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Als Grabeskirche oder Kirche vom heiligen Grab wird die Kirche in der Altstadt Jerusalems bezeichnet, die an der überlieferten Stelle der Kreuzigung und des Grabes Jesu steht. Die Kirche zählt zu den größten Heiligtümern des Christentums und ist heute eine Simultankirche verschiedener Konfessionen.
Grabeskirche ist die in der Westkirche übliche Bezeichnung. In der Ostkirche bzw. von orthodoxen Christen wird das Gebäude Auferstehungskirche (, von ἀνάστασις anastasis, „Auferstehung“) genannt. Die Kirche ist der Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem und des katholischen Erzpriesters der Basilika des heiligen Grabes. Das „Heilige Grab“ (Πανάγιος Τάφος, Sanctum Sepulcrum) im Innern der Kirche wurde verschiedentlich nachgebaut (siehe Nachbildungen des Heiligen Grabs).
Neben diesem Kirchengebäude tragen weitere Kirchen die Bezeichnung Grabeskirche. So ist St. Peter in Rom die Grabeskirche des Apostels Petrus. Mit dem Heiligen Grab ist jedoch stets die Grabeskirche Christi bezeichnet.
Es gibt weitere Orte, an denen das Grab Jesu vermutet bzw. verehrt wird, siehe eigener Abschnitt.
Geschichte Vorbebauung mini|Heutiger Grundriss: Katholikon unter der kleinen Kuppel quadratisch, südlich der Rotunde der Glockenturm Das Gelände eines aufgelassenen Steinbruchs, auf dem sich seit dem 4. Jahrhundert die Grabeskirche erhebt, wurde in hellenistischer und frührömischer Zeit als Gräberfeld genutzt und lag außerhalb der Stadt Jerusalem. Wann es in die Stadt einbezogen wurde, ist aus archäologischer Sicht nicht sicher zu entscheiden, da der genaue Verlauf der wohl unter dem Hohepriester Johannes Hyrkanos I. (Regierungszeit: 135–104 v. Chr.) angelegten Zweiten (Stadt-)Mauer nicht feststeht. Meist wird aber angenommen, dass das Areal erst durch die Dritte Mauer zur Zeit Herodes Agrippas I. (41–44 n. Chr.) in die Stadt einbezogen wurde und dadurch auch seine Funktion als Begräbnisort verlor., Sp. 1565. Daraus folgt, dass auf dem Gelände der Grabeskirche zur Zeit Jesu von Nazareth († 30 oder 31) Begräbnisse stattfanden.Katharina Galor: Finding Jerusalem: Archaeology between Science and Ideology. University of California Press, Oakland 2017, S. 135. Solange der Verlauf der Zweiten Mauer nicht revidiert werden muss, spricht nichts dagegen, dass der Leichnam Jesu nach der Kreuzigung hier beigesetzt wurde. Um das bisherige Gräberfeld nach dem Bau der Dritten Mauer als Wohngebiet nutzen zu können, wurde es rituell gereinigt und danach wohl terrassenartig gestaltet, die Felsengräber dabei wohl eher aufgefüllt als abgetragen.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 430f.
Im Jahr 70 n. Chr. wurde Jerusalem während des Jüdischen Krieges von der römischen Armee unter Titus belagert, eingenommen und völlig zerstört. Im Bereich der späteren Grabeskirche werden die Angriffsdämme der 10. und 15. Legion vermutet.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 431. Es gab dann einige Jahrzehnte ein Legionslager mit kleiner Zivilsiedlung auf dem Stadtgelände. Eine Neugründung unter dem Namen Colonia Aelia Capitolina erfolgte unter Kaiser Hadrian ab 132 n. Chr., ein Auslöser für den Bar-Kochba-Aufstand. Gegenüber dem 70 n. Chr. zerstörten jüdischen Jerusalem ist die pagane Stadt Aelia in nordwestliche Richtung verschoben. Das Areal der Grabeskirche lag nun im Zentrum dieser römischen Neugründung. Westlich des Cardo, an der höchsten Stelle, ließ Hadrian eine Kultstätte für Aphrodite und einen Tempel der kapitolinischen Trias errichten. Erhalten sind vom Temenos Hadrians Substrukturen im Bereich der armenischen Vartan-Kapelle in der Grabeskirche.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Göttingen 2007, S. 470.Uta Heil: Konstantin und Jerusalem. Theologische Architekturinterpretationen in neueren Veröffentlichungen. In: Uta Heil, Jörg Ulrich (Hrsg.): Kirche und Kaiser in Antike und Spätantike. Festschrift für Hanns Christof Brennecke zum 70. Geburtstag. De Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 225–248, hier S. 240. Die Wahl des Ortes ist nach Klaus Bieberstein keine christenfeindliche Maßnahme Hadrians, der damit eine Verehrung des Grabes Jesu durch den Bau eines darüberliegenden Tempels hätte unterbinden wollen (und somit kein Beleg für eine christliche Lokaltradition des frühen 2. Jahrhunderts), sondern analog zur Stadtanlage von Gerasa rein städtebaulich erklärbar.
Konstantinische Anastasis mini|250px|Grundriss der spätantiken Grabeskirche mit Basilika anstelle der heute östl. anschließenden Helena-Kapelle mini|250px|Grabeskirche auf der Mosaikkarte von Madaba Die großen Bauprojekte Kaiser Konstantins in Jerusalem und Umgebung werden von Klaus Bieberstein als architektonische Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Nicaea (325) charakterisiert:
Biebersteins Deutung der konstantinischen Grabeskirche wurde unter anderem von Jürgen Krüger, Max Küchler und Kai Trampedach übernommen und dadurch breit rezipiert.Vgl. Kai Trampedach: Die Konstruktion des Heiligen Landes. Kaiser und Kirche in Jerusalem von Constantin bis Justinian. In: Michael Sommer (Hrsg.): Die Levante. Beiträge zur Historisierung des Nahostkonflikts (= Freiburger Beiträge zu Entwicklung und Politik. Band 27). Freiburg im Breisgau 2001. Aus kirchenhistorischer Sicht wendet Uta Heil ein, dass die Bauten nicht gleichzeitig, sondern nacheinander begonnen wurden, die Grabeskirche zuerst, und ein gemeinsames, vorab feststehendes Bauprogramm daher unwahrscheinlich sei. Keine zeitgenössische Quelle stellt eine Verbindung zwischen Nicaea und den Kirchenbauten her, dies sei vielmehr eine sekundäre Assoziation aufgrund von Passagen des Glaubensbekenntnisses, die in Nicaea zwischen Arianern und Antiarianern gerade nicht kontrovers waren.Uta Heil: Konstantin und Jerusalem. Theologische Architekturinterpretationen in neueren Veröffentlichungen. In: Uta Heil, Jörg Ulrich (Hrsg.): Kirche und Kaiser in Antike und Spätantike. Festschrift für Hanns Christof Brennecke zum 70. Geburtstag. De Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 225–248, hier S. 233. Zwar knüpfte Konstantin an Lokaltraditionen an, aber seine Kirchenbauten waren innovativ und machten Jerusalem zum Ziel christlicher Pilgerströme, so Heil: „Konstantin ist der Finder (auch wenn er finden lässt) und Erfinder von heiligen Stätten als Orte der Epiphanie des Gottes der Christen.“Uta Heil: Konstantin und Jerusalem. Theologische Architekturinterpretationen in neueren Veröffentlichungen. In: Uta Heil, Jörg Ulrich (Hrsg.): Kirche und Kaiser in Antike und Spätantike. Festschrift für Hanns Christof Brennecke zum 70. Geburtstag. De Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 225–248, hier S. 226.
Im Bereich des hadrianischen Temenos befand sich ein Felssporn, der (heute) von Osten 12,75 m, von Westen 5 m über dem Felsgrund aufragt, dabei aber nur einen Durchmesser von 2 bis 3,5 m hat. Darauf könnte sich zu Zeiten Hadrians eine Kultstatue befunden haben. Mit diesem auffälligen Felsen hatte sich bereits in vorkonstantinischer Zeit die Erinnerung an die Kreuzigung Jesu verbunden. Eusebius von Caesarea erwähnt den Felsen in seinem Onomastikon der biblischen Ortsnamen: „Golgota, Ort des Schädels, hier wurde Christus gekreuzigt. Das wird auch gezeigt in Aelia nördlich vom Berg Zion.“Hier zitiert nach: Uta Heil: Konstantin und Jerusalem. Theologische Architekturinterpretationen in neueren Veröffentlichungen. In: Uta Heil, Jörg Ulrich (Hrsg.): Kirche und Kaiser in Antike und Spätantike. Festschrift für Hanns Christof Brennecke zum 70. Geburtstag. De Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 225–248, hier S. 241. Die Ortstradition von Golgota wurde, so Uta Heil, von Konstantin aufgegriffen. Er hatte die sakralrechtliche Kompetenz, einen Eingriff in den Temenos anzuordnen, was mit einem Entsühnungsritus verbunden war. „Ob man zu Baubeginn schon die Erwartung hatte, auf das Grab zu stoßen wegen des Golgotafelsens, eventuell an Traditionen anknüpfend, oder ob man diesen Fund überraschend machte, wie es Euseb überschwänglich beschreibt …, wird man nicht mehr beantworten können.“Uta Heil: Konstantin und Jerusalem. Theologische Architekturinterpretationen in neueren Veröffentlichungen. In: Uta Heil, Jörg Ulrich (Hrsg.): Kirche und Kaiser in Antike und Spätantike. Festschrift für Hanns Christof Brennecke zum 70. Geburtstag. De Gruyter, Berlin / Boston 2017, S. 225–248, hier S. 245–247, Zitat S. 246f.
Der Bau der Basilika wurde bald nach 326 von Kaiser Konstantin in Auftrag gegeben, trat an die Stelle des römischen Heiligtums und wurde am 13. September 335 geweiht. Die Anlage, die den Ort des Grabes und den nahebei liegenden Golgota-Felsen einbezog, bestand aus einer Rotunde um die zentrale Verehrungsstätte des durch eine Ädikula ausgezeichneten Heiligen Grabes im Westen (teilweise erhalten),Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 478. einem Eingangsportikus und einer großen Basilika im Osten (nicht erhalten). Der innere, zumindest teilweise nach oben hin offene Raumzylinder der Rotunde wurde im Westen durch einen niedrigeren Umgang auf halbrundem Grundriss mit drei Apsiden und im Osten durch eine aufgeweitete Raumsituation ergänzt, die zum Eingangsportikus überleitete. Innerer Zylinder und Anräume waren durch eine Stützenstellung geschieden, die sich aus vier Pfeilern in den Haupthimmelsrichtungen und je drei monumentalen Säulen auf rechteckigen Postamenten dazwischen zusammensetzte.Achim Arbeiter: Die Jerusalemer Grabeskirche vor 1109. In: Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewältigung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009, Berlin 2011, S. 7–34, hier S. 26. Die Säulenstellung lässt auf eine konstantinische Stützenfolge von vermutlich 11 Meter Höhe schließen, die im Originalzustand durch ein waagerechtes Gebälk abgeschlossen wurde.
Die Heilig-Grab-Ädikula im Zentrum der Rotunde stellte Konstantins Architekten eine besondere Aufgabe: ein Felsengrab, also einen Innenraum, für die Betrachtung von außen umzugestalten. Die Grabhöhle wurde durch Abarbeiten des umgebenden Felsens als Grabhaus freigestellt und durch einen angebauten Vorraum architektonisch gefasst.Achim Arbeiter: Die Jerusalemer Grabeskirche vor 1109. In: Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewältigung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009, Berlin 2011, S. 7–34, hier S. 26–31.
Der Golgota-Felsen, heutzutage innerhalb der Grabeskirche, lag unter freiem Himmel zwischen den beiden Gebäuden Rotunde und Basilika. Die Beschreibung, die Eusebius von der konstantinischen Grabeskirche gibt, wird durch die Darstellung auf der Madaba-Karte (6. Jahrhundert, Foto) ergänzt. Man sieht von oben nach unten: die Anastasis-Rotunde (gelbe Mosaiksteine: Vergoldung), darunter das Atrium (braun), die Basilika mit Dach und Giebel, davor Atrium und Propyläen. Es handelt sich um eine für die konstantinische Kirchenarchitektur kennzeichnende Hintereinanderordnung von umfangenden und überfangenden Räumen. Vom Cardo aus durchschritt der Besucher die Anlage zur Grabesädikula.Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 439. Achim Arbeiter: Die Jerusalemer Grabeskirche vor 1109. In: Thomas Pratsch (Hrsg.): Konflikt und Bewältigung. Die Zerstörung der Grabeskirche zu Jerusalem im Jahre 1009, Berlin 2011, S. 7–34, hier S. 16f.