Neuwestaramäisch gehört zu den Aramäischen Sprachen und ist somit eine semitische Sprache wie Hebräisch und Arabisch. Es wird heute noch in Dschubb-'Adin und teilweise in Maalula in Syrien gesprochen. Bis zum syrischen Bürgerkrieg, der 2011 ausbrach, war es auch in as-Sarcha (aramäisch Bach’a) gebräuchlich, dessen gesamte Bewohnerschaft vor den Kämpfen geflohen und nicht mehr zurückgekehrt ist. Alle drei Orte sind Berdgdörfer im Qalamun-Gebirge (Anti-Libanon) nahe Damaskus.

Verbreitung und dialektale Spaltung Die drei Bergdörfer Maalula, as-Sarcha (Bach’a) und Dschubb-'Adin bildeten noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Rest eines ausgedehnten westaramäischen Sprachgebiets, das in der Antike weite Teile Syriens, Palästinas und den Libanon umfasste. Auch in Letzterem wurden stellenweise noch im 18. Jahrhundert neuwestaramäische Dialekte gesprochen. In jedem der drei oben genannten Dörfer hatte sich aufgrund deren isolierter geografischer Lage ein eigener Dialekt entwickelt.

Von diesen noch heute bestehenden Dialekten ist wohl der von Bach'a der konservativste; er wurde am wenigsten vom Arabischen beeinflusst. Der Dialekt von Dschubb-'Adin, dessen Bewohner Muslime sind, hat am stärksten arabische Einflüsse aufgenommen.

Das Neuwestaramäische wurde wie die anderen aramäischen Sprachen seit der mit der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert einhergehenden Arabisierung des Orients stark zurückgedrängt. Kanzlei-, Kultur- und Umgangssprache der Levante wurde das Arabische. Neuwestaramäisch blieb allein Umgangssprache christlicher und jüdischer Minderheiten, während sich die Mehrheit der Christen und Juden an das Arabische assimilierten. Neuwestaramäisch hielt sich in abgelegenen, meist gebirgigen Gegenden. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde es verschriftlicht und vereinzelt in Kindergärten und Schulen gelehrt. Allgemeine Bildungssprache ist jedoch das Arabische.

Herkunft des Neuwestaramäischen und Sprache Jesu Das Neuwestaramäische wird auf Dialekte des Westaramäischen zurückgeführt, die bereits zur Zeit Jesu existierten. Jesus von Nazareth, als dessen Muttersprache das Aramäische angenommen wird, lebte in Galiläa, wo örtliche Formen des Westaramäischen vorherrschten (Jüdisch-palästinisches Aramäisch).Werner Arnold über das Aramäische im Interview mit Barbara Stülmeyer: Die Sprache, die Jesus zuerst gehört hat. Die Tagespost, Nr. 6, 9. Juni 2016. Als bekanntestes im Neuen Testament auf Aramäisch wiedergegebenes Zitat Jesu gilt sein Ausruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“Stefan Drüeke und Arend Remmers: In welcher Sprache rief Jesus Christus am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“? Bibelkommentare, 19. März 2017. Bis heute spielt die Identifikation der Volkssprache Maalulas mit der Sprache Jesu eine zentrale Rolle für die ethnische Identität der christlichen Dorfbewohner.Alastair Beach: Easter Sunday: A Syrian bid to resurrect Aramaic, the language of Jesus Christ. The Christian Science Monitor, 2. April 2010. Die heute noch gebräuchlichen Dialekte des Neuwestaramäischen leiten sich wahrscheinlich von einer weiter nördlich gesprochenen Variante des antiken Westaramäischen ab und haben sich im Laufe einer zweitausendjährigen Geschichte teils erheblich verändert (Sprachwandel). So gab Emad Rehan (Rihan), Aramäischlehrer aus Maalula, 2009 in einem Radio-Interview Jesu Worte am Kreuz, die im Markus-Evangelium als „Eloi, Eloi, lama sabachtani“ überliefert sind, in heutiger Aussprache als „Ili ma'schbaktani“ wieder.Karin Leukefeld: Zu Besuch bei den Christen von Maalula in Syrien. Wo man "Jesus-Sprache" spricht. Domradio, 19. Januar 2009.

Verschriftlichung und Schriftenstreit im 21. Jahrhundert Im Gegensatz zum Assyrisch-Neuaramäischen beziehungsweise zum antiken Syrisch (Syriakisch), das auf eine reiche Literaturtradition in syrischer Schrift zurückblickt, wurde das Neuwestaramäische bis 2006 ausschließlich mündlich überliefert.Fabian von Poser: Stimmen des Herrn. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Dezember 2003.

Im Jahr 2006 wurde in Maalula mit Unterstützung der syrischen Regierung ein aramäisches Sprachinstitut ins Leben gerufen, das als Sprachschule und Forschungsstätte dienen sollte. Mitbegründer war George Saarur (Zaarour), der nach letztem Kenntnisstand (2019) der einzige in Maalula verbliebene Aramäischlehrer ist.Sprache Christi in Gefahr. George Saarur warnt, Aramäisch sei eine Sprache der Alten geworden. Wiener Zeitung, 1. Juni 2019.

Der Vorsitzende des Sprachinstituts, George Rizkalla (Rezkallah, Ruskallah), übernahm den Auftrag, ein Lehrbuch in Westaramäisch zu verfassen. Zum Zweck der Verschriftlichung der Sprache entschied sich Rizkalla für die aus einem antiken aramäischen Alphabet abgeleitete hebräische Quadratschrift, in der schon 2000 Jahre zuvor (jüdisch-aramäische) Texte niedergeschrieben worden waren, allerdings nicht in der Region von Maalula, sondern im Gebiet des heutigen Israel. Diese Entscheidung stieß bei der syrischen Regierung und in Teilen der Öffentlichkeit auf Widerspruch, und Rizkalla entschied sich für eine modifizierte Form der Quadratschrift, die jedoch ebenfalls Unmut hervorrief.Maissun Melhem: Schriftenstreit in Syrien. Deutsche Welle, 29. Januar 2010. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit dem Hebräischen erließ die syrische Regierung im Februar 2010 ein Verbot der Schrift und veranlasste die Entfernung aller bereits angefertigten aramäischen Aufschriften in Maalula.Wolfgang Günter Lerch: Syrien – Diskriminierung christlicher Minderheit. Die Eingeschlossenen von Maalula – In zwei syrischen Dörfern darf die aramäische Schrift nicht mehr verwendet werden. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Februar 2010 (Artikel bei Arbeitskreis Religionsfreiheit – Menschenrechte – Verfolgte Christen der Evangelischen Allianz). Daraufhin entschloss sich Rizkalla, ein geplantes Aramäischlehrbuch in syrischer Schrift zu verfassen, die auch von den Ostaramäisch sprechenden Assyrern etwa im Irak und der Türkei verwendet wird. Dies war kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien, der aktuelle Stand der Causa ist unbekannt.

Soziolinguistische Situation vor dem Bürgerkrieg Otto Jastrow, Professor für Semitistik und Aramaistik an der Universität Erlangen, bezeichnete 2010 Westaramäisch als „sehr lebendig“ – es brauche keine Maßnahmen, um wiederbelebt zu werden. Es benötige auch keine eigene Schrift, sondern könne ebensogut mit arabischen Buchstaben verschriftlicht werden. Auch Emad Rehan, 2009 als junger Lehrer am kurz zuvor gegründeten aramäischen Sprachinstitut in Maalula tätig, bestätigte, dass Aramäisch die allgemeine Umgangssprache in seinem Heimatort Maalula sei und er selbst Arabisch erst in der Schule gelernt habe. Nach seinen Worten waren es aber bereits 2009 „vor allem die Alten, die das Aramäisch aktiv benutzen“, und in Messen und Andachten sei kaum Aramäisch zu hören, da die katholische und orthodoxe Liturgie auf Latein bzw. Griechisch und die Predigten auf Arabisch gehalten würden. Schon 2003 hatte der Semitist Werner Arnold von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg konstatiert, dass zwar viele junge Menschen in Maalula mit Neuwestaramäisch aufwüchsen, doch sei es fraglich, ob die Sprache die nächste Generation überleben werde. So lebe ein Großteil der Dorfbewohner nur zwei bis drei Monate im Jahr in Maalula und in der übrigen Zeit in Damaskus und an anderen Orten, wo das Arabische vorherrsche und Aramäisch gewöhnlich nicht mehr an die Kinder weitergegeben werde.

Situation seit dem Bürgerkrieg Der Bürgerkrieg in Syrien (ab 2011) hat die Situation des Neuwestaramäischen erheblich verschlechtert. Maalula und as-Sarcha (Bach’a) waren von Ende 2013 bis April 2014 von islamistischen Rebellen der al-Nusra-Front besetzt. Nach Angaben des aus Maalula stammenden Aramaisten George Saarur (Zaarour) lebt nunmehr ein Großteil der jungen Generation Maalulas in Damaskus und an anderen Orten, an denen die Kinder nur noch mit Arabisch aufwachsen. Nach seinen Worten sprechen 80 % der Christen von Maalula kein Aramäisch mehr, und die restlichen 20 % seien über 60 Jahre alt. Nach der Vertreibung der Islamisten kehrte bis 2019 nur etwa ein Drittel der Bewohner Maalulas in den Ort zurück. Der 80-jährige Bürgermeister, Elias Thaalab, sieht die Bewahrung des Aramäischen als sehr wichtig an, räumt aber die mangelnden Sprachkenntnisse der jungen Menschen ein. Es gibt Versuche, die Kenntnisse der Sprache im örtlichen Kindergarten zu fördern, doch besuchen ihn nur noch 30 Kinder, während es vor dem Bürgerkrieg noch 100 waren. As-Sarcha wurde im Krieg völlig zerstört, und sämtliche Überlebenden flohen in andere Teile Syriens oder den Libanon, wo die Kinder ebenfalls mit Arabisch aufwachsen.Zerstörtes Bacha’a. Hilfe für das Aramäerdorf Maaloula e. V., 6. Dezember 2018 mit verlinktem Youtube-Video Zerstörtes Bacha'a in Syrien. Das muslimische Dschubb-'Adin fiel dagegen nie unter die Kontrolle der Rebellen und wurde nicht zerstört, so dass ein großer Teil der Bewohner im Ort blieb. Somit ist Jubb'adin das einzige der drei westaramäischen Dörfer, aus dem Aramäer nicht vertrieben wurden.Jubb'adin in Qalamoun. Interview by Aymenn Jawad Al-Tamimi with a resident of Jubb'adin. 13. Mai 2019. Der UNESCO Atlas of the World’s Languages in Danger stuft Neuwestaramäisch als „definitely endangered“ ein.Ghattas Eid: The phonology of Maaloula Aramaic, S. 16.

Literatur Werner Arnold: Das Neuwestaramäische. 5 Bände. Harrassowitz, Wiesbaden (Semitica Viva 4), Band 1: Texte aus Baxʿa. 1989, ISBN 3-447-02949-8, Band 2: Texte aus Ğubbʿadīn. 1990, ISBN 3-447-03051-8, Band 3: Volkskundliche Texte aus Maʿlūla. 1991, ISBN 3-447-03166-2, Band 4: Orale Literatur aus Maʿlūla. 1991, ISBN 3-447-03173-5, Band 5: Grammatik. 1990, ISBN 3-447-03099-2 (Zugleich: Erlangen-Nürnberg, Univ., Diss. 1988: Das Neuwestaramäische.). Werner Arnold: Lehrbuch des Neuwestaramäischen. Harrassowitz, Wiesbaden 1989, ISBN 3-447-02910-2 (Semitica Vva. Series Didactica 1), (2. revidierte und erweiterte Auflage, ebenda 2006, ISBN 3-447-05313-5). Eid, Ghattas: The Phonology of Maaloula Aramaic. dup Düsseldorf University Press, Berlin 2024, ISBN 3-11-144704-9. Jean Parisot: Le dialecte de Maʻlula: grammaire, vocabulaire et textes. Imprimerie Nationale, Paris 1898 (Sonderabdruck aus Journal Asiatique. 1897–1898). George Ruskallah, Lambert Jungmann, Gerd-Burkhard Mueller: Western Neo-Aramaic Vocabulary. Nachdruck der Erstausgabe von 2009: Patrimonium, Aachen 2013, ISBN 978-3-86417-019-5. Anton Spitaler: Grammatik des neuaramäischen Dialekts von Ma'lūla (Antilibanon). Brockhaus (in Kommission), Leipzig 1938 (Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes 23, 1, ) (Genehmigter Nachdruck. Kraus-Reprint, Nendeln Liechtenstein 1966). Britta Starnitzky: Moderne Entwicklungen im Neuwestaramäischen. Eine Analyse der wichtigsten sprachlichen Neuerungen. AVM, München 2012, ISBN 978-3-86924-316-0.

Weblinks Yawna - Maaloula Aramaic Eine gemeinnützige Bildungsinitiative, die sich der Erhaltung des Aramäischen – der Sprache Jesu – und des reichen kulturellen Erbes von Maaloula verschrieben hat. Dokumentgruppe „Aramäisch/Neuwestaramäisch“. Semitisches Tonarchiv.

Einzelnachweise

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