Vermögen (, ) ist ein zentraler Begriff der antiken, insbesondere der aristotelischen Philosophie.siehe den Gegenbegriff bzw. spät Als Vermögen bezeichnet Aristoteles die Eigenschaft einer Substanz, in sich selbst oder in etwas anderem eine bestimmte Art von Veränderung herbeiführen zu können oder zu ermöglichen. Dabei geht es darum, dass durch die Veränderung, falls sie eintritt, etwas Neues erzeugt wird und damit in die Existenz zu treten „vermag“ (daher „Vermögen“). Damit wird etwas zur Wirklichkeit, was zuvor nur potenziell – als bloße Möglichkeit – existiert hat. Im Sinne der von Aristoteles vorgenommenen Unterscheidung von Akt und Potenz ist das Vermögen die Potenz – die Möglichkeit des Daseins – im Gegensatz zum Akt (), der Verwirklichung.

Je nach der Art der bewirkten Veränderung unterscheidet man zwischen verschiedenen Vermögen. Besonders bedeutsam sind für die aristotelische Lehre und Tradition die psychischen Vermögen. Sie sind Gegenstand der Vermögenspsychologie, einer philosophischen Darstellung und Deutung psychischer Phänomene, die an die aristotelische Seelenlehre anknüpft. In der Vermögenspsychologie versteht man unter „Vermögen“ eine Fähigkeit oder Kraft, die der Seele oder dem Psychischen zugeschrieben wird. Die moderne Psychologie hat jedoch den Begriff des seelischen Vermögens im Sinne einer eigenständigen Elementarkraft als unzweckmäßig aufgegeben. In der neueren Psychologie spricht man stattdessen von Disposition.Klaus Sachs-Hombach: Vermögen; Vermögenspsychologie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 11, Basel 2001, Sp. 728–731.

Als Eigenschaft eines Dings weist ein Vermögen die Besonderheit auf, im Unterschied zu anderen Eigenschaften grundsätzlich unbeobachtbar zu sein. Wahrnehmbar ist nur das Eintreten der ihm zugeschriebenen Wirkung, nicht das Vorhandensein des Vermögens selbst. Daher wird oft bestritten, dass der Begriff „Vermögen“ zur Erklärung von Kausalzusammenhängen geeignet ist. Kritiker meinen, dieser Begriff diene nur als provisorische Bezeichnung für ein Glied in einer noch nicht durchschauten Kausalkette.Stefan Heßbrüggen-Walter: Vermögen. In: Petra Kolmer, Armin G. Wildfeuer (Hrsg.): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band 3, Freiburg 2011, S. 2321–2333, hier: 2321.

Vorsokratiker Den Ausgangspunkt der antiken Vermögens- und Möglichkeitskonzepte bildet der vorphilosophische Begriff dynamis. Bei den Vorsokratikern bezeichnet dieser Ausdruck das Vermögen, etwas zu bewirken oder zu erleiden. In diesem Sinn nennt Thales die göttliche bewegende Kraft, die nach seiner Vorstellung den Urstoff Wasser durchdringt, dynamis. Parmenides fasst Licht und Finsternis als zwei komplementäre Prinzipien und Wirkkräfte auf, auf die er die Welt der Erscheinungen zurückführt; sie sind „nach ihren Vermögen“ in allen Dingen als bestimmende Faktoren gegeben. In der Zahlenlehre der Pythagoreer wird der Ausdruck verwendet, um ein in bestimmten Zahlen steckendes Vermögen zu bezeichnen. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Tetraktys (Vierheit, Vierergruppe): Die Zahl Vier enthält die Zehn „nach Vermögen“, weil die ersten vier Zahlen addiert zehn ergeben. Dank diesem Vermögen „erzeugt“ die Vier die Zehn.Horst Seidl: Möglichkeit. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6, Basel 1984, Sp. 72–92, hier: 74.

Platon Bei Platon hat dynamis die Hauptbedeutung eines aktiven Vermögens oder einer Fähigkeit mit der Konnotation von Kraft oder Macht. Im Dialog Politeia bestimmt er dynamis als „eine Gattung des Seienden, dank der sowohl wir das vermögen, was wir vermögen, als auch jedes andere, was irgend etwas vermag“. Als Beispiele nennt er den Gesichtssinn und das Gehör.Platon, Politeia 477c. Das Wissen oder die Erkenntnis (Episteme) bezeichnet er im Vergleich zur Meinung (dóxa) als das höchste oder stärkste aller Vermögen.Platon, Politeia 477e.

In Platons Ethik erscheint die dynamis als Fähigkeit der Seele. Sie ist das Vermögen, das seinem Träger die willensgesteuerte Tätigkeit ermöglicht, die ausgeführt wird, soweit die äußeren Umstände dies gestatten. So wird im Dialog Hippias minor eine Definition von „vermögend“ (dynatós) gegeben: Vermögend ist „jeder, der das, was er will, dann tut, wann er es will“. Beispielsweise kann Hippias den Namen des Sokrates schreiben, wann immer er will, und wer fähig ist, die Wahrheit zu sagen, kann auch bewusst lügen.Platon, Hippias minor 366b–c. Somit liegt in der generellen Verfügbarkeit des Vermögens eine Ambivalenz. Diese wird aber von Platon in der Tugendlehre insofern aufgehoben, als nach einem sokratischen Grundsatz niemand vorsätzlich etwas Schlechtes tut. Schlechtes – das heißt hier ungerechtes – Handeln ist immer das Resultat von Unwissenheit und Unfähigkeit. Das Wissen ist eine zureichende Bedingung für gutes Handeln. Die Möglichkeit, schlecht zu handeln, besteht für den Wissenden somit nur gedanklich, nicht praktisch, da er ein solches Handeln nicht wollen kann.Jörn Müller: Vermögen/Möglichkeit (dynamis). In: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Darmstadt 2007, S. 304–306, hier: 304.

Neben dem aktiven Vermögen kennt Platon auch ein passives, etwa die Fähigkeit der Sinnesobjekte, wahrgenommen zu werden, oder der platonischen Ideen, erkannt zu werden. In der Politeia wird das Licht als das „edlere Band“ gewürdigt, durch das „der Sinn des Sehens und das Vermögen des Gesehenwerdens miteinander verknüpft“ sind.Platon, Politeia 507e–508a.

Aristoteles Nach dem aristotelischen Verständnis existiert etwas in der Seinsweise der Möglichkeit, wenn es als potenziell Seiendes von seiner Verwirklichung her gedacht wird, die der Möglichkeit die Richtung ihrer Bewegung vorgibt. Beispielsweise ist eine Schnitzerei in dem Stück Holz, aus dem sie angefertigt wird, „der Möglichkeit nach“ enthalten.Thomas Schirren: dynamis. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002, S. 117 f., hier: 118.

Für Aristoteles entspricht jedem aktiven Vermögen desjenigen, der eine bestimmte Veränderung bewirken kann, ein passives Vermögen des Dings, in dem diese Veränderung stattfinden kann. Das Objekt hat die Fähigkeit, die Veränderung zu erleiden. Ein aktives Vermögen ist beispielsweise die Fähigkeit eines Baumeisters, bestimmte Baumaterialien so zu verändern, dass aus ihnen ein Haus wird. Dem entspricht das passive Vermögen der Materialien, sich auf solche Weise bearbeiten zu lassen. Jedes aktive Vermögen ist zielgerichtet und auf seine Verwirklichung hin angelegt. In der Biologie ist zu beobachten, dass ein fortpflanzungsfähiges Lebewesen einen Samen hervorbringt, der ein Vermittler der „Form“ – der Gestalt und Beschaffenheit – der betreffenden Art ist; im Samen ist das neue Lebewesen der Möglichkeit nach enthalten, seine künftige Gestalt ist durch den Samen festgelegt. Die Fähigkeit, sich fortzupflanzen, ist ein aktives Vermögen, das den verschiedenen Arten von Lebewesen gemeinsam ist. Es hat seine Entsprechung in der passiven Formbarkeit der belebten Materie.Hermann Weidemann: dynamis / Vermögen, Möglichkeit. In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles-Lexikon. Stuttgart 2005, S. 139–144, hier: 140; Thomas Schirren: dynamis. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002, S. 117 f., hier: 118.

Ferner unterschied Aristoteles zwischen vernunftlosen und vernunftgebundenen Vermögen. Vernunftlos ist beispielsweise die Fähigkeit des Feuers, etwas zu erwärmen. Ein solches Vermögen kann immer nur eine von zwei gegenteiligen Wirkungen auslösen; das Feuer kann nicht ein Objekt abkühlen. Das vernunftgebundene Vermögen hingegen ist dadurch gekennzeichnet, dass es seinen Inhaber befähigt, sowohl eine bestimmte Wirkung als auch deren konträres Gegenteil zu erzeugen. Beispielsweise hat ein Arzt das Vermögen, einen Patienten sowohl zu heilen als auch krank zu machen.Hermann Weidemann: dynamis / Vermögen, Möglichkeit. In: Otfried Höffe (Hrsg.): Aristoteles-Lexikon. Stuttgart 2005, S. 139–144, hier: 140 f.; Matthias Haase: Vermögen. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Band 3, Hamburg 2010, S. 2891–2893, hier: 2893.

Scholastik In der Anthropologie der spätmittelalterlichen Scholastik wurde die aristotelische Lehre von den Seelenvermögen (lateinisch potentiae animae) übernommen und weiter ausgebaut, aber auch kritisch erörtert. Man unterschied zwischen den allen irdischen Lebewesen gemeinsamen vegetativen Seelenvermögen (Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung), den sensitiven Vermögen der „Sinnenwesen“ Tier und Mensch (darunter Schlafen, Wahrnehmen, örtliche Bewegung) und den intellektiven, dem Menschen vorbehaltenen Vermögen der Vernunftseele.Theodor W. Köhler: Grundlagen des philosophisch-anthropologischen Diskurses im dreizehnten Jahrhundert. Leiden 2000, S. 291–294, 329–331. Kontrovers diskutiert wurde in der Scholastik bis in die Frühe Neuzeit die Frage, ob die Vermögen reale Eigenschaften der Seelensubstanz und von ihr dem Sein nach verschieden sind, wie Thomas von Aquin meinte („realistische“ Position), oder ob sie nur auf der begrifflichen Ebene unterschieden werden, ohne dass diesen Begriffen etwas Reales entspricht.Stefan Heßbrüggen-Walter: Vermögen. In: Petra Kolmer, Armin G. Wildfeuer (Hrsg.): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band 3, Freiburg 2011, S. 2321–2333, hier: 2325.

Neuzeitliche Philosophie In der Frühen Neuzeit setzte Kritik an den philosophischen Erklärungen durch Vermögen ein. Sie gerieten in den Verdacht, leer zu sein. So machte sich 1673 Molière in seiner Komödie Der eingebildete Kranke mit einem Witz darüber lustig: Ein Medizinstudent erklärt die einschläfernde Wirkung des Opiums mit der Feststellung, dieser Stoff weise ein „einschläferndes Vermögen“ (virtus dormativa) auf. Gegen die „realistische“ Begriffsverwendung wandte sich René Descartes. Er räumte zwar ein, dass der als Substanz aufgefasste menschliche Geist (mens) verschiedene Vermögen (facultates) aufweise, betonte aber, dass diese keine Teile des Geistes seien. Die seelischen Zustände und Akte gingen von der ganzen Seele aus, sie seien keine Verwirklichungen einzelner untereinander und von der Substanz real unterschiedener Vermögen. David Hume konstatierte, dem Begriff des Vermögens entspreche nichts in der Realität.Matthias Haase: Vermögen. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Band 3, Hamburg 2010, S. 2891–2893, hier: 2891 f.; Stefan Heßbrüggen-Walter: Vermögen. In: Petra Kolmer, Armin G. Wildfeuer (Hrsg.): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band 3, Freiburg 2011, S. 2321–2333, hier: 2325 f.

Im 18. Jahrhundert wurden Vermögen vor allem hinsichtlich der Seele und in Anknüpfung an Aristoteles erörtert. Unterschiedlich beantwortet wurde die Frage, ob für jede seelische Veränderung, die sich auf einen neuen Gegenstand bezieht, ein entsprechendes Vermögen angenommen werden muss oder ob die Seelenvermögen einander so ähnlich sind, dass ein einziges Vermögen der Seele „zu allem“ anzunehmen ist.Stefan Heßbrüggen-Walter: Vermögen. In: Marcus Willaschek u. a. (Hrsg.): Kant-Lexikon. Band 3, Berlin 2015, S. 2481–2484, hier: 2482; Stefan Heßbrüggen-Walter: Vermögen. In: Petra Kolmer, Armin G. Wildfeuer (Hrsg.): Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Band 3, Freiburg 2011, S. 2321–2333, hier: 2326.