Leop. Krawinkel war ein Unternehmen der Textilindustrie im heutigen Oberbergischen Kreis. Es wurde 1806 in Bergneustadt von Johann Leopold Krawinkel gegründet und 1980 geschlossen. Die Unternehmensführung hatte sich bereits ab 1971 in anderen Tätigkeitsfeldern etabliert.

Familienunternehmen Die Familie Krawinkel spielte eine wichtige Rolle bei der textilindustriellen Entwicklung im Oberbergischen. Sie entwickelte Verbindungen über Hamburg hinaus nach London und Manchester, nach Istanbul, über Tsingtau nach Shanghai in China und in Afrika bis nach Kapstadt.

Die Familie Krawinkel stammt ursprünglich aus „Krahwinkel“ südlich von Waldbröl; dort erinnert noch heute die „Krahwinkelstraße“ an die alten Hofbezeichnungen. Die Familie ist nach den Kirchenbüchern von Odenspiel etwa von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts im „Eigen von Eckenhagen“ nachgewiesen. Wegen der unsicheren Zeitläufe mit kriegerischen Auseinandersetzungen siedelte die Familie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in die sichere und befestigte, damals märkische Neustadt über.

Hervorzuheben sind der Johann Leopold Krawinkel als Unternehmensgründer und sein Sohn Moritz Leopold Krawinkel, der die Grundlage zur späteren Größe des Unternehmens schuf.

Erste Generation: Leopold Krawinkel Johann Leopold Krawinkel und Regine Köster heirateten am 14. Dezember 1806. Bereits am 15. Dezember 1806 begann die gemeinsame Arbeit, nicht nur für den eigenen Hausstand, sondern auch für den Lebensunterhalt der Eltern und der Geschwister Leopolds. Im kleinen Krawinkel-Haus standen in der Küche nicht nur der Herd und der Esstisch, sondern auch das Spinnrad zum Verspinnen von Wolle, die Haspel für das Zwirnen und ein Wirkstuhl, den der Vater Regines leihweise zur Verfügung gestellt hatte. Dort wurden Strümpfe, Zipfelmützen und Unterjacken gewirkt. Auch ein Bottich zum Walken und hölzerne Formen zum Aufspannen und Trocknen der gewalkten Ware mussten noch Platz finden.

Alle Wirker in Neustadt und Umgebung arbeiteten im Verlagssystem, bei dem Wirkstühle bei den kleinbäuerlichen Heimwirkern in der Nachbarschaft aufgestellt waren. So gelang es auch Leopold und Regine mit ihrer Arbeit das Geschäft aus kleinsten Anfängen zu entwickeln und nach und nach den einen oder anderen Wirkstuhl anzuschaffen und in der Nachbarschaft arbeiten zu lassen.

Die wichtigsten Kunden waren die Gemischtwarengeschäfte, in denen der Bevölkerung nicht nur Saatgut und Geräte, sondern auch Kleidungsstücke angeboten wurden. Die derbe Ware fand Absatz in der Hauptsache im Rheinland und in Westfalen. Neustädter Kinder-, Frauen- und Mannsstrümpfe, Mützen und Kamisole wurden über das Siegerland bis nach Köln, Bonn, Linz und Andernach verkauft.

Die verschiedenen Wirker in Neustadt und Umgebung standen in einem lebhaften Wettbewerb untereinander. Sie halfen sich auch gegenseitig aus, wenn einer einen größeren Auftrag ergatterte, als er ihn im Grunde bewältigen konnte. Die Zahl der in Neustadt in Betrieb befindlichen Wirkstühle stieg von 40 im Jahre 1818 auf 138 im Jahre 1828.

Zweite Generation: Moritz Krawinkel Nach Eintritt des Schwagers Christian Müller in das Geschäft, war es Moritz Leopold Krawinkel als kaufmännischem Leiter möglich, seine Arbeitskraft auf Einkauf und Verkauf zu konzentrieren.

Auf den Verkaufsreisen entdeckte Moritz im Hessischen feinere Wirkstühle und modernisierte seinen Betrieb durch Anschaffung solcher neuen Konstruktionen. Das erste größere Gebäude entstand im Börlhof an der Köln-Olper Straße, ein größeres Fachwerkhaus im bergischen Wohnstil mit Schieferbedachung. 1848, sechs Jahre nach dem Tod von Leopold Krawinkel, erreichte das Geschäft mit Strümpfen aus Wolle einen Höhepunkt. Als dieser vorüber war, bevorzugte die Mode die neu aufgekommenen Strümpfe aus Baumwollgarnen. Moritz behalf sich durch Umstellung seiner Produktion auf Unterjacken und ähnliche Artikel.

Mitte der 1850er Jahre begann die Einführung des französischen Rundstuhls. Etwa 5 Jahre später kaufte Moritz den ersten von Hand betriebenen französischen Rundstuhl. Diese Weiterentwicklung des Rößlestuhls leistete das Zwölffache des Handwirkstuhls und lieferte auch die für die Fertigung praktischere Schlauchware. Bei der Einführung dieser Maschine erlebte Moritz auch den Widerstand seiner Beschäftigten, da diese um ihre Arbeitsplätze fürchteten.

Ein weiterer Aufschwung führte ab 1860 zu einer Erweiterung des Betriebes, und Moritz baute einen dreistöckigen Fachwerkbau. Die Erweiterung der Geschäftsräume gestattete es, die neuen Rundstühle aufzustellen.

Die Walkerei zog in die Bockemühle, die Karoline Vedder aus Rosenthal, die Ehefrau von Moritz, mit in die Ehe gebracht hatte.

Die rasante technische Entwicklung in der Wirkerei und später Strickerei und die Vergrößerung des Geschäftes beanspruchten die finanziellen Mittel der Familie. So war es nicht verwunderlich, dass das Unternehmen erst relativ spät mit einem Engagement auf dem Gebiet der Spinnerei begann.

Als 1865 die Gummersbacher Daniel Heuser und Franz Thiel das Angebot einer Beteiligung an ihrer geplanten Spinnerei in Vollmerhausen mit Ausnutzung der dortigen Wasserkraft an der Agger anboten, konnte sich Moritz zu dieser Beteiligung entschließen. Einige Spinnmaschinen des Mule-Jenny-Typs nahmen ihre Arbeit auf. 1872 ging der Betrieb in das alleinige Eigentum von Leop. Krawinkel über. Wegen gelegentlichen Wassermangels wurde auf Dampfbetrieb umgestellt.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erlebte Leop. Krawinkel während der sogenannten Gründerjahre einen Aufschwung.

Während der Jahre 1877/78 kam den Brüdern ein russischer Großauftrag über 10.000 Dutzend Kunstwoll-Hemden und Kunstwoll-Jacken überaus gelegen. Zu dieser Zeit waren 137 Arbeitskräfte angestellt.

Im November 1878 traf das Unternehmen ein schwerer Schlag. Während eines Wechsels der Feuerversicherung von einer Gesellschaft zu einer anderen war die Spinnerei einen Tag lang nicht versichert. Ausgerechnet an diesem Tag brannte die Spinnerei in Vollmerhausen bis auf die Grundmauern ab. Die spätere Krise des Stapelgarns streifte die Spinnerei Krawinkel nur, da sie keine reine Verkaufsspinnerei war, sondern die Garne selbst zu marktgängigen Fertigerzeugnissen verarbeitete. In der Textilindustrie diente die Mule-Jenny aus und Selfaktoren und breite Krempelsätze wurden zu den Hauptarbeitsmaschinen. Ebenso wurden im Fabrikationsprogramm von Bergneustadt andere Artikel bevorzugt.

Dritte Generation: Hermann Krawinkel, Ferdinand Krawinkel, Bernhard Krawinkel

Nach dem Verlust der Spinnerei an der Agger in Vollmerhausen wurde eine mit dem Wasser des Rospebaches arbeitende kleine Spinnerei in Vollmerhausen erworben. Dieser kleine Betrieb arbeitete nun Tag und Nacht. Außerdem halfen andere Spinnereien im Aggertal aus.

Bernhard Krawinkel hatte nun sein Arbeitsgebiet gefunden. Er zog in das kleine Schieferhaus neben der Rospe-Bach-Spinnerei. So leitete er ab 1878 den Wiederaufbau des dreistöckigen Spinnereigebäudes an der Agger und führte alsdann die Spinnerei über Jahrzehnte. Bernhard Krawinkels Wirken für die Allgemeinheit ist oft besprochen worden.

1879 zog sich Moritz im Alter von 71 Jahren aus dem Geschäft zurück und überließ seinen drei Söhnen das Arbeitsfeld. Er zog nach Hamburg, wo er 1882 mit seiner Ehefrau die goldene Hochzeit feiern konnte. In Hamburg blieb er bis zu seinem Tode 1886.

Hermann, Bernhard und Ferdinand Krawinkel begannen, ein neues Verfahren der Herstellung von Maschenware einzuführen: das Stricken. Die leistungsfähigen Strickmaschinen führten zu einer Erweiterung des Angebots an Oberbekleidung: modische Westen und Pullover für Herren, Damen und Kinder. Anfang der 1880er Jahre wurde die Herstellung von Unterwäsche aufgenommen: Herren-, Damen- und Kinder-Trikotagen. Die Garne konnten in der Spinnerei Vollmerhausen gesponnen werden.

Um die Nachrichtenübermittlung zwischen den Betrieben Bergneustadt und Vollmerhausen zu verbessern, errichtete das Unternehmen 1883 eine eigene Telefonverbindung. Die Elektriker aus Bergneustadt und Vollmerhausen hatten oft bei Wind und Wetter die Leitung zu reparieren, auch während des Zweiten Weltkriegs. Diese eigene Telefonleitung bestand bis Anfang der 1950er Jahre und wurde erst dann durch eine von der Deutschen Bundespost gemietete Standleitung ersetzt.

1884 wurde an der Leihe ein Fabrikbau errichtet, der 1955 durch einen Brand zerstört wurde. Unter anderem durch Errichtung der Fabrik "Auf dem Hammer" im Jahre 1905 und Ausstattung mit den leistungsfähigsten Maschinen, wuchs die Strickerei zu einem beträchtlichen Teil des Geschäfts an. Weitere Entwicklungen in Bergneustadt wie eine modernere Kraftanlage und eine fortschrittliche Beleuchtung durch Ölgas folgten. Im Erdgeschoss des Neubaues standen nun neue Motor-Strickmaschinen. Im ersten Stockwerk die verbesserten Handwirkstühle mitsamt der Näherei und Finselei und im Dachgeschoss die Handstrickmaschinen mit der Grobschneiderei.

Weitere Fortschritte waren die Errichtung von Werkswohnungen ab 1886 um Arbeitskräfte zu gewinnen. Um die Jahrhundertwende hatte Krawinkel 300 Arbeiter und 220 Heimarbeiter.

Vierte Generation: Jakob Kaufmann, Adolf Krawinkel, Bernhard Krawinkel

1897 setzten sich Hermann und Ferdinand Krawinkel zur Ruhe und zogen nach Wiesbaden; sie waren nur weiter Gesellschafter. Bernhard Krawinkel blieb persönlich haftender Gesellschafter bis 1929 und war bis zu seinem Tode 1936 Vorsitzender des Beirats.

Die Spinnerei Vollmerhausen wurde 1906 von einem zweiten Großfeuer heimgesucht. Ein Jahr später stand der abgebrannte Teil, auf der Südseite der Köln-Olpener Landstrasse gelegen, wieder. In diesem dreistöckigen Neubau waren im Untergeschoss die Ausrüstung, im ersten Obergeschoss die Spinnerei und im zweiten Obergeschoss die Wirkerei zur Herstellung der Schlauchware für die Trikotagenfertigung untergebracht. Ein zusätzlicher zweistöckiger Neubau (Ohl 1) wurde für die Spinnerei errichtet.

In Bergneustadt wurde ab 1911 ein mehrstöckiger Eisenbetonbau errichtet, in dem später im Untergeschoss die Werkstätten, im Hochparterre und im ersten Stockwerk die Büros und darüber das Lager und die Fertigung untergebracht waren.

Inzwischen wurde die Firma zu „Leop. Krawinkel“ abgeändert. Alle persönlich haftenden Gesellschafter unterschrieben seit dieser Zeit Unternehmenspost und -verträge nicht mit ihrem eigenen Namen, sondern mit „Leop. Krawinkel“.

Das Unternehmen konnte ab 1900 mit einem breiten Warensortiment aufwarten. Die althergebrachten Walkjacken und -hosen, Metzgerjacken, Jagdwesten, Matrosenpullover, gemusterte und glatte Westen, Sweater, und Pullover, gestrickte Anzüge für Knaben, insbesondere Matrosen-Anzüge, wurden durch Unterwäsche-Trikotagen ergänzt. In großer Zahl wurden sogenannte „Normalhemden“ gefertigt, aus Baumwolle mit einem „Stich“ dunkelbrauner Wolle gemischtem Garn, das in Vollmerhausen bis 1962 gesponnen wurde.

Um die vergrößerte Fertigungskapazität auszulasten, bemühte sich das Unternehmen den Großhandel, große Kaufhäuser und Einkaufsverbände als Kunden zu gewinnen. Die Inhaber gewannen Vertreter von Köln bis Königsberg, von Hamburg bis München. Exporte gingen nach Großbritannien, nach Istanbul, nach Beirut, Damaskus und Alexandrien und nach Ostasien. Die persönlich haftenden Gesellschafter Bernhard Krawinkel, Jakob Kaufmann und Adolf Krawinkel reisten viel, um Kontakt zu den Kunden zu pflegen. Sie fanden in dem Prokuristen Timmerbeil Unterstützung.

Reinhard Kaufmann trat 1914 als Nachfolger seines Vaters Jakob Kaufmann bei Leop. Krawinkel ein. Er leistete ab August 1914 bis November 1918 während des Ersten Weltkriegs seinen Dienst als Leutnant der Reserve. Im Januar 1919 verließ er das Unternehmen und erwarb das kleine Rittergut „Sagschütz“ im Kreise Neumarkt in Schlesien.

Die Inflation der 1920er Jahre und die Tatsache, dass deutsche Waren im Ausland nicht mehr gefragt waren, bereiteten dem Unternehmen große Schwierigkeiten.