mini|Oliver Vitouch (2023) Oliver Vitouch (* 4. April 1971 in Wien) ist ein österreichischer Psychologe und Kognitionswissenschaftler. Von 2012 bis 2024 war er Rektor der Universität Klagenfurt und von 2016 bis 2024 alternierend Präsident und Vizepräsident der Österreichischen Universitätenkonferenz.

Leben Nach der Matura am Akademischen Gymnasium studierte Vitouch am Konservatorium der Stadt Wien Musik (Klarinette und Klavier). Er studierte an der Universität Wien Psychologie (mit Schwerpunkt Humanbiologie und Kognitive Neurowissenschaften), diplomierte 1995 und wurde 1999 zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert. Seit 1995 war er Assistent an der Universität Wien, von 2000 bis 2002 Research Scientist bei Gerd Gigerenzer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (Center for Adaptive Behavior and Cognition, ABC). Er lehrte an der FU Berlin und der Universität St. Gallen. Nach seiner Habilitation für das Gesamtfach Psychologie wurde er 2002 außerordentlicher Universitätsprofessor in Wien. Anfang 2003 folgte er 31-jährig dem Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Klagenfurt.

Oliver Vitouch ist der Sohn von Peter Vitouch und Elisabeth Vitouch. Er ist mit der österreichischen Professorin Judith Glück verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

Wirken

Von 2005 bis 2006 war er Vorstand des Klagenfurter Instituts für Psychologie, von 2006 bis 2012 Vorsitzender des Senats (Senate I bis IV nach UG 2002). Zugleich hatte er seit 2004 leitende Funktionen in der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie inne, deren Präsident er von 2008 bis 2010 war. Dabei trug er wesentlich zur Durchsetzung und weiteren Gestaltung von Zugangsregelungen (§ 124b, nunmehr , UG) infolge des EuGH-UrteilsUrteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 7. Juli 2005 über den offenen Zugang auch für deutsche Studierende bei. Im Mai 2012 wurde er zum Vizerektor für Internationale Beziehungen und Lehre bestellt (Interimsrektorat nach Abberufung Heinrich C. Mayrs); seit 29. Oktober 2012 amtierte er als Rektor der Universität Klagenfurt.

Im Mai 2015 wurde er von Senat und Universitätsrat für die Funktionsperiode 2016 bis 2020 und im Mai 2019 für die Funktionsperiode 2020 bis 2024 als Rektor wiederbestellt.Nachricht der Universität zur Wiederwahl vom 18. Mai 2015Oliver Vitouch erneut zum Rektor der Uni Klagenfurt gewählt. Artikel vom 20. Mai 2019, abgerufen am 20. Mai 2019. Von Jänner 2015 bis Mai 2016 war Vitouch Präsident der Alps-Adriatic Rectors’ Conference (AARC), einer 1979 in Graz begründeten Rektorenkonferenz mit aktuell 49 Mitgliedsuniversitäten aus Österreich, Süddeutschland, Ungarn, Oberitalien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Albanien.Mitglieder der Alps-Adriatic Rectors’ Conference (AARC) Seit Jänner 2016 war er Vizepräsident, seit Juni 2016 (nach dem Wechsel Sonja Hammerschmids in die Bundesregierung mit 18. Mai und durch Wahl am 6. Juni) Präsident und seit Jänner 2018 wieder Vizepräsident der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko).Die Presse, Bernadette Bayrhammer, 7. Juni 2016Der Standard, Lisa Nimmervoll, 7. Juni 2016 (Kopf des Tages)Eva Blimlinger ist neue Rektorenchefin. Artikel vom 11. Dezember 2017, abgerufen am 11. Dezember 2017.Abschiedsinterview als Präsident der Universitätenkonferenz. Artikel vom 6. Dezember 2017, abgerufen am 11. Dezember 2017. Im zweiten Halbjahr 2019 fungierte er, durch den Rücktritt Eva Blimlingers aufgrund ihrer Nationalratskandidatur, als geschäftsführender Präsident.Neue Vorsitzende für ÖH und Universitätenkonferenz. Artikel vom 24. Juni 2019, abgerufen am 24. Juni 2019.uniko-Vorsitz: Vitouch folgt auf Blimlinger. APA-OTS vom 1. Juli 2019, abgerufen am 2. Juli 2019. Seine Nachfolgerin als uniko-Präsidentin seit Jänner 2020 war Sabine Seidler. Seit Oktober 2023 nahm Vitouch wieder die Aufgabe des geschäftsführenden Präsidenten wahr, im Dezember wurde er einstimmig zum uniko-Präsidenten für die Jahre 2024 und 2025 gewählt.

Unter Vitouchs Präsidentschaft kam es zur Umsetzung einer lange gehegten Forderung der Universitätenkonferenz, als der Nationalrat am 28. Juni 2017 mit den Stimmen von SPÖ, Grünen, FPÖ und NEOS im Vorgriff auf ein kommendes Konzept der Studienplatzfinanzierung eine Erhöhung des Universitätsbudgets von € 1,35 Mrd. (+ 14 %) für den Zeitraum 2019–2021 beschloss.Der Standard, 6. Juni 2017Der Standard, 9. Juni 2017Der Standard, 28. Juni 2017 Zudem fielen in seine Amtszeit gleich zwei Regierungsprogramme mit ausführlichen Universitäts- und Wissenschaftsteilen: Das aktualisierte Programm der Koalitionsregierung Kern/Mitterlehner im Jänner 2017 und das Programm der Koalitionsregierung Kurz/Strache im Dezember 2017.Arbeitsprogramm der Österreichischen Bundesregierung 2017/2018, Jänner 2017 Das Modell der Universitätsfinanzierung-neu (Studienplatzfinanzierung) wurde schließlich im Februar 2018 vom Nationalrat verabschiedet. Ein drittes für Wissenschaft und Forschung einschlägiges Regierungsprogramm, das der Koalition Kurz/Kogler, wurde unmittelbar nach seiner geschäftsführenden Zuständigkeit, am 2. Jänner 2020, präsentiert. Als Vizepräsident war er anschließend daran beteiligt, dass die Studienplatzfinanzierung trotz der COVID-19-Budgetkrise weitergeführt werden konnte, mit einer im Oktober 2020 festgelegten Erhöhung des Universitätsbudgets 2022–2024 von rund € 1,3 Mrd. (+ 12 %). Ab Mitte 2022 erwies sich allerdings die Teuerungskrise als neues Problem für den Haushalt der öffentlichen Universitäten. Dies führte letztlich zu einem mehrstufigen Teuerungsausgleich für die Budgetjahre 2023 und 2024, mit nominell neuem Ausgangswert von € 13,6 Mrd. für 2022–2024. Daran schließt sich, wie am 18. Oktober 2023 in der Budgetrede von Finanzminister Magnus Brunner dargelegt, ein Universitätsbudget für 2025–2027 von in Anbetracht der Teuerung insgesamt € 16 Mrd. (+ 18 %) an.

Am 9. Juni 2016 stürmte eine Gruppe Identitärer eine Ringvorlesung zum Thema Inklusion an der Universität Klagenfurt. Beim Versuch, deren Anführer bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, erlitt Vitouch einen Faustschlag in den Bauch.Die Presse, 24. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018.Der Standard, 25. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018. Im Juli 2018 wurde die Gruppe vom Straflandesgericht Graz von der Anklage der Verhetzung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zweifel freigesprochen. Der Generalsekretär des Justizministeriums, Christian Pilnacek, sprach von einer „Entscheidung an der Grenze“.ORF, 26. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018.Kurier, 26. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018. Für den Faustschlag erfolgte im Juli 2019 eine seit Jänner 2020 rechtskräftige Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung, da Vitouch im Sinne des Strafgesetzbuchs als Beamter handelte (§ 74 Abs 1 Z 4 StGB).Der Standard, 13. Juli 2019, abgerufen am 14. Juli 2019.

Das Manager Magazin und Die Zeit berichteten im Jänner 2020 parallel zu Fällen an der ETH Zürich und in der Max-Planck-Gesellschaft über die fristlose Entlassung einer Geographie-Professorin durch Vitouch als Rektor. Auch ein Haus- und Betretungsverbot wurde der ehemaligen Professorin auferlegt. Seit 2018 war ein arbeitsgerichtlicher Prozess dazu anhängig. Im Mai 2022 urteilte das Landesgericht Klagenfurt, dass die Entlassung rechtens war. Dies wurde durch ein Berufungsurteil des Oberlandesgerichts Graz im März 2023 bestätigt und durch die Zurückweisung der außerordentlichen Revision durch den OGH im Juni 2023 rechtskräftig.

Als Vizepräsident der Universitätenkonferenz war Vitouch maßgeblich am Entstehen der Initiative Universities for Enlightenment (U4E) beteiligt, die von den Rektorenkonferenzen Deutschlands, Italiens, Kroatiens, Österreichs, Polens, der Schweiz, Serbiens, der Slowakei, Sloweniens und Tschechiens getragen wird.Universities for Enlightenment, abgerufen am 26. Mai 2019. Auslöser waren die Vertreibung der Central European University durch die ungarische Regierung, der „regierungstreue“ Umbau ungarischer Universitäten und die Konflikte zwischen Staatsführung und Universitäten in Polen und Tschechien. Die zehn Rektorenkonferenzen unterzeichneten im Dezember 2018 die „Wiener Erklärung“.Wiener Erklärung, abgerufen am 26. Mai 2019.Wiener Zeitung, Werner Reisinger, 13. Dezember 2018, abgerufen am 26. Mai 2019.

Von November 2017 bis Jänner 2020 schrieb Vitouch alle 14 Tage die Kolumne Außensicht in der Kleinen Zeitung, einem österreichischen Regionalmedium (Steiermark, Kärnten und Osttirol) mit über 800.000 Lesern. Seine vorrangigen Themenbereiche waren Bildung, Wissenschaft und Aufklärung. Zuvor war er seit 1996 gelegentlich Gastautor des Standard (Kommentar der anderen).

Anfang November 2021 verhängte Vitouch im Zuge der COVID-Krise die 2G-Regel für die Universität Klagenfurt und schloss damit Ungeimpfte von der Teilnahme an Präsenzveranstaltungen aus.

Im Jänner 2022 kandidierte Vitouch als Rektor der Universität Wien für die Funktionsperiode ab 1. Oktober 2022. Das Verfahren wurde vom Executive Search-Unternehmen Egon Zehnder begleitet. In der Folge wurde er in die (alphabetisch gereihten) einstimmigen Dreiervorschläge der Findungskommission und, nach universitätsöffentlichen Hearings Mitte März, des Senats der Universität aufgenommen. In der Wahlsitzung am 30. April 2022 entschied sich der Universitätsrat überraschend für den Kunsthistoriker und Dekan Sebastian Schütze.

Im Zuge der Klagenfurter Rektorswahl für die vierjährige Funktionsperiode ab 29. Oktober 2024 wurde Vitouch einstimmig in den ungereihten Dreiervorschlag des Senats aufgenommen. Am 6. Februar 2024 wählte der Universitätsrat die Mitbewerberin Ada Pellert zu seiner Nachfolgerin, sodass seine Amtszeit nach zwölf Jahren am 28. Oktober 2024 auslief. Im Zuge dessen erschienen mehrere Abschiedsinterviews.

Aufgrund einer Klage Vitouchs nach § 6 des Österreichischen Mediengesetzes wurde der sogenannte „Plagiatsjäger“ Stefan Weber im Februar 2025 in zweiter strafrechtlicher Instanz vom Oberlandesgericht Linz rechtskräftig wegen übler Nachrede verurteilt. Dem lagen diffamierende Vorwürfe in Webers Blog vom Januar 2024 bezüglich zweier Entlassungen von Professorinnen in den Jahren 2015 und 2017 zugrunde. „Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Weber den damaligen Rektor der Universität Klagenfurt im Jänner 2024 mit falschen Vorwürfen diffamiert hat.“

Im November und Dezember 2025 war Vitouch Visiting Researcher an der Universität Cambridge. Im Juni 2026 war er für die deutsche Hochschulrektorenkonferenz als Peer im HRK-Audit „Internationalisierung der Hochschulen“ an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg tätig. Für die Funktionsperiode von Juli 2026 bis Juni 2031 wurde er von der österreichischen Bundesregierung ins Board of Trustees des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) berufen.

Vitouchs wissenschaftliche Arbeiten liegen in den Bereichen Allgemeine Psychologie, Kognitionspsychologie, Forschungsmethodik, Wissenschaftstheorie, Evolutionäre Psychologie und Kognitive Neurowissenschaften, thematisch vor allem in der Entscheidungstheorie und der Musikpsychologie. Sie sind durch einen interdisziplinären und multimethodischen Zugang gekennzeichnet. Seine Erdős-Zahl ist 5. Bis zum Eintritt ins Rektorat (2012) war Vitouch als Gutachter für rund 40 Fachzeitschriften, Förderprogramme und Verlage tätig. Einladungen zu Gastvorträgen führten ihn unter anderem nach Amsterdam, Berlin, Bochum, Cambridge, Lausanne, Leipzig, Ljubljana, Mannheim, Salzburg, Warschau, Wien und Zürich.Vitouch als Reviewer auf der Homepage der Universität Klagenfurt (PDF; 0,9 MB), gesehen am 26. Juli 2026.

Auszeichnungen

2002: Förderungspreis der Stadt Wien für Wissenschaft 2003: 2. Preis bei der „Prämiierung Innovativer Lehre“ der Universität Klagenfurt 2004: 1. Preis bei der „Prämiierung Innovativer Lehre“ der Universität Klagenfurt 2005: Kardinal-Innitzer-Förderungspreis für Geisteswissenschaften 2020: Großes Goldenes Ehrenzeichen des Landes Kärnten