Die Demokratische Republik Georgien (DRG; georgisch , Sakartvelos Demokratiuli Respublika) war die Erste Republik Georgiens und bestand von 1918 bis 1921. Sie wurde nach dem Zusammenbruch des Russischen Kaiserreiches in der Februarrevolution 1917 geschaffen.
Die Demokratische Republik Georgien grenzte im Norden an Russland und die Gebirgsrepublik des nördlichen Kaukasus, im Südwesten an die Südwest-Kaukasische Republik und an die Türkei, im Süden an die Demokratische Republik Armenien und an die Demokratische Republik Aserbaidschan. Ihr Staatsgebiet umfasste etwa 107.600 Quadratkilometer und hatte 2,5 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt war Tiflis und die Amtssprache Georgisch. Die DRG wurde am 26. Mai 1918 nach dem Auseinanderbrechen der Transkaukasischen Föderation proklamiert und von der menschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei geführt. Weil er ständig mit internen und äußeren Problemen zu kämpfen hatte, war der junge Staat nicht in der Lage, einer Invasion der sowjetrussischen Roten Armee zu widerstehen, und brach während der Monate Februar und März 1921 zusammen.
Vorgeschichte Nach der Februarrevolution 1917 und dem Zusammenbruch des Zarenregimes im Kaukasus setzte die provisorische russische Regierung ein Besonderes Transkaukasisches Komitee (, kurz Osakom) zur Verwaltung des Kaukasus ein. Es stützte sich auf die nach dem Vorbild des Petrograder Rates der Revolutionären Demokraten in Georgien gegründeten Räte, die fest in der Hand der Menschewisten war.
Die bolschewistische Oktoberrevolution änderte die Situation grundlegend. Die kaukasischen Sowjets weigerten sich, das Regime Lenins anzuerkennen. Die Bedrohung durch eine wachsende Zahl zu den Bolschewiki überlaufender Soldaten der früheren russischen Kaukasusarmee, ethnische Zusammenstöße und Anarchie in den Regionen zwangen die georgischen, armenischen und aserbaidschanischen Politiker, am 14. November 1917 eine einheitliche regionale Regierung, das Transkaukasische Kommissariat, zu schaffen. Am 23. Januar 1918 wurde ein regionales Parlament, der Sejm, gegründet. Er rief am 22. April 1918 die Unabhängigkeit Transkaukasiens und die Gründung der Transkaukasischen Föderation aus.
Die transkaukasische Unabhängigkeit wurde in Georgien zwiespältig aufgenommen. Viele waren von den Ideen Ilia Tschawtschawadses und der Nationalbewegung des späten 19. Jahrhunderts beeinflusst und bestanden auf einer eigenen Staatlichkeit. Sie fühlten sich durch die Wiederherstellung der Autokephalie der Georgischen Orthodoxen Kirche am 12. März 1917 und die Gründung der Staatlichen Universität Tiflis, der ersten eigenständigen georgischen Universität, 1918 bestärkt. Demgegenüber betrachteten Menschewisten die Unabhängigkeit von Russland als vorübergehenden Schritt gegen die Oktoberrevolution und verurteilten die Rufe nach einem georgischen Staat als chauvinistisch und separatistisch.
Der Transkaukasischen Föderation war nur ein kurzes Leben beschieden. Sie wurde von wachsenden inneren Spannungen und dem Druck des Osmanischen Reiches unterlaufen. Um Georgien vor einer türkischen Eroberung zu bewahren, nahm die georgische Nationalversammlung (georgisch Dampudsnebeli Kreba) Verhandlungen mit Deutschland auf, das bereit war, ein unabhängiges Georgien vor dem Zugriff des Osmanischen Reiches zu schützen. Als Gegenleistung verlangte Berlin Privilegien bei der Ausbeutung von Mangan und Kupfer sowie dem Erdöltransfer vom Kaspischen Meer. Die Reichsleitung hatte bereits 3000 deutsche Soldaten in Georgien stationiert, um die Belieferung der deutschen Schwerindustrie mit Rohstoffen zu sichern.
Kaiser Wilhelm II. plante 1918, einen von Deutschland protegierten Südostbund als antibolschewistisches Gebiet zwischen der Ukraine und dem Kaspischen Meer zu schaffen. Er sollte als Brücke nach Zentralasien zur Bedrohung der englischen Stellung in Indien fungieren. Deutsche Militärs, unter ihnen Erich Ludendorff, Erster Generalquartiermeister in der Obersten Heeresleitung (OHL), setzten auf einen unter deutschem Einfluss stehenden Kaukasusblock mit Georgien als Kern.
Existenzzeitraum Entstehung mini|300px|links|Unabhängigkeitserklärung Georgiens, Mai 1918
Am 26. Mai 1918 erklärte die Nationalversammlung Georgien als Demokratische Republik Georgien für unabhängig. Zwei Tage später erkannte Deutschland die georgische Republik als erster Staat an. Es folgten Rumänien, Argentinien, die Türkei. Sowjetrussland verzichtete in einem am 27. August 1918 in Berlin unterzeichneten Zusatzabkommen zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk auf Georgien.
mini|Original der Unabhängigkeitserklärung, Mai 1918
Präsident der Nationalversammlung war Nikolos Tschcheidse. Erster Premierminister Georgiens wurde der Sozialdemokrat Noe Ramischwili. Er stand einer Koalitionsregierung aus menschewistischen Sozialdemokraten, National-Demokraten und Sozial-Föderalisten vor. Seine Regierung trat im Vertrag von Batumi am 4. Juni hauptsächlich die von Muslimen bewohnten Regionen einschließlich der Städte Batumi, Ardahan, Artvin, Achalziche und Achalkalaki an das Osmanische Reich ab. Mit Hilfe deutscher Truppen unter dem Befehl General Friedrich Kreß von Kressensteins gelang es Georgien, eine Eroberung Abchasiens durch die Bolschewiki abzuwenden.
Nach der Kapitulation Deutschlands und dem Sieg der Alliierten im Ersten Weltkrieg wurden die deutschen Streitkräfte aus dem Kaukasus abgezogen. An ihre Stelle traten britische Armeeeinheiten. Georgiens Regierung wechselte ihre außenpolitische Orientierung, nutzte die Situation und besetzte verschiedene Regionen, die sie im Frühjahr an das Osmanische Reich verloren hatte. Das von Großbritannien besetzte Batumi wurde allerdings bis 1920 nicht von Georgien kontrolliert. Am 25. Dezember 1918 wurden auch in Tiflis britische Streitkräfte stationiert.
Georgiens Beziehungen zu seinen Nachbarstaaten waren schwierig. Es gab Territorialkonflikte mit Armenien, Aserbaidschan und der Weißen Armee General Anton Iwanowitsch Denikins. Mit Armenien und der Denikin-Armee kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Die britische Militärmission versuchte zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln, um alle antikommunistischen Kräfte in der Region zu vereinen.
Parlamentswahlen mini|Premierminister Noe Schordania
Artikel 1 des Gesetzes vom 22. November 1918 über die Wahlen zu gesetzgebenden Gremien, das das aktive und passive Frauenwahlrecht garantierte, wurde vom Nationalen Rat und dem Ministerrat angenommen.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press, Boulder CO u. a. 2000, ISBN 0-8133-6805-7, S. 143.
Am 14. Februar 1919 wurden in Georgien Parlamentswahlen abgehalten. Alle Männer und Frauen über 20 Jahren konnten in freier und geheimer Wahl ihre Stimme abgeben. Sie votierten mit überwältigender Mehrheit für die Sozialdemokraten. Ihre Partei errang 81,5 % der Stimmen (408.541 Wähler). Für die Sozialföderalisten entschieden sich 6,7 % (33.630 Wähler), für die National-Demokraten 6,0 % (30.128 Wähler), für die Sozialrevolutionäre 4,28 (21.453 Wähler), für die Radikalen 0,61 % (3107 Wähler) und für die armenische Daschnak-Partei 0,46 % (2353 Wähler). Andere Parteien konnten insgesamt lediglich 0,39 % der Stimmen (2000 Wähler) auf sich vereinigen.
Die Verfassung vom 21. Februar 1921 bestätigte das Frauenwahlrecht in Artikel 4.
Am 21. März bildete der Vorsitzende der Sozialdemokraten Noe Schordania eine neue Regierung. Wegen wirtschaftlicher, ethnischer und sozialer Spannungen und wegen des Fehlens einer modernen Agrarreform kam es zu bewaffneten Bauernaufständen und ethnischen Konflikten in Abchasien und insbesondere Südossetien (siehe Georgisch-Südossetischer Konflikt (1918–1920)). Sie wurden von bolschewistischen Kräften ausgenutzt und von Sowjetrussland unterstützt.
Reformen Der menschewistischen Regierung gelang es schließlich, eine Agrarreform und eine umfassende Sozialgesetzgebung durchzusetzen. Sie führte den Acht-Stunden-Tag ein, ging hart gegen bolschewistische und separatistische Bewegungen vor. 1919 wurde das Justizsystem reformiert und die regionale Selbstverwaltung ausgebaut. Abchasien wurde staatliche Autonomie gewährt. Am 21. Februar 1921 verabschiedete die Nationalversammlung Georgiens erste Verfassung nach dem Vorbild der Schweiz. Trotzdem prägte ein rivalisierender Nationalismus das Land. Er trat vor allem 1920 in Südossetien zu Tage. Verschiedene Zeitgenossen beobachteten einen wachsenden Nationalismus auch unter den Menschewiken.
Sowjetischer Druck Im Jahre 1920 wuchs der Druck Sowjetrusslands auf Georgien. Nach dem Sieg der Roten Armee über die Weiße Armee und ihrem Vorrücken auf die Grenzen im Kaukasus wurde die Lage der Demokratischen Republik Georgien sehr angespannt. Im Januar bot die sowjetische Regierung Georgien, Armenien und Aserbaidschan ein Militärbündnis gegen die Weißen Armeen in Südrussland und im Kaukasus an. Die georgische Regierung lehnte es ab, dem Bündnis beizutreten. Sie verwies auf ihre Politik der Neutralität und Nichteinmischung, schlug aber vor, Verhandlungen über die Regelung der Beziehungen zwischen beiden Ländern aufzunehmen, weil sie hoffte, das werde schließlich zur Anerkennung der georgischen Unabhängigkeit durch Moskau führen. Die russische Führung reagierte mit harscher Kritik auf die Ablehnung und die einheimischen Kommunisten versuchten, verschiedene Massenproteste gegen die Regierung zu organisieren, hatten jedoch keinen Erfolg.
Interventionsversuche Im April 1920 etablierte die 11. Armee der Roten Arbeiter- und Bauernarmee das sowjetische Regime in Aserbaidschan und der Vorsitzende des Kaukasischen Büros der Russischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki), Sergo Ordschonikidse, bat Moskau um Erlaubnis, nach Georgien vorrücken zu dürfen. Obgleich es keine offizielle Zustimmung von Lenin und der sowjetischen Führung gab, versuchten einheimische Bolschewiki am 3. Mai 1920 die Tiflisser Militärschule zu erobern. Sie wurden jedoch von den Kadetten der Schule unter dem Kommando von General Giorgi Kwinitadse zurückgeschlagen. Die georgische Regierung mobilisierte ihre Armee und ernannte Kwinitadse zum Oberkommandierenden. Währenddessen versuchten sowjetische Streitkräfte auf georgisches Staatsgebiet vorzudringen. Offiziell war es die Antwort auf eine angebliche Unterstützung aserbaidschanischer Rebellen gegen die Sowjetmacht in Gäncä. Die Stoßtrupps konnten von Kwinitadse nach Scharmützeln an der Roten Brücke zurückgeworfen werden. Nach wenigen Tagen wurden Friedensgespräche in Moskau aufgenommen.
Internationale Anerkennung Im Moskauer Friedensvertrag vom 7. Mai 1920 wurde Georgiens Unabhängigkeit anerkannt. Die georgische Regierung erlaubte den bolschewistischen Organisationen im Gegenzug eine freie Betätigung und garantierte Sowjetrussland, keine ausländischen Truppen auf georgischem Boden zu dulden. Obgleich Georgien eine Mitgliedschaft im Völkerbund zunächst verwehrt wurde, wurde es am 27. Januar 1921 von den Alliierten des Ersten Weltkriegs völkerrechtlich anerkannt.
Das schützte das Land jedoch nicht, nur einen Monat später von Sowjetrussland angegriffen zu werden. Nachdem auch Armenien 1920 von der Roten Armee besetzt worden war, war Georgien nach Norden, Osten und Süden von politisch feindseligen Sowjetrepubliken umgeben. Großbritannien hatte sich aus dem Kaukasus zurückgezogen und Georgien konnte nicht auf auswärtige Hilfe zählen.