Die Entführung von Natascha Kampusch begann am 2. März 1998, als die damals zehnjährige Österreicherin auf dem Schulweg von dem arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Přiklopil (* 14. Mai 1962 in Wien Faz.net; † 23. August 2006 ebenda) in einen Lieferwagen gezerrt und in der Folge in dessen Haus in der niederösterreichischen Gemeinde Strasshof an der Nordbahn über acht Jahre gefangen gehalten wurde. Natascha Kampusch konnte am 23. August 2006 fliehen, was zu einem weltweiten Medienecho führte. Přiklopil beging am selben Tag Suizid.
Medien und Untersuchungskommissionen äußerten massive Kritik an den Ermittlungen der Sicherheitsbehörden.
Entführung Ablauf Am Morgen des 2. März 1998 verließ Natascha Kampusch kurz nach 7 Uhr die elterliche Wohnung in Wien-Donaustadt, um zur Schule zu gehen, kam dort aber nicht an. Da ein Streit mit ihrer Mutter vorausgegangen war, nahm man zunächst an, sie sei in einer Trotzreaktion von zu Hause weggelaufen. Hinweise von Anwohnern deuteten aber auf einen Entführungsfall hin: Kampusch verließ die Wohnung am Rennbahnweg, überquerte die Wagramer Straße und ging weiter den Rennbahnweg in nordwestliche Richtung. Bei der Kreuzung Melangasse-Murrstraße beim Ingeborg-Bachmann-Park bog sie nach rechts in nordöstliche Richtung in die Melangasse ein. Auf Höhe der Hausnummern 26 bis 30 fiel ihr der weiße Kleintransporter auf. Sie hatte bis dahin einen Fußweg von 600 Metern zurückgelegt. Zur Volksschule am Brioschiweg waren es noch 300 Meter. Laut Aussage einer damals zwölfjährigen Schulkameradin wurde Kampusch, als sie jenen am Straßenrand haltenden Kleintransporter passierte, von einem Mann durch die Seitentür in den Innenraum gezerrt. Eine weitere, für die junge Zeugin nicht zu erkennende Person soll am Steuer des Wagens gesessen sein.
Laut späteren Zeugeneinvernahmen fuhr Přiklopil nach der Entführung nicht direkt zu seinem Haus mit dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellten Verlies, sondern zu einem Waldstück. Dort telefonierte er und erklärte Kampusch dann, dass „die anderen“ nicht kommen würden. Die Aussage nährte später Spekulationen, dass es mehrere Täter geben könnte.
Die Polizei kontrollierte kurz nach der Entführung mehr als 1000 Besitzer weißer Kleinbusse, unter anderem auch den tatsächlichen Entführer Wolfgang Přiklopil. Den Ermittlern gegenüber gab Přiklopil an, das Fahrzeug für Bauarbeiten zu benötigen. Nachdem die Polizei bei der Untersuchung im Innenraum des Transporters Bauschutt gefunden hatte, wurde der damals unbescholtene Přiklopil nicht für verdächtig erachtet.
Die Tageszeitung Kurier beauftragte einen Berufsdetektiv, dessen Recherchen jedoch erfolglos blieben.
Am 14. Mai 1998 wies ein aus Strasshof stammender Polizeihundeführer beim Sicherheitsbüro Wien auf Přiklopil als möglichen Täter hin. Im Protokoll wird die Aussage folgendermaßen geschildert:
Da der Polizist anonym bleiben wollte, wurde sein Name nicht vermerkt.
Der den Hinweis aufnehmende Beamte ließ Einsicht in das Melderegister nehmen. Nachdem klar geworden war, dass mit dem Hinweis Wolfgang Přiklopil gemeint war, der bereits befragt und überprüft worden war, wurde die Spur nicht weiter verfolgt.
Trotz aufwendiger Ermittlungen – verdächtige Personen aus dem Umfeld der Entführten wurden einem Lügendetektortest unterzogen – konnte der Fall über Jahre hinweg nicht aufgeklärt werden.
Leben in Gefangenschaft Kampusch wurde achteinhalb Jahre (3096 Tage) lang im niederösterreichischen Strasshof an der Nordbahn festgehalten. Laut Aussage des Leiters des österreichischen Bundeskriminalamts war sie in einer Montagegrube unter der Garage eines Einfamilienhauses versteckt. Das Verlies war mit einer schalldichten Tresortür verschlossen, welche sich hinter einem Tresor, welcher wiederum hinter einem Schrank stand, befand. Der Tresor war durch Durchbohrungen mit dem Mauerwerk verschraubt und verfügte über eine Führungsschiene, die das Bewegen des Tresors erleichterte. Der kleine, fensterlose Raum war 181 Zentimeter breit und vom 50 × 50 Zentimeter großen Eingang an der Schmalseite aus betrachtet linksseitig 278 Zentimeter und rechtsseitig 246 Zentimeter lang. Auf der linken Seite stand kurz hinter dem Eingang ein Hochbett, darunter blieb eine 157 Zentimeter hohe Fläche frei; insgesamt war der Raum 237 Zentimeter hoch. Auf der dem Bett gegenüberliegenden Seite stand ein kleiner Schreibtisch, darüber ein kleiner Fernseher. Der Rest dieser Wand war mit Regalen ausgefüllt. In der Ecke rechts neben dem Eingang befanden sich ein WC und eine Edelstahlspüle mit zwei Becken als Waschgelegenheit. Ermittler berichteten später, der Eingang zu dem Versteck sei so gut getarnt gewesen, dass er wahrscheinlich auch bei einer Hausdurchsuchung nicht gefunden worden wäre. Es dauerte jeweils eine Stunde, bis sich Přiklopil Zugang zu seiner Gefangenen verschafft hat.
mini|Außenansicht des Hauses, in dem Natascha Kampusch gefangen gehalten wurde Kampusch gab an, sie sei im ersten halben Jahr nach der Entführung dort permanent verblieben. Später sei sie zeitweise (unter anderem zum Duschen) in das Haus des Entführers gelassen worden, wenn dieser allein war. Nach mehreren Jahren habe sie das Versteck im Beisein ihres Entführers auch für gelegentliche Einkäufe und Spaziergänge, einmal auch für einen Skiausflug verlassen dürfen. Sie durfte dabei keinerlei Kontakt zu anderen Personen herstellen. Er drohte ihr an, im Falle einer Zuwiderhandlung sie und die betreffenden Personen zu töten.
Während der gesamten Zeit ihrer Entführung wurde Kampusch nach den Angaben in ihrer Autobiografie immer wieder von Přiklopil unter anderem in Form von Schlägen und Tritten körperlich schwer misshandelt: Dies führte, neben anderen Verletzungen, zu mehreren Gehirnerschütterungen. Außerdem seien ihr lange Zeit die Haare abgeschoren worden und sie sei wiederholt gedemütigt und gezwungen worden, für Přiklopil zu putzen, zu kochen und – insbesondere für ein Kind – körperlich schwere Renovierungsarbeiten an seinem Haus und seiner zuletzt gekauften Wohnung durchzuführen.
Kampusch erhielt von Přiklopil im späteren Verlauf der Entführung ausgewähltes Zeitungsmaterial, durfte gelegentlich Bücher lesen, Radio hören und Videos anschauen. Auch gab sie an, dass der Entführer ihr gelegentlich Unterricht in Lesen und Schreiben gegeben habe. Psychologen und Polizisten, die nach ihrer Flucht mit ihr sprachen, stellten eine trotz der langjährigen Isolation hohe Intelligenz und Sprachgewandtheit fest. Kampusch war über das Tagesgeschehen in der Welt gut informiert.
Den polizeilichen Ermittlungen zufolge lebte Kampusch in der letzten Zeit ihrer Gefangenschaft nicht im Kellerverlies, sondern im oberen Teil des Hauses. Sie habe das Haus zusammen mit dem Entführer mehrmals für unterschiedliche Ausflüge verlassen.
Im März 2016 wurde die Existenz eines Videos bekannt, welches das Leben von Kampusch und Přiklopil dokumentiert. Die Ermittler hatten es 2006 bei der Hausdurchsuchung beschlagnahmt. Es zeugt von großer Machtausübung Přiklopils und bestätigt die Aussagen des Opfers.Stefan Aust, Peter Reichard: Das gefilmte Martyrium. Videoprotokoll aus dem Verlies. In: Die Welt, 20. März 2016.
Flucht und erste Zeugenaussage Kampusch konnte nach eigenen Angaben infolge einer Nachlässigkeit Přiklopils am Mittag des Mittwochs, 23. August 2006, von Přiklopils Grundstück fliehen. Als sie Přiklopils Fahrzeug reinigte und dabei Staub saugte, läutete um 13 Uhr sein Mobiltelefon. Ein Wiener hatte Přiklopils Zeitungsinserat gelesen, in dem er eine Wohnung im 15. Wiener Bezirk anbot, die Kampusch mit ihm unter harten Bedingungen renovieren musste, und erkundigte sich danach. Přiklopil entfernte sich wegen des Staubsaugerlärms einige Meter. Kampusch nutzte diese Gelegenheit und floh. Sie gelangte durch eine dieses Mal von Přiklopil versehentlich offen gelassene Gartentür in einen Gang. Nachdem ihr mehrere Passanten und Anwohner trotz ihres Bittens nicht geholfen hatten, betrat sie einen Garten unweit des Entführungshauses und klopfte an ein Fenster. Die Nachbarin, der Kampusch ihre Situation erklärte, informierte die Polizei, von der Kampusch zur Polizeidienststelle Deutsch-Wagram gebracht wurde.
Eine junge Streifenbeamtin kümmerte sich bis zum Eintreffen der Beamten des Kriminaldienstes um Kampusch und stellte ihr zahlreiche Fragen. Auf die Frage, ob es mehrere Täter gäbe, antwortete Kampusch: „Ich kann keine Namen nennen.“ Die Aussage nährte in der Folge Spekulationen, dass es mehrere Täter geben könnte.
Später wurde Kampuschs Identität zweifelsfrei durch einen DNA-Test bestätigt. Auch ihre Eltern erkannten sie wieder, und im Haus des Entführers wurde ihr Reisepass gefunden, den sie wegen eines Auslandsaufenthaltes wenige Tage vor ihrer Entführung noch bei sich gehabt hatte.
Přiklopils Flucht Die Polizei erklärte nach Kampuschs Entkommen die gesamte Hauptstadt zum Fahndungsgebiet, doch Přiklopil wurde nicht aufgegriffen. Er bemerkte die Flucht Kampuschs, kurz nachdem er sein rund vier Minuten dauerndes Telefongespräch beendet hatte, und begab sich auf die Suche nach ihr. Sein Fahrzeug entdeckte man bald im Parkhaus des Wiener Donauzentrums, das daraufhin von der Polizei umstellt wurde. Přiklopil hatte einen Bekannten verständigt und gebeten, ihn abzuholen; er sei bei einer Kontrolle alkoholisiert am Steuer erwischt worden und benötige Hilfe. Er versprach dem Bekannten aber, sich der Polizei später zu stellen. Der Bekannte holte ihn vom Donauzentrum ab und brachte Přiklopil in die Nähe des Praters. Kurz vor 21 Uhr desselben Tages wurde Přiklopil im 2. Wiener Bezirk zwischen den Stationen Wien Nord und Traisengasse von einem Richtung Gänserndorf fahrenden Zug der Wiener S-Bahn überfahren und zog sich tödliche Verletzungen zu. Der österreichische parlamentarische Geheimausschuss von 2012 unter Vorsitz von Werner Amon zweifelte diese Darstellung an, weil die Verletzungen von Přiklopil nicht zum Tod durch Überfahren mit einem Zug passen würden. 2013 bestätigte ein Evaluierungsbericht internationaler Experten den Schienensuizid.
Im August 2010 wurde der Freund Přiklopils, Ernst Holzapfel, den dieser nach Kampuschs Flucht getroffen hatte, wegen Begünstigung angeklagt. Er habe Přiklopil absichtlich der Verfolgung zum Teil entzogen. Holzapfel gab, wie sein Verteidiger Manfred Ainedter der Nachrichtenagentur APA bestätigte, bei der polizeilichen Vernehmung im November 2009 an, dass ihm Přiklopil kurz vor dessen angeblichem Suizid die Entführung in einer Art „Lebensbeichte“ gestanden habe. Holzapfel wurde vom Straflandesgericht Wien freigesprochen.
Ungeklärt ist eine Geldüberweisung von 500.000 Schilling (rund 36.300 Euro) von Holzapfel an Přiklopil rund um den Zeitpunkt der Entführung. Nachdem die ursprüngliche Erklärung, dass Holzapfel seinem Freund das Geld für ein Auto geliehen habe, nicht schlüssig gewesen war, hat Holzapfel seine Aussage geändert.
Im Jahr 2008 erklärte Kampusch gegenüber den Medien, dass sie in engem Kontakt zu Ernst Holzapfel stehe und dass die beiden mittlerweile ein fast freundschaftliches Verhältnis verbinde.
Přiklopil wurde unter einem falschen Namen auf einem Friedhof begraben.
Nach der Flucht Helfer und Berater Nach ihrer Flucht hielt sich Kampusch im Wiener Allgemeinen Krankenhaus auf,Natascha Kampusch braucht jetzt Ruhe, Die Presse, 7. September 2006 bevor sie in eine betreute Wohngemeinschaft übersiedelte.Kampusch in Wohnung übersiedelt. In: ORF, 28. September 2006. Verschiedentlich konnte sie Besuche empfangen, unter anderem von ihren Eltern. Sie wurde von einem Team betreut, dem der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich sowie die Jugendanwältin der Stadt Wien, Monika Pinterits, angehörten. Ziel des Teams war es, einerseits Kampuschs Therapie zu koordinieren und andererseits ihren Weg in ein eigenständiges Leben zu sichern. Dazu zählte auch das Nachholen des versäumten Schulbesuchs.