mini|Das Gandan-Kloster ist das zentrale buddhistische Heiligtum der MongoleiDer Buddhismus in der Mongolei ist ein tibetisch geprägter Buddhismus (siehe auch Lamaismus), vornehmlich der Gelug-Schule.
Trotz früherer Berührungen mit dem Buddhismus durch Kulturkontakte mit verschiedenen benachbarten Völkern, spätestens im 13. Jahrhundert durch die Eroberungen Dschingis Khans, folgte die mongolische Bevölkerung anderen Religionen, wenngleich der Buddhismus unter den Mongolen ab dem 13. Jahrhundert durchgehend nachgewiesen ist. Ab dem 16. Jahrhundert, federführend unter dem mongolischen Herrscher Altan Khan wurde die mongolische Bevölkerung zunehmend buddhistisch. Es entstand eine stark von Tibet beeinflusste Klosterkultur, die Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in etwa ein Drittel der männlichen Gesellschaft beschäftigte.
Unter kommunistischer Herrschaft wurde der Buddhismus ab den 1920er Jahren unterdrückt, in den 1930er Jahren folgte eine beinahe vollständige Zerstörung der buddhistischen Kultur im Land unter der Ermordung von Tausenden von Mönchen. Ab 1944 konnte das Ganden-Kloster in geringem Umfang wiedereröffnen. In den 1970er Jahren kam es zu einer leichten Liberalisierung der Religionspolitik, ab den 1990er Jahren im Zuge der Demokratisierung der Mongolei zu einer Wiederbelebung der historischen buddhistischen Tradition. Der Buddhismus ist zu einer der wichtigsten Säulen der mongolischen Identität geworden.
Einflüsse Buddhismus Der tibetische Buddhismus, der Elemente der Mahayana- und tantrischen Schulen des Buddhismus mit dem vorbuddhistischen Bön verbindet, teilt das allgemeine buddhistische Ziel der individuellen Erlösung vom Leiden und des Kreislaufs der ewigen Wiedergeburt. Buddhistische Gottheiten besetzen die Mitte eines reich bevölkerten polytheistischen Pantheons untergebener Gottheiten, feindlicher, bekehrter und verwandelter Dämonen, Wandergeister und heiliger Menschen, das die Volksreligionen der jeweiligen Gebiete reflektierte, in die der Buddhismus vorgedrungen war.
Tantrismus Dem Tantrismus entstammen geheime Techniken der Meditation und die Vielfalt an Heiligenbildern, Sprüchen und Gesten. Die Religion geht in zunehmendem Maße Schritte vom Konkreten zum abstrahierenden Symbol. So wird ein Ritual, das ein normaler Hirte als direkten Exorzismus der Krankheitsdämonen wahrnimmt, von einem älteren Mönch als Repräsentation widerstreitender Tendenzen im Sinn eines meditierenden Asketen gedeutet.
Mongolischer Buddhismus miniatur|Heutiger Zustand des ersten mongolischen Klosters Erdene Dsuu bei Karakorum, gegründet 1586. Zu sehen ist vor allem die Klosterummauerung, der Großteil der Tempel wurde im 20. Jahrhundert zerstört. miniatur|Kleine Statue von Dsanabadsar, einer der bedeutendsten Gelehrten im 18. Jahrhundert Der mongolische Buddhismus kombinierte die bunten Volkszeremonien und Heilungsrituale der Massen mit dem Studium der Geheimlehre der Klosterelite. Die Gelug-Schule betonte im Unterschied zu den anderen Schulen die Klosterdisziplin, den Gebrauch der Logik und der förmlichen Diskussion als Hilfsmittel der Aufklärung. Sie kombinierte die grundlegende buddhistische Lehre der Reinkarnation mit dem tantrischen Gedanken, der Buddhazustand könne bereits zu Lebzeiten einer Person erreicht werden.
Es entstand eine Kaste von Führern, die als im Besitz des Buddhawesens und als Reinkarnation vorhergegangener Führer verehrt wurden. Diese Führer, im Mongolischen Khutukhtu (vgl. tibetisch Trülku), besaßen die weltliche Macht und führten eine Körperschaft normaler Mönche oder Lamas. Die Mönche wurden durch die Laien unterstützt, die sich somit religiöse Verdienste und von den Mönchen Unterweisung in den Grundlagen des Glaubens und der mönchischen Dienste beim Heilen, in der Weissagung und bei Bestattungen erwarben.
Der mongolische Buddhismus ist eine Klosterreligion. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Äußeren Mongolei 583 Klöster und Tempelkomplexe. Fast alle mongolischen Städte sind in der Nähe von Klöstern entstanden. Yihe Huree, später als Ulaanbaatar bekannt, war Sitz des hochangesehenen lebenden Buddhas der Mongolei (Jebtsundamba Khutukhtu, alias Bogdo Gegen, später Bogdo Khan), der nach dem Dalai Lama und Penchen Lama an dritter Stelle in der geistlichen Hierarchie rangierte. In den beiden größten Klöstern lebten etwa 13.000 bzw. 7.000 Mönche; ihr mongolischer Siedlungsname bei Außenstehenden war Urga, Yihe Huree („großes Kloster“).
Geschichte Etablierung des Buddhismus unter den Mongolen Noch im 13. Jahrhundert, zu Dschingis Khans Zeiten, folgte die Mehrheit der Mongolen dem Tengrismus, einem schamanischen Glaubenssystem, das die Verehrung der Ahnen mit der des Himmels als übergreifendem Kosmos verband. Ein kleinerer Teil war zum nestorianischen Christentum übergetreten, insbesondere die KeraitenR. Grousset: The Empire of the Steppes; New Brunswick, NJ, Rutgers University Press, 1970; S. 191.Moffett: A History of Christianity in Asia; S. 400–401. und Naimanen.Columba Cary-Elwes: China and the Cross. A Survey of Missionary History. P. J. Kenedy and Sons, New York NY 1956, S. 37. Dennoch etablierte sich der Buddhismus unter den Mongolen dauerhaft, wenn er auch nicht alle Gesellschaftsschichten durchdrang.
Die traditionelle Darstellung, dass der Buddhismus zur Zeit des mongolischen Weltreichs zum ersten Mal eingeführt wurde, dann jedoch wieder vollständig verschwand und erst im 16. Jahrhundert wiedereingeführt wurde, wurde bereits 1963 von Henry Serruys widerlegt. Der Mongolist Klaus Sagaster bezeichnet den Begriff „zweite Bekehrung der Mongolen“ als „falsch und eindeutig politisch tendenziös“. Darin drücke sich die widerlegte Behauptung aus, die früheren Schulen des tibetischen Buddhismus („Rotmützen“, d. h. Nyingma, Sakya, Kagyü) hätten sich als unfähig erwiesen, den Buddhismus unter den Mongolen dauerhaft zu etablieren, weshalb es die Gelug-Schule („Gelbmützen“) gebraucht habe, um die Mongolen zum Buddhismus zu bekehren.
Dennoch herrscht in der Geschichtswissenschaft Einigkeit, dass die Geschichte des Buddhismus im 16. Jahrhundert eine bedeutende Wendung nahm, die künftige Geschichte stark beeinflusste.
Blütezeit des Buddhismus in der Mongolei Im Jahr 1578 lud Altan Khan, ein mongolischer Heerführer, der den Ehrgeiz hatte, die Mongolen zu vereinen und Dschingis nachzueifern, das Haupt der sich ausbreitenden Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus zu einem Gipfel ein. Sie schlossen ein Bündnis, das Altan das Recht und die religiöse Legitimation für seine imperialen Ansprüche einräumte und das die buddhistische Sekte unter Schutz und Patronat stellte. Altan gab dem tibetischen Führer den mongolischen Titel Dalai Lama, an dem auch seine Nachfolger bis heute festhalten. Altan starb bald darauf, doch verbreitete sich die Gelug-Tradition im folgenden Jahrhundert in der Mongolei. In der gesamten Mongolei wurden Klöster errichtet, häufig an Handelswegen, Migrationsrouten oder den Sommerweiden gelegen, wo die Hirten sich zu schamanistischen Ritualen und Opfern versammelten. Die buddhistischen Mönche führten einen langwierigen Kampf gegen den Schamanismus und übernahmen von diesem die Rolle als Heiler, Wahrsager und Abgabenempfänger.mini|Der achte Jetsun Dampa (1869/70–1924) war gleichzeitig der Bogd Khan, Herrscher der Mongolen
Über die Jahrhunderte erwarben die Klöster Reichtümer und weltliche Abhängige; sie steigerten auf ihrer Seite stufenweise Vermögen und Macht, woraus auf Seiten des mongolischen Adels ein Absinken resultierte. Hirten widmeten sich und ihre Familien dem Klosterdienst entweder aus Frömmigkeit oder dem Streben, den willkürlichen Forderungen des Adels zu entgehen. In einigen Gebieten waren die Klöster auch die weltliche Behörde. 1921 gab es ungefähr 113.000 Mönche in etwa 700 größere und 1000 kleineren Klöstern, etwa ein Drittel der männlichen Bevölkerung, auch wenn eine große Zahl außerhalb der Klöster und nicht nach deren Regeln lebten. Etwa 250.000 Menschen, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung, lebten entweder in durch Klöster verwalteten Gebieten, oder arbeiteten in Klöstern. Mit dem Ende der chinesischen Vorherrschaft im Jahre 1911 sah man in der buddhistischen Gemeinschaft und ihrem Klerus das einzig vorhandene politische System, und der autonom gewordene Staat nahm infolgedessen die Gestalt einer schwach zentralisierten Theokratie an, geführt von Jebtsundamba Khutukhtu in Yihe Huree, dem späteren Ulaanbaatar.
Die Zerstörung des Buddhismus in der mongolischen Volksrepublik (1921–1990) Nach der mongolischen Revolution von 1921 hatte eine nominell kommunistische Partei die Macht im Land übernommen. Allerdings war die Partei zunächst keineswegs offen anti-religiös eingestellt, der Jebtsundamba Khutukhtu blieb bis 1924 das offizielle Staatsoberhaupt, und auch führende Politiker in den ersten Jahren nach 1921 waren Lamas (wie Dogsomyn Bodoo) oder sogar hohe Wiedergeburten (wie Jalkhanz Khutagt Damdinbadsar).
In der Folge behielten die buddhistischen Klöster zunächst ihren überwältigenden Einfluss im Land. Der größte Teil der Bevölkerung war sehr religiös, die Klöster besaßen das Monopol der Ausbildung und des Gesundheitswesens, und sie kontrollierten einen großen Teil des nationalen Vermögens. Einige Teile des Landes wurden sogar direkt von Klöstern verwaltet.
Zerstörung der mongolisch-buddhistischen Kultur mini|Ruinen des Mandschir-Klosters, von den Kommunisten in den 1930er Jahren zerstörtEin erster großangelegter Angriff auf die Religion erfolgte 1928–1932, einhergehend mit Kampagnen zur Kollektivierung des Viehbestandes und zur Verstaatlichung von Transport und Handel. Die Klöster wurden existenzbedrohenden Steuern unterworfen, die Viehherden, die die Haupteinkommensquelle bildeten, verstaatlicht. Kollektivierung und Verstaatlichungen erwiesen sich allerdings als Fehlschläge und führten zu blutigen Aufständen, an denen sich sowohl Lamas als auch Laien beteiligten.
Die erfolgreichsten Aufstände fanden 1932 in den beiden Aimags Chöwsgöl und Uws statt. Die Mongolische Revolutionäre Volkspartei (MRVP) rief die verbündete Sowjetunion zu Hilfe; Im Juli 1932 marschierten Teile der Roten Armee mit Panzern und Kräften der NKWD in die Mongolei ein, um die Partei zu schützen. Die Anführer der Aufstände wurden exekutiert. Da die Aufstände deutlich machten, dass die MRVP zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Unterstützung genoss, änderte sie ihr Vorgehen und versuchte zunächst die Unterstützung aus der Bevölkerung zu stärken. Buddhistische Mönche durften sich dem Sangha wiederanschließen, die Konfiszierung von Besitztümern wurde beendet. Hohe Steuern bliebe für hochstehende Lamas allerdings bestehen, der Zugang zum buddhistischen Mönchstum blieb durch eine Altersgrenze stark beschränkt.
1934 zählte die Partei 843 buddhistische Zentren und ungefähr 3000 Tempel verschiedener Größe. Das Jahreseinkommen der Klöster habe nach Angaben der Partei 31 Millionen Tugrik betragen, das Staatseinkommen hingegen 37,5 Millionen Tugrik. 1935 habe der Anteil der Mönche an der erwachsenen männlichen Bevölkerung 48 % ausgemacht.mini|Das Museum der politisch Verfolgten von 1937 in Ulaanbaatar zeigt u. a. in Massengräbern gefundene Totenschädel, die Einschusslöcher aufweisen und neben denen Utensilien buddhistischer Mönche gefunden wurden.1937, in zeitlichem Zusammenhang mit Josef Stalins Großem Terror und der Stationierung sowjetischer Truppen in der Mongolei, wurden fast alle Klöster geschlossen und zerstört. Den Verfolgungen, die auch den Staatsapparat und die Armee erfassten, fielen 30.000 Menschen zum Opfer, darunter 18.000 Lamas. Die restlichen Mönche wurden zwangsweise säkularisiert. Der übliche Vorwand für die Verfolgungen war die angebliche Konspiration der Verfolgten mit den Japanern gegen die Mongolische Volksrepublik.