung nahm und die Zuschauer zu seinen Verschworenen machte. Auf diese Weise untergrub er auch das autoritäre System des Metternich’schen Spitzelwesens und geriet des Öfteren mit der Zensur in Konflikt.
Dramaturgie Entscheidend für die Wirkung des Couplets ist die Tatsache, dass in ihm die „dramatische Zeit“ stillsteht. Die Ereignisse, die die Handlung vorantreiben, unterliegen einer zeitweiligen Einstellung. Der Schauspieler verlässt „auf Zeit“ seine Rolle, um als Mitwisser des Stückeschreibers, oft an der Rampe, Kontakt mit dem Publikum herzustellen.Jürgen Hein: Zur Funktion der „musikalischen Einlagen“ in den Stücken des Wiener Volkstheaters. In: Jean-Marie Valentin (Hrsg.): Volk, Volksstück, Volkstheater im deutschen Sprachraum des 18.–20. Jahrhunderts. Lang, Frankfurt/M. 1986, ISBN 3-261-03528-5 (Jahrbuch für Internationale Germanistik, Band 15). Zumeist auf ein akzentuiertes Stichwort des vorhergehenden Dialogs oder eines Monologs hin unterbricht der Darsteller die fortlaufende Handlung, tritt aus der Szene heraus und stellt eine direkte Interaktion zwischen sich und dem Publikum her. Er nimmt seine persönliche Problematik zum Anlass für eine kritische Betrachtung denkwürdiger Fälle menschlichen Lebens oder für allgemeine Kommentare zu gesellschaftlichen und politischen Missständen oder menschlichen Charakterschwächen.
„Wir werden seiner Botschaft den Glauben nicht deshalb versagen, weil sie ein Couplet war“, schrieb Karl Kraus in seiner Rede zum fünfzigsten Todestag Johann Nestroys im Jahr 1912, mit der er dessen Wiederentdeckung einleitete.
Handelnde Figuren In den Stücken Ferdinand Raimunds ist das Couplet (dort: Arie oder Ariette) der komischen Figur vorbehalten, die in der Tradition des Hanswurst, Kasperl, Staberl, der wienerischen Ausformung der komischen Figur in der italienischen Commedia dell’arte, steht. Seine Partnerin erhält in der Regel ein Duett. Mit der Umformung der standardisierten komischen Figur in Charaktertypen (Wurzel in „Der Bauer als Millionär“, Rappelkopf in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“) kommt dem Auftrittslied für die Exposition der Hauptfigur besondere Bedeutung zu. Parallel werden auch den Figuren der Phantasie- und Geisterwelt Lieder zugewiesen.
Johann Nestroy profilierte das satirische Couplet in seinen Possen mit Gesang. Die zunehmende Zahl von Versen führte bei ihm schließlich zu zwei- und dreizeiligen Strophenformen mit Binnen- und Schlussrefrain, deren Metrum sich durch bewusste Akzentuierungen bestimmter Silben einer fließenden Melodielinie entzog. Mit großem Raffinement führte Nestroy in seinen Stücken eine Situation dorthin, wo das Couplet an einem Punkt der Verzweiflung, des Zorns, der Ratlosigkeit oder gar Resignation elementar „zum Ausbruch“ kommt und wo der Darsteller „es nicht mehr sagen kann, sondern es singen muß“ (Jean Giraudoux).
Auch bei Nestroy sind die Couplets in der Regel den männlichen Figuren vorbehalten, mit wenigen Ausnahmen, in denen auch weiblichen Figuren Couplets zugedacht sind, die meist Betrachtungen über das männliche Geschlecht anstellen: die Gänsehirtin Salome Pockerl in „Der Talisman“ (mit dem Refrain „Ja, die Männer ham’s gut!“), Salerl in „Zu ebener Erde und erster Stock“, Agnes in „Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“ oder Madame Zichori in „Das Gewürzkrämerkleeblatt“ („’s ist ein starkes Geschlecht, aber schwach, aber schwach!“).
Auftrittscouplet mini|Ferdinand Raimund als Aschenmann in „Der Bauer als Millionär“ (Lithographie von Friedrich Kriehuber nach Moritz von Schwind)
Die Stücke von Raimund und Nestroy enthalten immer mehrere Couplets, beginnend mit dem „Auftrittscouplet“ der Hauptfigur, in dem diese ihren Charakter und ihr Schicksal vorstellt und das immer unmittelbar von einem anschließenden Monolog ergänzt wird. Aufgabe des Auftrittscouplets war es, dem Schauspieler einen wirkungsvollen Auftritt zu verschaffen und dem Publikum Gelegenheit zu bieten, mit der Person der Bühnenfigur vertraut zu werden. Bei Raimunds Figuren des Barometermachers („Der Barometermacher auf der Zauberinsel“) und des Harfenisten („Die gefesselte Phantasie“) berührt das Auftrittscouplet das Genre des Standesliedes.
Refrain Der Refrain hält die satirischen Themen der einzelnen Strophen zusammen und benutzt oft eine symptomatische Redensart, die das gemeinsame Motto für die Strophen bildet. Bekannte Refrains in Stücken Johann Nestroys sind:
„Ja, die Zeit ändert viel!“ (Titus Feuerfuchs in „Der Talisman“) „Und ’s ist alles nicht wahr! Und ’s ist alles nicht wahr!“ (Lorenz in „Die verhängnisvolle Faschingsnacht“) „So gibt es halt allerhand Leut auf der Welt!“ (Herr von Lips in „Der Zerrissene“) „Es ist jetzt schön überhaupt, wenn man an etwas noch glaubt“ (Wendelin in „Höllenangst“) „Und es schickt sich doch offenbar nicht!“ (Weinberl in „Einen Jux will er sich machen“) „Diese Zeit war bequem, für das Zopfensystem“ (Ultra in „Freiheit in Krähwinkel“) „’s ist alles uralt, nur in andrer Gestalt“ (Kampl in „Kampl“) „Da finden die Leut’ dran ein Vergnügen? Ich, offen g’sagt, nicht, ich müsst’s lügen.“ (Diener Johann in „Zu ebener Erde und erster Stock“) „Ja, da hab I’ scho gnua!“ („Ja, da hab ich schon genug!“) (Titus Feuerfuchs in „Der Talisman“) „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang!“ (das berühmte Kometenlied in „Lumpacivagabundus“)
Auch in Ferdinand Raimunds Zauberspielen finden sich markante Refrains, hier oft mit einem melancholischen Grundton: das Aschenlied in Der Bauer als Millionär mit dem Refrain „Ein Aschen“, mit dem der Aschen-Sammler auf die Vergänglichkeit alles Irdischen anspielt, und das Hobellied aus Der Verschwender, in dem Leichtlebigkeit und Vergänglichkeit (Vanitas) betrachtet werden. Es beginnt mit den berühmt gewordenen Zeilen „Da streiten sich die Leut’ herum – oft um den Wert des Glücks. Der eine heißt den andern dumm, am End’ weiß keiner nix“ und schließt mit dem Refrain: „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt ade!“.
Zusatzstrophen In der Aufführungspraxis werden einem Couplet oft aktuelle „Zusatzstrophen“ hinzugefügt, die unmittelbar Bezug auf das politische und gesellschaftliche Tagesgeschehen nehmen, ohne jedoch Bezug zum Stück selbst oder zur Zeit zu haben, in der es spielt. Solche Strophen werden manchmal erst kurz vor der Vorstellung vom Schauspieler selbst oder vom Kapellmeister geschrieben, um auf die aktuellen Ereignisse Bezug nehmen zu können. Bekannte Wiener Nestroy-Darsteller wie Karl Paryla, Walter Kohut und Josef Meinrad und später Heinz Petters und Robert Meyer haben dies zum fixen Bestandteil ihrer Auftritte gemacht. Nestroy setzte sich mit seinen neu gedichteten Zusatzstrophen, die er so dem Zugriff des Metternich’schen Polizeiapparates im Vormärz entzog, oft einem Duell mit der Zensur aus.
Wichtig für die Schlagkraft einer Zusatzstrophe ist die jeweilige Refrain-Zeile des Originals, die, da sie dem Publikum schon aus den Strophen zuvor bekannt ist, oft nur mehr intoniert oder zuletzt gar nicht mehr gesungen wird.
Das Couplet, bei dem Zusatzstrophen eingebaut werden, steht meist gegen Ende des Stückes, in der Regel im dritten Akt. Zusatzstrophen im „Auftrittscouplet“, also dem ersten Couplet des Abends, sind nicht üblich, da diesem Couplet immer ein Monolog folgt, der in direkter Beziehung zum Auftrittscouplet steht.
Karl Kraus hat Nestroy immer wieder vorgetragen, bearbeitet und auch Zusatzstrophen zu den Couplets geschrieben (z. B. für „Der Zerrissene“, „Eisenbahnheirathen“, „Weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“). Auch Otto Basil und Hans Weigel haben später Zusatzstrophen geschrieben. Norbert Pawlicki, der musikalische Leiter der Nestroy-Aufführungen von Gustav Manker in den 1970er-Jahren am Wiener Volkstheater, schrieb Zusatzstrophen oft erst ganz knapp vor der Vorstellung und nach Lektüre der aktuellen Zeitungen, um möglichst aktuelle Bezüge in den Strophen zu erreichen. Diese brandaktuellen Strophen wurden dann in der Vorstellung „vom Blatt“ gelesen, weil fürs Auswendiglernen keine Zeit mehr war. 1981 schrieb der Schauspieler Otto Tausig für Nestroys „Kampl“ am Wiener Burgtheater eine scharfe Zusatzstrophe über den Arzt und Gerichtsgutachter Heinrich Gross, dessen Vergangenheit als NS-Euthanasiearzt am Spiegelgrund damals gerade publik geworden war: „Es gibt heut noch so Wiener Eutha-Nazi-Mediziner …“. 1998 schrieb der Kabarettist Josef Hader Zusatzstrophen für Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“. 2017 kam es bei den Nestroy-Spielen Schwechat bei der Generalprobe von „Zu ebener Erde und erster Stock“ zu einem Eklat. Drei Gemeinderäte der FPÖ verließen empört die Vorstellung, weil im Couplet des Dieners Johann aktuelle Zusatzstrophen eingefügt worden waren, die die Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ satirisch kritisierten. Die FPÖ Schwechat forderte eine Entschuldigung der Verantwortlichen und die Passagen umgehend zu entfernen, ansonsten würde die FPÖ Schwechat Geldern für die Nestroy-Spiele zukünftig nicht mehr zustimmen. Für die Inszenierung von „Einen Jux will er sich machen“ am Grazer Schauspielhaus verfasste 2018 Stefanie Sargnagel Zusatzstrophen.
Nestroy selbst hat Zusatzstrophen zu Ferdinand Raimunds „Aschenlied“ in „Der Bauer als Millionär“ geschrieben.Sämtliche Werke, hrsg. von Fritz Brukner und Otto Rommel. Band 15, S. 706–708, Schroll, Wien 1924–30.
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