mini|Chronische Nierenkrankheit: Verlauf, Folgen, Maßnahmen

Beim chronischen Nierenversagen (auch chronische Niereninsuffizienz, chronische Nierenkrankheit oder chronische Nierenerkrankung; in der Fachliteratur auch englisch Chronic Kidney Disease, CKD) handelt es sich um einen langsamen, über Monate oder Jahre voranschreitenden Verlust der Nierenfunktion. Im engeren Sinn der aktuellen Leitlinien bezeichnet der Begriff chronisches Nierenversagen das Terminal- oder Endstadium einer chronischen Nierenkrankheit, das gekennzeichnet ist durch eine Nierenleistung von 15 % der Norm oder darunter (entsprechend einer glomerulären Filtrationsrate von unter 15 ml/min) und durch eine mögliche Empfehlung einer Nierenersatztherapie in Form von Dialysebehandlung oder Nierentransplantation.

Dieser Artikel behandelt die chronische Niereninsuffizienz in allen Stadien inklusive des Terminalstadiums. Dabei gilt das chronische Nierenversagen im Gegensatz zum akuten Nierenversagen als nicht mehr reversibel. Die Terminologie ist hinsichtlich Krankheitsdauer, Schweregrad und Reversibilität jedoch nicht einheitlich, zumal die Aussagekraft der glomerulären Filtrationsrate besonders bei Vorliegen einer Herzinsuffizienz begrenzt ist.

Schlüssel-Fakten zur chronischen Nierenkrankheit Das Maß für die filtrative Nierenfunktion ist die glomeruläre Filtrationsrate. Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn die glomeruläre Filtrationsrate unter einen bestimmten Wert (60 ml/min) abgesunken ist oder wenn im Urin Eiweiß ausgeschieden wird. Diese Funktionsstörungen müssen seit mindestens drei Monaten bestehen. Weltweit leiden mehr als 500 Millionen Menschen an chronischer Nierenkrankheit, dies entspricht einem von zehn Erwachsenen. Weltweit die häufigsten Ursachen sind Entzündungen und Infektionen der Nieren, Verengungen der ableitenden Harnwege und angeborene Nierenkrankheiten. In den Industrienationen sind Diabetes mellitus Typ 2 und Bluthochdruck aufgrund von Bewegungsmangel und Fehlernährung die häufigsten Ursachen. In den Entwicklungsländern steigt die Häufigkeit von Nierenkrankheiten aufgrund Diabetes und Bluthochdruck stark an. Eine chronische Nierenkrankheit wird durch eine einfache Blut- und Urinuntersuchung festgestellt. Im Blut wird die Konzentration der Markersubstanz Kreatinin bestimmt, daraus wird die Nierenfunktion berechnet (MDRD-Formel). Im Urin wird die Eiweißkonzentration gemessen. Konsequenzen einer nicht erkannten Nierenerkrankung sind der fortschreitende Verlust der Nierenfunktion, möglicherweise bis zur Empfehlung einer Dialyse oder Transplantation, sowie Herz-Kreislauf-Komplikationen. Chronisch Nierenkranke haben ein mindestens 10-fach erhöhtes Risiko, vorzeitig an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung (Koronare Herzkrankheit, Herzversagen, Durchblutungsstörungen des Gehirns und der Arterien) zu versterben. Mehr als 80 % der Menschen, die eine Nierenersatztherapie erhalten, leben in Industrienationen. In Entwicklungsländern ist diese Behandlung weitgehend unerschwinglich. In Ländern wie Indien und Pakistan erhalten weniger als 10 % derer, die eine Behandlung benötigen, eine Nierenersatztherapie. In vielen afrikanischen Staaten wird eine Nierenersatztherapie in der Regel nicht angeboten, was bedeutet, dass viele Menschen einfach sterben. Für Entwicklungsländer wiegt die ökonomische Belastung besonders schwer, weil chronische Nierenkrankheiten dort in einem früheren Lebensalter auftreten. Im Frühstadium wird eine chronische Nierenkrankheit meist nicht erkannt, insbesondere in Entwicklungsländern. Durch Früherkennung wird jedoch eine Behandlung noch vor dem Auftreten von Komplikationen ermöglicht. Menschen mit erhöhtem Risiko sollten an Früherkennungsmaßnahmen teilnehmen, insbesondere Patienten mit Diabetes oder Bluthochdruck, Menschen mit Übergewicht, Raucher, über 50-Jährige, bei familiärer Vorbelastung mit Diabetes, Bluthochdruck oder Nierenkrankheiten. Eine Behandlung sollte bereits im Frühstadium begonnen werden. Empfohlen werden Kontrolle des Körpergewichts, regelmäßige körperliche Betätigung, Raucherentwöhnung, medikamentöse Senkung des Blutdrucks, Korrektur von erhöhtem Blutzucker, erhöhten Blutfetten und Blutarmut. Eine frühzeitige Behandlung kann den Verlust der Nierenfunktion verlangsamen und das Auftreten von Herz-Kreislauf-Komplikationen hinauszögern. Quelle: Statement zum Welt-Nieren-Tag 2007, Internationale Gesellschaft für Nephrologie, Internationaler Dachverband der Nierenstiftungen.Kidney Disease: Common, Harmful, Treatable. World Kidney Day, a joint initiative of the International Society of Nephrology (ISN) and the International Federation of Kidney Foundations (IFKF).

Aufgaben der Niere Neben der Entfernung von Stoffwechselgiften aus dem Körper hat eine gesunde Niere eine Reihe weiterer lebensnotwendiger Aufgaben. Regelung des Flüssigkeitshaushaltes durch Steuerung der Wasserausscheidung. Regelung des Elektrolythaushaltes durch Steuerung der Konzentration von Ionen wie Natrium, Kalium, Calcium und Phosphat in den Körperflüssigkeiten. Regelung des Säure-Basen-Haushaltes durch Steuerung der Säureausscheidung. Entfernung von Medikamenten und Giften aus dem Körper. Abgabe von Hormonen in das Blut, welche den Blutdruck (Renin), die Bildung roter Blutkörperchen (Erythropoetin (EPO)) und den Knochenstoffwechsel (Vitamin D3) regulieren.

Bei Menschen mit chronischer Nierenkrankheit sind eine oder mehrere dieser Funktionen der Niere gestört.

Definition und Klassifikation DefinitionChronische Nierenkrankheit ist definiert durch Abweichungen der Struktur oder Funktion der Nieren von der Norm, die länger als drei Monate bestehen und Auswirkungen auf den Gesundheitszustand haben.

Die Klassifikation der chronischen Nierenkrankheit beruht auf Ursache der Nierenschädigung, glomerulärer Filtrationsrate und Albuminausscheidung.

Eine chronische Nierenkrankheit liegt nach der Definition der KDIGO vor, wenn Abweichungen von der normalen Struktur oder Funktion der Nieren mit negativen Auswirkungen auf den Gesundheitszustand länger als 3 Monate bestehen. ; abgerufen am 17. Februar 2024.

Klassifiziert wird die chronische Nierenerkrankung durch Angabe der Grunderkrankung, der glomerulären Filtrationsrate und der Albuminausscheidung.

Grunderkrankung Zu einer chronischen Nierenkrankheit können sowohl primäre Erkrankungen der Niere führen als auch Systemerkrankungen, welche sekundäre Erkrankungen der Nieren nach sich ziehen. Beispiele für primäre Nierenkrankheiten sind die Glomerulonephritiden (Entzündungen der Nierenkörperchen) oder tubulo-interstitielle Nephritiden (Entzündungen von Nierenkanälchen und Nieren-Bindegewebe). Beispiele für sekundäre Nierenschäden und zugleich die häufigsten Nierenerkrankungen in den Industrienationen sind diabetische Nephropathie (Nierenschädigung bei Diabetes mellitus) und Nephrosklerose (Nierenschädigung bei Bluthochdruck). Auch systemische entzündliche Erkrankungen (z. B. Lupus erythematodes) oder genetische Erkrankungen (z. B. Zystennieren) können eine chronische Nierenkrankheit hervorrufen. Im Gegensatz dazu sind einfache Nierenzysten zwar strukturelle Norm-Abweichungen. Sie haben aber keine Auswirkungen auf den Gesundheitszustand und rechtfertigen daher nicht die Diagnose einer chronischen Nierenkrankheit.

Glomeruläre Filtrationsrate Die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) ist das wichtigste Maß für die Ausscheidungsfunktion der Nieren. Sie kann mit Hilfe von Näherungsformeln aus einem Blutwert, zum Beispiel aus der Kreatinin-Konzentration, berechnet werden. Kreatinin ist ein Abfallprodukt des Muskelstoffwechsels. Die Kreatinin-Konzentration kann leicht im Blut bestimmt werden. Sinkt die Ausscheidungsfunktion der Niere ab, steigt die Kreatinin-Konzentration im Blut an. Bei jungen gesunden Erwachsenen liegt die glomeruläre Filtrationsrate bei ca. 125 ml/min. Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn die glomeruläre Filtrationsrate unter 60 ml/min gesunken ist.

Albuminausscheidung Bei einer Schädigung der Blut-Harn-Schranke im Nierenkörperchen kommt es zum Übertritt von Proteinen aus dem Blut in den Urin. Albumin ist ein Plasmaprotein, welches beim Gesunden in Spuren im Urin nachgewiesen werden kann. Dazu wird die Albumin-Konzentration im Urin bestimmt und auf die gleichzeitig gemessene Kreatinin-Konzentration im Urin bezogen. Bei chronischen Nierenkrankheiten steigt die Albuminausscheidung häufig an. Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn der Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin mehr als 30 mg/g beträgt. Diese abnormal gesteigerte Albuminausscheidung wird als Albuminurie bezeichnet. Eine Albuminurie kann im Verlauf einer chronischen Nierenerkrankung der Einschränkung der glomerulären Filtrationsrate vorangehen.

CGA-Klassifizierung Die CGA-Klassifizierung der chronischen Nierenkrankheiten erfolgt nach Grunderkrankung (Causa), glomerulärer Filtrationsrate und Albuminurie. Die glomeruläre Filtrationsrate wird in sechs Kategorien (G1–5) eingeteilt, die Albuminurie in drei (A1–3).

Chronische Nierenkrankheit

Kategorien der glomerulären Filtrationsrate (GFR)

und der Albuminausscheidung

KDIGO 2012 Albuminurie Kategorien A1 A2 A3 Normal bis leicht erhöht Moderat erhöht Stark erhöht <30 mg/g 30–300 mg/g >300 mg/g GFR-Kategorien

(ml/min/1,73 m²) G1 Normal oder hoch ≥90 55,6 1,9 0,4 G2 Mild eingeschränkt 60–89 32,9 2,2 0,3 G3a Mild bis moderat eingeschränkt 45–59 3,6 0,8 0,2 G3b Moderat bis schwer eingeschränkt 30–44 1,0 0,4 0,2 G4 Schwer eingeschränkt 15–29 0,2 0,1 0,1 G5 Nierenversagen <15 0,0 0,0 0,1 ; wenn keine zusätzlichen krankheitsrelevanten Auffälligkeiten in Struktur oder Funktion der Nieren vorliegen, besteht kein Anhalt für das Vorliegen einer chronischen Nierenkrankheit

Die Ziffern in den Feldern geben den prozentualen Anteil an der erwachsenen US-Bevölkerung an, für Deutschland existieren keine vergleichbaren Zahlen.

Glomeruläre Filtrationsrate und Albuminurie sind voneinander unabhängige prognostische Parameter, d. h., mit abnehmender glomerulärer Filtrationsrate und zunehmender Albuminausscheidung steigt das Risiko, dass die chronische Nierenerkrankung einen ungünstigen Verlauf nimmt und dass Komplikationen, insbesondere im Bereich des Herz-Kreislauf-Systems, auftreten.

Ursachen von chronischem Nierenversagen Die häufigsten Ursachen eines chronischen Nierenversagens sind Diabetes und Bluthochdruck. In Deutschland wurden zwischen 1994 und 2007 durch das Projekt QuaSi-Niere (Qualitätssicherung in der Nierenersatztherapie) statistische Daten von Patienten erhoben, die mit einer chronischen Nierenersatztherapie (Dialyse bzw. Nierentransplantation) behandelt werden. Seit 1997 wurden jährlich die Ursachen erfasst, die bei diesen Patienten zum chronischen Nierenversagen geführt haben. Im Erfassungszeitraum waren dabei deutliche Verschiebungen zu beobachten.

Prozentuale Diagnosenverteilung bei Beginn einer Nierenersatz-Therapie in DeutschlandUlrich Frei, Hans-Jürgen Schober-Halstenberg: Nierenersatztherapie in Deutschland. , Jahresberichte 1995 bis 2005/2006, Berlin, Deutschland; abgerufen am 17. Februar 2024. Die Daten wurden von QuaSi-Niere gGmbH zur Verfügung gestellt. Eine Interpretation und die weiterführende Auswertung dieser Daten liegen allein in der Verantwortung des Autors. Jahr 1996 1997 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 Diabetes mellitus Typ 2 24 29 30 31 32 32 33 31 32 Nephrosklerose (Hochdruck) 14 16 16 15 17 18 20 22 23 Glomerulonephritis 16 15 14 15 14 14 14 12 13 Interstitielle Nephritis 13 11 11 10 9 9 8 8 8 unbekannte Genese 11 9 10 9 10 9 9 9 8 Zystennieren 6 6 6 6 6 5 5 5 4 Systemerkrankungen* 4 4 4 4 3 4 4 4 4 Verschiedenes 4 4 3 4 4 4 4 4 4 Diabetes mellitus Typ 1 7 6 6 5 4 4 3 3 3 angeborene Krankheiten 1 1 1 1 1 1 1 1 1 *) Unter Systemerkrankungen mit Nierenbeteiligung werden zusammengefasst: Lupusnephritis, Goodpasture-Syndrom, Monoklonale Gammopathien, Amyloidose,