Wolhyniendeutsche (auch Wolyniendeutsche oder wolhyniendeutsch Woliniendeitsche) waren deutsche Auswanderer und ihre Nachkommen, die sich vor allem im 19. Jahrhundert in Wolhynien angesiedelt hatten und dort bis zum Zweiten Weltkrieg blieben.
19. Jahrhundert Die Russlanddeutschen wanderten in mehreren Wellen in das Russische Reich ein. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam eine besonders große Zahl von Deutschen nach Wolhynien, einem südlich der Prypjatsümpfe gelegenem Landstrich. Dies geschah in drei Phasen, wobei der Schwerpunkt auf den Jahren 1861 bis 1895 lag.
Im Gegensatz zu den anderen Gruppen von Russlanddeutschen siedelten sich die Wolhyniendeutschen – ohne vom Zaren ins Land gerufen worden zu sein – nicht nur als Eigentümer auf Großgrundbesitz, sondern vielfach auch als Pächter an. Sie hatten eigene Kirchspiele und Schulen.
In der ersten Phase der Einwanderung ab ca. 1815 handelte es sich um Mennoniten, die aufgrund der Forderung des preußischen Königs zur Teilnahme am Waffendienst, nach Russland weiterwanderten. Der Zar hatten ihnen die Freistellung vom Waffendienst zugesagt.
Die Mennoniten können in zwei Gruppen unterschieden werden. Die Niedermennoniten kamen aus der Weichselniederung um Danzig und Thom, waren holländisch niederdeutscher (friesischer) Abstammung. Die Hochmennoniten waren Südwestdeutsche, kamen zumeist aus der Pfalz, wurden auch Schwaben genannt und waren über Galizien eingewandert. Die Mennoniten galten als Experten in der Melioration und spezialisierten sich auf die Trockenlegung von Sumpfgebieten und den Dammbau an den wolhynischen Flüssen.
Gleichzeitig wanderten spezialisierte Waldarbeiter aus Niederschlesien ein („Stabschläger“), die als Holzbearbeiter und Bautechniker tätig waren.
Zwischen 1815 und 1830 siedelten sich außerdem Gruppen von pommerschen Ackerbauern an, die bis ihrer Ausweisung (1890) ihre preußische Staatsangehörigkeit behielten. Insgesamt war die Bedeutung der deutschen Einwanderung nach Wolhynien gering, so wurden 1838 lediglich etwa 1200 Deutsche in Wolhynien gezählt.
In der zweiten Phase der Einwanderung (ab 1831) folgten ihnen Deutsche aus Kongreßpolen, die sich nicht am Novemberaufstand beteiligt hatten und daher von der polnischen Bevölkerung angefeindet wurden. Das veranlasste viele zur Weiterwanderung nach Wolhynien.
Aber auch veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen führten zur Einwanderung nach Wolhynien. Das Tuchmachergewerbe im Lodzer Rayon geriet durch die Aufhebung von Schutzzöllen und die einsetzende Mechanisierung unter wirtschaftlichen Druck, was zu einer Wanderungswelle nach Wolhynien führte. Die Arbeitsbedingungen waren aber so schlecht in Wolhynien, so dass die sie später nach Kongreßpolen zurückkehrten.
Bis zum Jahr 1860 stieg die Gesamtzahl der Deutschen im Gouvernement Wolhynien auf etwa 6000 Personen an.
Die dritte Einwanderungsphase begann 1861. Der Auslöser für die Einwanderung war sicherlich die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland (1861). Damit bot sich die Möglichkeit, Grund und Boden von Gutsbesitzern zu pachten oder zu kaufen. Gleichzeitig stieg bei den Landeigentümern die Nachfrage nach Arbeitskräften, Pächtern und Käufern von Ländereien sprunghaft an.
Weitere Gründe für die Weiterwanderung von Kongreßpolen nach Wolhynien waren die niedrigen Bodenpreise in Wolhynien, der Landmangel am bisherigen Siedlungsort sowie die politischen Ereignisse rund um den polnischen Aufstand von 1863.
Dazu kamen die günstigen rechtlichen Rahmenbedingungen in Wolhynien. Spätestens mit dem Erlass vom 26. Oktober 1867, gab es für den Grundbesitz deutscher Kolonisten in Wolhynien praktisch keine rechtlichen Einschränkungen mehr.
Die Folge war eine starke Zunahme der deutschen Kolonialisten. Laut der russischen Volkszählung aus dem Jahr 1897 lebten 171.331 Deutsche in Wolhynien. Sie stellten ca. 5,73 % der Bevölkerung in Wolhynien und waren auf dem Land nach den Ukrainern und Juden die drittstärkste Bevölkerungsgruppe. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs stieg die Zahl der Deutschen in Wolhynien auf ca. 210.000 Menschen an.
Die Einwanderung kam in den 1890er-Jahren praktisch zum Erliegen. Die Gründe waren ein Zusammenspiel aus verschärfter russischer Gesetzgebung, wachsendem Nationalismus und militärstrategischen Bedenken.
Mit der Einführung der Wehrpflicht (1874) wurde für die Mennoniten ein Hauptmotiv für die Einwanderung aufgehoben, was zu einer ersten großen Auswanderungswelle nach Nordamerika führte. 1887 wurde es ausländischen Untertanen in den westlichen Gouvernements (einschließlich Wolhynien) verboten Grundeigentum außerhalb von städtischen Siedlungen zu erwerben. Damit waren die Kolonialisten gezwungen für den Grunderwerb die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ab 1887 unterstanden die Schulen der Kolonialisten russischen Bildungsministerium und Russisch wurde als Pflichtfach und teilweise als Unterrichtssprache eingeführt. 1888 wurde die Selbstverwaltung der deutschen Kolonien beendet. Sie wurden in das allgemeine russische Verwaltungssystem integriert verloren ihre Sonderstellung und steuerrechtliche Privilegien. 1892 wurde es allen Personen ausländischer Herkunft (selbst jenen mit russischer Staatsangehörigkeit) untersagte, sich außerhalb der Städte Wolhyniens niederzulassen oder dort Landrechte zu erwerben. 1895 wurde es ausländischen Siedlern mit russischer Staatsangehörigkeit aus dem Weichselgouvernement zusätzlich verboten Immobilien durch Pacht zu nutzen. Damit war die Einwanderung faktisch beendet.
Während der sogenannten „Brasilienjahre“ (1884–1894) wanderten über 30.000 Deutsche Wolhynien nach Süd- oder Nordamerika aus. Die Gründe in der Auswanderung lagen in den repressiven Bedingungen, der zunehmende Landknappheit sowie die gestiegenen Bodenpreise.
Ab 1880 wurde es den Deutschen von der russischen Regierung nicht mehr erlaubt, weitere neue evangelische Kirchspiele zu errichten, und es mussten russische Oberlehrer eingesetzt werden. 1914 lebten in Wolhynien rund 250.000 Deutsche in mehr als 300 deutschen Kolonien.
Weltkriege miniatur|Galizien und Wolhynien in der Zwischenkriegszeit
Im Ersten Weltkrieg wurde ein Teil der Wolhyniendeutschen nach Deutschland umgesiedelt, ein anderer erlitt unter hohen Verlusten an Menschenleben die Deportation ins Innere des Zarenreichs. Um der Verbannung nach Sibirien zu entgehen, wurden viele Ehen mit Ukrainern geschlossen. Auf den Weltkrieg folgte der Polnisch-Sowjetische Krieg, und das Siedlungsgebiet der Gruppen von Russlanddeutschen wurde 1921 zwischen Polen und Sowjetrussland aufgeteilt. Um 1924 zählten die Wolhyniendeutschen noch rund 120.000 Personen. Die Wolhyniendeutschen des polnischen Bereichs wurden 1939 zusammen mit den Galiziendeutschen (insgesamt rund 45.000) in den Warthegau umgesiedelt,Es gab auch andere Zielregionen der Zwangsrückkehrer. Ein Bericht über ein kirchliches Heim der Gemeinschaftsbewegung, Haus Zion (ab 1937 Haus Friedensburg) in Rathen, Sachsen, ab November 1940 gibt genaue Informationen über die Beschlagnahme des Kirchenheims durch die SS (Volksdeutsche Mittelstelle) als Wohnstätte für diese „Rückkehrer“, und die anschließende Demolierung. Mskr., Verf. Rektor Glöckner, Rathen, o. D. ca. 1947 viele kamen nach Berlin ins Lager Kaulsdorfer Straße 90.
Von den Umsiedlungsabkommen, die 1939 bis 1941 zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich vereinbart wurden, wurden die Volksdeutschen (ca. 44.600Joseph S. Height: Homesteaders on the Steppe, ND HS of Germans from Russia, Bismarck, 1975, S. 404Gerhard Gnauck: Wolhynien-Massaker: Männer und Frauen, grausam mit Äxten zerhackt in der WELT vom 26. Juni 2013) des vor 1939 sowjetischen Teils Wolhyniens (Ostwolhynien) ausgeschlossen. Sie wurden von Oktober 1943 bis Mai 1944 von SS-Dienststellen als Administrativumsiedler zuerst nach Bjelostock, heute Białystok und dann in den Warthegau umgesiedelt.Administrativumsiedler waren ca. 228.000 Volksdeutsche, die nach einer Anordnung der Militär- und Zivilverwaltung des Dritten Reiches in den besetzten Gebieten der UdSSR (Reichskommissariat Ukraine, rumänisches Transnistrien) ohne einen zwischenstaatlichen Vertrag in den Jahren 1942-44 in den Warthegau oder ins Altreich umgesiedelt wurden. Fast alle von ihnen hatten bis Kriegsende die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen bekommen.
Entwicklung nach 1945 Ein Teil der 1943/44 nach Deutschland Umgesiedelten kam nach der deutschen Niederlage wieder in den Machtbereich der Sowjetunion oder wurde durch die Westalliierten (Briten und US-Amerikanern) als Displaced Persons den sowjetischen Militärbehörden ausgeliefert, und wenn sie einem der fünf Kriterien der Konferenz von Jalta entsprachen, wurden sie ohne Rücksicht auf ihre individuellen Wünsche zwangsrepatriiert.Der Spiegel: Behandelt wie ein drittklassiges Pack, 32/1983 In den Augen Stalins galten alle sowjetischen Bürger, die sich während des Zweiten Weltkriegs aus welchen Gründen auch immer zeitweise außerhalb der UdSSR aufgehalten hatten, als „Vaterlandsverräter“ und „engste Kollaborateure des Naziregimes“ und sollten dementsprechend behandelt werden.
Andere konnten dauerhaft in Deutschland bleiben. In Linstow kam es zu einer größeren Konzentration Wolhyniendeutscher.Mirjam Seils: Die fremde Hälfte. Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Mecklenburg nach 1945. Thomas Helms Verlag Schwerin 2012. Sie pflegen ihre Geschichte und betreiben dort seit 1992 mit dem Wolhynier-Umsiedlermuseum eine einzigartige Kultur- und Begegnungsstätte.Eva-Maria Brandstädter: Neue Heimat Mecklenburg. In: Der Tagesspiegel, 2. September 2013 – https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/reise/deutsche-siedler-neue-heimat-mecklenburg/8720962.html Zusammen mit der großen Auswanderungswelle seit den späten 1980er Jahren kamen viele Wolhyniendeutsche als Aussiedler in die Bundesrepublik. In Mecklenburg-Vorpommern leben Nachfahren von Wolhyniendeutschen in Linstow, Neu Schloen und Dargun. Mittlerweile haben sich die Nachfahren in ganz Deutschland verteilt.
Siehe auch Geschichte der Deutschen im Raum Łódź
Literatur Nikolaus Arndt: Die Deutschen in Wolhynien. Ein kulturhistorischer Überblick. Adam Kraft Verlag, Würzburg 1994, ISBN 3-8083-2016-8. Detlef Brandes: Einwanderung und Entwicklung der Kolonien. In: Gerd Stricker (Hg.): Rußland (= Deutsche Geschichte im Osten Europas). Siedler, Berlin 1997, ISBN 3-88680-468-2, S. 35–110. Mirjam Seils: Die fremde Hälfte. Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Mecklenburg nach 1945. Thomas Helms Verlag Schwerin 2012, ISBN 978-3-940207-78-4. Wilhelm Fielitz: Das Stereotyp des wolhyniendeutschen Umsiedlers. Popularisierungen zwischen Sprachinselforschung und nationalsozialistischer Propaganda. Marburg 2000, Kapitel 4.
Weblinks Schweizer Mennoniten in Wolhynien Karte der deutschen Siedlungen in West-Wolhynien Familienforschung in Wolhynien Irene Dänzer-Vanotti: 01.07.1915 - Vertreibung der Wolhyniendeutschen. WDR ZeitZeichen vom 1. Juli 2015 (Podcast, 14:30 min).
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Russlanddeutsche Ethnie Kategorie:Migration (Russland)