Der Fichten-Reizker (Lactarius deterrimus) ist eine Pilzart aus der Familie der Täublingsverwandten (Russulaceae). Der mittelgroße Milchling hat einen mehr oder weniger orangefarbenen Hut, der im Alter oder bei Verletzung grüne Flecken bekommt. Seine orangefarbene Milch verfärbt sich innerhalb von 30 Minuten weinrot. Der Milchling ist ein Mykorrhizapilz, der streng an die Fichte gebunden ist. Die Fruchtkörper erscheinen zwischen Ende Juni und November bevorzugt in Fichtenwäldern. Der Fichten-Reizker ist in Europa weit verbreitet und zählt in Deutschland und Österreich zu den häufigsten Pilzarten.
Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts wurden alle rötlichmilchenden Reizker in einer Sammelart zusammengefasst und als Blut-Reizker bezeichnet. Darum wird häufig noch der Name Fichten-Blut-Reizker verwendet. Wie alle Vertreter der Reizker (Sektion Deliciosi) gehört auch der Fichten-Reizker zu den Speisepilzen, er schmeckt aber oft leicht bitter. Deshalb wies ihm sein Erstbeschreiber Frieder Gröger das lateinische Artattribut deterrimus zu. Der Superlativ von dēterior „minder gut“ bedeutet so viel wie „der Schlechteste, der Minderwertigste“. Gröger begründete seine Namenswahl mit dem bitteren Nachgeschmack und weil der Fichten-Reizker durch den starken Madenbefall kaum als Speisepilz zu gebrauchen sei.
Merkmale Makroskopische Merkmale mini|Während der Hut bei alten Fruchtkörpern meist trichterförmig vertieft ist, ist er bei jungen Exemplaren noch rundlich gewölbt mini|Bildausschnitt von der Hutunterseite mit den überwiegend orange gefärbten, teils querverbundenen Lamellen Der Hut ist 3 bis 10 Zentimeter, selten bis 12 Zentimeter breit und mehr oder weniger kreiselförmig rund. Er ist anfangs gewölbt und am höchstens schwach filzigen Rand eingerollt, doch schon bald in der Mitte niedergedrückt und später flach trichterförmig vertieft. Die Huthaut ist kahl, bei feuchter Witterung schmierig und selbst trocken noch leicht glänzend. Der Hut ist orangerot bis orangebräunlich gefärbt, zum Rand hin bisweilen dunkler gezont und verblasst vorwiegend gelblichbraun. Im Alter oder nach Kälte und Frost verfärbt er sich mehr oder weniger schmutzig grünlich oder grünfleckig.
Die dicht stehenden, bogigen Lamellen sind blassorange bis blassocker gefärbt und am Stiel angewachsen oder laufen ein wenig daran herab. Sie sind brüchig und sowohl mit kürzeren Zwischenlamellen untermischt als auch in Stielnähe teilweise gegabelt. Im Alter oder bei Verletzung bekommen sie zunächst dunkelrote, dann graugrüne Flecken. Das Sporenpulver ist blass ocker.
Der meist langzylindrische Stiel ist orange-fleischrötlich gefärbt. Er ist 4 bis 8 (selten 10) Zentimeter lang, 1 bis 1,5 Zentimeter breit und kaum grubig oder fleckig. An der Basis ist er oft etwas verdickt oder aufgeblasen und wird schon bald innen hohl. Am Lamellenansatz befindet sich meist eine weißlich bereifte ringförmige Zone.
Die Milch ist zuerst karottenrot und wird innerhalb von 10 bis 30 Minuten weinrot. Das meist außerordentlich madige Fleisch ist brüchig und blass gelblich gefärbt. Im Anschnitt oder an Bruchstellen verfärbt es sich wie die Milch erst karottenrot, dann weinrot und innerhalb von Stunden schmutzig grün. Der Fruchtkörper riecht herb obstartig und schmeckt erst mild, dann aber leicht harzig bitter und fast scharf oder etwas zusammenziehend.
Mikroskopische Merkmale Die rundlichen bis breit elliptischen Sporen sind 7,5–10 µm lang und 6–7,6 µm breit. Das Ornament wird bis zu 0,5 µm hoch und besteht vor allem aus Warzen und kurzen, ziemlich breiten Graten, die über einige feinere Linien miteinander zu einem sehr unvollständigen Netz verbunden sind. Der Hilarfleck, eine deutlich begrenzte Zone über dem Apiculus, ist nur schwach amyloid. Die 4-sporigen Basidien messen 45–60 × 9,5–12 µm. Sie sind mehr oder weniger zylindrisch bis fast keulig und enthalten oft ein Öltröpfchen oder haben einen granulären Inhalt. Die Sterigmen sind 4,5–5,5 µm lang. Die dünnwandigen Pleuromakrozystiden sind spärlich, aber in der Nähe der Lamellenschneide teilweise häufig vorhanden. Sie stehen etwas hervor und sind 45–65 µm lang und 5–8 µm breit. Nur in der Nähe der Lamellenschneide sind sie manchmal kleiner. Sie sind fast spindelförmig und an der Spitze oft verengt oder perlschnurartig eingeschnürt. Der Inhalt ist oft fein körnig. Pseudozystiden kommen reichlich vor. Sie sind 4–6 µm breit und stehen manchmal etwas hervor, sind aber oft kürzer als die Basidiolen. Als Basidiolen werden Basidien bezeichnet, die sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden. Die Basidiolen sind zylindrisch bis gewunden und haben ähnlich wie Safthyphen (Laticiferen) einen ockergelben Inhalt. In der Nähe der Spitze sind sie aber fast durchscheinend. Die Lamellenschneide ist meist steril und trägt nur wenige bis ziemlich viele Cheilomakrozystiden. Die dünnwandigen Cheiloleptozystiden sind 15–25 µm lang und 5–10 µm breit. Sie sind fast keulig oder unregelmäßig geformt und durchscheinend. In ihrem Inneren ist oft ein feinkörniger Inhalt erkennbar. Die ebenfalls dünnwandigen Cheilomakrozystiden sind 25–50 µm lang und 6–8 µm breit. Sie sind leicht spindelförmig und haben oft eine perlschnurartig geformte Spitze, ihr Inhalt ist hyalin oder granulär. Safthyphen sind reichlich vorhanden und auffällig, ihr Inhalt ist ockergelb. Die Huthaut ist eine Ixocutis. Bei diesem Huthauttyp sind die Hyphen der Hutdeckschicht in eine gallertartige Matrix eingebunden, die bei Feuchtigkeit stark schleimig aufquellen kann.
Artabgrenzung
Der ebenfalls recht häufige Edel-Reizker sieht sehr ähnlich aus. Der Fichten-Reizker unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch, dass sich sein Fleisch aufgrund der Verfärbung der Milch innerhalb von 10 Minuten rötlich und in etwa 30 Minuten dunkel weinrot verfärbt. Beim Edelreizker bleibt die Milch orangefarben oder verfärbt sich innerhalb von 30 Minuten rötlich. Außerdem schmeckt die Milch beim Edelreizker mild und beim Fichten-Reizker deutlich bitter. Der Hut verfärbt sich beim Fichten-Reizker im Alter oder bei Verletzung deutlich grünlich und er kommt ausschließlich unter Fichten vor, während man den Edel-Reizker unter Kiefern findet. Noch ähnlicher ist der recht seltene Spangrüne Kiefern-Reizker. Seine beim Austreten ebenfalls orangefarbene Milch verfärbt sich innerhalb von 5 bis 8 Minuten weinrot. Sein Hut ist bei älteren Fruchtkörpern fast komplett grünlich verfärbt. Auch er ist ein Kiefernbegleiter. Am ähnlichsten und auch am nächsten verwandt ist der Skandinavische Fichten-Reizker, eine boreale bis subalpine Art, die in Deutschland so gut wie nicht vorkommt. Sein Hut ist deutlich gezont und braunorange gefärbt. Manchmal hat der Hut auch lilagraue Töne. Der Stiel ist blass bis stumpf orangeocker.
Verbreitung mini|300px|Verbreitung des Fichten-Reizkers in Europa. Grün eingefärbt sind Länder, in denen der Milchling nachgewiesen wurde. Grau dargestellt sind Länder ohne Quellen oder Länder, die außerhalb von Europa liegen. Der Fichten-Reizker ist eine vorwiegend europäische Art, die auch in Teilen Asiens (Türkei, Pakistan) vorkommt. Neuere molekularbiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die nordamerikanischen Sippen aus den USA und Mexiko mit dem europäischen Fichten-Reizker nicht näher verwandt sind. In Europa ist der Fichten-Reizker besonders in Nord-, Nordost- und Mitteleuropa weit verbreitet und häufig. Im Süden und Westen findet man ihn bevorzugt im Bergland. Im Osten erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet bis nach Russland.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist er einer der häufigsten Milchlinge, der fast überall vorkommt, wo auch sein Wirt, die Fichte, zu finden ist.
Ökologie mini|Der Fichten-Reizker (L. deterrimus) ist ein Mykorrhizapilz, der ausschließlich mit Fichten in Symbiose lebt. Der Fichten-Reizker ist ein strenger Mykorrhizapilz der Fichte. Man findet die Art daher in Fichten-Tannen- und Fichten- und Fichten-Moorwäldern und in Fichtenforsten und Pflanzungen. Zusammen mit Fichten findet man ihn auch in diversen Buchen- und Hainbuchen-Eichenwäldern, aber auch in Waldrandgesellschaften, auf Lichtungen und in Kahlschlag-Fluren und selbst auf Wacholderheiden und in Parkanlagen. Es gibt kaum ein Biotop, in dem zwar die Fichte vorkommt, der Fichtenreizker aber fehlt. Besonders häufig findet man den Pilz in 10- bis 20-jährigen Fichtenjungbeständen, wo er an Waldwegrändern zuweilen als Massenpilz auftreten kann.
Obwohl der Milchling möglicherweise kalkreiche Böden bevorzugt, kommt er auf nahezu allen Böden vor. Man findet ihn auf Sand, Torf, Kalkgesteinsböden, Ranker und Braunerden. Er erträgt saure wie basische und nährstoffarme bis relativ nährstoffreiche Böden. Erst bei stark eutrophen Böden bleibt er aus.
Die Fruchtkörper erscheinen von Ende Juni bis November, hauptsächlich aber von August bis Oktober, überständige Exemplare werden in Frosttagen bis Anfang Februar gefunden. Der Milchling bevorzugt das Hügel- und Bergland, kommt aber auch im Flachland vor.
Fruchtkörper als Futterquelle für Insekten Viele Pilze können als Futterquelle für Insektenlarven dienen, wobei die meisten Insekten nur gelegentlich Pilze fressen. Dennoch gibt es eine ganze Reihe von Insektenarten, die sich auf Pilze als Nahrungsquelle spezialisiert haben. Solche Tiere bezeichnet man als mycetophag. Besonders häufig fressen die Larven von Käfern, insbesondere Kurzflügler (Staphilinidae), und Zweiflüglern (Dipteren) an Pilzen. Milchlinge sind besonders für verschiedene Zweiflügler attraktiv, während man Käferlarven vergleichsweise selten auf ihnen findet. Am häufigsten findet man in Milchlingen Pilzmücken- (Mycetophilidae) und Buckelfliegenlarven (Phoridae). Die Larven dieser Mücken besiedeln schon ganz junge Fruchtkörper. Ebenfalls recht häufig kann man an reiferen oder überständigen Fruchtkörpern Taufliegen (Drosophilidae) und Schmetterlingsmücken (Psychodidae) finden. Schmetterlingsmücken heißen sie, weil der ganze Körper der adulten Tiere dicht mit Haaren bedeckt ist, sodass die Dipteren wie kleine Motten oder Schmetterlinge aussehen. Schmetterlingsmücken lieben feuchte Lebensräume und ernähren sich von einer breiten Palette von sich zersetzenden organischen Stoffen und Detritus. Ein paar wenige Schmetterlingsfliegenarten haben sich aber auf Pilze als Nahrungsquelle spezialisiert. Unter den Milchlingen werden die Vertreter der Sektion Deliciosi besonders häufig von Zweiflüglerlarven befallen.
Folgende Arten wurden aus Fruchtkörpern des Fichten-Reizker isoliert, wobei die Liste mit Sicherheit nur einen Bruchteil der Arten aufführt: Ula sylvatica (Pediciidae): Diese sehr häufige Stelzfliege wurde aus mehr als 70 verschiedenen Pilzarten isoliert, die zu ganz unterschiedlichen Gattungen und Familien gehören. Ihre Larven verbringen eine ungewöhnlich lange Entwicklungszeit im Fruchtkörper, in der Regel 3 oder 4 Wochen. Mycetophila blanda (Mycetophilidae): Die Pilzmücke entwickelt sich vorwiegend in Milchlingen der Sektion Deliciosi. Mycetophila estonica (Mycetophilidae): Eine seltene, erst 1992 beschriebene Art, die mit Mycetophila blanda nahe verwandt ist und ebenfalls vorwiegend auf Milchlingen vorkommt. Mycetophila evanida (Mycetophilidae): Wurde unter anderen auf dem Orangefuchsigen Milchling und dem Gelbfleckenden Täubling nachgewiesen. Culicoides scoticus (Ceratopogonidae): Es ist eine der häufigsten Bartmücken, die man in Pilzen finden kann. Die Art wurde in über 20 verschiedenen Pilzarten nachgewiesen. Mydaea corni: Die Art gehört zur Familie der Echten Fliegen (Muscidae) und wurde bisher nur in Milchlings- und Täublingsarten nachgewiesen. Außerdem wurden verschiedene Taufliegen im Fichten-Reizker nachgewiesen: Drosophila funebris, Drosophila phalerata, Drosophila transversa und Drosophila testacea.