Als Marae (Synonyme: malae, malaʻe, maʻae, meae, Marai (James Cook)) bezeichnet man in den polynesischen Kulturen ein zeremoniellen Zwecken vorbehaltenes, abgegrenztes Areal. In Ostpolynesien stellt sich die Zeremonialstätte als architektonische, auf einigen Inseln sogar als monumentale Tempelanlage dar. Meist ist es ein rechteckiger, eingefriedeter Platz, an dessen Ende sich eine steinverkleidete Plattform, auf manchen Inseln mit Statuen, erhebt. Das Marae-Konzept kommt im gesamten Polynesischen Dreieck vor, von Neuseeland im Westen bis zur Osterinsel im Osten, von Hawaii im Norden bis zu den Austral-Inseln im Süden. Fußend auf einem gemeinsamen Grundkonzept hat die autarke Entwicklung der polynesischen Archipele über die Jahrhunderte der Besiedlung allerdings zu einer Vielzahl unterschiedlicher Varianten mit eigenständigen Ausdrucksformen geführt.

miniatur|300px|Marae Taputapuatea auf der Insel Raiatea

Ursprung und Entwicklung Einen eingefriedeten, heiligen Bezirk (griechisch: Temenos) als religiöses Zentrum der menschlichen Ansiedlung findet man nahezu in allen Kulturen der Welt, ob in Ägypten, im antiken Griechenland, in Mesopotamien, China, Südostasien oder in Mittel- und Südamerika. Das Grundschema folgt einem überall gleichen Prinzip: Aufweg oder Zuweg, Umgrenzung und Erhebung. Dennoch sind es – und das sei ausdrücklich betont – autarke, voneinander völlig unabhängige Parallelentwicklungen.Allerdings ist nicht auszuschließen, dass das Marae-Konzept Polynesiens von Südostasien, dem vermuteten Ursprung der Lapita-Kultur, beeinflusst wurde.

In Polynesien hat das Marae-Konzept einen einzigartigen Ursprung: die Rückenstütze eines Ehrensitzes.Erich Lehner: Wege der architektonischen Evolution – Die Polygenese von Pyramiden und Stufenbauten, Phoibos-Verlag Wien, 1998 Ausgangspunkt der Entwicklung war der Kult- oder Versammlungsplatz einer Ansiedlung, ursprünglich nicht mehr als ein von Bewuchs befreites und geebnetes Areal. Der Sitzplatz des Häuptlings war mit einer senkrecht stehenden, großen Steintafel (Orthostat) markiert, an die sich der Stammesführer anlehnen konnte. Flankiert wurde dieser „Thron“ später von weiteren, in der Regel niedrigeren Stützen für die übrigen Notabeln. Der nächste Entwicklungsschritt zur Darstellung des gesellschaftlichen Ranges war die Erhöhung der Sitze durch Erdhügel, die später in einer gemeinsamen Wurt zusammengefasst wurden. Als weiteren Schritt errichtete man zur Abgrenzung des der Stammeselite vorbehaltenen heiligen Bezirkes eine Grenzmarkierung (griechisch: Peribolos), zum Beispiel mit weißen Markierungssteinen oder als Erdwall. Eine solch ursprüngliche Form des Marae findet man noch auf einigen Inseln des Tuamotu-Archipeles.

Die spätere architektonische Darstellung der Erhebung als ein- oder sogar mehrstufige Plattform (ahu) in kunstvoll ausgeführtem Mauerwerk war lediglich eine konsequente Weiterentwicklung. Monumentale Beispiele kann man heute noch auf Tahiti oder Hiva Oa sehen.

Die Sitzlehne erhielt auf einigen Inseln eine anthropomorphe Form und entwickelte sich weiter zu den Steinstatuen der Gesellschaftsinseln, Hawaiis, der Marquesas, Pitcairns und der Australinseln, um schließlich ihren Kulminationspunkt (und gleichzeitig tragisches Ende) in den gigantischen Moai der Osterinsel zu finden. Dahinter stand das Prinzip, die Stammesführer und Gründerahnen auch dann, wenn sie nicht (mehr) körperlich anwesend waren, in einer ewig währenden Wächterfunktion darzustellen.

Ein zeremonieller Auf- oder Zuweg zur Zeremonialanlage ist heute archäologisch meist nicht mehr nachweisbar. Auf Raivavae wurde der stets zum Meer weisende Pfad sorgfältig gepflastert und mit senkrechten, bis zu 3 m hohen Orthostaten aus Korallengestein markiert.

Mit der Marae eng vergesellschaftet waren aus vergänglichen Materialien errichtete Häuser, die zeremoniellen Zwecken dienten, so zum Beispiel fare pupu (Versammlungshaus) und fare tahua (Residenz der Priester) auf den Gesellschaftsinseln oder haʻe toa (Haus der Krieger), haʻe patu tiki (Tätowierungshaus) und haʻe koʻoʻua (Altmännerhaus) auf den Marquesas.

Von einigen Pflanzen ist bekannt, dass sie mit dem Marae-Komplex assoziiert waren, so zum Beispiel vom Papiermaulbeerbaum (Brussonetia papyrifera), aus dessen Rinde unter aufwendigen Riten Tapa-Rindenbaststoff hergestellt wurde, um die hölzernen Götterbilder zu bekleiden, von der heiligen und glückverheißenden Ti-Pflanze (Cordyline terminalis) oder dem Miro-Baum (Thespesia populnea), der das Holz zum Schnitzen der Tiki spendete. Diese Gewächse findet man heute noch in der unmittelbaren Umgebung der historischen Zeremonialstätten.Paul Wallin: Ceremonial Stone Structures – The Archaeology and Ethnohistory of the Marae Complex in the Society Islands, French Polynesia, Societas Archaeologica Upsaliensis, Uppsala 1993, S. 25–26

Zweckbestimmung Die Marae war überall mit hoher spiritueller Kraft (Mana) und Unantastbarkeit (tapu) versehen und diente religiösen Zwecken, hatte aber auch Bedeutung als Symbol politischer Macht. Auf den Gesellschaftsinseln, aber auch auf einigen anderen Inseln Polynesiens war es üblich, das mana einer Marae weiterzureichen. Wurde eine neue Zeremonialplattform erbaut, entfernte man aus einer bereits bestehenden einen Eckstein und setzte diesen als „Grundstein“ in das neue Bauwerk ein.

Über die religiösen Zeremonien ist wenig bekannt, da die Riten, wenn überhaupt, nur mündlich überliefert sind und den frühen europäischen Besuchern weitgehend nicht zugänglich waren. Überliefert ist von Tahiti die Präsentation der Götterbildnissegenauer: toʻo, ein vom Menschen hergestelltes Objekt, zum Beispiel eine Holz- oder Steinfigur, als Nachahmung des Erscheinungsbildes des Gottes, die in regelmäßigen Abständen in aufwendigen Zeremonien gewaschen und neu mit Tapa bekleidet wurden. Auf einigen Marae fanden Menschenopfer statt, James Cook war 1774 Zeuge eines solchen Opferrituales auf Tahiti. Die Marae war aber ebenso der Ort für soziale Akte der Aristokratie wie Ratsversammlungen, rituelle Feste, Tänze und Rezitationen überlieferter Gesänge, Ausrufung des Krieges oder die Inauguration eines Stammeshäuptlings.Hans Nevermann: Götter der Südsee, Spemann-Verlag Stuttgart, 1947, S. 132 ff.

Die Polynesier respektieren die alten Zeremonialstätten noch heute. Es würde beispielsweise keinem Polynesier einfallen, einen Stein an der Marae zu verrücken oder Abfall liegenzulassen. Auf Rarotonga werden die mittlerweile demokratisch gewählten Stammesführer (ariki) ganz traditionell auch heute noch auf der Marae in ihr Amt eingeführt.

Spezifika der Inseln

Marquesas miniatur|rechts|Steinstatuen auf der Marae Takii, Hiva Oa, Marquesas Auf den Marquesas wird der Terminus meʻae für jeden heiligen Platz des Stammes benutzt. Auf Nuku Hiva und Ua Pou ist, wie auch auf der Osterinsel, die Bezeichnung ahu nicht nur für die Zeremonialplattform als Teil der Marae, sondern für die gesamte Anlage gebräuchlich.Um Irritationen auszuschließen wird im Folgenden durchgehend die Bezeichnung Marae benutzt. Die Marae der Marquesas lassen sich nach ihrer Zweckbestimmung in zwei Klassen einteilen: Marae für die Zeremonien des Stammes und Bestattungs-Marae. Die ersteren waren in den tohua, den zentralen Versammlungsplatz der Ansiedlung, integriert und als kunstvoll gebaute, nicht selten gestufte steinerne Plattformen angelegt. Als Eigentum der Stammeshäuptlinge dienten sie zur Ausrichtung der religiösen Zeremonien, die die großen Feste begleiteten. Nahrungsmittel wurden hier als Opfer oder Tribut präsentiert und bei einigen wichtigen Zeremonien gab es auch Menschenopfer. Manche Plattformen enthielten Gruben zur Aufbewahrung der Opferschädel. Auch heute noch sind die Anlagen oft von riesigen Banyanbäumen beschattet, in denen der Überlieferung nach die Geister wohnten.

Die Bestattungsmarae dienten der Präsentation der Leichname bedeutender Personen, die hier, in kostbare Tapa-Stücke gehüllt, bis zur Auflösung der Witterung ausgesetzt waren. Die verbleibenden Skelettteile wurden nach einiger Zeit zeremoniell gereinigt und in besonderen Begräbnishöhlen oder -gruben bestattet.

Auf den Plattformen – zumindest der bedeutenden Marae – standen Tikis, steinerne und wahrscheinlich auch hölzerne Abbilder der vergöttlichten, mythischen Vorfahren. Der größte erhaltene Marae der Marquesas, mit monumentalen, bis 2,5 m hohen Steintikis, liegt im Puamau-Tal auf der Insel Hiva Oa.

Tonga miniatur|Langi Taetaea, königliches Grab auf Tongatapu Auf Tongatapu, der Hauptinsel des Tonga-Archipeles, hat sich die Marae vollständig zu einer Grabstätte gewandelt und der Ahu zu einem steinverkleideten Grabhügel, eine Entwicklung, die etwa ab 1200 n. Chr. nachweisbar ist. Je nach gesellschaftlichem Rang des Bestatteten gibt es drei Formen:

tanuanga für die Angehörigen des einfachen Volkes, ein kleiner, niedriger Erd- oder Sandhügel faʻitoka für Häuptlinge, ein Tumulus aus Sand oder Erde mit einer innen liegenden, sorgfältig gesetzten Grabkammer aus Hausteinen langi für die Tuʻi Tonga, die Könige von Tonga.

Das königliche Begräbnisfeld liegt bei Lapaha (heute das Dorf Mua) im Osten der Insel. Die von einem Graben umgebene Anlage hatte ursprünglich die Funktion einer Festung, eines geschützten Wohnplatzes für den Tuʻi Tonga, entwickelte sich aber mit der Zeit zum geistig-politischen Zentrum des Königreiches.Patrick Vinton Kirch: The evolution of the Polynesian chiefdoms, Cambridge University Press, Cambridge (MA), 1996 Für die verstorbenen Herrscher errichtete man monumentale, oft mehrstufige steinerne Plattformen (langi), in denen der königliche Leichnam begraben wurde. Sie sind rechteckig und mit gewaltigen, bis zu 3 m hohen und 7,5 m langen Kalksteinplatten verkleidet, die aus dem naheliegenden Korallenriff geschnitten wurden. Der Höhepunkt der Entwicklung ist der dreistufige, vollständig in Stein ausgeführte Paepae-ʻo-teleʻa, der im 16. Jahrhundert für den 29. Tuʻi Tonga errichtet wurde.

Die Bestattung des königlichen Leichnams erfolgte in einer steinernen Kammer, direkt innerhalb der obersten Plattformebene. Über der Kammer errichtete man ein Totenhaus aus vergänglichen Materialien für die Bestattungszeremonien.

Gesellschaftsinseln miniatur|Marae im Arahurahu-Tal, Tahiti miniatur|Marae Fare Opu auf Bora Bora, eine Küsten-Marae Auf den Gesellschaftsinseln muss man unterscheiden zwischen den großen Küstenmarae, die unmittelbar am Meeressaum errichtet wurden (zum Beispiel die Marae Taputapuatea auf der Insel Raiatea) und den Binnenland-Marae (zum Beispiel die Marae Arahurahu auf Tahiti), die sich in den einstmals dicht besiedelten, steilen Tälern erhoben. Die Küstenmarae waren von nationaler Bedeutung und oft einer bestimmten Gottheit gewidmet, die Marae Taputapuatea zum Beispiel dem Kriegsgott Oro. Die Binnenlandmarae waren einem bestimmten Stamm oder Clan zugeordnet. Daneben gab es kleinere Marae (marae tupuna) – heilige Orte zur Verehrung der Vorfahren einer einzelnen Familie – sowie Marae für bestimmte Berufsgruppen, wie zum Beispiel: Fischer, Kanubauer oder Holzschnitzer.