mini|Helene Thimigmini|Helene Thimig als Ophelia in der Inszenierung von Max Reinhardt (1920) mini|Thimig als Elisabeth in Schillers Maria Stuart (1934)mini|Helene Thimig von Wilhelm Willinger Helene Ottilie Thimig-Reinhardt geborene Thimig, Pseudonym Helene Werner, verheiratete Thimig-Reinhardt, geschiedene Kalbeck (* 5. Juni 1889 in Wien; † 7. November 1974 ebenda), war eine österreichische Schauspielerin, Regisseurin und Theaterdirektorin.
Leben Helene Thimig war die Tochter des späteren Burgtheater-Direktors Hugo Thimig und seiner Ehefrau Franziska, geborene Hummel (1867–1944). Auch ihre beiden Brüder Hermann und Hans Thimig wurden Schauspieler. Nach der Volksschule und dem Lyzeum Luithlen nahm sie Schauspielunterricht bei Hedwig Bleibtreu. Am 12. November 1907 hatte sie im Stadttheater Baden ihren ersten Auftritt als Marthe in Edouard Paillerons Die Maus.
Im Jahr 1908 war sie die Melissa in Franz Grillparzers Sappho bei den Goethefestspielen in Düsseldorf, danach agierte sie am Hoftheater in Meiningen, von 1911 bis 1917 am Königlichen Schauspielhaus in Berlin. Nach ihrer ersten Saison in Meiningen mietete sie sich 1911 mit 22 Jahren in der Nähe der elterlichen Wohnung, in der sie lebte, in Döbling ein »Denkzimmer«, weil das Zusammenleben in der Familie sie vom Nachdenken aufhalte: »Ich brauche eine eigene Wohnung – ein Zimmer irgendwo anders.«Helene Reinhardt-Thimig: Wie Max Reinhardt lebte. Percha am Starnberger See: Verlag R. S. Schulz, 1973, ISBN 3-7962-0001-X, S. 50
Thimig lernt Max Reinhardt 1913 im Alter von 24 Jahren kennen. 1917 erhielt sie ein Engagement am Berliner Deutschen Theater und wurde somit Teil des Reinhardts-Ensembles, in dem sie am 10. Oktober als Elsalil in Gerhart Hauptmanns Winterballade debütierte. Thimig spielt in zahlreichen Inszenierungen in Berlin, Wien und Salzburg.Ernst Wurm: Helene Thimig.Bildnis einer Persönlichkeit. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1969, S. 30. Von Beginn an entwickelte sich hier eine enge Zusammenarbeit und Liebesbeziehung mit dem Leiter des Theaters Max Reinhardt, der mit der Schauspielerin Else Heims (1878–1958) verheiratet war und mit dieser zwei Söhne hatte. Thimig war von 1916 bis 1918 mit dem Regisseur Paul Kalbeck verheiratet, von dem sie sich (wie sie es nannte) „aus Seelenreinheit“ scheiden ließ.
Als Reinhardt nach dem Machtantritt der Nazis 1933 verfemt wurde, fand auch Thimigs erfolgreiche Berliner Bühnenkarriere ein Ende. Sie folgte Reinhardt nach Wien und trat in dem von ihm geleiteten Theater in der Josefstadt auf. Weitere Auftritte folgten in Prag und bei den Salzburger Festspielen. Thimig folgte Reinhardt zu verschiedenen Inszenierungen in mehrere Länder Europas und heiratete ihn nach seiner Scheidung im Mai 1935 während eines Gastspiels in den USA. Ende Oktober 1937 folgte sie Reinhardt endgültig in sein amerikanisches Exil. Da sie die englische Sprache nur langsam erlernte, erhielt sie längere Zeit nur sehr kleine Rollen in amerikanischen Theater- und Filmproduktionen. Zwischen 1942 und 1947 wirkte sie in 18 Hollywoodfilmen mit, in denen sie meist deutsche Frauen darstellte. Reinhardt gründete in Hollywood eine «Workshop-Schauspielschule», welche Thimig schon bald alleine führte, während Reinhardt in New York lebte.Eva Bakos: Geniale Paare. Künstler zwischen Werk und Leidenschaft. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3876-5. (Darin: Magie und Engelsstrenge. Max Reinhardt und Helene Thimig, S. 75–109; hier: 105.) Thimig übernahm einen großen Teil der Arbeit im Workshop mit den Studierenden – sie unterrichtete und erprobte erste Regietätigkeiten in der Erarbeitung von Stücken. Für Gesellschaftsstücke und moderne amerikanische Dramatik interessierte sich Thimig besonders.Briefe im Exil. Max Reinhardt – Helene Thimig 1937–1943. Hg. Edda Fuhrich und Sibylle Zehle unter Mitarbeit von Ulrich Hermanns und Eva Maria Schachenhofer. Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2023, S. 45.
Max Reinhardt starb am 31. Oktober 1943. Über ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Max Reinhardt berichtet sie in ihren Lebenserinnerungen und hebt dabei hervor, für ihn habe der Kern der Theaterkunst daraus bestanden, immer »eine Handbreit über dem Boden« zu arbeiten, also trotz aller Fantasie, die in der künstlerischen Arbeit erforderlich sei, die Verbindung zur Wirklichkeit nicht zu verlieren.Helene Reinhardt-Thimig: Wie Max Reinhardt lebte. Percha am Starnberger See: Verlag R. S. Schulz, 1973, ISBN 3-7962-0001-X, S. 18,19
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Thimig-Reinhardt wieder zurück nach Österreich auf Einladung der Salzburger Festspiele.Eva Bakos: Geniale Paare. Künstler zwischen Werk und Leidenschaft. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3876-5. (Darin: Magie und Engelsstrenge. Max Reinhardt und Helene Thimig, S. 75–109; hier: 107.) Thimig führte 1947–1952 beim Jedermann von Hugo von Hofmannsthal an den Salzburger Festspielen Regie – in der Tradition ihres verstorbenen Ehemannes, wie es häufig heißt.Müry, Andreas: Jedermann darf nicht sterben. Geschichte eines Salzburger Kults. Salzburg 2014, S. 195. Thimigs Schaffen und besonders ihre Regietätigkeit wird bis heute selten unabhängig von ihrem berühmten Ehemann Max Reinhardt betrachtet. Erst jüngere Forschung beginnt das Narrativ der «Reinhard-Witwe» in Frage zu stellen. Wie aus Thimigs Autobiografie hervorgeht, war ihre Eigenständigkeit als Künstlerin bereits zu Lebzeiten Reinhardts ein Thema zwischen den beiden:
Aus der Autobiografie geht ebenfalls hervor, dass Reinhardt Thimig bei den Proben immer gerne in seiner Nähe hatte, um sie nach ihrer Meinung zu fragen und sie sich regelmäßig für Probengespräche in seinem Direktionszimmer trafen.Helene Thimig-Reinhardt: Wie Max Reinhardt lebte. eine Handbreit über dem Boden, Percha am Starnberger See: Verlag R. S. Schulz, 1973, S. 205f. 3, S. 44/45
mini|Mit Michael Heltau beim Jedermann bei den Salzburger Festspielen, 1966Thimig wurde nach ihrer Rückkehr 1947 Mitglied des Burgtheaters, in dem ihr 1950 der Ehrentitel einer Kammerschauspielerin verliehen wurde. 1948 ging sie mit dem österreichischen Schauspieler Anton Edthofer ihre dritte Ehe ein. Sie leitete von 1948 bis 1954 das Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Zudem übernahm sie eine Lehrtätigkeit als Professorin an der Akademie für Musik und darstellende Kunst. Im deutschsprachigen Film dagegen erhielt sie nur wenige Aufgaben. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Ensemble des Burgtheaters nahm sie 1954 noch einmal ein festes Engagement am Theater in der Josefstadt an. Von 1963 bis 1968 inszenierte sie erneut den Jedermann bei den Festspielen in Salzburg. Ende März 1974 stand sie in der Josefstadt das letzte Mal auf der Bühne.
1973 veröffentlichte sie eine Biographie Max Reinhardts, in der sie ihr gemeinsames Leben sowie die Karriere Reinhardts und von sich selbst aufarbeitet. Das Buch enthält umfangreiche Auszüge aus den über Jahrzehnte mit Reinhardt gewechselten Briefen. 2023 erschien ein ganzes Buch Briefe im Exil. Max Reinhardt – Helene Thimig 1937–1943 herausgegeben von Edda Fuhrich und Sibylle Zehle in dem Briefwechsel zwischen den beiden veröffentlicht wurden.
mini|Milly Steger: Büste Thimig, 1920 mini|Büste von Eva Mazzucco, aufgestellt in Strobl, wo sich Thimig ab 1947 regelmäßig aufhielt mini|hochkant|Erster Beisetzungsort 1974 in der Urnenwand der Feuerhalle Simmering in Wien mini|hochkant|Grab auf dem Neustifter Friedhof seit 2015 Im November 1974 starb Helene Thimig-Reinhardt an einer Lungenembolie. Sie wurde in der Feuerhalle Simmering eingeäschert und in einer ehrenhalber gewidmeten Urnennische beigesetzt (Linke Arkaden, Grab 152).friedhoefewien.at: Ehrenhalber gewidmete bzw. ehrenhalber in Obhut genommene Grabstellen im Friedhof Feuerhalle Simmering (PDF) Am 17. Juni 2015 wurde die Urne in eine ehrenhalber gewidmete Grabstelle auf den Neustifter Friedhof (Gruppe N, Reihe 10, Grab 69) verlegt.knerger.de: Das Grab von Helene Thimig
Im Jahr 2016 wurde in Wien-Liesing (23. Bezirk) der Helene-Thimig-Weg nach ihr benannt.
Preise und Auszeichnungen 1936: Ritterkreuz des österreichischen Verdienstordens 1953: Karl-Renner-Preis.Wiener Rathauskorrespondenz, 22. Dezember 1953, Blatt 2102.Wiener Rathauskorrespondenz, 16. Jänner 1954, Blatt 67. 1962: Kainz-Medaille 1969: Ehrenring der Stadt Wien 1969: Ring des Landes Salzburg
Gedenken 187x187px|mini|Stolperstein in Salzburg Am 17. August 2020 wurde durch den Künstler Gunter Demnig vor dem Haus für Mozart in Salzburg ein Stolperstein für Helene Thimig verlegt.
Filmografie
Schriften Briefe im Exil. Max Reinhardt – Helene Thimig 1937–1943. Hg. Edda Fuhrich und Sibylle Zehle unter Mitarbeit von Ulrich Hermanns und Eva Maria Schachenhofer. Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2023, ISBN 978-3-7017-3572-3 Helene Reinhardt-Thimig: Wie Max Reinhardt lebte. Eine Handbreit über dem Boden. Percha am Starnberger See: Verlag R. S. Schulz, 1973, ISBN 3-7962-0001-X
Literatur
Edda Furhrich-Leiser u. Gisela Prossnitz (Hg.): Die Thimigs. Ihr Leben für das Theater: Ausstellung der Max-Reinhardt-Forschungs- und Gedenkstätte, Salzburg. Salzburg 1977. Eva Bakos: Geniale Paare. Künstler zwischen Werk und Leidenschaft. Ueberreuter, Wien 2002, ISBN 3-8000-3876-5. (Darin: Magie und Engelsstrenge. Max Reinhardt und Helene Thimig, S. 75–109.) Ernst Wurm: Helene Thimig.Bildnis einer Persönlichkeit. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1969. Goswin Dörfler: Helene Thimig – Schauspielerin. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, Lg. 34 (2000)
C. Bernd Sucher (Hrsg.): Theaterlexikon. Autoren, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Kritiker. Von Christine Dössel und Marietta Piekenbrock unter Mitwirkung von Jean-Claude Kuner und C. Bernd Sucher. 2. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999, ISBN 3-423-03322-3, S. 704. Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 7: R – T. Robert Ryan – Lily Tomlin. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 654. Kay Weniger: ‚Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …‘. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. ACABUS-Verlag, Hamburg 2011. ISBN 978-3-86282-049-8, S. 505 f.
Weblinks
Originalton Helene Thimig: Sie liest „Hugo von Hofmannsthal, Betrachtung über das Publikum der Salzburger Festspiele“ (1930)
Biografie Helene Thimigs in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich.
Einzelnachweise
Kategorie:Burgschauspieler Kategorie:Theaterregisseur Kategorie:Kammerschauspieler Kategorie:Stummfilmschauspieler Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Person, für die in Österreich ein Stolperstein verlegt wurde Kategorie:Karl-Renner-Preisträger Kategorie:Träger der Kainz-Medaille Kategorie:Ehrenringträger der Stadt Wien Kategorie:Person (Salzburger Festspiele) Kategorie:Ehrenringträger des Landes Salzburg Kategorie:Träger des Ritterkreuzes des österreichischen Verdienstordens (1934) Helene Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1889 Kategorie:Gestorben 1974 Kategorie:Frau