Das Kernkraftwerk Paks () ist das einzige Kernkraftwerk Ungarns. Es liegt etwa 110 Kilometer südlich der Hauptstadt Budapest am rechten Ufer der Donau, nahe der Stadt Paks. Mit seinen vier Kernreaktoren produzierte das Kraftwerk zeitweise mehr als die Hälfte der in Ungarn erzeugten elektrischen Energie und ist der größte Arbeitgeber der Region. 2025 lag sein Anteil an der Stromversorgung bei 45 %. 2026 wird ein Anteil von einem Drittel genannt. Atommüll aus dem Kernkraftwerk wird im Lokallager zwischengelagert (1988–1996 Püspökszilágy).

Zwei weitere Reaktorblöcke (Paks II) befinden sich seit 2022 im Bau. Die Reaktordruckbehälter wurden bereits hergestellt. Mit Stand 2026 finden Betonierarbeiten auf dem Gelände statt.

Paks I mini|Eingang des Kraftwerk-Areals, 2008 mini|Leitstand des Kernkraftwerks, 2006

Mit dem Bau des ersten Doppelblocks wurde am 1. August 1974 begonnen. Am 28. Dezember 1982 ging der erste und am 6. August 1984 der zweite Reaktorblock in den kommerziellen Betrieb. Am 1. Oktober 1979 wurde mit den Bauarbeiten zum zweiten Doppelblock mit den Reaktoren Paks-3 und Paks-4 begonnen. Diese gingen am 28. September 1986 und am 16. August 1987 in Betrieb. In allen vier Reaktorblöcken kommen sowjetische Reaktoren des Typs WWER-440/213 der zweiten Generation zum Einsatz. Das Kraftwerk verfügt über acht Turbinen.

Es ist geplant, die ursprüngliche Betriebsdauer von 30 Jahren um weitere 20 Jahre zu verlängern. So würde sich die Abschaltung auf das Jahr 2032 bzw. 2037 verschieben. Für Block 1 wurde die Laufzeitverlängerung im Dezember 2012 umgesetzt. Die Bruttoleistung aller Reaktoren wurde auf jeweils 500 bis 510 MW erhöht. Im Mai 2008 hatte Atomstroiexport den Vertrag zur Leistungssteigerung und der damit verbundenen Nachrüstung unterzeichnet. Die Kosten beliefen sich auf 900 Millionen Dollar. Die Modernisierung aller vier Blöcke sollte 2009 abgeschlossen sein. (englisch)

In den 1980er-Jahren, vor dem Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion, wurde zeitweise erwogen, auch noch die Blöcke 5 und 6 mit Reaktoren vom Typ WWER-1000 zu bauen. (englisch)

Die IAEA schrieb im Oktober 2016, die Betriebssicherheit habe sich seit 2014 verbessert; weitere Verbesserungen seien aber nötig.IAEA: Statement vom 21. Oktober 2016

Als der Bau des Kernkraftwerks Żarnowiec endgültig storniert wurde, kaufte das Center for Nuclear Studies, das sich auf dem Gelände des Kernkraftwerk Paks befindet, dort einen WWER-440/213-Druckbehälter, der nun in Paks ausgestellt wird.

Ungarn bezieht die Brennstäbe für das Kraftwerk beim russischen Konzern TWEL.

Stand Anfang 2023 war eine weitere Laufzeitverlängerung von Paks I um weitere 20 Jahre geplant. Das Abschaltdatum würde sich damit in die 2050er-Jahre verschieben.

Neubau Paks II In der Vergangenheit war ein Ersatz der vier aus den Sowjetzeiten stammenden Reaktoren geplant. Bereits 1998 wurden hierfür erste Planungen aufgestellt. Die Leistung der zukünftigen Reaktoren sollte zwischen 600 MW und 700 MW liegen. In Frage kamen dabei Reaktoren vom Typ AP-600 von Westinghouse, ein CANDU-6 der Atomic Energy of Canada Limited oder ein WWER-640/407 als Gemeinschaftsprojekt der russischen Atomstroiexport und Siemens. Die Pläne wurden jedoch aufgrund der politischen Lage eingestellt.

Anfang 2009 gab es einen Grundsatzbeschluss des ungarischen Parlaments, der den Bau von zwei 1000-MW-Reaktoren am Standort Paks vorsah. Am 5. Februar 2010 hatten bereits vier Unternehmen Interesse an Verhandlungen über den Ausbau der Anlage gezeigt. Die elektrische Gesamtleistung der Anlage sollte verdoppelt werden.

Im Januar 2014 schloss der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán überraschend einen Vertrag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Modernisierung und Erweiterung des Kernkraftwerks ab. Dabei übernimmt die Föderale Agentur für Atomenergie Russlands (Rosatom) den Bau zweier zusätzlicher Reaktorblöcke bis 2030. Diese sollen zunächst neben den alten Blöcken betrieben werden, die erst zwischen 2032 und 2037 abgeschaltet werden. Russland sicherte die Finanzierung mit einem Kredit von über 3600 Mrd. Forint (ca. 11 Mrd. Euro) und übernimmt auch die Lieferung und den Abtransport des radioaktiven Brennmaterials. Die neuen Reaktorblöcke sollen Ungarn bis 2085 mit Atomenergie versorgen und während des Baus 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Am 14. Januar 2014 unterzeichneten die ungarische Regierung (Kabinett Orbán III) und Russland den Vertrag über den Neubau zweier Reaktorblöcke. Die Gesamtkosten von 10 bis 12 Milliarden Euro werden zu 80 % durch russische Kredite finanziert. Die beiden Reaktorblöcke sollen eine Leistung von jeweils ca. 1200 MW besitzen. Der Bau wird vom russischen Staatskonzern Rosatom durchgeführt. Die Fertigstellung wurde 2014 für das Jahr 2023 prognostiziert.

Die Opposition kritisierte, dass der Bauauftrag an Rosatom ohne öffentliche Ausschreibung erfolgte; zudem sei die Finanzierung undurchsichtig.FAZ.net, 13. März 2015: EU soll russisch-ungarisches Atomgeschäft blockieren Vor einer Debatte im ungarischen Parlament Anfang März 2015 äußerte János Lázár, der Leiter der Staatskanzlei der Regierung Orbán III, bestimmte Details des Atomvertrages würden 30 Jahre geheim gehalten werden.Budapest Business Journal, 2. März 2015: Paks deal could become confidential for 30 years

Im November 2015 leitete die EU-Kommission aufgrund der nicht erfolgten Ausschreibung des Neubaus von Paks II ein Vertragsverletzungsverfahren ein:EU-Kommission geht gegen Ungarns AKW Paks II vor, orf.at, 19. November 2015, abgerufen am 19. November 2015. Es wurde im November 2016 eingestellt. In einem weiteren Verfahren wurde nun lediglich noch geprüft, ob die Kreditvergabe eine unzulässige staatliche Subvention darstelle. Die Diskussion um das Thema wurde angeheizt durch einen Flug des bis September 2014 für Energiefragen zuständigen EU-Kommissars Günther Oettinger im Privatflugzeug des Russland-Lobbyisten Klaus Mangold im Mai 2016 nach Budapest.badische-zeitung.de, Wirtschaft, 22. November 2016, Daniela Weingärtner: Merkwürdigkeiten rund um das neue Atomkraftwerk in Ungarn (25. November 2016)

Ende Mai 2016 wurde bekannt, dass der Milliardenkredit für den Bau der neuen Reaktoren platzen könnte, da die beauftragte russische Vnesheconom-Bank (VEB) „kurz vor dem Bankrott“ stehe.

Am 2. Februar 2017 trafen sich Putin und Orbán, um über das Projekt und andere energiepolitische Fragen zu sprechen. Am 6. März 2017 genehmigte die EU-Kommission die finanzielle Unterstützung des ungarischen Staates für das Kraftwerk nach den EU-Beihilfevorschriften. 80 % der Projektkosten sollen durch einen russischen Staatskredit in Höhe von 10 Mrd. Euro gedeckt werden.

Am 20. Juni 2019 teilte die für die Koordination des Baus der neuen Reaktoren verantwortliche Paks II. Zrt. auf ihrer Website mit, dass die Vorbereitung der Baustelle mit mehr als 80 Dienstleistungsgebäuden begonnen habe. Gebaut werden zwei WWER-1200-Reaktoren. Der Bau wird ungeachtet des Russischen Überfalls auf die Ukraine im Jahr 2022 fortgesetzt, nachdem am 10. Juni 2022 eine Genehmigung für einen weiteren Bauabschnitt erteilt wurde. Es handelt sich um die erste Genehmigung für den Bau dieses Reaktortyps in der EU. Im September 2025 hob der EuGH die Genehmigung für die ungarischen Beihilfen für die neuen Reaktoren auf Klage von Österreich hin auf, weil die Genehmigung das EU-Vergaberecht nicht hinreichend berücksichtigt habe. Das Projekt soll ungeachtet dessen fortgesetzt werden, bis die EU-Kommission eine erneute Entscheidung getroffen hat.EuGH-Pressemitteilung

Der eigentliche Bau begann mit den Erdarbeiten von Block 5 im August 2022. Ab 2024 wurde der Reaktorbehälter hergestellt. Seit Februar 2026 wird das Reaktorgebäude betoniert. Die Arbeitsschritte von Block 6 folgen jeweils im Abstand von wenigen Jahren. Die Fertigstellung von Paks II wurde Anfang 2023 vom ungarischen Energieminister für das Jahr 2032 erwartet.

Sicherheit Die IAEA meinte, dass die Modernisierung der ersten vier Anlagen ein Grund für ihre hohe Sicherheit sei. Es gäbe noch verbesserungsbedürftige Teile des Kernreaktors. Die WWER wurden dafür entworfen, um möglichst viele Betriebsstunden zu absolvieren. Auf genaue Wartungsarbeiten wurde bei ihrem Entwurf nicht geachtet. Teile der aktiven Zone des Kernreaktors sind nicht erreichbar, um diese zu erreichen, wurde ein spezielles System entwickelt. Paks sollte als Musterprojekt zur Sicherheitserhöhung anderer Anlagen aufgerüstet werden, das ganze Projekt kostete über 8 Millionen Dollar und wurde 1997 abgeschlossen.Managing Water Resources -IAEA Technical Co-operation – A Partner in Development – ENSURING NUCLEAR SAFETY (englisch)

Störfälle 10. April 2003 (INES 3) Am 10. April 2003 ereignete sich ein Störfall. Beim Reinigen von Brennelementen im Block 2 wurde deren Umhüllung beschädigt. Dabei trat radioaktives Gas aus. Es handelte sich um einen Störfall der Klasse 3 nach der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Verletzt wurde niemand, es bestand aber akute Gefahr; das Personal musste aus der Reaktorhalle flüchten. Es gab auch eine Freisetzung in die Umgebung, die leicht über den jährlichen Dosislimiten lag. Daraufhin musste der Reaktor mit gedrosselter Leistung weiterbetrieben werden. 2007 wurden die Schäden am Reaktor endgültig beseitigt. In: sputniknews.com, 29. Oktober 2007, abgerufen am 7. Juni 2018. Die beschädigten Kern-Brennstäbe verursachten eine Korrosion am Reaktor mit Kosten in der Höhe von bis zu 43 Millionen Dollar.Kosten gescheiterter AKW-Projekte: Milliardeninvestitionen ohne Ertrag In: tagesschau.de, 22. Oktober 2015, abgerufen am 7. Juni 2018.

9. April 2005 (INES 1) Ein während des Abkühlens des Blocks (für geplante Wartungsarbeiten) aufgetretener Defekt wurde als INES-Grad 1 (Abnormalität) eingestuft.

4. Mai 2009 (INES 2) Am 4. Mai 2009 fiel ein Messgerät in die Reaktorhalle.

6. September 2009 (INES 1) Am 6. September 2012 wurden geplante Arbeiten an einem Tor durchgeführt, die erforderlichen schriftlichen Anweisungen wurden jedoch nicht rechtzeitig ausgefertigt. Dies ist ein administratives Fehlverhalten, das die Direktion für nukleare Sicherheit der Nationalen Atomenergiebehörde im 1. Grad der International Nuclear Event Scale (INES) eingestuft hat.

Störfälle unter INES 1 Störungen (Betriebsereignisse) unterhalb der International Nuclear Event Scale (INES) werden vierteljährlich vom Kernkraftwerk MVM Paks veröffentlicht. Diese wurden von der Nationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nicht als gefährlich gemeldet, ein Teil von diesen führte jedoch zu teilweisen oder vollständigen Blockstillständen.

Daten der Reaktorblöcke Das Kernkraftwerk Paks hat vier aktive und zwei geplante Blöcke:

ReaktorblockPower Reactor Information System der IAEA: „Country Details: Hungary“ (englisch) Reaktortyp Elektr. Netto-leistung Elektr. Brutto-leistung ThermischeLeistung Baubeginn Netzsyn-chronisation Kommerzieller Betrieb Abschaltung Paks-1 WWER-440/213 470 MW 500 MW 1485 MW 01.08.1974 28.12.1982 10.08.1983 (2032 geplant) Paks-2 473 MW 06.09.1984 14.11.1984 (2034 geplant)WNA Reactor Database (englisch) Paks-3 01.10.1979 28.09.1986 01.12.1986 (2036 geplant) Paks-4 16.08.1987 01.11.1987 (2037 geplant) Paks-5Das Kernkraftwerk Paks 5 im PRIS der IAEA (englisch, z. Zt. keine Daten verfügbar) WWER-1200 1114 MW 1200 MW - 05.02.2026 (2032) Geplante Betriebsdauer: 60 Jahre Paks-6Der Reaktor Paks 6 im PRIS der IAEA (englisch, z. Zt. keine Daten verfügbar) - (noch unbekannt)

Abhängigkeit vom Kühlwasser der Donau