mini|Wappen des „Giacomo Tiepolo“, frühes 17. Jahrhundert Jacopo Tiepolo, auch Giacomo Tiepolo (* kurz vor 1170; † 19. Juli 1249), war von seiner Wahl am 6. März 1229 bis in den Mai 1249, als er von seinem Amt zurücktrat, Doge von Venedig. Er galt der staatlich gesteuerten venezianischen Geschichtsschreibung als der 43. Doge, doch gilt diese, häufig als Tradition bezeichnete Konvention als widerlegt, wie viele ihrer Behauptungen.

Jacopo Tiepolo gehörte einer Aufsteigerfamilie aus den Kreisen der vermögenden Fernhändler an. Dementsprechend verlagerte er als Doge den Schwerpunkt seiner Politik auf das östliche Mittelmeer und die Adria. Eine Reihe weiterer Händlerfamilien stieg in die herrschende Schicht Venedigs auf, die sich noch wenig gegen Aufsteiger abzuschotten begonnen hatte. Tiepolos persönlicher Aufstieg erfolgte durch die Übernahme höchster Staatsämter, etwa die eines Duca di Candia, einer Art temporärer Statthalterschaft auf Kreta, das für beinahe ein halbes Jahrtausend Venedigs wichtigste Kolonie wurde. Während seiner Herrschaft wurden die seit 1203/1204 erfolgten Eroberungen im Zuge des Vierten Kreuzzuges und die vertraglich zugesicherten Teile des Byzantinischen Reiches diplomatisch und militärisch gesichert, aber auch die Verhältnisse zu den angrenzenden Staaten vertraglich abgesichert; letzteres erfolgte bereits vor Tiepolos Dogat, als er Vorsteher der einflussreichen venezianischen Kolonie in Konstantinopel war.

Die am Ende durch Los entschiedene Wahl zum Dogen führte innenpolitisch zu einer lang anhaltenden Gegnerschaft zu den unterlegenen Dandolo. Umfassende Reformen betrafen die Verfassung Venedigs, denn den großen Ratsgremien, allen voran dem Großen und dem Kleinen Rat, aber auch dem später als Senat bezeichneten Gremium, das zunächst vorrangig für Handelsfragen zuständig war, kamen zentrale Entscheidungsbefugnisse zu. Auch das für Venedig so bedeutende Seerecht erhielt neue Regelungen.

Tiepolo förderte die Orden der Franziskaner und Dominikaner, die eine Reihe von bedeutenden Kirchen und Klöstern errichteten. Im Kampf zwischen Ghibellinen und Guelfen hielt sich Venedig besonders in den Jahren 1232 bis 1245 auf der päpstlichen Seite, schloss jedoch gegen den Willen Jacopo Tiepolos einen Separatfrieden mit Kaiser Friedrich II. Wie sein Vorgänger trat er noch zu Lebzeiten von seinem Amt zurück.

Herkunft und Familie mini|Das Lateinische Kaiserreich und seine Nachbarstaaten um 1212 Jacopo war der Sohn eines Pietro, der in der Gemeinde San Ermagora lebte. Der Name seiner Mutter ist nicht überliefert. Wahrscheinlich wurde er kurz vor 1170 geboren, denn 1190 taucht er erstmals in den Quellen auf, nämlich als junger Händler, der sich auf der Strecke nach Konstantinopel betätigte. Einer seiner Finanziers war der Conte von Arbe und spätere Doge Pietro Ziani.

Die Familie Tiepolo gehörte zu den so genannten „populares“, deren Angehörige seit etwa einem Jahrhundert im Handel tätig waren. Doch bis zur Zeit Jacopo Tiepolos waren sie im politischen Leben der Stadt nie aufgetreten und hatten auch keines der entsprechenden Ämter bekleidet. Dies änderte sich Anfang des 13. Jahrhunderts. Spätestens 1205 begann sein steiler politischer Aufstieg; in diesem Jahr gehörte Jacopo zu den 40 Elektoren, die sich am Schluss des komplizierten Wahlverfahrens für Pietro Ziani als Doge entschieden.

Aus der Familie gingen zwei Dogen hervor. Enkel Jacopos war Baiamonte Tiepolo, dessen Name mit einem der äußerst seltenen Umsturzversuche in der Löwenrepublik verknüpft ist.

Jacopo Tiepolo war in erster Ehe mit Maria Storlado verheiratet, die irgendwann vor 1242 starb.So nimmt Francesco Zanotto im ersten Band seiner Storia della repubblica di Venezia, Grimaldo, 1864, das Jahr 1240 an (S. 271). In zweiter Ehe heiratete er Valdrada aus dem normannischen Hause Hauteville, eine Tochter des Königs Tankred von Sizilien (1189–1194), und Schwester der Constanze, die seinen Vorgänger im Dogenamt geheiratet hatte. Tiepolo hatte außer einer Tochter noch vier Söhne, die alle wichtige Ämter in der Republik Venedig bekleideten. Sein Sohn Lorenzo Tiepolo wurde 1268 zum Dogen gewählt.

Leben Aufstieg Meuterei (1196), Dogenwähler (1205), Duca di Candia – Statthalter auf Kreta (1209–1214) 1196 erschien Jacopo Tiepolo in Abydos an den Dardanellen. Er gehörte einer Flotte an, deren Mannschaften meuterten, und die sich weigerten, in die Mutterstadt zurückzukehren, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen.

Nachdem er 1205 einer der 40 Dogenwähler gewesen war, erschien er 1207 als iudex, dann 1209 als Duca di Candia, einer Art Statthalter auf der Insel Kreta. Dabei handelte es sich um einen äußerst schwierigen Posten, denn die griechische Bevölkerung des im Zuge des Vierten Kreuzzuges an Venedig gelangten Kreta wehrte sich gegen die Besetzung der Insel. Dabei fand sie Unterstützung bei genuesischen Piraten. Jacopo Tiepolo gelang es trotz einer Kriegsflotte, die 1211 nach Kreta aufbrach, nicht, den Aufstand zu unterdrücken. So sah er sich gezwungen, den Abenteurer Marco Sanudo, der sich auf den Kykladen ein eigenes Seereich erobert hatte, um Unterstützung zu bitten. Diesem gelang zwar die Unterdrückung des Aufstands, doch nun versuchte er seinerseits, die große Insel seinem eigenen Reich anzuschließen. Jacopo Tiepolo erreichte auf dem Verhandlungswege im Jahr 1213, dass Sanudo auf seinen Anspruch verzichtete. So konnte der Duca erst 1214 nach Venedig zurückkehren – eine ungewöhnlich lange Amtsdauer.

Podestà in Konstantinopel (1218–1220): Verträge mit Griechen und Seldschuken mini|Griechenland und die Inseln der Ägäis um 1210 1218 wurde er für zwei Jahre Podestà der in Konstantinopel ansässigen Venezianer. Auch dies war eine Machtposition, die erhebliche Durchsetzungskraft erforderte. Ihm gelang es, gegenüber der dortigen großen Venezianergemeinde ein zentrales System der Kontrolle und Steuerung ihrer Mitglieder, aber auch ihrer Anlagewerte durchzusetzen. Dies sicherte für Venedig einen stabilen Zustrom von Einnahmen.David Jacoby: The Expansion of Venetian Government in the Eastern Mediterranean until the late Thirteenth Century, in: Gherardo Ortalli, Oliver Jens Schmitt, Ermanno Orlando (Hrsg.): Il Commonwealth Veneziano Tra 1204 e la Fine Della Repubblica, Identità e Peculiarità, Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, Venedig 2015, S. 73–106, hier: S. 85.

Der hohe Grad seiner Autonomie erwies sich, als er im August 1219 in eigenem Namen einen Vertrag mit Theodor I. Laskaris, dem Kaiser von Nikaia abschloss. Er hatte also mit einem der schärfsten Gegner des von Venedig mitgegründeten Lateinischen Kaiserreiches unterhandelt. Im März 1220 schloss er darüber hinaus einen Vertrag mit Kai Kobad I., dem Sultan der Seldschuken. Mit den beiden Abmachungen, die nicht der Ratifizierung durch die Mutterstadt bedurften, war für Venedigs Händler der kleinasiatische Handel offen. Er selbst bezeichnete sich in beiden Fällen als ‚Despot des Römerreiches und Dominator des vierten Teiles und der Hälfte des Kaiserreichs‘.Urkunden zur älteren Handels- und Staatsgeschichte der Republik Venedig, 1856, II, S. 205 f., 221. Dieser Titel stand eigentlich nur dem Dogen zu.

Auch in anderer Hinsicht agierte er auf der obersten politischen Ebene. Gemeinsam mit dem Regenten Conon de Béthune, von dem er Garantien für die Venezianer erhielt, spielte er eine zentrale Rolle nach dem Tod der Kaiserin Jolante von Flandern im September 1219. In einem Brief an den Dogen vom Dezember 1219 unterrichtete Tiepolo ausführlich über die Vorgänge der letzten sechs Monate in der Hauptstadt.

Rom (1221, 1223): Verhandlungen um kirchliche Dominanz in Konstantinopel, Podestà von Treviso Nach dem Ende seines Mandats befand er sich im Januar 1221 in Rom. Er war einer der Zeugen in der Verzichtsurkunde des neuen lateinischen Patriarchen von Konstantinopel, Matthaeus, in der der Patriarch von seinen Jurisdiktionsforderungen über die kirchlichen Einrichtungen Venedigs im Lateinischen Kaiserreich zurücktrat. Sie verblieben beim Patriarchen von Grado, der zugleich Oberhaupt der Bistümer im venezianischen Herrschaftsbereich war, dem Dogat.

In der zweiten Jahreshälfte 1221 war Tiepolo Podestà von Treviso. In dieser Funktion sah er sich gezwungen, einen Vertrag mit dem Patriarchen Bertold V. von Aquileia abzuschließen, der Treviso militärisch angegriffen hatte. Anfang 1223 war er als Gesandter bei Papst Honorius III., um die Rücknahme einiger kirchlicher Sanktionen gegen venezianische Händler im Lateinischen Kaiserreich zu bewirken.

Erneut Podestà in Konstantinopel (1223), Rom (1227), Podestà von Treviso (1227) Im Herbst 1223 trat Tiepolo, entgegen den Gebräuchen, zum zweiten Mal das Mandat eines Podestà in Konstantinopel an. Wieder gelang es ihm, einen Vertrag auszuhandeln, diesmal im Februar 1224 mit Kaiser Robert de Courteneay. Darin wurde nicht nur die Dominanz der venezianischen Händler im Kaiserreich gefestigt, sondern die westlichen Händler wurden den Venezianern untergeordnet.

1227 war er erneut in diplomatischer Mission in Rom, noch im selben Jahr wurde er zum zweiten Mal Podestà von Treviso.

Dogenwahl durch Los gegen Marino Dandolo (1229) 1228 hatte Tiepolo einen Sitz im sechsköpfigen Kleinen Rat, womit er zum innersten Kreis der Macht zählte. Als Pietro Ziani im Februar 1229 zurücktrat, galt er als Favorit für dessen Nachfolge. Die 40 Elektoren waren jedoch uneins, so dass 20 von ihnen für Tiepolo, die anderen 20 aber für Marino Dandolo votierten, den Sohn des Enrico Dandolo. Auch bei der zweiten Abstimmung kam es zu einem Patt. Tiepolo wurde nun durch Los am 6. März 1229 zum Dogen bestimmt.Ester Pastorello (Hrsg.): Andreae Danduli ducis Venetiarum Chronica, S. 291 f. Nach dieser uneindeutigen Wahl wurde die Zahl der Elektoren von 40 auf 41 erhöht, um für die Zukunft ein Patt zu vermeiden.

Das Dogenamt Innen- und Kirchenpolitik mini|Karte der Inseln Venedigs im 13./14. Jahrhundert Die durch Los entschiedene Wahl war eine der Ursachen für fortdauernde Spannungen zwischen den Familien Dandolo und Tiepolo. Unmut erregte auch seine Politik, seine Söhne mit wichtigen Ämtern zu versorgen, da jede Form des Nepotismus in der Republik abgelehnt wurde und Ämterpatronage innerhalb der Familie in der Promissio des Dogen ausdrücklich verboten war. Auch die Dogaressa setzte sich über die beeidete promissio hinweg, indem sie Geschenke annahm und in der Nähe Konstantinopels eigene Schlösser erwarb.

Die zwei Jahrzehnte der Herrschaft Jacopo Tiepolos sind, wie die seines Vorgängers, von langfristigen Reformen gekennzeichnet. Außerdem wurde vor allem die Gruppe der herrschenden Familien erheblich vergrößert, die nun nicht mehr ausschließlich aus den seit Jahrhunderten mit dem Machtapparat vertrauten Familien bestand, oder der Gruppe der in den letzten Jahrzehnten zu enormen Vermögen gelangten, sondern es stiegen nun auch diejenigen Händler auf, die sich im Fernhandel mit der Levante betätigten. Dieser Gruppe gehörte auch der Doge selbst an.

Außerdem gewannen die Ratsgremien aller führenden Familien, allen voran der Große Rat, immer umfassenderen Einfluss. Darüber hinaus entstand mit dem Consilium Pregatorum, der später Senat genannt wurde, ein zunächst vornehmlich mit Handelsfragen beschäftigtes Gremium. Die Pregati erlangten in den nächsten Jahrzehnten wachsenden Einfluss, während der Große Rat immer mehr zu einer Wahlmaschinerie für die wesentlichen Ämter wurde. Der Kleine Rat blieb so lange von zentraler Bedeutung, wie das Dogenamt noch nicht seiner unmittelbaren politischen Wirksamkeit entkleidet war. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde in Venedig ein ausgeklügeltes Gleichgewicht der Macht zwischen den verschiedenen Gremien der Gesetzgebung, der Rechtsprechung und der Verwaltung, verbunden mit einem System gegenseitiger Kontrolle, erreicht, wodurch es zu der außerordentlichen Beständigkeit und Stabilität der Löwenrepublik kam.